Abschied von der Kindheit: Volle Verantwortung für die Familie

Elsbeth, 1912 in Bayersdorf geboren, und zwar im ehemaligen westpreußischen Posen, war die Älteste von insgesamt zehn Kindern einer Bauern-Familie. Die Mutter starb nach der Geburt des neunten Kindes. Nach Wiederverheiratung des Vaters wurde noch ein Halbbruder geboren. Elsbeth musste den Haushalt führen.


Eine Stunde Fußmarsch zur Kirche, und das im Kleid

An meinem Konfirmations-Sonntag machte ich mich frühmorgens allein zu meiner Einsegnung auf den Weg. Ich hatte eine Tasse Milch im Magen, die uns der Pastor erlaubt hatte, das Abendmahl sollte nüchtern eingenommen werden. Vor mir lag ein einstündiger Fußmarsch zum Gottesdienst durch Felder und Wald. Ich trug ein wunderschönes Kleid, das eigens für mich in Berlin in der Stickereiwerkstatt meiner Tante Martha angefertigt worden war. Mein Kleid hatte einen kleinen Matrosenkragen mit Schlips und an den Bündchen kleine schwarze Stickereien. Etwas ganz Besonderes für die damalige Zeit war der Faltenrock. Stolz genoss ich die allgemeine Bewunderung.

Dies konnte mich allerdings nicht über meine tiefe Traurigkeit hinwegtrösten, ganz alleine, ohne die Anteilnahme meiner Eltern und der Familie, am Altar zu stehen und sozusagen Abschied von der Kindheit zu nehmen. Diese Erfahrung, in wichtigen Lebenssituationen allein zu sein, sollte mich ein Leben lang begleiten. Alles, was ich zukünftig schaffen sollte, habe ich aus eigener Kraft leisten müssen.

Das Nötigste zum Überleben

Meine Eltern hatten kein leichtes Leben. Sie waren Bauern und bewirtschafteten den Hof der Eltern meines Vaters. Der Ertrag aus der Landwirtschaft sicherte gerade das Nötigste zum Überleben. Das Gehöft lag auf einer Anhöhe umringt von 33 Morgen Land, dazu ein Stückchen Wald. Unten floss ein kleiner Bach, die Rötte. Die Gemeinde hatte etwa 250 Einwohner. Dazu gehörte ein Gutshof, wo sich das einzige Telefon des Ortes befand. Der Arzt wohnte etwa acht Kilometer entfernt in Ritschenwalde und besaß das einzige Auto weit und breit. Die nächstgrößere Stadt war Scharnikau, 15 Kilometer entfernt.

Unsere Aufgaben

Ich sehe Vater heute noch mit über Schulter und Hand gebundenem Leinentuch im Gleichschritt mit der freien Hand die Saat ausstreuen, während Mutter mit dem Pferdegespann vor der Egge gerade Furchen hinterher zog.

Oma Alwine, die sich herzlich wenig um uns Kinder kümmerte, saß fast immer hinter ihrem großen alten Webstuhl und spann Wolle. Die lieferten zwei Schafe, ein weißes und ein braunes.

Wir Kinder mussten die geschorene Wolle schön locker zupfen, damit sie sich gut verspinnen ließ. Das fertige Wollgarn, auf kleine Röllchen aufgespult und in Schiffchen gesteckt, wurde in Schuss und Kette zu Wollstoff, zu sogenanntem Warb, verwebt: unterschiedlich breit und drei bis fünf Meter lang. Daraus wurden Jacken für die Männer und Vorleger genäht.

Vom Flachs zum Leinen

Noch häufiger wurde Leinen für Getreide- und Kartoffelsäcke gewebt. Dazu baute man Flachs an, der wunderschön anzusehen war, wenn die großen blauen Blüten hervorkamen. Die ausgerupften Flachsstängel wurden gebunden und über die Hechel gezogen, damit die Samenkugeln oben abfielen. Die Bündchen wurden in eine tiefer ausgegrabene Stelle der Rötte hineingepackt. Bis zu drei Wochen blieben sie dort liegen, sozusagen zum Faulen, damit die Kapseln und die Blätter abfallen konnten. Die ausgespülten Flachsbündchen wurden anschließend in Reihen auf einem Feld ausgebreitet und nach einigen Tagen mit der Harke gewendet. Zum letzten Trocknen kam alles in den Backofen in die Restwärme vom vorherigen Brotbacken.

Zum Schluss wurden die Fasern geschwungen, gebrochen, gehechelt und von Oma auf dem Schwingstuhl noch einmal bearbeitet, und zwar so, dass die glatten, schönen langen Stiele zu Leinenstoff verwebt und die abgetrennte Hede zu Garn versponnen werden konnten. Auf der Bleiche erhielt das Leinen seine endgültige gewünschte helle Qualität.

Wunderschönes Weihnachten

Weihnachten war eines der aufregendsten Erlebnisse in unserer Kindheit. Wir freuten uns alle sehr auf den zu schmückenden Weihnachtsbaum. Ein paar Tage vor dem Fest ging unser Vater in den Wald und brachte eine Kiefer mit – bei uns gab es nur Kiefern. Wir Kinder hängten Äpfel, Papierkränzchen, Ketten und Kugeln sowie von Mutter gebackene Figürchen an den Baum.

Am Heiligen Abend, wenn es endlich draußen zu dunkeln begann und die Kerzen angezündet wurden, musste unser Vater noch schnell vor dem Abendbrot den Pferden das Nachtfutter geben, wie er sagte, und ging hinaus. Nach einer Weile klingelte es und wir wussten: Das ist der Weihnachtsmann. Oh Schreck, und Papa ist nicht da.

Die Mutter aber beruhigte uns und hieß den Weihnachtsmann willkommen. Der trug eine große Decke von links, wo lauter kleine Stofffetzen eingewebt waren. Oben am Hals war sie mit einem Strohbund festgemacht und Stroh bedeckte auch Haupt und Haar, unter dem natürlich der Vater steckte. Aus seinem Korb verteilte er Äpfel und Süßigkeiten und übergab den Kindern ihre jeweiligen Geschenke. Unsere Puppen, die vorher vom Christkind abgeholt worden waren, strahlten in schönen neuen, von der Mutter heimlich genähten Kleidern. Die Puppenwiegen hatte Opa Hermann, der Schreinermeister war, in Fissahn hergestellt. Wir sagten noch brav unsere Gedichte auf, bevor der Weihnachtsmann sich verabschiedete.

Weihnachtsbraten

Als unser Vater endlich vom Pferdefüttern zurück war, hörte er sich sehr interessiert unsere aufgeregten Erzählungen an. Zum Abendessen gab es Gänsebraten mit Weißkohl. Die abgetrennte, gesalzene und mit Majoran eingeriebene Fetthaut und die Leber wurden in kleine Würfel geschnitten und extra ausgebraten. Dazu gab es trockenes Brot, das ins Bratfett eingetunkt wurde, und als Getränk Kakao oder Tee.

Nach Mutters Tod: Mit 14 Jahren den Haushalt versorgen

Der Tod der Mutter machte neun Kinder zu Halbwaisen. Am 27. Januar 1927 war die kleine Heidi zur Welt gekommen, zu Kaisers Geburtstag. Nach drei Wochen verstarb unsere Mutter am 18. Februar 1927. Ich war 14 Jahre alt und bekam als Älteste gleich die volle Verantwortung. Nach Mutters Beerdigung – ich stand hilflos in meinem Konfirmationskleid und offenem Mantel in der Tür – forderte mich der Großvater Hermann auf, bei der Kaffeetafel für die Trauergäste zu helfen und etwas später die Sargträger zu bewirten, die zum Abendbrot kamen und anschließend bei einer Flasche Schnaps Karten spielten.

Ich hatte nun das Neugeborene und den Haushalt zu versorgen. Dabei war ich kaum darauf vorbereitet. Meine Mutter hatte auf meine Hilfsbereitschaft gesagt: „Ach lass nur, du musst später noch hart genug arbeiten.“ Sie wusste, wovon sie sprach. Sie selbst war die Älteste von acht Schwestern zu Hause in Fissahn gewesen.

Überhaupt hatte die Mutter für mich eine Berufsausbildung vorgesehen. Ich sollte Krankenschwester werden, um später durch ein eigenes Einkommen unabhängig zu sein. Jetzt hatte ich mich um meine jüngeren Geschwister zu kümmern. Für mich gab es keine Schulpflicht mehr, für mich gab es jetzt nur noch Arbeit, harte Arbeit: das Baby baden, wickeln, füttern, Brote backen, den Haushalt versorgen, Schweine füttern, Kühe melken und bei der Ernte helfen. Mutters Platz konnte ich auf Dauer nicht ausfüllen. Der Vater heiratete wieder.

1929 kam ich, die ich die polnische Staatsangehörigkeit hatte, auf abenteuerliche Weise zu meiner Tante nach Berlin. Tante Martha und Onkel Richard boten mir an, in ihrem Stickerei- und Plissee-Geschäft mitzuarbeiten. Nachdem ich es geschafft hatte, in den Westen zu kommen, mauserte ich mich in Berlin in drei Tagen von einem Mädel vom Land zu einer flotten Städterin. Hier erlebte ich aber dann auch den Krieg. Einige Zeit danach blieb ich noch in der sowjetischen Besatzungszone, bis ich mit Hilfe einer Schwester nach Gummersbach flüchtete.

Auszug aus „Scherbenbilder – Aus eigener Kraft“, erzählt von Elsbeth W., geschrieben von Margarete S., bearbeitet von Barbara H.

Foto: Couleur/Pixabay