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Erst Rosenmontags-Flirt – dann Hochzeit in München

Horst wurde 1938 geboren, ist in Iserlohn aufgewachsen und machte seinen Schulabschluss und seine Ausbildung zum Kfz-Schlosser in Düsseldorf. Beim Karneval lernte er seine spätere Frau Monika kennen. Als sie nach München umzog, war das schmerzlich für ihn. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um mit ihr in Kontakt zu bleiben. Er studierte in München, um endgültig bei ihr zu bleiben.

Nach 15 Jahren in Düsseldorf zog es ihn dann für 30 Jahre ins südliche Niedersachsen, mit dem Vorruhestand verschlug es ihn nach München und er lebt seit 2010 wieder in Düsseldorf.


Symbolbild: Düsseldorf, Rosenmontag, 1955

Quelle: Stadtarchiv Düsseldorf


Realschulabschluss in Düsseldorf

Kamelle in Düsseldorf, darauf mussten wir 1955 noch warten, denn erst im April zogen wir, meine Mutter, mein Bruder und ich, von Iserlohn nach Düsseldorf. Meine Mutter war Düsseldorferin und wollte immer wieder zurück.

Wir wohnten zur Miete in der vierten Etage unter dem Dach im gerade hergestellten Neubau in der Schillerstraße. Mein Bruder und ich teilten uns ein Zimmer. Ein Jahr musste ich noch die Realschule in der Franklinstraße besuchen, die ich mit meinem Stricker-Fahrrad über die Franklin-Brücke schnell erreichte.

Zur Einschulung begleitete mich meine Mutter, obwohl ich schon 17 war! Der Rektor stellte mich der Klasse vor, und mein zukünftiger Klassenlehrer zeigte mir meinen Platz in der dritten Reihe am Mittelgang links.

Als ich am nächsten Morgen pünktlich den Klassenraum betrat, lag auf meinem Platz eine Aktentasche. „Wem gehört diese?“, fragte ich. Als sich niemand meldete, schmiss ich sie kurzerhand aus dem offenen Fenster. Sie klatschte auf das Pflaster im Schulhof. Dem Klassenlehrer hat niemand jemals etwas darüber erzählt. Ich hatte mir mit einem Schlag den nötigen Respekt verschafft.

An den Realschulabschluss 1956 schloss sich eine dreijährige Kfz-Schlosserlehre bei Mercedes-Benz in der Münsterstraße an.


Symbolfoto: privat, Barbara H.


Unser Ausbilder hatte mich zum Sprecher aufgestellt, und ich wurde gewählt. Ich bekam die kniffligsten Reparaturarbeiten und lernte Berühmtheiten wie die Schauspieler Marianne Koch und Horst Buchholz kennen. Deren Fahrzeuge wurden mir anvertraut, das war eine Ehre für mich. Auch dass ich die elektrische Eisenbahn unseres Niederlassungsleiters Bornkessel zu Weihnachten aufbauen durfte, war ein besonderer Vertrauensbeweis.


Meine Rosenmontags-Bekanntschaft

Nun aber zur Kamelle in Düsseldorf. Eine Vorentscheidung zu meinem späteren Lebenslauf fiel am 4. März 1957. Es war Rosenmontag. Mein Freund Paul und ich wollten uns den Rosenmontagszug anschauen. Wir fuhren auf seinem Motorroller NSU Lambretta durch den Hofgarten. Dort fielen mir drei Mädels in Begleitung von einem jungen Mann auf, gut gelaunt in Richtung Kö gehend. Ich zu Paul: „Schau dir das an, da sind zwei Mädchen zu viel, zwei Mädchen ohne männliche Begleitung!“

Wir parkten die Lambretta im Hofgarten und folgten dann schnell in gebührenden Abstand der Gruppe. In der Friedrichstraße Hausnummer 13/15 verschwanden alle vier in dem Kinopalast ALHAMBRA. Peng, Tür zu!

Das Kino hatte zwei Eingänge. Wir konnten von weitem aber nicht genau sehen, durch welchen Eingang sie das Kino betraten. Wir rüttelten an den Türen, sie waren jedoch inzwischen verschlossen.

„Was nun“, dachten wir, als wir vor dem Kino standen, ließen uns aber nicht entmutigen und sahen eine größere Gesellschaft im Foyer feiern. Der Standort vor dem Kino erwies sich als optimal, denn der Rosenmontagszug sollte wenig später diesen Ort passieren. Just, als sich der Zug näherte – „de Zoch kütt“ – sprangen zwei Mädels von diesen dreien aus dem Kino. Eine stellte sich direkt vor mich. Sie trug einen Kapuzenmantel, die Kapuze hing leger auf dem Rücken.

Kamellen flogen wie üblich reichlich. Alle, die ich auffing und aufsammelte, und das waren viele, legte ich schwupp in ihre Kapuze. Der Kontakt war also hergestellt.

Als sich das Ende des Zugs näherte, ging es weiter auf die Kö, irgendwo an der Ecke Steinstraße sollte weiter gefeiert werden. Sie stieg die Treppen bis in den ersten Stock hoch, öffnete die Tür und betrat die Wohnung. Ich hinterher wie im Schlepptau von ihr. Weiter ging es zur Nordstraße in eine Wohnung über dem Blumengeschäft „Mehrholz“. Wir kamen ins Gespräch. Sie war 17 Jahre alt und Lehrling als Grafikerin in der Rosenstraße.

Gegen Mitternacht war allgemeine Aufbruchstimmung. In der Wohnung wohnte ein Schwede, sein Buckel-Volvo parkte vor der Haustür. Er bot an, uns alle nach Hause zu fahren. Zuerst chauffierte er Paul nach Lohausen, dann Monika, so hieß meine neue „Flamme“, nach Kaiserswerth. Welche glückliche Fügung, dachte ich, denn nun kannte ich Monikas Adresse. Dann brachte er mich nach Hause in die Schillerstraße. Der Schwede fuhr mit einem atemberaubenden Tempo. Angst hatte ich keine, denn er fuhr sicher.

In den darauf folgenden Tagen wollte ich natürlich meine „Flamme“ wiedersehen. Paul hatte mir seine „Lambretta“ geliehen. Er war immer viel unterwegs, denn er montierte weltweit Anlagen der Firma Schloemann. Ich also auf nach Kaiserswerth. Auf der „Alte Landstraße“ kam mir Monika überraschend entgegen, wir hatten uns gar nicht verabredet. Vor lauter Schreck verbremste ich mich. Wir lachten beide, der Anfang einer Freundschaft war gemacht.

Es begann eine wunderschöne Zeit. Wir trafen uns oft: Spaziergänge, Besuche der Milchbar, Ausfahrten – meine Mutter hatte einen Käfer-Cabrio – Schmusen auf einer verschwiegenen Bank am Barbarossa-Gemäuer.

Umzug meiner Flamme nach München. Was nun?

Der Vater von Monika bekam noch in 1957 ein berufliches Angebot von einem Hersteller von Fruchtsäften aus München, das er nicht ablehnen konnte. Die Familie einschließlich Monika zog um nach München.

Dass Monika Düsseldorf mit der Familie verlassen musste, war natürlich schmerzlich für mich, aber kein Hindernis. Ich habe sie ab und zu an den Wochenenden in München besucht. Hinfahrt mit dem Nachtzug war Freitag, zurück ging es am Sonntag, denn in der Woche war ich in meinem Lehrbetrieb gefragt. Ich erinnere mich noch gut an ihre neue Adresse im südlichen München im Stadtteil Solln.

Die Ausbildung habe ich 1959 mit „sehr gut“ abgeschlossen, worauf ich sehr stolz war. Ich gehörte zu den Besten. Einen Zirkelkasten gab es zur Belohnung von Mercedes.

Aber dann der Schreck. Ich wurde gemustert, 18 Monate zur Bundeswehr drohten. Weil ich die „1“ (tauglich) nicht bekam, ich hatte bereits Zahnplomben und bei ganz dunklen Farben eine gewisse Farbschwäche, erhielt ich nur die „2“ als Tauglichkeitsgrad und sollte zu den Panzern nach Kempten im Allgäu. Nein, zur Infanterie – kämpfen auf dem Boden –, das ging gar nicht für mich. Ich wollte als Kampfflieger in die Luft. Vielleicht trug zu dem Wunsch bei, dass mein Vater laut meiner Mutter so begeistert von den Marinefliegern erzählt hatte.

Also wurde Einspruch eingelegt. Mein Ziel war die Herunterstufung, also nur als „bedingt“ tauglich eingestuft zu werden. Zur Unterstützung habe ich familiären ärztlichen Rat eingeholt. Denn über meine Mutter waren wir mit einer Familie verwandt, zu der auch ein praktizierender Arzt gehörte. Der schrieb mich krank und stellte ein Attest aus. Der Einspruch war mein erster Brief im juristischen Sinne mit meines Bruders Formulierungen. Ergebnis war: Nachuntersuchung! Aber nicht ohne vor dem Oberlandesgericht angetreten zu sein. Ausgequetscht haben mich die Richter. Arzt-Attest und genaue Schilderung meiner Lebensführung waren für sie interessant. Aber ich hatte es geschafft. Tauglichkeitsgrad „vier“ (vorübergehend nicht wehr-/dienstfähig) erhielt ich, jetzt nicht zum Bund hieß dies.

Sofort lief ich in die nächste Telefonzelle und rief Monika an: „Ich komme!“

Damit endete meine Zeit in Düsseldorf. Meine Lehre war inzwischen abgeschlossen.


Mein One Way Ticket nach München

Meine beiden Koffer waren schnell gepackt. Es war Freitag, der 1. Mai 1959. Ich machte mich auf zur Reise nach München, die an der Straßenbahnhaltestelle der Linie 8 am Schillerplatz begann. Mein Bruder kam mir hinterhergerannt, traf mich an der Haltestelle und rief „Du machst das wirklich wahr?“ – „Wie du siehst, ja“, war meine Antwort. Am Bahnhof kaufte ich mir eine Fahrkarte „Einfach ohne Rückfahrt“ – das erste One-Way-Ticket meines Lebens.


Ein Studium des Fahrzeugbaus reizte mich. Erstens war es für mich als KfZ-Mechaniker die perfekte Weiterbildung. Zweitens gab es damals in Deutschland nur zwei Standorte für diese Fachrichtung und zwar München und Überlingen. Und hier lag für mich natürlich München als Studienort nahe, Monikas neue Heimat.

Aber wie denn in München, als Preuße in Bayern, studieren? Unmöglich! Ganz so leicht wie erwartet, gestaltete sich der Studienstart in München dann also doch nicht. Denn Voraussetzung für die Zulassung war, dass man aus Bayern kam.

Was nun? Das Semester sollte doch demnächst im Oktober beginnen! Aber der Vater von Monika und mein zukünftiger Schwiegervater, ließ seine Beziehungen spielen. Er kannte einen Hauptabteilungsleiter am Oskar-von-Miller-Polytechnikum, später Fachhochschule München. Zur Auflage wurden mir Praktika in München gemacht. Ich absolvierte ein halbjähriges Praktikum in einer Gießerei und anschließend in einer Schreinerei. Zu dem Besitzer der Gießerei, einem Grafen, Monikas Vater Kontakte, und dieser wiederum zu der Modellschreinerei.

Ja, ja, Vitamin B! So konnte ich am 1.Oktober 1959 mein Studium in München beginnen.


Monika besorgte für mich ein möbliertes Zimmer in der Lindwurmstraße, später wechselte ich in die Kapuzinerstraße.

Meine Mutter wollte mir mein monatliches Halbwaisengeld nicht auszahlen! Aber ich wurde nächsten Monat 21 Jahre alt und damit volljährig und schrieb das zuständige Amt an. Fortan erhielt ich die Halbwaisenrente direkt auf mein Münchner Bankkonto überwiesen.


Das Studium beendete ich 1962 mit dem Abschluss Diplom-Ingenieur. Geheiratet habe ich Monika am 30. Mai 1962 in München, als ich noch Student war.


„Wovon willst du das denn alles bezahlen?“, äußerte sich besorgt mein zukünftiger Schwiegervater, als er von meinem Heiratsantrag erfuhr. Ich konnte ihn beruhigen, denn das Studium war kurz vor dem Abschluss und mein Berufseinstieg gesichert, da ich schon einen Anstellungsvertrag von BMW in der Tasche hatte. Zudem verblieb keine Zeit mehr, um zu warten, denn unser Sohn Thomas war bereits auf dem Weg. Er wurde im November 1962 geboren, war also bei seiner Geburt ein „Sechsmonatskind“. Gewohnt haben wir zusammen in der Breslauer Straße in München.

Auszug aus „Ich hatte alles! – Meine One-Way-Ticket“ erzählt von Horst G., geschrieben 2021 von Reinhard R.


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