Weihnachten mit 15 Kindern feiern

Das Besondere an Käthe war, dass sie aus einer wirklich großen Familie stammte: 14 Geschwister hatte sie und sie war an sechster Stelle geboren worden. Das hieß, sie musste sich um vieles kümmern...


Eine Musterfamilie

Meine Eltern, beide 1904 geboren, heirateten 1925. Vater arbeitete auf einem Gutshof als Deputatarbeiter. Das heißt, der Gutsherr stellte ihm ein Stückchen Land und eine Kate zur Verfügung. Dafür musste er zu den Spitzenzeiten, also zum Beispiel zur Erntezeit, dem Gutsherren seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Darüber hinaus war er auf dem Hof als festangestellter Arbeiter und Chauffeur beschäftigt. Die Familie wohnte in der Kate, die aus Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer bestand und eine Abstellkammer hatte, in der das Eingemachte aufbewahrt wurde. Für Eltern und 15 Kinder war das nicht gerade üppig.

Vaters Haupttätigkeiten waren die Versorgung der Pferde und das „Chauffieren“, wenn seine Dienstherrschaften eine Reise machen oder in die nächstgrößere Stadt fahren wollten. Zur Entlohnung gehörten außer Geld – sicherlich ein eher geringer Betrag – einmal im Jahr drei Säcke Korn, Roggen, Weizen und Gerste oder Hafer. Das Getreide wurde in die Mühle zum Mahlen gebracht und reichte bis zum nächsten Jahr. Außerdem hatten wir jeden Tag Anrecht auf drei Liter Milch. Die Milch holte eines von uns Kindern abends ab, nachdem die Kühe gemolken waren. Eine Tätigkeit, die ich gerne machte. Über einen herrlichen Weg an Feldern und Auen vorbei und dann durch die prachtvolle Lindenallee ging es zum Kuhstall, in dem 60 bis 70 Kühe standen und zufrieden vor sich hin muhten; den Geruch des Kuhstalls und die friedliche Stimmung verspüre ich heute noch, wenn ich an diese Zeit denke. Von der Meierei gab es jede Woche einen Klumpen Butter und Käse.

Von den 15 Kindern, die ja zum Glück nicht alle auf einmal gekommen waren, lebten gewöhnlich nur sechs zu Hause. Wenn ein Mädchen die Schule beendet hatte, kam es in den Haushalt eines dorfansässigen Landwirts oder in einen Haushalt im Nachbardorf und lebte dann dort. Und wir waren alle gut erzogen, immer fein und adrett angezogen, eine rechte Musterfamilie, die Mädchen oft in gleichen, von einer Schneiderin genähten Kleidern, die weißen Strümpfe selbstgestrickt. Die Familien, die ein Hausmädchen brauchten, standen sozusagen Schlange bei meinen Eltern, wenn wieder eine meiner Schwestern mit der Schule fertig war.

Die Jungen lernten in ihrer Lehrstelle ein Mädchen kennen, heirateten und zogen aus. Daher kamen wir in unserem Schlafzimmer mit fünf Betten aus; für mehr wäre auch kein Platz gewesen. Wenn ein neues Baby geboren war, kam es in den aus Korb geflochtenen Stubenwagen, dann ins Kinderbettchen, und das Kind, welches das Kinderbett räumen musste, kam in mein Bett, so dass nacheinander vier Geschwister mit mir zusammen in meinem Bett schliefen. Das war nicht etwa lästig, sondern es gefiel mir sehr gut. Das letzte der Brüderchen hing wie eine Klette an mir. An den Luxus eines eigenen Bettes für mich ganz allein musste ich mich später erst gewöhnen.

Unter uns Schwestern gab es immer kleine Kämpfe: Wer darf das letztgekommene Baby füttern mit in Milch eingeweichtem Zwieback? (Wovon so viel genascht wurde, bis das Baby anfing zu schreien.) Wer darf die Babywäsche bügeln?

Im Einspänner die Hebamme abholen

Die Geburten fanden alle zu Hause statt, bis auf eine. Inge war ein schwerer Brocken von fast 10 Pfund, da musste Mama ins Krankenhaus. Bei allen anderen Geburten war es so, dass Papa in seinem Einspänner die Hebamme abholte. Und dann fing die Aufregung an. Die kleineren Geschwister waren ziemlich verstört. Warum musste Papa immer warmes Wasser bereiten? Warum wurden so viele Handtücher und Bettlaken benötigt?

Vor allem: Warum schrie Mama so? Die Brüder ballten ihre kleinen Fäuste und hätten Mama am liebsten gerächt, wenn sie denn nur in das Zimmer gedurft hätten.

Wir älteren Schwestern hatten schon allerlei verstanden und beruhigten sie. Irgendwann wussten wir auch, wie Babys entstehen. „Papa und Mama halten uns für doof“, sagte meine Schwester Erna, wenn Papa mal wieder sagte: „Kommt ja nicht mit einem Kind nach Hause!“

Aufgeklärt hatten sie uns allerdings nicht.

Dann kam endlich ein Babygeschrei und alle atmeten auf. Papa kam glücklich lächelnd aus dem Schlafzimmer und bald danach zeigte uns die Hebamme das neue Geschwisterchen. Zu Mama durften wir immer noch nicht, sie brauchte Ruhe, hieß es.

Was wir liebten, wenn die Hebamme da war: Es herrschte ein wunderschöner Geruch in der ganzen Wohnung. Das frisch gebadete Baby sah erst einmal nicht so niedlich aus, aber es duftete einfach gut. Als Ilse geboren wurde – am 1. Weihnachtstag – saßen wir alle am Tisch, bis auf Papa, der das Seil geholt hatte, an dem Mama sich während des Geburtsvorgangs festhielt. Und nun war er auf dem Weg zur Hebamme. Auf einmal stand unsere Mutter auf, ging ins Schlafzimmer und kam gar nicht wieder. Dann hörten wir das bekannte „Bäääh“, und endlich war die Hebamme da.

„Frau S., die Kleine kriegen sie nicht durch“, sagte die Hebamme. Ilse wog nur vier Pfund. Und ob Mama Klein-Ilse durch bekam! Ein zähes kleines Persönchen war Ilse, nie krank, immer fidel und in Bewegung. Am Weihnachtsfest (2015) wird sie 69 und erfreut sich guter Laune und Gesundheit.

Als das letzte Kind geboren wurde, war ich bereits auf einem Bauernhof beschäftigt und wohnte nicht mehr zu Hause. Die Bäuerin fragte mich: „Weißt du überhaupt, dass deine Mutter wieder in Kind bekommt?“ – „Nein, das darf nicht wahr sein!“

Es war wahr. Inge, von Vater „Engelchen“ genannt, war genau so willkommen und genau so süß wie alle Babys vor ihr. Und Inge blieb tatsächlich der letzte Nachwuchs.

Mit „Zucht und Ordnung“

Als die Kinder allmählich aus dem Haus gingen, wurde Mama immer kranker. Sie liebte ihre Kinder über alles. Papa war eher streng. Er meinte wohl, eine so große Kinderschar kann man nur mit „Zucht und Ordnung“ bewältigen. Wenn einer der Jungen sich nicht ordentlich kämmte, griff Papa zur Schere und zum Rasierapparat und schor ihn kahl. Brutal? Durchaus, aber wirkungsvoll.

Unsere Mutter hingegen ging immer freundlich und liebevoll mit den Menschen ganz allgemein um und mit uns Kindern sowieso. Hatte eines der Kinder etwas ausgefressen, so war sie es, die die Schuld auf sich nahm.

Kam ein mittlerweile auswärts lebendes Kind zu Besuch nach Hause, war das immer ein Fest. Ein Huhn wurde geschlachtet und zusammen mit Gemüse und Klößen eine leckere Suppe gekocht. Alle freuten sich, sowohl die Nochdaheimlebenden als auch die Besucher, über die „Frische Suppe“, wie sie in der Familie genannt wurde.

Zwölf Gedecke mit Goldrandgeschirr

Weihnachten war ein wunderschönes Fest für uns alle. Als ich schon in Stellung war, machte ich mich bei Schnee und Wind auf den Weg nach Hause, vollgepackt mit hübsch eingepackten Geschenken, besonders für die kleinen Geschwister. 18 Kilometer mit dem Bus und zwei Kilometer zu Fuß über vereiste Wege und ich wusste schon, wie alle auf mich warteten, wie die Kleinsten wiederholt fragten: „Wann kommt die Käthe? Wann kommt die Käthe?“

Dann endlich zu Hause, der Kaffee duftete, zwölf Gedecke mit dem Goldrandgeschirr warteten, die Stube war festlich geschmückt, und die Kinder fielen über mich her. Vor Rührung kamen mir manchmal die Tränen, auch heute noch, wenn ich an unser schönes Weihnachten denke.

Und wie alle beschenkt wurden! Wir hatten die Geschenke immer schon vorher gesehen, aber nicht erkennen können: Sie lagen auf den Schränken und waren mit Laken abgedeckt. Auch die Plätzchen, die in der Adventszeit gebacken wurden, lagen hoch oben auf dem Schrank. Und wenn ab dem Heiligen Abend die Plätzchen frei gegeben wurden, fehlten immer welche.

Mäuse? Doch nicht hoch oben auf dem Schrank! Im Laufe der Jahre kamen wir dahinter: Papa war das Leckermäuschen oder -mäulchen.

Gleich ist es so weit

In der Vorweihnachtszeit, wenn die Berge auf dem Schrank immer größer wurden, waren wir natürlich sehr neugierig, aber keiner hat nachgesehen. Papa sagte am Heiligen Abend, wenn alle noch am großen Esstisch saßen: „Gliks is et sowiet (gleich ist es so weit)“.

Dann verschwand er, es gab großes Getöse im Nebenraum, das war der Weihnachtsmann, der da herum polterte, und Vater unterhielt sich mit ihm. Und dann ging es in die gute Stube.

Der Weihnachtsbaum war schon am Tag vorher geschmückt worden, Papa und Mama saßen auf dem großen schönen Sofa und freuten sich darüber, wie wir uns freuten. Unsere Augen gingen hin und her: Für wen mag wohl das Motorrad aus Blech zum Aufziehen sein? Und wer sollte den schönen Puppenwagen mit den schicken großen Rädern bekommen?

Aber erst wurde gesungen; wir konnten alle gut singen, Mädchen wie Jungen waren im Kirchenchor. Bei „Stille Nacht, heilige Nacht“ gingen, so feierlich es auch war, die Augen wieder hin und her. Für wen mag wohl die Puppenstube sein? Sie war für mich. Welche Glückseligkeit!

Der Puppenwagen mit Puppe war für meine Schwester Erna. Sie war glücklich. Als sie sich zu Papa und Mama auf das Sofa setzen wollte, fiel die Puppe zu Boden, der Kopf war hin, Erna weinte, weinte, war untröstlich. Die schönste Puppe, die sie je gesehen hatte, war kaputt!

Am nächsten Morgen lag eine unversehrte Puppe im Puppenwagen. Ich nehme an, das war weder der Weihnachtsmann noch das Christkind, sondern meine Eltern. Keine Ahnung, wie sie das gemacht hatten. Jedenfalls war Erna getröstet und wurde allseits beneidet.

Einmal bekam ich schöne warme braun-beige karierte Hausschuhe. Papa sagte, ich solle das Papier, mit dem die Hausschuhe ausgestopft waren, gleich in den Ofen werfen. Ich tat es – und einer der Hausschuhe verschwand ungeschickterweise auch im Ofen. Dass Papa mich nicht geschlagen hatte, daran kann ich mich noch erinnern. Sonst war er mit der Hand immer schnell dabei.

Milch gegen Zinnsoldaten

All die Jahre fragte ich mich, wie meine Eltern, wahrlich nicht reich, es hinbekommen haben, allen Kindern zumindest einen großen Wunsch zu erfüllen. Durch Hamstern, hat mir Mama später erklärt. Schon früh im Jahr fingen meine Eltern an – ich erinnere mich daran, denn ich bin 1934 geboren und bald sollte der Krieg anfangen und knappe Zeiten eintreten – einen Schinken einzutauschen gegen ein Schaukelpferd der Stadtbewohner, welche nicht lebensnotwendige Gegenstände gegen Essbares eintauschten. Ein halbes Huhn wurde gegen eine Puppe, ein Liter Milch gegen einen Zinnsoldaten getauscht.

1945 zog die Familie um in ein Haus mit großem Garten und einem anständigen Keller statt einer Kammer, wo wir das Eingemachte gut aufbewahren konnten. Außerdem gab es eine für uns besondere Bequemlichkeit: Die Pumpe war in der Diele! Wir mussten nicht in die Aue laufen, um Wasser zu holen. Eine Badewanne mit fließendem Wasser gab es auch hier nicht. Es gab jedoch eine Wanne, in die heißes Wasser geschüttet wurde und in die einmal in der Woche die ganze Familie nacheinander eintauchte. Der Nächste, der an der Reihe war, bekam immer einen Schuss heißes Wasser dazu.

Selbstversorgung

Wir hatten Schweine, Hühner und was man so an Viehzeug hatte, außerdem zwei Kühe: Alma und Meta. Alma war etwas eigensinnig und ließ sich nur von Mama melken.

Wie Mama das alles schaffte, ich weiß es nicht. Natürlich halfen die größeren Mädchen im Haushalt, natürlich hatten auch die Kleinen, sobald sie dazu fähig waren, ihre Aufgaben. Aber letztendlich hing alles an Mama. Mittags ruhte sie ein paar Minuten, dann ging es frisch weiter. Eine tüchtige Frau, die von allen geliebt wurde.

„betütteln“

Nach langen Jahren, in denen ich mich immer um andere gekümmert habe, wohne ich heute gerne in einer kleinen Wohnung mit schöner Terrasse, bin ehrenamtlich tätig, indem ich einmal wöchentlich vormittags Telefondienst mache, Waschmarken oder Informationsmappen an Interessenten ausgebe.

Das ist keine anstrengende Arbeit und immer ein willkommener Anlass, mit Mitbewohnerinnen ein schönes Frühstück zu veranstalten, zu dem jede etwas Leckeres mitbringt. Ich war mein ganzes Leben lang für andere Menschen da und bin es auch jetzt noch. Einen meiner Nachbarn, ein alter Mann mit Demenz, „betüttele“ ich, wie ich meine kleinen Geschwister „betüttelte“. Darauf bin ich nicht stolz oder bilde mir etwas ein oder erwarte den Himmel oder zumindest kräftigen Dank. Ich bin halt so von Kindheit an, ich kümmere mich.

Auszug aus „Käthe kümmert sich“, erzählt von Käthe V.“, geschrieben von Elke A. (2015), bearbeitet von Barbara H.

Foto: AnnaER/Pixabay