Feinkostgeschäft statt Friseursalon

Im Krieg hatte es Else M. (*1930 in Düsseldorf) mit ihrer Familie u.a. nach Schlesien und Landau/Bayern verschlagen. Im Sommer 1945 kehrte sie zurück nach Düsseldorf und merkte früh, dass sie trotz Schikanen nicht aufbegehren durfte. Sie wollte Friseurin werden. Doch es gab im bombenverwüsteten Düsseldorf nur einen einzigen Friseurladen. Enttäuscht begann sie eine Lehre in einem Feinkostgeschäft, was sie dann auch gut fand. Sie schildert, was sie lernte, wie viel Geld sie verdiente und was sie alles tun musste.



„Pflichtjahr und eine dämliche Ziege“

Nach Beendigung meiner Schulzeit in Oberschreiberhau/Schlesien musste ich mich beim Arbeitsamt melden um mein sogenanntes Pflichtjahr (1) zu erfüllen. Das bedeutete, dass ich am 1. April 1944 in einer Drogerie bei Herrn K. arbeitete. Seine Frau war, salopp ausgedrückt, eine dämliche Ziege. Ob ich Strümpfe stopfen könnte, wollte sie von mir wissen. „Aber selbstverständlich! Das hat mir meine Mutter beigebracht!“, habe ich ihr etwas patzig geantwortet. Ich habe mich dann sehr bemüht und fand meine Arbeit auch wirklich gut. Ihr schien es jedoch nicht gereicht zu haben, denn sie hat die Strümpfe jedes Mal wieder aufgeschnitten, so dass ich von vorne anfangen musste. Ich war unglaublich sauer und habe oft deswegen geweint. Aber sagen durfte ich nichts. Unter Hitler durfte man keine Widerworte geben. Wer weiß, wo sie mich dann hingebracht hätten?


Lehre als Drogistin – das war ja gar nicht meins!

Das Ehepaar K. wollte, dass ich nach dem Pflichtjahr bei ihnen meine Lehre als Drogistin anfange. Um Gottes Willen! Und dann auch noch bei den beiden Personen. Ich musste bei ihnen alle Arbeiten erledigen. Den ganzen Haushalt und im Anschluss daran habe ich noch in der Dunkelkammer Bilder entwickelt. Die wurden in Entwicklerflüssigkeit gelegt und mit Hilfe von kleinen Klammern auf einer Leine aufgehängt. Wenn ich den Boden im Laden putzen sollte, bekam ich keinen Schrubber, sondern nur ein kleines Brett mit einer leichten Polsterung. Auf den Knien musste ich die großen Flächen, nur mit einer einzigen kleinen Bürste, putzen. Wenn ich in das Schlafzimmer sollte, um die Betten zu machen, musste ich mir, auf Wunsch von der Chefin, extra eine weiße Schürze anziehen.


Mein Vater wolle auch, dass ich bei ihnen meine Lehre mache. Etwas Besseres könnte mir schließlich nicht passieren. Aber ich wollte überhaupt nicht. Anfang Februar ist mein Vater zu ihnen gegangen, um den Arbeitsvertrag für mich aufzusetzen. Im April wäre das Pflichtjahr regulär zu Ende gewesen und ich wäre ihr Lehrling geworden. Aber es sollte, zum Glück, anders kommen …


Flucht aus Oberschreiberhau und Pflichtbewusstsein

Mein Vater rief bei uns in der Drogerie an und sagte, dass ich sofort nach Hause kommen sollte. Wir müssten aus Oberschreiberhau flüchten, denn auch hier wären jetzt die Russen angekommen und die ersten Schüsse fielen. Ich durfte allerdings nicht den Ort verlassen, bevor ich nicht beim Arbeitsamt gewesen war, um mir den offiziellen Abmeldestempel in meinem Arbeitsheft abzuholen. Ich konnte die Schüsse schon überall hören und bin regelrecht um mein Leben gerannt. So schnell, dass mir die Zunge fast aus dem Halse hing. Aber ich wusste, dass die deutsche Bürokratie eingehalten werden musste.


Geplatzter Berufswunsch

Eigentlich wollte ich immer Friseurin werden, auf jeden Fall wollte ich einen Beruf in der Kosmetik ausüben. Inzwischen – nach Kriegsende – wieder in Düsseldorf wohnend, bin ich jeden Morgen zum Arbeitsamt gegangen. „Wir haben nix, wir haben nix!“, hieß es dort immer. Die Dame vom Amt sagte mir irgendwann etwas verzweifelt, nachdem ich unzählige Tage schon bei ihr nachgefragt hatte, ich sollte mal mit ‚meiner Friseurin‘ aufhören. Ob ich überhaupt wüsste, wie viele Friseure es gerade im bombenverwüsteten Düsseldorf gäbe? Gerade einen einzigen Friseurladen gäbe es nur noch. Die Aussicht auf eine Lehrstelle in diesem Bereich ging also weit unter Null.


Nachdem sich die erste Enttäuschung darüber gelegt hatte, wollte ich dann nur noch irgend etwas lernen, irgendeinen Beruf. Später könnte ich nochmal wechseln. Wir haben damals in so vielen Bereichen immer auf ‚später‘ gehofft, auch, wenn dies oft nicht kam. Die Dame vom Arbeitsamt sagte mir (nachdem meine Auswahl offener wurde), dass auf der Kasernenstraße ein Haushaltswarengeschäft wäre, das noch Lehrlinge sucht. Aber Haushaltswaren waren mir zu unpersönlich. Darauf hatte ich keine Lust. Dass ich nicht in meinem Wunschberuf arbeiten konnte, hatte ich verstanden. Dann sollte die Alternative aber wenigstens besser zu mir passen, als das.


Dann wurde mir eine Lehrstelle in einem Feinkostgeschäft auf der Lorettostraße in Unterbilk angeboten. Als ich das erste mal dort ankam, um mich vorzustellen, war die Chefin noch in Trauer, da ihr Mann kurz vor Kriegsende erschossen worden war. Sie war wirklich sehr nett und hat mich immer ‚Kleen‘ genannt, weil ich doch mit meinen 15 Jahren noch so klein und jung war. Es würde ihr von Herzen leidtun, aber die Stelle wäre schon besetzt worden. Ich hätte weinen können, aber was sollte ich machen?

Daraufhin bin ich traurig nach Hause gegangen und sah mich schon am folgenden Tag erneut auf dem Arbeitsamt. Es sollte jedoch anders kommen.

Abends schellte es bei uns und die sogenannte "erste Verkäuferin" des Feinkostgeschäfts stand vor der Tür. Sie wollte mich sprechen. Sie wäre mit dem Mädchen, das die Stelle bekommen hatte, nicht zufrieden und würde mich stattdessen gerne einstellen. Also habe ich dort am 1. Oktober 1945 doch meine Lehre antreten können!


Lehrjahre: Viel Arbeit für wenig Lohn

Im ersten Lehrjahr habe ich im Monat 15 Reichsmark verdient. Im zweiten Lehrjahr waren es 25 Reichsmark und im dritten Lehrjahr 35 Reichsmark. Ein gutes Ei auf dem Carlsplatz hatte damals 30 Pfennig gekostet. Wenn man das in Relation setzt, ist das nicht sehr viel Lohn gewesen, für den ich jeden Tag zwölf Stunden arbeiten musste. Außer mittwochs, da wurde das Geschäft ab und zu früher geschlossen. Urlaub gab es nur 14 Tage im Jahr, mehr nicht.


Pause oder Essen

Wir konnten uns damals aussuchen, ob wir lieber zwei Stunden Pause machen, oder ein Mittagessen haben wollten. Da es zu der Zeit noch nicht so viele Lebensmittel gab, die wir uns leisten konnten, haben wir uns meistens für das Essen entschieden. Allerdings mussten wir es selber kochen. Das hat mir aber viel Spaß gemacht, weil wir Mädchen untereinander viel von jeder Anderen lernen konnten, auch, wenn wir dafür auf die Erholungspause verzichtet haben, die oft sicherlich sehr nötig gewesen wäre. Dafür hatten wir aber frisches, gesundes Essen.


Der Juniorchef war auch ab und zu dabei und hat mitgegessen. Einmal hatten wir Linsensuppe und die war so lecker, dass wir sie nahezu alleine aufgegessen hatten.

Blöderweise hatte er an dem Tag einen Vertreter bei sich und ihn zum Essen eingeladen. Was tun? Not macht erfinderisch: Wir haben die restliche Suppe mit Wasser aufgegossen. Kein Wunder, dass er abends unserem Chef davon erzählte und es entsprechend Ärger für uns gab. Egal, wir hatten Spaß zusammen! Der gehörte, damals wie heute, dazu.


An den Wochenenden war immer jede Menge zu tun. Da wurde auch noch jede Scheibe Wurst für die Kunden einzeln ganz frisch aufgeschnitten. Das war anders als heute, wo schon Berge von geschnittener Wurst seit Stunden in der Auslage liegen. Aber das war eben auch der Unterschied zu einem Feinkostgeschäft wie unseres eins war.


Hasen, Hühner und Heringe

Vor Feiertagen, besonders vor Weihnachten, haben wir oft bis weit in die Nacht gearbeitet. Wir durften uns für nichts zu schade oder zu fies sein. Wir haben selber Hühner ausgenommen, Hasen das Fell abgezogen, alles. Das hätte ich vorher niemals gekonnt, aber unser Chef hat es uns gezeigt und die Angst, vielmehr den Ekel davor genommen. Ich habe dort wirklich sehr viel gelernt. Jeden Monat haben wir alleine über 300 Heringe sauber gemacht und dann selber eingelegt. Die Leute haben das sehr geschätzt und daher immer bei uns eingekauft.


Streben nach mehr und ein bisschen Schwindeln

Ich habe bis 1948 – also über drei Jahre – den Beruf ‚Verkäuferin‘ erlernt. Damals hieß das 'Kaufmannsgehilfe', und man bekam zum Abschluss den Kaufmannsgesellenbrief. Heute sagt man dazu ‚Einzelhandelskauffrau‘. Es war eine sehr harte, aber auch lehrreiche Zeit für mich.


Die Lehrjahre waren wirklich toll. Wie ich vom Wesen her aber war, wollte ich noch mehr machen. Ich wollte voran kommen und mich nicht als eine Verkäuferin zufrieden geben.

Also bin ich zu einem großen Warengeschäft auf der Ronsdorfer Straße gegangen. Ganz allein. Ich habe erst mal keinem davon erzählt, einfach leise, still und heimlich. Dort musste ich eine Prüfungsaufgabe machen, die ich bestanden habe und somit die Aussicht auf eine Stelle hatte. Ich hatte mir vorgestellt, mal Filialleiterin zu werden.


Allerdings war ich zu dem Zeitpunkt noch keine 21 Jahre alt, sondern erst 18 und somit noch nicht großjährig, das heißt, noch nicht volljährig. Erst mit Vollendung des 21. Lebensjahres hatte man alle Rechte und Pflichten eines Erwachsenen.

Als ich meinem Vater regelrecht gebeichtet hatte, dass ich mich dort beworben habe, sagte er ungläubig streng: „Du wirst doch wohl nicht von Deinem jetzigen Arbeitgeber weggehen? Hast du schon mit ihnen gesprochen?“. Das hatte ich selbstverständlich noch nicht.

Warum ich denn von ihnen weg wolle, wollte mein Chef wissen, als ich im einige Tage später von meinem geplanten Wechsel erzählte. Meine Erklärung schien ihm nicht zu reichen, denn auf einmal sagte er als abschließende Aussage hierzu: „Schicke mal deinen Vater zu mir.“


Als mein Vater abends zu ihm ging, war mir schon im Vorfeld klar, dass ich nicht wegkomme und die neue Anstellung ein Traum bleiben würde. Mein Vater hatte sein ganzes Leben lang die Einstellung: „Was du hast, weißt du, was du kriegst, weißt du nicht“.

Damals habe ich nach der Lehre 70 Reichsmark im Monat verdient. Nachdem mein Chef mit meinem Vater gesprochen hatte und klar war, dass ich bleibe, wollte er allerdings wissen, was ich im anderen Geschäft verdient hätte. Wie das heute auch so ist, habe ich etwas übertrieben und ihm gesagt, es wären 110 Reichsmark. Die konnte er natürlich nicht zahlen. Aber volle 20 Reichsmark mehr waren drin. „Also, Mädchen, bleibste hier?“, wollte er nach diesem Angebot von mir wissen. Auf keinen Fall wollte er mich als Arbeitskraft gehen lassen und somit bin ich geblieben.


Nach dem Gespräch mit meinem Vater war ich demnach monatlich um 20 Reichsmark reicher, durfte die Kasse bedienen und die Schaufenster dekorieren. Letzteres sollte nicht ganz unwichtig für mein weiteres Leben sein …“


(1) Die Nationalsozialisten hatten 1938 das Pflichtjahr eingeführt. Es galt für alle Frauen unter 25 Jahren und verpflichtete sie zu einem Jahr Arbeit in der Land- oder Hauswirtschaft. Mädchen und Frauen sollten so auf ihre zukünftigen Rollen als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden. Den Haushalten sollten so die fehlenden Arbeitskräfte der Männer, die als Soldaten im Krieg waren, teilweise ersetzt werden. Ohne den Nachweis über das abgeleistete Pflichtjahr konnte keine Lehre oder anderweitige Ausbildung begonnen werden. Daher war es notwendig, alles im sogenannten Arbeitsbuch zu dokumentieren.

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Auszug aus „Meine Geschichte – Aus dem Leben von Else M.“, geschrieben von Jenny D., bearbeitet von Barbara H.


Foto: Daniel Friesenecker/Pixabay