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Brauchtum im Blut: Fünf Generationen Karneval

  • Autorenbild: Achim Kaemmerer
    Achim Kaemmerer
  • vor 12 Minuten
  • 24 Min. Lesezeit

Ute Schreiber hat ein beeindruckendes Leben geführt – geprägt von einer tiefen Liebe zum Karneval, einem unermüdlichen Einsatz für soziale Projekte und der Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen. Schon ihre Kindheit und ihre Familie sind fest mit dem Brauchtum verbunden.

Ihr Erwachsenenwerden ist mit den ersten Schritten ins Berufsleben und der Mutterschaft verbunden.

Die Familie, die sie gründet, hat ebenfalls Bezüge zum Brauchtum. Feste, Feiern und das Miteinander waren ein wichtiger Teil ihres Lebens.  

Sogar einen Verein hat sie mitgegründet: Die Düsseldorfer Weiter sind heute noch aktiv. Auch die Seniorenarbeit lag ihr am Herz. 

Das Brauchtum begleitet sie bis heute.  



 

Kindheit 

Geboren wurde ich mitten im Krieg am 16. Juli 1942 in Düsseldorf in der Corneliusstraße 120 in der Friedrichsstadt, damals noch als Ute Creson. Mit meinen Eltern Katharina und Hubert Junior und meinen beiden Schwestern Ruth und Marlies zogen wir dann auf die Bilker Allee 237 und schließlich in die Düsselstraße im heutigen Düsseldorfer Stadtteil Unterbilk. Das Haus auf der Bilker Allee steht dort bis heute.  

Vom Krieg haben meine Eltern nichts erzählt. Das war damals so. Allerdings war die Zeit des Wiederaufbaus überall sichtbar und spürbar: Auf der Bilker Allee wohnten wir im Hinterhaus und mussten uns täglich durch die vor dem Haus liegenden Trümmer ins Hausinnere kämpfen. Dort im Hinterhof unseres Hauses hatten meine Tante und ihr Mann eine Schokoladenfabrik. Eine meiner liebsten und im wahrsten Sinne des Wortes süßesten Erinnerungen hängt mit der Schokoladenfabrik zusammen: Jedes Jahr gab es die eine besondere Zeit der Marzipanherstellung, herrlich war das! Die Frauen hielten riesige Siebe voller Kakao in den Händen und warfen die Marzipankartoffeln damit in die Luft, um sie möglichst gleichmäßig mit dem Kakao zu bestäuben. Auch wenn sie dabei sehr geübt waren, fiel ab und zu eine auf den Boden. Und genau das war der Grund, wieso plötzlich eigentümlicherweise sehr viele meiner Klassenkameradinnen um mich herum waren, fast die halbe Klasse stand parat. Kein Wunder, denn alles, was von den Köstlichkeiten herunterfiel, durften wir essen. Immer habe ich den leisen Verdacht gehegt, dass einige der Köstlichkeiten nicht unabsichtlich herunterfielen… 

Ute als Schülerin, ca. 1949
Ute als Schülerin, ca. 1949

Ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit, die in der Grundschule an der Helmholtzstraße begann. Wir Kinder waren damals schon früh selbstständig, und so bin ich meistens allein oder mit meinen Kameradinnen zur Schule gegangen. Nur einmal hat mich meine Mutter gebracht, um mir den Weg zu zeigen. Die Lehrer dort waren streng, das gehörte einfach dazu. 


Gern denke ich auch an die Zeit auf der weiterführenden Schule an der Neusser Straße. Dort war der Schulhof streng geteilt – ein dicker weißer Strich trennte die Jungen von den Mädchen, denn es war uns nicht erlaubt, miteinander zu spielen. Wenn jemand die „weiße Grenze“ überschritt, gab es sofort Ärger. Auch die Klassen waren nach Geschlechtern getrennt, was für uns völlig normal war. Unsere Klassenlehrerin, Frau H., konnte streng sein, aber das war in Ordnung – wir hatten sie trotzdem alle gern, denn sie war gleichzeitig eine Seele von Mensch. 

Ute als Schülerlotsin, 1956
Ute als Schülerlotsin, 1956

Wir waren dort sehr fortschrittlich unterwegs und haben die Tradition der Schülerlotsen, die bis heute trägt und die seinerzeit von der Düsseldorfer Verkehrswacht begründet wurde, damals weitergeführt. Da ich mich immer gern engagierte, meldete ich mich sofort, als die ersten Schülerlotsen gesucht wurden. Von da an stand ich morgens und nachmittags vor der Schule und half den kleineren Kindern sicher über die damals schon vielbefahrene Neusser Straße.  


 

Eine meiner lebhaftesten Erinnerungen ist an die Zeit, als ich Funkenmariechen war. An Karneval ging ich natürlich im Kostüm zur Schule, stolz und voller Freude. Mein Vater war aktiv beim Karnevalsausschuss bzw. Karnevals-Komitee Düsseldorf (heute: Comitee Düsseldorfer Carneval, kurz: CC), der Dachorganisation des Düsseldorfer Karnevals, und ich durfte in einem Goggomobil mitfahren – vorneweg, mit leuchtend roten Fingernägeln. Das war ein ganz besonderer Moment für mich. Leider sah das meine Religionslehrerin anders. Sie schickte mich wütend nach Hause: Ich durfte erst wiederkommen, wenn ich den Nagellack entfernt hatte. Das hat mir damals gar nicht gefallen, aber ich tat, was sie verlangte. 

Unsere Klasse war im Vergleich zu heute recht groß – etwa 40 Mädchen waren wir. Es war oft laut und lebhaft, und ich muss zugeben, dass ich keine Musterschülerin war. Mir gingen oft Flausen durch den Kopf, und Rollschuhfahren war für mich viel wichtiger als der Unterricht. Wir Kinder waren damals unglaublich gelenkig und verbrachten Stunden damit, auf den Rollschuhen Kunststücke zu üben. Bühnenreif war das! 


Utes Klasse mit der Klassenlehrerin Frau H., Neusser Schule, 1956
Utes Klasse mit der Klassenlehrerin Frau H., Neusser Schule, 1956

Es war eine andere Zeit, und obwohl die vielen Regeln und die strikte Trennung von Mädchen und Jungen uns heute streng und seltsam vorkommen mögen, gehörten sie für mich damals einfach dazu. Alles in allem war es eine schöne Zeit!  

Die Bande zu zwei ehemaligen Klassenkameradinnen haben bis heute gehalten: Wir treffen uns 70 Jahre später immer noch regelmäßig zum Mittagessen und einem Plausch.  

Bei uns zu Hause wurde Düsseldorfer Platt gesprochen. Mein Vater Hubert Junior C. war Hallenmeister bei der Stadt Düsseldorf auf der Fischerstraße. Das waren früher die Ausstellungshallen der Stadt Düsseldorf, in den Großevents wie Holiday on Ice aufgeführt wurden. In den Hallen wurden auch die Karnevalswagen gebaut und zogen von dort aus los. Damit war mein Vater ganz nah dran am Karneval. Meine Mutter Katharina „Käthe“ C., geboren 1904, war Schneiderin, aber auch immer involviert in dem Karnevalsthema. Tolle Kostüme hat sie uns genäht. Generell sahen wir drei Schwestern immer adrett aus, mit unseren eleganten Röcken, die sie für uns zauberte.  

Auch wenn sie gelegentlich Haare auf den Zähnen hatte, war meine Mutter sehr großzügig und großmütig, und hat mir jeden Wunsch erfüllt. Ich erinnere mich noch an meine ersehnten Rollschuhe, die sie mir ermöglichte. Damit bin ich mit meinen Freundinnen auf der Friedenstraße Rollschuh gefahren wie der Wind! Der arme Hausmeister, den wir mit dem Gerumpel der Rollen jeden Tag aufs Neue aufschreckten, hat ständig mit uns geschimpft. Was haben wir für Kunststücke ausgeführt – ein Bein nach oben – wir haben es den Profis nachgemacht und so viel Spaß gehabt.  

Gegen 12 Uhr mittags rief meine Mutter dann ohrenbetäubend laut meinen Namen, so dass nicht nur ich, sondern der halbe Stadtteil wusste, dass das Essen im Hause C. auf dem Tisch stand.  

 

Utes Mutter Katharina, 1949
Utes Mutter Katharina, 1949

 

Meine Mutter hat sehr gut gekocht: Sie hat die Gerichte mit viel Gemüse, Fleisch und Kartöffelchen zubereitet. Sonntags gab es oft Rollbraten oder Rouladen.  

Ich muss oft daran zurückdenken, wie viele Freiheiten meine Mutter mir gewährt und welche Möglichkeiten sie mir eingeräumt hat. Das habe ich nie ausgenutzt: Ich war ein richtig braves Mädchen.  

Zwischenzeitlich sind meine Eltern in die Gladbacher Straße umgezogen, wo sie schließlich ihre Goldene Hochzeit feierten. Das war spektakulär: Wir Kinder haben einen eleganten Wagen besorgt, sämtliche Würdenträger Düsseldorfs vom Oberbürgermeister bis hin zum Oberstadtdirektor Karl Ranz ebenso wie Weggefährten aus Politik, Stadtverwaltung und dem Brauchtum waren vor Ort. Auch die Närrischen Marktfrauen – ein bis heute etablierter Verein, den meine Mutter gegründet hatte – ließen es sich natürlich nicht nehmen, in voller Montur auszutreten. Gemeinsam mit den rund 100 Gästen haben wir einen Fackelzug veranstaltet und meine Eltern hochleben lassen.  


80. Geburtstag von Utes Mutter Katharina "Käthe", 1984
80. Geburtstag von Utes Mutter Katharina "Käthe", 1984

Meine Mutter hat sehr gut für die ganze Familie gesorgt und war dabei auch noch sehr aktiv im Karneval, doch dann wurde sie leider krank. Sie bekam Diabetes und konnte irgendwann nicht mehr allein wohnen. Mein Vater war zuvor erblindet und verstorben. Mein Mann Peter und ich haben zu der Zeit mit den beiden Kindern auf der Kronprinzenstraße 62 gewohnt und meine Mutter zu uns genommen. Ihren 80. Geburtstag haben wir dort mit 50 Gästen gefeiert.  

Unten auf der Straße hatte sich ein Fanfarenchor ihr zu Ehren eingefunden, den sie vom Balkon aus gerührt anschaute. Bildschön war sie mit 80 Jahren, und strahlte eine solche Ruhe aus. Eine Woche später ist sie verstorben.  

 

 

Brauchtum: In der Familie verwurzelt 

Als Jüngste von drei Schwestern – Marlies war zehn Jahre und Ruth sogar zwölf Jahre älter – wuchs ich in einer stark mit dem Brauchtum verwurzelten Familie auf. Der Karneval lag uns allen im Blut, denn schon mein Großvater Hubert Senior kam auf die Idee, einen Karnevalsverein zu gründen. Er dachte sich, dass seine Kinderschar bestehend aus elf Kindern – mein Vater Hubert Junior war einer davon – die beste Voraussetzung dafür sei. Und das war es!

Die Gründung der Funkenartillerie Rot-Wiss im Jahr 1935 (damals noch unter dem Namen Funkenartillerie Blau Gelb), die später unter seiner elfjährigen Präsidentschaft zu einer Institution wurde, legte den Grundstein zu unserer familiären Verbundenheit mit dem Brauchtum. Nach seinem Rückzug übernahm mein Vater nicht nur die Präsidentschaft, sondern wurde auch der erste Träger der Leo-Statz-Plakette, einer Auszeichnung, die bis heute jährlich von der Funkenartillerie Rot-Wiss verliehen wird an Persönlichkeiten für ihre Haltung gegen Faschismus, Rassismus und Diskriminierung sowie in Anerkennung ihrer Verdienste für Heimat und Brauchtum.

Leo Statz war nicht nur im Düsseldorfer Karneval aktiv, – unter anderem war er Präsident des Düsseldorfer Karnevalsausschusses – er war ein lauter Kritiker des Nationalsozialismus. 1943 wurde er wegen „Zersetzungspropaganda“ zum Tode verurteilt. Heute erinnert ein Stolperstein vor seinem Haus an ihn, auch Straßen, Plätze und ein Kolleg sind nach ihm benannt, und nicht zuletzt lebt sein Vermächtnis in der Leo-Statz-Plakette weiter. 

Auch meine Patentante Sabine Feldhoff hat die Funkenartillerie Rot-Wiss als Sponsorin maßgeblich unterstützt und wurde für dieses Engagement mit der Leo-Statz-Plakette ausgezeichnet – als erste Frau!  

Als Präsident hatte mein Vater eine besondere Verantwortung für die inhaltliche Gestaltung der Sitzungen und erhielt regelmäßig Besuch von den Künstlern und Büttenrednern, die ihre Reden und Vorträge vor meinen Eltern halten mussten. 

Utes Schwester Ruth und ihr Ehemann Heinz als Tanzpaar der Funkenarttilerie Rot-Wiss, undatiert
Utes Schwester Ruth und ihr Ehemann Heinz als Tanzpaar der Funkenarttilerie Rot-Wiss, undatiert

Denn es gab strenge Auflagen seitens des Karnevalsausschusses, zum Beispiel durften keine zweideutigen Formulierungen oder politische Phrasen in den Reden enthalten sein. Wenn das doch mal der Fall war, blieb mein Vater hart und ließ die fraglichen Passagen ändern. Doch trotz aller Strenge fühlten sich alle Redner und Künstler immer sehr wohl bei uns, denn meine Mutter war sehr gastfreundlich und tischte ordentlich Bierchen und Kaffee auf. So war bei uns zu Hause immer etwas los. Und ich war mittendrin und habe mich pudelwohl gefühlt! 


Familie: Die Närrischen Marktfrauen 

Nicht nur die Männer der Familie Creson waren im Karneval aktiv. Meine Mutter Katharina gründete 1949 den Verein Närrische Marktfrauen e.V., der aus einem informellen Auftrag des damaligen Düsseldorfer Oberbürgermeisters Willi Becker hervorging. Er hatte sie gebeten, einen „weiblichen“ Beitrag zu einem Jubiläumsfest zu leisten. Sie sollte mit weiteren Frauen mit einem Festzug durch die Stadt laufen: „Kiek mol, dat du en paar Frauen kriegst mit Baselümpken“, sagte er zu meiner Mutter.  

Der Begriff Baselümpken stammt aus dem rheinischen Dialekt, auch Düsseldorfer Platt genannt, und ist eine liebevolle Umschreibung für ein Stück Kleidung, das vielleicht nicht mehr im besten Zustand ist, aber seinen Zweck erfüllt. Der Erfolg war überwältigend, und so entstand der Verein namens Närrische Marktfrauen, dessen Präsidentin meine Mutter 15 Jahre lang war. Die Närrischen Marktfrauen waren bekannt für ihre farbenfrohen Auftritte mit eben jenen Baselümpken, die aus Kopftuch, Klotschen und langen Röcken mit weißen Unterröcken und blau-weißen Schürzen bestanden. Meine Mutter hatte zusätzlich Rüschen an der Schürze, die ihren Status als Präsidentin sichtbar machten. Als dekorative Beigabe trugen die Frauen Porreestangen und Körbe mit Gemüse mit sich und verliehen auf der Bühne den „Sellerie-Orden“: Eine Sellerieknolle diente tatsächlich als festlicher Orden. Einige der eleganten Damen im Publikum haben die Nase gerümpft: „Dat stinkt nach Porree!“ 

Die Närrischen Marktfrauen, 1959
Die Närrischen Marktfrauen, 1959

Die Marktfrauen hatten auch eine Auszeichnung ins Leben gerufen: Bedeutende Gäste ebenso wie Förderer des Vereins wurden mit der goldenen oder silbernen „Marktfrau“ ausgezeichnet – natürlich war auch die Sellerieknolle Teil des Zeremoniells.  

Kostüme kaufen konnte man seinerzeit nicht, vielmehr haben die Frauen alles selbst gemacht. Meine Mutter war als Schneiderin im Vorteil, und hat uns alle gut ausgestattet.  

 

Die Närrischen Marktfrauen beim Festumzug "40 Jahre NRW", 1986
Die Närrischen Marktfrauen beim Festumzug "40 Jahre NRW", 1986

In der heutigen Tonhalle mit ihrer Riesenbühne haben die Marktfrauen ebenfalls Veranstaltungen gemacht; und jeder, der in Düsseldorf Rang und Namen hatte, kam dorthin. Nicht nur hat der Verein generell zum Brauchtum beigetragen, wie es zum Beispiel das traditionelle Lied der Närrischen Marktfrauen mit dem Titel „Der Selleriemarsch“ von Conny und Charly Schröder dokumentiert, er hat insbesondere die Rolle der Frauen im Karneval stark gemacht! 

Mit acht oder neun Jahren war ich das erste Mal mit von der Partie bei den Närrischen Marktfrauen. Überhaupt haben meine Eltern mich überall hin mitgeschleppt, denn auch meine Schwestern waren karnevalistisch involviert und konnten somit nicht auf mich aufpassen: Ruth war als Tanzmariechen und Marlies als Pagin aktiv. So habe ich von klein auf alles mitbekommen und dabei viel gelernt. Toll fand ich das damals! 

Die Närrischen Marktfrauen, 1958
Die Närrischen Marktfrauen, 1958

Besonders die Bühnenauftritte bleiben für mich unvergessen. Ich war drei Jahre lang Teil des Balletts, führte Cancan-Tänze auf, tanzte mit den „Disco-Müttern“ und brachte die Zuschauer mit humorvollen Einlagen zum Lachen. Einmal bin ich beim Radschlagen mit der Hand auf meinen Rock geraten und musste mich hinfallen lassen, um nicht im Freien zu stehen. Zum Glück hat die Kapelle schnell reagiert und das Malheur geschickt „überspielt“. Wir hatten Tränen in den Augen vor Lachen. Das Einzige, was ich nicht konnte, war der traditionelle Cancan-Seitwärts-Hüpfschritt, aber das war zu verkraften. Was haben wir Spaß gehabt! Das war so wunderschön. 

Utes Mutter Katharina "Käthe" C., 1954
Utes Mutter Katharina "Käthe" C., 1954

Meine Mutter war eine wunderbare Frau, die mitten im Leben stand, pragmatisch war und zig Dinge unter einen Hut bekam. Als wir im Krieg alle nach Eisenach in Thüringen evakuiert worden sind, war meine Mutter so geistesgegenwärtig und hat die Uniformen der Funkenartillerie Rot-Wiss im Koffer mitgeschleppt. Bei dem ersten Rosenmontagszug nach dem Krieg waren die Funken die einzigen, die den Zug in ihren Original-Uniformen bestreiten und direkt durchstarten konnten.  

Wegen ihrer Krankheit musste meine Mutter ihr Engagement bei den Marktfrauen beenden. Meine Schwester Ruth hat ihre Aktivitäten dann als Präsidentin übernommen


Berufseinstieg   

Wieso ich bis heute bestimmte Erlebnisse mit dem Geruch verbinde, der aufsteigt, sobald ich die Zeitung aufschlage? Das hat mit dem neuen Abschnitt in meinem Leben zu tun, der nach meiner Schulzeit begann. Meine Schwester Ruth arbeitete damals im Schwann Verlag, und dadurch ergab sich eine Verbindung zu diesem Betrieb.  

Schließlich fing ich im Schwann Verlag an und wurde an der Falzmaschine eingesetzt. Meine Aufgabe bestand darin, Blätter einzeln in die Maschine einzulegen – eine recht monotone Arbeit. Doch meine Kollegin und ich waren ein eingespieltes Team. Oft arbeiteten wir im Akkord, von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Trotz der anstrengenden Stunden habe ich die Tätigkeit sehr gern gemacht, denn wir haben gut verdient, und es war ein besonderes Gefühl, als Frau damals finanziell auf eigenen Füßen zu stehen und selbstständig zu sein. Insgesamt habe ich etwa sieben Jahre dort gearbeitet. 

 

Ute, 1963
Ute, 1963

Zu der Zeit habe ich mir auch einen lang ersehnten Wunsch erfüllt: meinen Führerschein. Davor hatte ich noch nie am Steuer eines Wagens gesessen, geschweige denn ein Auto selbst gefahren. Als ich zum ersten Mal in das Auto meiner Fahrschule stieg, sagte ich zu meinem Fahrlehrer, dass ich erst einsteige, wenn er mir genau zeigt, wo die Bremse ist. Er war ein rauer Typ, der oft schroff im Befehlston mit mir sprach. „Blinker setzen!“ oder „Was machst du denn da?“ schallte es regelmäßig durch das Fahrzeug. Aber das störte mich nicht, und nach nur sechs Fahrstunden hielt ich meinen Führerschein in den Händen. Das ging früher alles etwas schneller als heute, denn allein der Verkehr war nicht mit dem heutigen zu vergleichen. 

1963, im Alter von 21 Jahren, heiratete ich Karl Schreiber, den ich schon seit Schulzeiten kannte. Zwei Jahre später kam dann meine erste Tochter Claudia zur Welt. Doch das Glück hielt leider nicht lange – unsere Ehe scheiterte, und 1967 ließ ich mich scheiden. Das war eine harte Zeit, besonders mit einem kleinen Kind. 

Ute mit ihrer ersten Tochter Claudia, 1965
Ute mit ihrer ersten Tochter Claudia, 1965

Für Claudia hatte ich meine Stelle im Schwann Verlag aufgegeben. Als ich dann plötzlich allein für uns beide sorgen musste, blieb mir nichts anderes übrig, als jeden Job anzunehmen, den ich finden konnte. Ich begann also als Reinigungskraft. Morgens um sechs saß ich auf meinem Fahrrad und fuhr einige Kilometer von der Hammer Straße zur Corneliusstraße. Zusammen mit zwei anderen Frauen haben wir dort ein ganzes Haus geputzt. Danach flitzte ich schnell wieder nach Hause, um mich um Claudia zu kümmern. Ohne die Hilfe meiner Familie hätte ich das alles nicht geschafft. Meine Mutter und meine Schwester haben mich unglaublich unterstützt.  

Wer mir in dieser Zeit und auch später beistand, war ausgerechnet Ottilie Schreiber, die Mutter meines geschiedenen Mannes. Sie selbst hatte es nicht leicht: Verwitwet und mit ihren drei Kindern Karl, Wilma und Annemarie, arbeitete sie in der Kammgarn-Spinnerei im Düsseldorfer Hafen. Doch sie meisterte alles und wurde dort Betriebsrätin – als erste Frau! Oma Otti, wie wir sie alle nannten, war ein Geschenk für mich und meine Kinder. 

Manchmal frage ich mich auch, wie ich das alles hingekriegt habe. Die Antwort, die ich mir dann immer selbst gebe: Es musste einfach laufen. Ich war zu stolz, um Geld anzunehmen. Aber ich hatte das Glück, auf ein gutes Netzwerk zählen zu können. Freundschaften und die Verbindungen über unsere Kinder halfen ungemein – jeder half jedem. 

 

Irgendwann landete ich bei Kaisers Kaffee, zunächst wieder als Reinigungskraft. Dort hat mir der Filialleiter eines Tages einen Weintraubenverkauf aufs Auge gedrückt und mich dabei beobachtet, wie ich diesen leichtfüßig meisterte. Innerhalb kürzester Zeit waren alle Weintrauben ausverkauft. Mein Verkaufstalent blieb ihm nicht verborgen, und er bot mir die Chance, aufzusteigen. Zunächst wurde ich Springerin für die Kasse oder auch mal für die Filialleitung, und mit der Zeit wurde ich schließlich Leiterin der Filiale auf der Bilker Allee – dort ist heute Jacques Weindepot stationiert. 

Das Verkaufen lag mir einfach im Blut. Ich habe das nie gelernt, aber es lief gut – so gut, dass ich mich über meine eigenen Erfolge manchmal gewundert habe. Diese Zeit hat mir gezeigt, dass man mit Fleiß, Mut und ein wenig Glück vieles erreichen kann, auch wenn die Umstände schwierig sind. 

Das Glück war mir weiterhin hold, denn kurze Zeit später begegnete ich meinem zweiten Mann Peter. Es war reiner Zufall, dass ich eines Abends an einer Gaststätte vorbeikam und mich ein Bekannter, übrigens mein zukünftiger Schwiegervater, durch das geöffnete Fenster sah und rein bat. Dort traf ich erstmals auf Peter und es passte sofort! Wir heirateten nur sechs Wochen nach unserem Kennenlernen im Jahr 1969 im Standesamt auf der Inselstraße. Die Närrischen Marktfrauen waren auch mit von der Partie und standen Spalier mit Luftballons und in ihrer traditionellen Kluft. Zwei Jahre nach unserer Hochzeit konnten wir die Geburt unserer zweiten Tochter Katja bekanntgeben. Auch meine erste Tochter Claudia hat sich sehr gut mit Peter verstanden; andernfalls hätte ich ihn nicht geheiratet. Katja und Claudia sind beide gut zusammen aufgewachsen. Wir hatten eine gute Zeit, und sind eng als Familie zusammengerückt.  


Ute vor ihrem Zuhause an der Kronprinzenstraße 62 auf dem Weg zur Hoppeditz Beerdigung, 1988
Ute vor ihrem Zuhause an der Kronprinzenstraße 62 auf dem Weg zur Hoppeditz Beerdigung, 1988

Bald zogen wir auf die Kronprinzenstraße 62: Ich bekam das einmalige Angebot, ein Bürohaus als Hausmeisterin zu führen und im Gegenzug dort mit meiner Familie in einer sehr geräumigen Wohnung zu leben. 30 Jahre lang bin ich dieser Tätigkeit nachgegangen, bis das Haus leider verkauft wurde und wir in die Luisenstraße umziehen mussten, wo ich bis heute wohne.  

Wenn ich abends in einer Karnevals- oder Brauchtumsmission unterwegs war, hat sich mein Mann um die Kinder gekümmert, was wunderbar geklappt hat. Mit dem Brauchtum hatte er zunächst nicht viel am Hut. Das war nicht seine Welt – bis ich ihn damit in Berührung gebracht habe. Durch mich kam er in Kontakt mit dem Düsseldorfer Narrencollegium, und merkte schnell, dass ihm das richtig Spaß machte. Es dauerte nicht lange, bis er sich aktiv einbrachte. Er ging in den Wagenbau und half mit, die Karnevalswagen zu bauen. Diese Arbeit hat ihm so viel Freude bereitet, dass er schließlich dem Verein beitrat. Seine Begeisterung wuchs, und eines Tages übernahm er die Präsidentschaft des Düsseldorfer Narrencollegiums für ein Jahr und war danach mehrere Jahre lang Vizepräsident. 22 Jahre lang hat er sich in fast jeder Minute seiner Freizeit für den Wagenbau eingesetzt – so viel hat er dafür getan, dass es ihm den Spitznamen „Mister Wagenbau“ einbrachte.  

Ute und Peter, 1980
Ute und Peter, 1980

52 Jahre waren wir verheiratet. 2008 erkrankte Peter an ALS. Es brach mir das Herz, zu sehen, wie er 14 Jahre lang gegen die Krankheit ankämpfte und auf intensive Pflege angewiesen war. Dennoch feierten wir unsere Goldene Hochzeit – Peter im Rollstuhl, aber mit ungebrochenem Lebensmut. Wir haben versucht, das Beste aus jeder Situation zu machen. Peters Tod im Juli 2022 war ein schwerer Schlag für mich und unsere Familie.  

 

Familie: Meine beiden Töchter sind mein Glück

Meine beiden Töchter, Claudia und Katja, sind mein Glück. Ich bin stolz auf sie – wie sie ihren Weg gegangen sind und ihr Leben meistern.  

Claudia kam 1965 zur Welt, damals noch in meiner ersten Ehe, die kurz danach gescheitert ist. Es war nicht leicht, sich als alleinerziehende Frau zu behaupten. Allein schon einen Kindergartenplatz für Claudia zu bekommen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Dahingehend hat sich im Vergleich zur heutigen Situation wenig geändert. Doch wir haben es mit viel Unterstützung von Familie und Freunden geschafft, auf die Beine zu kommen. Claudia hat bei der Schlösser Brauereiausschank in der Altstadt (Alte Stadt) eine Ausbildung als Köchin gemacht und ist dann ins Wirtschaftsministerium gewechselt, wo sie heute noch erfolgreich arbeitet.  

Claudia und Katja, 1996
Claudia und Katja, 1996

Ein paar Jahre später in 1971 wurde dann Katja geboren. Schon mit vier Jahren ist sie bei den Karnevalsveranstaltungen mitgezogen, bis sie sogar später als Begleitung des Prinzen in den Einsatz trat. Sich so im Karneval zu engagieren, und das neben ihrem Beruf, war sehr anstrengend, aber Katja war Feuer und Flamme. Heute ist sie Schatzmeisterin des Düsseldorfer Narrencollegiums und unterstützt so ihren Sohn Dennis, der dort die Präsidentschaft innehat. Auf Claudia ist die

Katja als Begleit-Pagin des Prinzenpaars beim Neujahrsempfang des Karnevals-Komitee, Brauerei Schlösser Münsterstraße, undatiert
Katja als Begleit-Pagin des Prinzenpaars beim Neujahrsempfang des Karnevals-Komitee, Brauerei Schlösser Münsterstraße, undatiert

Begeisterung für das Brauchtum nicht ganz so übergesprungen, sie hat vornehmlich im Hintergrund gewirkt und ist eingesprungen, wenn Not am Mann bzw. an der Frau war. Wie gern erinnere ich mich an Hoppeditz Beerdigung, die das Ende der Karnevalszeit markiert und im Düsseldorfer Stadtmuseum begangen wird. Mit Hut und Taschentuch kam Claudia zu der Zeremonie und wir haben gemeinsam „geweint“.   

Als sie klein waren, waren die Kinder häufig dabei. Sie fanden das auch toll. Auch hat mein Mann oft „of die Möbel“ aufgepasst, während ich unterwegs war. 

 

 

Brauchtum: Düsseldorfer Weiter 

Wie sich aus Niederlagen neue Chancen ergeben? Davon könne Ruth Willigalla erzählen, die sich immer für die Rechte der Frauen stark gemacht hat. In den 1970er-Jahren wollte sie Mitglied der traditionsreichen Düsseldorfer Jongens werden. Sie scheiterte damals an den strengen Statuten der Jongens, nahm aber eine Idee mit: Die Jongens schlugen ihr vor, einen eigenen Verein zu gründen. Gesagt getan: 1978 gründete Ruth Willigalla den Heimatverein Düsseldorfer Weiter als Pendant zu den Düsseldorfer Jongens, und ich war gemeinsam mit ihr die Mitgründerin! Im Benrather Hof riefen wir mit 22 weiteren Frauen die Initiative ins Leben, und ich übernahm die Rolle der dritten Vorsitzenden. Mit den Düsseldorfer Weiter organisierten wir unzählige Veranstaltungen, darunter Gründungsfeste in der Rheinterrasse mit 300 hochkarätigen Gästen im feierlichen Rahmen und in Abendgarderobe.  


Ruth Willigalla mit Johannes Rau und Klaus Bungert, undatiert
Ruth Willigalla mit Johannes Rau und Klaus Bungert, undatiert

Die gesamte Organisation dieser Veranstaltungen lag in meinen Händen, von der Dekoration der Bühne, die oft in einem Blumenmeer versank, bis hin zum Engagement der Künstlerinnen und Künstler. Alle Fäden liefen bei mir zusammen. Und wenn Ruth mal verhindert war, sprang ich für sie ein und moderierte die Veranstaltungen, was sehr aufregend war. Von Ruth konnte man viel lernen: Ihre Willensstärke, Empathie und ihr wacher Verstand machen sie zu einer Kämpferin für soziale Ziele und die Sichtbarkeit der Frauen.  

Wir veranstalteten zum Beispiel große Tombolas, die von den bekannten Firmen wie Henkel bestückt wurden. Die Erträge aus den Tombolas haben wir für gute Zwecke eingesetzt. Die Schlösser Brauerei war einer unserer Sponsoren. Da war sehr viel Engagement in der Düsseldorfer Wirtschaft und Stadtgesellschaft spürbar. Parallel zu dieser Unterstützung entwickelte sich ein dichtes Frauennetzwerk: Die zu der Zeit noch wenigen Frauenverbände haben sich miteinander vernetzt und immer gegenseitig zu den Veranstaltungen eingeladen. Mit dieser im wahrsten Sinne des Wortes solidarischen Frauenpower blieb das Brauchtum lebendig und heiter. 

An viele der engagierten Persönlichkeiten verliehen wir die Düsseldorf Weiter Medaille, wie zum Beispiel an Marlies Smeets oder Erna Schulhoff, die Ehefrau von Georg Schulhoff, langjähriger Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf. Auch ich hatte die Ehre, diese Medaille zu erhalten.  

Zu der Zeit waren mehr als 200 Frauen Teil der Düsseldorfer Weiter – ein großartiges Netzwerk, das mich bis heute begleitet: Nachdem ich den dritten Vorsitz bis in die 1990er Jahre innehatte, bin ich immer noch als Mitglied dem Verein verbunden.  

 

Engagement  

Mein Einsatz für die AWO (Arbeiterwohlfahrt) war ein zentrales Kapitel meines Lebens. 23 Jahre leitete ich den Ortsverein Düsseldorf-Altstadt als Vorsitzende. Mit Freude und ein wenig Wehmut denke ich an die vielen Sitzungen im Wilhelm-Marx-Haus zurück. Es war mir immer wichtig, Gemeinschaft zu schaffen, und zwar mithilfe von Veranstaltungen, denn gemeinsame Momente verbinden.  

Weihnachtsfeier des Ortsvereins Altstadt im Wilhelm-Marx-Haus, 1994
Weihnachtsfeier des Ortsvereins Altstadt im Wilhelm-Marx-Haus, 1994

Meine Veranstaltungen waren immer gut besucht, darunter die Karnevalsfeiern mit dem Prinzenpaar, bei denen trotz räumlicher Enge fröhlich getanzt wurde. Parallel dazu war ich 25 Jahre lang Mitglied des Hauptvorstands der AWO. Diese Arbeit hat mir viel bedeutet. Ich konnte Menschen Freude bereiten und etwas bewirken. Die regelmäßigen Treffen, die ich mitorganisiert hatte, boten einen festen Ankerpunkt für viele Menschen. Unsere Weihnachtsfeiern und Veranstaltungen waren immer etwas Besonderes.  


Von 2004 bis 2009 engagierte ich mich im Seniorenbeirat der Stadt Düsseldorf. Besonders stolz bin ich rückblickend auf die Einführung der Ü60 und sogar der Ü100-Partys, für die ich mitverantwortlich war. Für die Ü-100 Party musste natürlich ein mindestens 100jähriger Gast anwesend sein, nur woher? Da kamen mir meine Kontakte zugute und ich fand eine rüstige Dame namens Elfriede, die 101 Jahre alt war. Sie kam zur Party und stand augenblicklich im Mittelpunkt! Die Gäste waren begeistert, sogar die Presse berichtete von dem Event. Wie hat Elfriede sich über diese Aufmerksamkeit und Abwechslung gefreut!  

Auch der Tanztee, den ich einmal monatlich in den Bilker Arcaden mit Essen, Getränken und geschmückten Tischen organisierte, war ein Höhepunkt meiner Tätigkeit. Im Zuge der Veranstaltungen waren mir die musikalischen Beiträge immer wichtig: So buchte ich zum Beispiel bei einer Gelegenheit einen Männergesangsverein aus Hamm, der „Mein kleiner grüner Kaktus“ gesungen hat oder den Musiker Michael Stamm, der mit einer Kapelle spielte. Auch der Kabarettist Manes Meckenstock war zu jedem Anlass ein Highlight, ebenso wie der Musiker Rudi Bodewein, der das Publikum stets begeisterte! Das Programm hatte immer einen positiven Effekt auf die Stimmung: Die Gäste haben nicht mehr aufgehört zu tanzen und waren lebensfroh und lustig. Denn darum ging es ja schließlich. 

Eines meiner Herzensprojekte waren die Seniorenvorstellungen, im Rahmen derer die Seniorinnen und Senioren vergünstigte Tickets für Aufführungen der Komödie an der Steinstraße erhielten. In enger und guter Zusammenarbeit mit den beiden Theaterleitern Paul Haizmann und Helmuth Fuschl habe ich mich zwölf Jahre lang von meinem heimischen Küchentisch aus um den Ticketverkauf für die immer ausverkauften Vorstellungen gekümmert. Von diesen Anlässen habe ich noch viele Autogramme und Erinnerungsstücke aufbewahrt, denn ich begegnete bei dieser Tätigkeit so einigen Stars. Der Schauspieler Millowitsch war auch mal da. Fälschlicherweise habe ich ihn mit Willi angesprochen, dabei war es dessen Sohn Peter. Ich kann nicht leugnen, dass er etwas beleidigt wegen dieser Verwechslung war. Leider wurde die Komödie insolvent und musste vor wenigen Jahren schließen. 

Ute im Café Grenzenlos beim "Promikochen" mit dem Seniorenbeirat, 2008
Ute im Café Grenzenlos beim "Promikochen" mit dem Seniorenbeirat, 2008

Durch meine Arbeit als Seniorenbeirätin bin ich auch mit dem Café Grenzenlos in Verbindung gekommen – eine Einrichtung auf der Kronprinzenstraße für Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben. Seit einigen Jahren stifte ich zur Weihnachtszeit Stollen, um den Gästen im Café Grenzenlos eine Freude zu machen. Auch habe ich in meiner aktiven Zeit die Gäste der Komödie dazu motiviert, den Preis für die Theatertickets aufzurunden und so Mittel für Stollen zu spenden. Und da Mobilität besonders wichtig ist – jeder muss mal zum Arzt oder einen Behördengang erledigen – habe ich eine Zeitlang Fahrkarten gekauft und gespendet, mit dem Ziel, die Menschen im Grenzenlos mobil zu halten.  

Ute im Seniorenbeirat mit Ratsfrau Helga Leibauer bei einer großen Veranstaltung am Bertha-von-Suttner-Platz, 2008
Ute im Seniorenbeirat mit Ratsfrau Helga Leibauer bei einer großen Veranstaltung am Bertha-von-Suttner-Platz, 2008

Ein besonderes Anliegen war mir die Einführung eines Friedhofsmobils, das Seniorinnen und Senioren den Zugang zu Friedhöfen erleichtert. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass ältere Menschen sicher und bequem zu den Gräbern ihrer Liebsten kommen können. Heute noch gibt es das Angebot, aber es droht aus finanziellen Gründen eingestellt zu werden.  

Wegen der Krankheit meines Mannes musste ich leider mit der mir liebgewonnenen Seniorenarbeit aufhören. Aber ich denke jeden Tag an die schönen Begegnungen und Freundschaften, die dort entstanden sind. Denn über all die Veranstaltungen und Formate haben wir uns untereinander vernetzt, was gerade im Alter, aber auch sonst, sehr wertvoll ist. 


Feste  

Ute und Jürgen I. als Seniorenprinzenpaar, 2008-2009
Ute und Jürgen I. als Seniorenprinzenpaar, 2008-2009

Mein Leben war und ist bis heute voller Feste, Feiern, Musik und lachender Menschen.  

2008/2009 hatte ich das Vergnügen, Seniorenvenezia zu sein. In der damaligen Session absolvierte ich mit meinem Prinzen an die 170 Veranstaltungen in Gemeinden, Altenclubs und Kirchen. Regelmäßig gaben wir uns die Klinke in die Hand mit dem „großen“ Prinzenpaar – Lothar Horning und Ute Heierz-Krings, die uns immer wieder begegneten.  


Ute mit Wieland König, ehem. Direktor des Stadtmuseums Düsseldorf in der Rheinterrasse Düsseldorf, 1991
Ute mit Wieland König, ehem. Direktor des Stadtmuseums Düsseldorf in der Rheinterrasse Düsseldorf, 1991

Eine der schönsten Erinnerungen ist die an meinen 50. Geburtstag, den ich dank der guten Bande zum damaligen Direktor Wieland König im Stadtmuseum feiern konnte.  

Die 250 Gäste wurden nicht nur gut bewirtet, sie genossen auch ein herausragendes Bühnenprogramm mit musikalischen Highlights von Ralf Marquis und Hans Heinrich. Sogar ein Fanfarenchor trat auf und krönte die Feierlichkeiten. 

 

Ich war immer sehr viel unterwegs: Als Mitglied von diversen Schützen-, Bürger-, und Heimatvereinen wie den Spiesratze, Düsseldorfer Buch oder den Bilker Heimatfreunden, habe ich unheimlich viele Menschen kennengelernt. Dabei gewann ich den bescheidenen Eindruck, dass ich beliebt war. Das könnte daran liegen, dass ich immer ein offenes Ohr für sämtliche Probleme hatte und jeden respektvoll und freundlich behandelt habe.

Düsseldorf war immer mein Herzensort: Ich wollte nie von zu Hause weg sein. Hier in Düsseldorf von vielen lieben Menschen umgeben und in der Organisation von Freude spendenden Veranstaltungen zu sein – das ist, was ich immer sehr genossen habe. 

Sitzung der Düsseldorfer Weiter und Spiesratze, undatiert
Sitzung der Düsseldorfer Weiter und Spiesratze, undatiert

Was das Brauchtum angeht, war ich nicht nur im organisatorischen Bereich aktiv. Man konnte mich auch guten Gewissens auf die Bühne stellen. So auch mal geschehen, als ich für den damaligen Präsidenten des Narrenkollegiums Jochen Piehl als Präsidentin spontan einspringen musste, weil er nicht aus Hamburg wegkam. Ich war seinerzeit Senatorin des Düsseldorfer Narrencollegiums und habe den Abend durch meine jahrelange Erfahrung gut über die Bühne gekriegt. Nur einen Programmpunkt, einen jungen Trompeter, habe ich aus den Augen verloren, weil er ganz unten auf meinem Sprechzettel stand. Als mir das schließlich auffiel, habe ich das gerade spielende Trio abgebrochen und den Trompeter auftreten lassen. Dafür habe ich mich etwa 96mal entschuldigt. Passiert. So ist das Leben.  


Was mir immer sehr wichtig war: Die Frauen zu stärken. Zum Beispiel habe ich sie bei den Moderationen immer in den Fokus gesetzt und versucht, etwas für ihre Sichtbarkeit zu tun. 

Bei all der Freude und Begeisterung für das Brauchtum, werde ich heute manchmal wehmütig, wenn ich sehe, wie Traditionen verloren gehen, wie zum Beispiel die früheren Talare des Düsseldorfer Narrencollegiums für schwarze Anzüge ausgetauscht werden. Ich weine solchen Details hinterher, denn ich meine, dass solche Bestandteile Teil einer Identität sind und die Historie widerspiegeln. Und mit meiner frechen Schnute erlaube ich mir, das auch so offen zu sagen. 

 

Brauchtum: Enkel Dennis

Heute ist meine Leidenschaft für das Brauchtum ungebrochen. Ich bin regelmäßig bei Sitzungen dabei, helfe bei der Organisation mit und unterstütze, wo ich kann. Dabei treffe ich oft mit meinem Enkel Dennis zusammen, der mit gerade mal 20 Jahren Präsident des Düsseldorfer Narrencollegiums wurde.  

 

Ute und Dennis bei der Funkenartillerie Rot-Wiss, 2012
Ute und Dennis bei der Funkenartillerie Rot-Wiss, 2012

Ich kann es kaum in Worte fassen, wie stolz ich auf meinen Enkel Dennis bin.  

Seine ersten Schritte auf die Bühne machte er mit neun Jahren, beim Lesewettbewerb im Hetjens Museum. Den Wettbewerb hat die Lehrerin Marianne Holle ausgerichtet, die Kinder in Düsseldorfer Platt unterrichtete. Ich sehe es noch genau vor mir: Wie Dennis auf der Bühne saß, ein Buch des Düsseldorfer Heimatdichters Karl M. Fraedrich in den Händen, und mit einer Selbstverständlichkeit die Geschichte vorlas – auf Düsseldorfer Platt, wohlgemerkt! Aber er las nicht einfach nur. Nein, er interagierte mit den Leuten, als wäre es das Natürlichste der Welt. Die Jury hatte keine Wahl – er gewann den Wettbewerb sofort. Dann folgte die Aufnahme in Pänz in de Bütt, ein von Barbara Oxenfort und Josef Hinkel 2008 ins Leben gerufenes Projekt, das sich dem Nachwuchs im Karneval widmet.  

Ute und Dennis, undatiert
Ute und Dennis, undatiert

 

Und das war nur der Anfang. Ein paar Jahre später stand er als Büttenredner auf der Bühne, übernahm Moderationen und begeisterte die Menschen mit seiner offenen Art. Ich kann mir vorstellen, dass seine Leidenschaft für Sprache zum Teil von den vielen Lese-Abenden kommt, die wir gemeinsam verbracht haben. Wie oft haben wir uns gegenseitig vorgelesen! Ganz nebenbei habe ich ihn dabei ein wenig gecoacht im Hinblick auf die Betonung, die Pausen und die richtige Intonation, ohne dass er es überhaupt gemerkt hat. 

Dennis beim ersten Bühnenauftritt in der Rheinterasse, 2004
Dennis beim ersten Bühnenauftritt in der Rheinterasse, 2004

Es war fast schon vorherbestimmt, dass er irgendwann im Karneval eine große Rolle spielen würde. Mein verstorbener Mann Peter war ja selbst einmal Präsident des Düsseldorfer Narrencollegiums. Damals prägte Bruno Schmelter als Präsident und Erster Vorsitzender des Schaustellerverbands das Bild der Gesellschaft – überall in Düsseldorf war er bekannt. Und dann, mit nur 20 Jahren, übernahm Dennis dieses Amt. Eine unglaubliche Leistung für jemanden in diesem Alter! Bei seinen Auftritten war Dennis‘ Vater Dirk auch meistens dabei und unterstützte gemeinsam mit Mutter Katja den gemeinsamen Sohn auf seinem Weg. Im Jahr 2025 hat Dennis sogar die Fernsehsitzung aus Düsseldorf für das Comitee Düsseldorfer Carneval moderiert und Rosenmontag die Radio-Moderation bei Antenne Düsseldorf erfolgreich bestritten. 

Wenn ich an all die Jahre zurückdenke, an die Nächte, in denen er als kleiner Junge bei mir übernachtet hat, an die unzähligen Geschichten, die wir uns gegenseitig vorgelesen haben, wird mir ganz warm ums Herz. Dennis hat seinen Weg gefunden, und ich könnte nicht stolzer sein. 


 

Engagement und Mitgliedschaften 

  • Gründungsmitglied des Düsseldorfer Frauen-Heimatvereins Düsseldorfer Weiter e.V. (1978), jahrzehntelanges Engagement, Mitglied bis heute 

  • Senatorin „Düsseldorfer Narrencollegium“ und Bausenatorin der Karnevals-Gesellschaft „Spiesratze“ 

  • AWO-Mitglied seit 1993, Mitglied des Kreisvorstands der AWO, Vorsitzende des AWO-Ortsvereins Altstadt bis 2017, seit 2002 Mitglied des Aufsichtsrats der VITA gGmbH, seit 2007 der BBZ gGmbH und seit 2008 der Familienglobus gGmbH. Beisitzerin im Kreisvorstand seit 2000; bis heute Mitglied der AWO 

  • Mitglied im Seniorenbeirat der Stadt Düsseldorf (2004-2009), Organisation von Seniorenveranstaltungen und Senioren-Sprechstunden 

  • Engagement für die Komödie Steinstraße für Seniorenvorstellungen 

  • Unterstützung des Café Grenzenlos mit Spenden, Promi-Kochen und Veranstaltungen 

  • Mitglied der Närrischen Marktfrauen 

  • Gast bei den Bilker Heimatfreunden, Martinsfreunden und Düsseldorfer Buch 

 

Düsseldorfer Narrencollegium 

Das Düsseldorfer Narrencollegium e.V., gegründet 1952, versteht sich als „Akademie der Narretei“ und verbindet scharfsinnigen Humor mit karnevalistischer Tradition. Die Gesellschaft wählte die Eule als ihr Wappentier, ein Symbol für Weisheit und närrische Klugheit. Unter der Leitung des Gründers Kurt Streckfuß entwickelte sich das Narrencollegium zu einer festen Größe im Düsseldorfer Karneval. Heute setzt der Verein unter der Präsidentschaft von Dennis Vobis mit Veranstaltungen wie dem Dozenten-Frühschoppen und der Internationalen Sitzung im Kolpinghaus seine Tradition fort und bleibt dabei seinem Motto „Freude uns und Anderen“ treu. 

 

Düsseldorfer Platt (Mundart) 

Das Düsseldorfer Platt, auch „Düsseldorwer Platt“ genannt, ist ein niederfränkischer Dialekt, der traditionell in Düsseldorf gesprochen wurde. Sprachhistorisch zählt es zum Südniederfränkischen und grenzt sich durch die Benrather Linie vom Mittelfränkischen ab. In jüngerer Zeit wird das Platt zunehmend vom Rheinischen Regiolekt verdrängt, der auch Elemente des Kölner Dialekts aufgenommen hat. Theo Lücker (1914–2001) war ein bedeutender Förderer des Düsseldorfer Platt. Er war Mitbegründer des Kabaretts „Die Stariker“ und engagierte sich als freier Mitarbeiter bei Düsseldorfer Tageszeitungen. 1969 gründete er den Verein „Mundartfreunde Düsseldorf e.V.“, um die lokale Mundart zu pflegen und zu bewahren. 1975 gründete er den Verein "Freundeskreis Düsseldorfer Buch '75 e.V.", der sich schnell zu einem Forum für Lyriker, Literaten, Maler und Bildhauer entwickelte. 

 

Düsseldorfer Spiesratze 

Die Gesellschaft Düsseldorfer Spiesratze e.V. 1911 ist eine traditionsreiche Karnevalsgesellschaft, deren Wurzeln bis ins Jahr 1896 zurückreichen. Damals gründeten Bauhandwerker die „Spießratzen-Innung“, die sich durch ihre handwerklich geprägte Symbolik und den Ruf „Spieß op!“ auszeichnete. Nach einer kurzen Unterbrechung wurde die Gesellschaft 1911 neu gegründet und etablierte sich als „Rednerschule des Düsseldorfer Karnevals“. Bis heute pflegen die Spiesratze ihre handwerkliche Tradition mit Veranstaltungen wie der „Grundsteinlegung“ und verleihen Ehrentitel wie „Diplom-Handlanger“ auf ihrer „Närrischen Baustelle“. ​Ute Schreiber wurde als Baumeisterin der Spiesratze ausgezeichnet. 

 

Düsseldorfer Weiter 

​Ein am 25. April 1978 von Ruth Willigalla und 22 Düsseldorferinnen gegründeter Heimatverein, um Frauen eine aktive Rolle im Brauchtum und Karneval zu ermöglichen. Eine der 22 Gründerinnen ist Ute Schreiber. Der Begriff „Weiter“ stammt aus der Düsseldorfer Mundart und bedeutet „Mädchen“. Der Verein widmet sich der Pflege von Traditionen durch Veranstaltungen wie Vorträge, Wanderungen, Denkmalpflege und karitative Projekte. Im Karneval sind die „Weiter“ besonders aktiv, etwa bei der Rathausstürmung an Weiberfastnacht und der Hoppeditz-Beerdigung an Aschermittwoch, die sie gemeinsam mit anderen Karnevalsgesellschaften und dem Stadtmuseum organisieren. 

 

Funkenartillerie Rot-Wiss 

Ein 1935 von Hubert Creson Senior, Utes Schreibers Großvater, in Düsseldorf gegründeter Karnevalsverein. Seit 1949 bereichert eine eigene Tanzgarde, bestehend aus Männern und einem Funkenmariechen, den Verein. Ein besonderes Anliegen ist die Verleihung der Leo-Statz-Plakette, die seit 1958 an Persönlichkeiten vergeben wird, die sich um das Brauchtum und die Stadt Düsseldorf verdient gemacht haben. Am Leo-Statz-Platz im Düsseldorfer Stadtteil Unterbild ist ein Gedenkstein für Leo Statz aufgestellt worden, der als Kritiker des Nationalsozialismus zu Tode verurteilt wurde. 

 

Karnevals-Komitee bzw. Karnevalsausschuss 

Heute bekannt als Comitee Düsseldorfer Carneval e.V. (CC), wurde der Verein 1825 gegründet und fungiert als Dachorganisation für rund 70 Karnevalsvereine mit etwa 8.000 Mitgliedern in Düsseldorf. Es organisiert zentrale Veranstaltungen wie das Hoppeditz-Erwachen am 11. November, die Prinzenkürung, den Rosenmontagszug sowie Fernsehsitzungen im WDR und der ARD. Der Vorstand besteht aus elf ehrenamtlichen Mitgliedern, die von den angeschlossenen Vereinen gewählt werden. Zum 200-jährigen Jubiläum im Jahr 2025 steht die Session unter dem Motto „200 Johr – hütt on wie et wor“. Hubert Creson Senior und Hubert Creson Junior waren Mitglieder.  

 

Komödie an der Steinstraße 

Die Komödie an der Steinstraße war ein traditionsreiches Boulevardtheater im Herzen Düsseldorfs, das 1962 von Anija Gräfin Orlowska gegründet wurde. Über sechs Jahrzehnte hinweg bot sie ihrem Publikum niveauvolle Unterhaltung mit bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern wie Lil Dagover, Harald Juhnke, Peter Millowitsch und Heidi Mahler. 2003 übernahmen Helmuth Fuschl und Paul Haizmann die Intendanz des Theaters. Nach mehreren Betreiberwechseln und einem Umzug ins Capitol-Theater musste das Theater 2023 aufgrund von Insolvenz den Spielbetrieb einstellen. Trotz des Endes bleibt die Komödie Steinstraße ein bedeutender Teil der Düsseldorfer Theatergeschichte. Ute Schreiber hat sich hier als Seniorenbeirat jahrelang engagiert und zum Beispiel über einen Ticketverkauf Sondervorstellungen für Senior*innen möglich gemacht. 

 

Närrische Marktfrauen 

​Ein 1949 von Katharina Creson als reine Frauen-Karnevalsgesellschaft gegründeter Verein und seitdem ein fester Bestandteil des Düsseldorfer Karnevals. Charakteristisch war die Tracht der Marktfrauen mit Kopftuch, langem schwarzen Rock, blau-weißer Schürze und Holzschuhen. Mit und einem Wagen voller Marktgemüse nehmen die Marktfrauen seit 1952 am Rosenmontagszug teil. Heute tragen die Marktfrauen bunt geschmückte Hüte und küren jährlich den „Sellerieprinzen“, der als einziger Mann die Damen durch die Session begleitet.  


Auszeichnungen (Auszug) 

Johanna-Ey-Medaille der „Düsseldorfer Weiter“

Gebrüder Jacobi-Plakette des Freundeskreises Düsseldorfer Buch

Martinstaler der Stadt Düsseldorf (2009)

Bundesverdienstkreuzes am Bande seit 2013 (verliehen vom Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf) 


Erzählt von Ute Schreiber

Geschrieben von Barbara Wolf

 

 

 
 
 

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