Adeles Kindheit: Zwischen Puppen, Hühnern und Kino

Adele N. erzählt, dass sie ein behütetes Kind war. Ihr Bruder war fast 20 und ihre Schwester fast zwölf Jahre alt, als sie am 15. September 1931 in Düsseldorf als Nachkömmling geboren wurde. Sie berichtet nur Gutes über ihre Familie, und ihren Vater hat sie sehr geliebt.

Aus Köln nach Düsseldorf gezogen

Ich war zwar nicht geplant, wurde aber herzlich in meiner Familie willkommen geheißen. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Kfz-Meister und Fahrlehrer. Beide waren ursprünglich aus Köln gekommen, dann aber nach Düsseldorf gezogen, als der Vater eine Anstellung bei den Düsseldorfer Stadtwerken bekam, die auch bei der Wohnungssuche behilflich waren. Sie zogen in eine Wohnung auf der Scheurenstraße.

Alle Verwandten und Bekannten waren sehr beeindruckt, dass die Wohnung eine Innentoilette hatte – damals eine Seltenheit.

Zu der Wohnung gehörte ein Stück Hof, denn sie lag im Parterre. In dieser Wohnung wuchs ich auf und lebte dort bis 1943.

Nie, nicht ein einziges Mal, bin ich von meinen Eltern geschlagen worden. Und wenn ich in der Schule von einer Lehrperson geschlagen worden wäre, dann hätte mein Vater sicher einen Aufstand gemacht.

Klötzchen, Kaufmannsladen, Puppen und Bilderbücher

Meine Eltern legten sehr viel Wert auf pädagogisch wertvolles Spielzeug. Ich erinnere mich, dass ich vor der Schulzeit Klötze mit Märchenbildern hatte, die man wie ein Puzzle zusammenstellen musste. Ich war immer sehr stolz, wenn ich so ein Bild richtig gelegt hatte. Dann hatte ich auch einen Kaufmannsladen zum Spielen mit Waage und Telefon. Da ich kein eigenes Kinderzimmer hatte, spielte ich in unserer großen Wohnküche und war also immer beaufsichtigt.

Während ich auf dem Küchentisch meinen Kaufmannsladen aufbaute, saß meine Mutter mir gegenüber und bügelte, strickte, häkelte oder nähte. Gleichzeitig war sie meine „Kundin“: Wenn die Schokoladenkaffeebohnen alle aufgegessen waren, hatte ich keine Lust mehr und spielte mit meinen Puppen, die ich im Puppenwagen spazieren fuhr.

Am liebsten war mir meine Puppe der Marke Schildkröt (1), die ich an- und ausziehen konnte.

Ich hatte auch Bilderbücher. Unser Bücherschrank war gut gefüllt. Das spornte mich an, lesen zu lernen. Lesen ist auch heute noch für mich das Wichtigste.

Ein Schuss auf die Milchkanne

Mein Vater hat immer gern geschossen. Er hatte im Garten eine Art Schießstand mit Zielscheibe, da durfte ich auch schießen. Das tat ich gern und gut. Ich erinnere mich an eine Geschichte mit unserer Milchkanne aus Zink. Die hing immer am Spülstein, weil sie nach dem Milchkauf dort gespült wurde. Mein Vater und ich hatten immer mit farbigen „Flümmchen“ geschossen, und eines Tages schoss ich zum Entsetzen meiner Eltern auf diese Milchkanne. Die war natürlich danach kaputt, und es gab Ärger.


Begabungen

Meine Eltern legten auch viel Wert auf Musik. Wir hatten ein Klavier, und ich bekam dazu noch ein Akkordeon. Mein Vater spielte Geige und machte oft mit Nachbarn Hausmusik. Leider stellte sich heraus, dass ich wie meine Mutter hoffnungslos unmusikalisch war. Ich konnte ein paar Stücke nach Noten spielen, aber es war eigentlich sinnlos.

Mein Vater hatte wirklich sehr viele Begabungen. So hat er auch viele Bilder gemalt, die zum Teil heute noch in unserem Wohnzimmer hängen. Am liebsten mochte mein Vater Schokolade und Zigarren. Eigentlich war er kein Raucher. Er hat nur einmal in der Woche eine Zigarre geraucht.

Märchen, Spieleabende und eine Standuhr

Den unverwechselbaren Geruch, den diese beiden Dinge zusammen verströmten, wenn mein Vater die Uhrentür öffnete, werde ich nie vergessen. Jetzt, beim Erzählen, rieche ich ihn wieder.

Es war Vaters Privileg, die Standuhr aufzuziehen. Ich durfte sie nicht anfassen. Mein Vater sagte, darin lebten "die sieben Geißlein". Und keiner kann sagen, das stimmt nicht. Ich habe sie schließlich als Kind gesehen, als sie aus der Uhr sprangen und dann wieder hinein.

Mit meinem Vater habe ich „Mensch ärgere dich nicht“, „Mühle“ und „Dame“ gespielt, auch Kartenspiele. In der Küche wurde dann abends die Lampe über dem Tisch heruntergezogen, und während wir spielten, machten meine Mutter und meine Schwester Handarbeiten. Beide konnten phantastisch stricken und häkeln. Meine Mutter konnte sogar mit Nähgarn häkeln. So waren unsere Abende.

Schaum auf der Lippe

Samstagabends schickte mich mein Vater mit einem Deckelkrug zur nächsten Wirtschaft. Dort gab es eine Klappe, wo man Bier kaufen konnte. Ich holte immer Bier mit Schuss, das war helles Bier mit einem Schuss Malzbier.

Jedes Mal sagte mein Vater zu mir: „Aber du darfst nichts davon trinken.“ Natürlich habe ich trotzdem von dem Bier probiert und kam dann mit Schaum auf der Oberlippe nach Hause zurück. Ich glaube, mein Vater wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn ich es nicht versucht und gehorcht hätte.

Der Vater: lieb und doch Respektsperson

Ich bekam einmal von meinem Bruder einen Ball aus Leder in der Größe eines Tennisballes. Ich spielte damit vor dem Haus und traf unglücklicherweise die Fensterscheibe unserer Nachbarin. Ich habe dann bei ihr geschellt und die Nachbarin sagte sofort: „Der Fredi darf nicht raus.“

Fredi war ihr Enkel, er musste immer im Haus bleiben, das wussten wir.

Ich sagte: „Ich möchte meinen Ball zurück, bitte.“ – „Welchen Ball?“ fragte sie, und ich antwortete: „Na, den im Wohnzimmer.“ Sie hatte noch gar nicht bemerkt, dass die Scheibe in ihrem Wohnzimmer ein Loch hatte.

Ich hatte allerdings meinem Vater an seinem Arbeitsplatz bei den Stadtwerken schon Bescheid gesagt und mein Vergehen gebeichtet – meiner Mutter nicht. Schon am selben Nachmittag kam mein Vater mit einer neuen Glasscheibe und ersetzte die kaputte bei meiner Nachbarin. Er war mir überhaupt nicht böse.

Mein Vater war immer nur lieb. Und dabei war er doch eine Respektsperson! Ich durfte alle Kinder mit nach Hause bringen, wo sie mit Kakao bewirtet wurden. Sie kamen immer gern und beneideten mich um eine großzügigen Eltern.

Mein Vater saß oft am Tisch und hat gelesen – gern technische Bücher – oder er hat gezeichnet. Wenn ich mit meinen Freundinnen zu wild gespielt habe, dann hat er uns erst einmal ernst angeschaut, die nächste Stufe war dann: „Kinder, nun lasst es doch!“ Das hat gereicht, er musste nicht lauter werden, wir haben sofort gehorcht.

Meine Mutter musste donnern, um sich in solchen Situationen Respekt zu verschaffen.

Filme und Radio waren etwas ganz besonderes

Meine zwölf Jahre ältere Schwester verdiente sich etwas Geld, indem sie für Nachbarn das Treppenhaus putzte. Dafür bekam sie 50 Pfennig. Ein Kinobesuch war etwas ganz Besonderes, das konnten wir uns nicht immer leisten.

Der billigste Platz (Rasiersitz) in den Oberbilker Lichtspielen kostete 30 Pfennig. Meine Mutter gab uns dann noch etwas dazu, und meine Schwester und ich konnten ins Kino gehen. Wir sahen Filme mit Johannes Heesters, Marika Röck und Zarah Leander.

Mein Lieblingsschauspieler war Heinz Rühmann, mein Lieblingsfilm „Quarx der Bruchpilot“. Ins Kino zu gehen war toll, auch wenn wir die Filme manchmal gar nicht verstanden.

Zu Hause hatten wir einen Rundfunkempfänger Marke „Loewe Opta“. Meine Schwester hat oft unter der Bettdecke „Feindsender“ gehört. Meine Mutter hatte dazu viel zu viel Angst.

Keinen Hahn, aber Hennen

Weiße Leghornhühner wollte mein Vater nicht gerne haben, weil diese nicht oft genug „kluckten“, also Kinder haben wollten. Wir hatten deshalb immer zwei, drei braune Rodeländer Hühner. Da wir keinen Hahn hatten, bekam mein Vater die befruchteten Eier von einem Nachbarn. Darauf setzten sich unsere Hühner. Aber man musste sie täglich von diesen Eiern heben, damit sie mal fressen und sich reinigen konnten. Freiwillig verließen sie die Eier nicht.

Und wenn man sie forttragen wollte, hackten sie auf die Hände – nur nicht meinem Vater! Mein Vater zeigte mir, wie man die Hennen forttragen konnte, ohne allzu feste gehackt zu werden. Als ich es konnte, war ich sehr stolz.

Wir gingen im Sommer oft Ähren sammeln. Diese Ähren wurden dann ausgeschüttelt und in der Kaffeemühle zu Mehl gemahlen. Ich nahm dann das weiße Huhn unter den Arm und setzte es ins Getreidefeld. Dort fand es so viel zu fressen, dass es dick und fett wurde. Wenn wir genug gesammelt hatten, nahm ich das Huhn unter den Arm, und wir gingen nach Hause. Dieses Huhn ist eines natürlichen Todes gestorben.

Rühreier auf geröstetem Brötchen: Trost und Erinnerung

Wenn ich mal Kummer hatte, wenn ich mir beispielsweise die Knie beim Rollschuhfahren aufgeschlagen hatte, kannte meine Mutter ein wunderbares Mittel, um mich zu trösten. Sie schnitt ein Brötchen auf, bestrich es mit Margarine und briet es zusammen mit zwei gerührten Eiern in der Pfanne. Danach ging es mir wieder gut.

Heimlich machte ich mir dieses Gericht immer noch manchmal, aber nicht aus Kummer, sondern weil ich dann so gut an früher denken kann. Mein Mann würde das nicht mitessen.

Die Kölner Verwandtschaft, Cousin Karli und der Bombenangriff

Meine Tante Grete, die jüngere Schwester meiner Mutter, und ihr Mann Willi hatten in Köln ein Friseurgeschäft. Ihr Sohn, mein Cousin, hieß Karli. Er war drei Jahre älter als ich und mein allerbester und liebster Freund. Er hat mich immer beschützt und mich gegen andere Kinder verteidigt, wenn ich in Köln war.

Eigentlich war er genau so wie mein Mann Werner ist. Die beiden wären heute sicher Freunde, wenn Karli noch leben würde. Wenn er mit seiner Mutter per Zug nach Düsseldorf kam, brachte er seinen Wipproller mit. Damit durfte ich fahren, und Karli bekam meine Rollschuhe. Wenn wir nach Köln kamen, sprach sich das rasch in der ganzen Verwandtschaft herum.

Abends trafen sich dann alle. Eines Tages besuchten wir Tante Lisbeth, eine andere Schwester meiner Mutter. Bei ihr wohnte auch die Oma, die in dieser Familie das Regiment führte. Sie war klein und kugelrund. An diesem Tag hatte Karli bei der der Oma übernachtet. Sie war Mutter von 18 Kindern. Etwas wegzuwerfen wäre ihr nie in den Sinn gekommen.

Karli war 16 Jahre alt, als er 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen ist. Meine Tante Grete hatte außerhalb Kölns eine kleine Jagdhütte gemietet, weil sie bei den furchtbaren Bombenangriffen nicht in Köln sein wollte. Aber Karli, der inzwischen eine Freundin hatte, wollte nicht mit, sondern in Köln bleiben.

Gegenüber der Köln-Mülheimer Wohnung war ein großes Kino, das auch einen Schutzbunker hatte. Dorthin ging Karli bei einem Angriff. Als der Angriff gerade zu Ende ging, stieg der Kinobesitzer zusammen mit Karli die Treppe hoch, um zu sehen, ob etwas zu löschen war, da fiel noch eine einzelne Bombe und traf die beiden. Die ganze Verwandtschaft war todtraurig, denn Karli war ein besonders beliebter Junge gewesen. Er half jedem, und niemand konnte ihm böse sein.

(1) Die Schildkröt-Puppen und Spielwaren GmbH mit dem heutigen Sitz in Rauenstein/Thüringen ist der älteste Puppenhersteller (1896). Die „Schildkröte“ als Firmenlogo sollte mit ihrem harten Panzer das neuartige, robuste Material für Spielzeugpuppen, das Zelluloid, symbolisieren.

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Auszug aus „Langweilig war es nie – Die Lebensgeschichte des Ehepaares Werner und Adele N.“;

hier erzählt von Adele N., aufgeschrieben von Rosi A., bearbeitet von Barbara H.


Fotos:Moritz320/Herney Gomez / Pixabay