"Ich war ein ungeliebtes Kind, aber bei meinen Großeltern hatte ich es sehr gut"

Elfriede wurde 1925 in Glogau/Schlesien geboren. Sie wuchs als uneheliches Kind bei ihren Großeltern auf, in liebevollen, aber einfachen Verhältnissen. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war immer sehr angespannt. Die Erzählerin schildert sehr anschaulich und detailreich, insbesondere die vielen Möglichkeiten, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Diese unbeschwerte und naturnahe Zeit endet mit ihrer Flucht 1945 in den Westen.



Ein ungeliebtes Kind

Zur Welt kam ich im Juli in Glogau, Niederschlesien, zu Hause, so wie es zu der Zeit üblich war, als erstes Kind meiner Mutter. Ich erhielt den Nachnamen meiner Mutter. Von der Familie wurde ich Elli gerufen, meine Freundinnen nannten mich, typisch schlesisch, Friedel.

Meine Mutter war bei meiner Geburt gerade 17 Jahre alt und unverheiratet. Heute ist das kein Problem, aber in der damaligen Zeit war das eine riesige Sünde und Schande. Ich war schuld, dass sie so einen Ärger hatte. Und sie hatte Wut auf mich, weil mein Vater sie alleingelassen hat. Außerdem hatte sie Schwangerschaftsstreifen. Das hat sie mir nie verziehen. Sie hat mir immer das Gefühl gegeben, nicht geliebt zu werden. Eben ein ungeliebtes Kind.

Meine Mutter bedauere ich auf eine Art, was sie alles wegen mir mitgemacht hat. Sie hat nur getan, was alle getan haben. Aber sie hatte das Pech, dass sie und mein Vater mich dabei gezeugt haben.

Bis zu ihrer Hochzeit im Jahr 1927 hat meine Mutter mit mir bei ihren Eltern gelebt. Sie hatte ständig Streit mit meiner Großmutter, und immer ging es um mich. Das Gefühl, immer schuld zu sein, verfolgt mich schon mein ganzes Leben.


Großmutter: Streng katholisch, einfache Verhältnisse, eine kluge Frau

Auch für meine Großeltern war die Situation, eine ledige Mutter als Tochter zu haben, nicht einfach, zumal meine Großmutter sehr gläubig und streng katholisch war. Als ich älter wurde, habe ich von meiner Großmutter oft gehört: “Bring du mir ja nicht auch ein Kind an!“ Trotzdem hat sie mir immer vertraut und ich konnte überall hingehen.

Als ich zwei Jahre alt war, bin ich mal kurz bei meiner Mutter und ihrem neuen Ehemann gewesen. Ich muss wohl ständig geschrien haben: “Zur Mutter gehen, zur Mutter gehen!“ (mit „Mutter“ meinte ich meine Oma). Als ich dann noch das Bett nass gemacht habe, gab mir mein Stiefvater einer Ohrfeige ins Gesicht, so dass sich seine Finger auf meiner Wange abzeichneten. In dem Moment ist meine Oma gekommen, sah die Streifen auf meiner Wange und nahm mich sofort mit nach Hause.

Meine Großmutter war bei meiner Geburt 50 Jahre alt und hatte insgesamt drei Kinder. Obwohl sie streng katholisch war, war sie auch sehr abergläubisch. Sie hatte ein Traumbuch neben ihrem Bett, um nachschlagen zu können, was ihre Träume bedeuten.

Obwohl meine Großmutter in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und gelebt hat, war sie eine sehr kluge Frau.

Mein Großvater war acht Jahre jünger als meine Großmutter. Er ist mit einer Baufirma nach Aachen gegangen und hat am Westwall mitgebaut. Dann kam er immer nur für wenige Wochen im Jahr im Urlaub nach Hause.


Mein Vater musste Alimente bezahlen

Von ihm weiß ich nur, dass er ein Freund meines Großvaters und verheiratet war. Mit seiner Ehefrau hatte er vier, und außer mir noch weitere uneheliche Kinder. Meine Großeltern haben vor Gericht durchgefochten, dass er die Vaterschaft anerkannte und für mich Alimente zahlen musste. Das war nicht viel, ich glaube 18 Reichsmark im Monat, aber Oma hat das Geld für mich auf ein Sparbuch gelegt und am Ende waren es 2000 Mark.

Heute ärgere ich mich, dass ich damals nicht nach meinem Vater geforscht habe, aber als mir klar wurde, dass ich von ihm und seiner Familie nichts wusste, begann der Krieg und wir hatten andere Probleme.


Obst und Gemüse aus dem Schrebergarten und vom Feld

Meine Großmutter hatte einen Schrebergarten, in dem sie Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anbaute. Trotzdem half ich schon als Kind mit, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.

So war das Ährensammeln eine wichtige Arbeit, die meistens die Kinder machten. Man lief über die abgeernteten Felder und las die dort noch liegenden Ähren auf. Die brachte man dann zur Mühle und konnte das gemahlene Mehl mit nach Hause nehmen.

Die Oma ging zum Bauern, um Kartoffeln zu lesen. Die Kartoffeln wurden von einer Maschine aus der Erde gezogen, aber aufsammeln musste man sie von Hand. Dabei habe ich ihr geholfen. Dafür bekam ich vom Bauern 50 Pfennig und einen Korb Kartoffeln.

Für unseren kranken Lehrer haben wir Kräuter gesammelt, aus denen er sich einen Tee gemacht hat. Wir haben wilde Erdbeeren, Brombeerblätter, Schafgarbe und Kamillenblüten gesammelt. Für einen Beutel mit Kräutern haben wir 50 Pfennig bekommen. Das war damals viel Geld.


Beim Essen hatte ich so meine Marotten

Damals war ich, wie man sagte „ganz gut dabei“, also ganz schön pummelig. Gegessen habe ich aber nur zu Hause, woanders habe ich nichts angerührt. Wenn wir jemanden besuchen gingen, hat Oma für mich immer eine Stulle mitgenommen.

Da ich keine Milch mochte, wurde mein Pudding von der Oma mit Wasser gekocht. Selbstverständlich aß ich auch keine Butter, war ja auch Milch. Eine Tafel Schokolade hielt bei mir wochenlang. Manchmal habe ich abends ein Stück genascht. Das reichte dann aber auch. Ich war noch nie für Süßes.


Meine Lieblingsspeisen

Wenn der Bauer im Dorf geschlachtet hatte, haben wir uns eine Kanne Wurstsuppe geholt. Das ist die Brühe, in der die Wurst gekocht wurde und darin waren noch die aufgeplatzten Würste. Manchmal gab es auch eine Blut- oder Leberwurst extra. Das würde ich heute noch mal gerne essen. Die Schlesier konnten die beste Wurst machen!

Was mir besonders gut geschmeckt hat, waren Opas Zwiebel- oder Knoblauchbrote. Dabei wird der Knoblauch bzw. die Zwiebel in feine Scheiben geschnitten und dicht nebeneinander aufs Brot gelegt. Himmel, muss das gestunken haben!

Die Oma hat Salz- und Senfgurken eingelegt und auch das Sauerkraut selbst gemacht. Dazu gab es Blutwurst und Kartoffelpüree. Als die Großeltern in den fünfziger Jahren zu mir nach Bad Godesberg kamen, haben die Großmutter und ich auch wieder Sauerkraut gemacht.

Da die Großeltern arme Leute waren, gab es bei uns Häckerle mit Pellkartoffeln, ein typisch schlesisches Gericht. Salzheringe, Speck und Zwiebeln werden durch den Fleischwolf gedreht, also gehackt. Das sieht nicht appetitlich aus, schmeckt aber herrlich!


Am Heiligen Abend gab es immer Hirse mit Grünlingen (Pilze) und Bratwurst. Nach der Messe aßen wir noch Mohnklöße. Das sind keine Klöße, sondern eine Art kalter Auflauf mit Semmelscheiben, Milch, Rum, Sultaninen und Mandeln, Zucker und natürlich Mohn. Dieses Gericht gab es bei uns nur am Heiligen Abend.


Die herrlichen Zeiten hörten dann auf

Mit dem Krieg hörten diese herrlichen Zeiten auf. Da haben wir manchmal gehungert. Im und nach dem Krieg gab es Lebensmittel nur noch auf Marken, jedenfalls in der Theorie. Meistens gab es nur trockenes Brot. Man brauchte eine Zuzugsgenehmigung, um Lebensmittelmarken zu erhalten.


Ausschnitt aus: "Ein nicht üblicher Lebensweg", erzählt von Elfriede U., geschrieben von Ute M-P, Auszug verfasst von Marion PK


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