Düsseldorf – Hannover: Mit Fahrrad und Hund zur Mutter

Geboren 1919 in Minden, wuchs Margarete L. bei den Großeltern in Dortmund auf. Als sie 16 war, zog sie mit ihrer Mutter nach Düsseldorf. besuchte die Höhere Handelsschule und bekam danach eine kaufmännische Anstellung. Von der Dienstverpflichtung (1) während der NS-Zeit wurde sie halbtags freigestellt, da ihre Mutter infolge schwerer Erkrankung Fürsorge und Pflege brauchte.


Ich bekam Milch in der Molkerei – etwas, was es eigentlich nicht mehr gab

„Als wir nichts von meiner Mutter hörten, Telefon gab‘s ja nicht, da hat man mir damals, als der Krieg schon zu Ende war – und ich müsste tot umfallen, wenn ich jetzt lüge –, da hat man mir auf die Räder meines uralten Fahrrades zwei Mäntel oder Decken übereinander montiert, und mit diesem Fahrrad bin ich dann tatsächlich von Düsseldorf nach Hannover (Foto: historisches Rathaus) gefahren. Ich hatte damals meinen englischen Jagdhund dabei, einen Pudelpointer.

Auf der Landstraße hinter Kettwig (2) hielt dann plötzlich ein Lastwagen, und – das weiß ich noch wie heute – da machte einer die Beifahrertür auf und fragte, wohin ich wollte. Er bot mir an, mich bis zu einer Molkerei mitzunehmen, die auf der Strecke nach Geseke (3) lag, wo meine Großmutter wohnte. Mein Fahrrad, mein Hund und ich wurden hinten auf den Schotter geladen. Der LKW hatte nämlich Schotter geladen. Das war damals häufig so, da überall Schotter gebraucht wurde, um die ganzen Löcher in den Straßen zu stopfen, die durch den Krieg kaputt waren.

Können Sie sich vorstellen, wie bequem ich da gesessen hab‘? Ich war bloß froh, dass ich nicht mehr zu trampeln brauchte!

Ja, und dann haben die mich bis zu dieser Molkerei in Werl (4) mitgenommen, und dort bekam ich erst einmal Milch – Milch! Das war doch so etwas, was es nicht mehr gab!

Und dann bin ich wieder tappel-tappel-tappel mit meinem Fahrrad und meinem Hund weiter und kam schließlich endlich bei meiner Großmutter in Geseke an.

Schokolade und Kaugummi vom US-Soldaten

Ich habe dann mit Hund und Fahrrad eine Nacht bei der Oma verbracht und mich am anderen Tag wieder auf die Socken gemacht. Meine Nachbarn in Düsseldorf hatten mich vor Reisebeginn gefragt, ob ich auf der Strecke nach Hannover durch ein Dorf fahre, wo ihre Tochter mit Enkelsohn bei einem Bauern gewesen war. Ja: Versprochen war versprochen …

Und so bin ich dann weiter zu diesem Dörflein gefahren, sodass ich gucken konnte, ob da alles in Ordnung war. Diese Tochter war nun glücklich, dass sie etwas von ihren Eltern aus Düsseldorf gehört hatte.

Ich habe auch dort eine Nacht verbracht: Das Kind schlief in einem Kinderbett, und dann hat die Tochter mich und das Kind in ein großes Bett gepackt und sich selber zum Schlafen in dieses Kinderbett gelegt – die Beine raus baumeln lassen.

Also: Es sind Situationen gewesen, da sagt heute jemand anderes, der das hört: ‚Kann doch gar nicht wahr sein!‘ Es war aber so.

Ja. Jedenfalls kamen wir irgendwann nach Hannover. Das Haus mit der Bäckerei meines Onkels stand aber nicht mehr. Ich bin dann weiter in Richtung meiner Tante Alma gefahren. Die wohnte in Gronau bei Hannover. Auf dem Weg dahin kam mir und meinem Hund, der ja immer frei herum lief, ein Lastwagen mit schwarzen Soldaten entgegen, ich sag jetzt extra ‚schwarzen‘.

Ich sah mein letztes Stündlein kommen, habe nur gedacht: ‚Was machst du jetzt, was machst du jetzt?‘

Der LKW kam an mir vorbei, hielt an, die Tür ging auf, und da kam einer von den Soldaten die Stufen runter und hatte schon drei große Pakete im Arm: mit Schokolade und Kaugummi und was weiß ich nicht alles. Der Mann drückte mir dann die Pakete in den Arm, sprang wieder in den LKW, und dann fuhren die wieder weiter. Da hab ich nur gedacht: ‚Nie mehr sprichst du schlecht über andere Menschen!‘

Gold vom Himmel: Schmalz

Plötzlich – noch vor Gronau (5) – war mein Hund weg. Ich hab den gerufen, aber er kam nicht. Und als ich dann schon die ersten Schilder ‚Gronau‘ lesen konnte, wer kam da angewedelt? Mein Hund! Der war nie, nie im Leben zuvor dort gewesen! Ja, da war der ganz alleine schon mal vor gelaufen, hat meine Mutter auch gefunden, und als er durchs Fenster gesprungen kam, wusste die, dass ich auch nicht weit sein konnte!

Und das Schönste war dann, dass mein Onkel mir für die Rückfahrt eine Dose Schmalz in das Kinderkörbchen am Fahrrad legte. Schmalz, das war doch damals Gold vom Himmel!

Allerdings war die Dose nicht ganz dicht gewesen. Jedenfalls hatten wir mittlerweile Mai und es war warm, und da lief mir dann doch tatsächlich das ganze Körbchen voll Schmalz und musste dann damit, um nach Düsseldorf zu kommen, wo ja die Engländer waren, durch eine amerikanische Zone (6). Ich hatte aber nur den Ausweis für Düsseldorf, und so hab‘ ich dann meine paar Brocken Englisch zusammengesucht … und durfte mit Hund, Fahrrad und Schmalz im Körbchen durch die amerikanische Zone weiter nach Düsseldorf fahren! Das glaubt einem heute keiner mehr, was man damals alles anstellen musste. Verrückte Zeit, verrückte Zeit!“

Zu Fuß durchs zerbombte Düsseldorf

Als besonders einprägendes Ereignis schildert Margarete das Erlebnis, als sie im zerbombten Düsseldorf mit ihrer kranken Mutter am Arm und sie selbst schwanger im siebten Monat, vom Graf-Adolf-Platz aus zu Fuß in die Kaiserswerther Diakonie (7) laufen musste:

1947 wurde bei meiner Mutter erstmals medizinisch festgestellt, dass sie an Multipler Sklerose (MS) erkrankt war. Zu der Zeit war MS noch eine Krankheit, die nicht richtig erforscht war. Medikamente hatten wir nicht. In Duisburg (8) gab es aber einen Arzt, der mit der Diakonie in Kaiserswerth zusammen arbeitete und sich bereits damit beschäftigt hatte. Ja, und dann sollte meine Mutter nach Kaiserswerth zu eben diesem Arzt ins Krankenhaus.

Vom Düsseldorfer Stadtteil Eller aus konnten wir mit der Straßenbahn bis zum Graf-Adolf-Platz fahren, wo jedoch die Straßenbahnschienen auf Grund der Kriegsschäden endeten. Also mussten meine kranke Mutter und ich die restliche Strecke bis nach Kaiserswerth zu Fuß laufen. Durch die Anstrengung – ein mehr als zwölf Kilometer langer Fußweg, die Schwangerschaft und die schwierigen Zeiten – verlor ich auf dem Weg Fruchtwasser.

Die Diakonisse kümmerte sich liebevoll

Ich sah die Pförtnerin der Klinik durch ihr Guckloch, wie sie aufmachte und fragte: ‚Ach, Sie kommen zur Entbindung?‘ Ich sagte: ‚Nein, ich komme nicht zur Entbindung. Ich bringe meine Mutter zum Doktor ...‘

Ja, und dann wurden wir eingelassen und ich von der Diakonisse in so ein kleines Besucherzimmer geführt. Das war also ganz rührend. Ich habe der Diakonisse damals so leid getan, dass sie sich mir gegenüber fast mehr verantwortlich fühlte als meiner Mutter gegenüber und mir so ein Serviertablettchen mit Häppchen darauf brachte. Sie können sich heute sicher nicht vorstellen, dass ich anfing zu heulen, als ich sah, mit welcher Liebe mir die Diakonisse die paar Häppchen fertig gemacht hatte und sagte: ‚Für Ihre Mutter wird gesorgt, jetzt kümmern Sie sich erstmal darum, dass Sie zu Kräften kommen.‘

Eine von den Schwestern organisierte dann noch einen Bauern, der einen Traktor hatte und mich ein Stück den Rhein entlang bis zu einem Feld mitnahm, damit ich wenigstens ein Stückchen des Weges nicht wieder zu Fuß gehen musste.

Maisbrot, Speck und Wehen: Weihnachten und Silvester in einem

Als Trost und Belohnung für diese Strapazen bekam ich von meinem Mann ein Stück Maisbrot, mit Speck zubereitet. Der Speck war mir vorher von der Großmutter in einem Päckchen zugeschickt worden, und der Holzofen, auf dem mein Mann das Maisbrot erwärmt hatte, war ein kanadischer Holzofen, der nur von oben zu bestücken war.

Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was ein Stück Speck damals bedeutet hat. Das war ja Weihnachten und Silvester in einem, nicht? Und ach, da hab ich das mit so einem Heißhunger gegessen. Einige Zeit später bekam ich dann Durchfall und starke Leibschmerzen. Zunächst vermutete ich, dass das am Speck gelegen haben könnte, aber bald war klar, dass es Wehen waren.

Als schließlich der Krankenwagen kam, wollte mein Mann schon mit dem Fahrrad nebenher fahren, aber da sagte der Sanitäter nur: ‚Was wollen Sie denn im Krankenhaus? Ihre Frau bekommt das Kind auch ohne Sie!‘ Das weiß ich noch wie heute und auch, dass die Bilker Allee noch voller Schlaglöcher war.

Eine Maikatze und Goldlack

Ich weiß aber heute noch nicht, wie ich das Kind bekommen habe. Jedenfalls, es war dann da, und ich hab gar nicht großartig etwas davon gemerkt. Erstmal fehlten da ja auch noch zwei Monate zum Wachsen, und außerdem hatte ich ja auch das Fruchtwasser mittlerweile verloren.

Im Martinus-Krankenhaus gab es dann einen Saal mit acht Frauen, Wöchnerinnen. So, und ich bekam dann ein Kopfkissen in meinen Arm gedeut, mit Kniff drin, und in den Kniff kam mein Kind. Das musste ich dann also mit dem Kissen und meiner Körperwärme selbst warmhalten. Ich hab dann schon gedacht: ‚Die bekommst du nie groß.‘ Das war ja 1947, und das waren ja auch noch so ganz schlimme Nachkriegsjahre. Jedenfalls haben wir sie durch gekriegt, sie hat wunderbar getrunken …

Der Tag, an dem meine erste Tochter geboren wurde, war der 1. Mai 1947, eine ‚Mai-Katze‘ war sie für mich. Mein Mann hatte extra noch am 1.-Mai-Marsch der Arbeitnehmer teilgenommen, um mir ein Geschenk machen zu können. Er bekam damals drei Mark, wenn er teilnahm und er hat mir dann für diese drei Mark – ich werde es nie vergessen – einen Strauß Goldlack gekauft, damit ich wenigstens Blumen im Krankenhaus hatte, für unser erstgeborenes Kind.“

(1) Das Pflichtjahr wurde 1938 von den Nationalsozialisten eingeführt und galt für alle Frauen unter 25 Jahren. Sie wurden zu einem Jahr Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft verpflichtet. Die Mädchen und Frauen sollten so auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden. Darüber hinaus konnte so in vielen Haushalten die fehlende Arbeitskraft der Männer, die als Soldaten im Krieg waren, kompensiert werden.

Quelle: wikipedia

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(2) Kettwig ist der flächenmäßig größte Stadtteil von Essen (NRW), gelegen am äußersten Südwesten.

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(3) Geseke ist eine Mittelstadt in Nordrhein-Westfalen und gehört zum Kreis Soest.

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(4) Werl ist eine Stadt in Nordrhein-Westfalen und gehört zum Kreis Soest im Regierungsbezirk Arnsberg.

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(5) Die Stadt Gronau in Westfalen liegt im westlichen Münsterland, im Nordwesten von Nordrhein-Westfalen. Sie ist eine mittlere kreisangehörige Stadt und nach Bocholt die zweitgrößte des Kreises Borken im Regierungsbezirk Münster.

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(6) Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) haben die alliierten Siegermächte (USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion) Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt.

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(7) Die Kaiserswerther Diakonie ist ein Unternehmen in Kaiserswerth, einem Stadtteil von Düsseldorf, das im Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen tätig ist. Sie wurde 1836 von Theodor und Friederike Fliedner als Diakonissenanstalt Kaiserswerth gegründet. Mit rund 2.700 Beschäftigten zählt sie zu den großen diakonischen Unternehmen in Deutschland.

Eine Diakonisse, gelegentlich auch Diakonissin oder Schwester genannt, lebt und dient in einer verbindlichen evangelischen Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft. Das männliche Pendant ist der diakonische Bruder.

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(8) Duisburg ist eine kreisfreie Großstadt, Teil der Metropolregion Rhein-Ruhr mit rund 10 Millionen Einwohnern und gehört sowohl der Region Niederrhein als auch dem Ruhrgebiet an. Sie liegt im Regierungsbezirk Düsseldorf und ist mit ca. einer halben Million Einwohnern nach Köln, Düsseldorf, Dortmund und Essen die fünftgrößte Stadt des Landes Nordrhein-Westfalen.

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Auszug aus: Scherbenbilder „Maikatze und Goldlack“, Erzählung von Margarete, gesprochen mit Bettina E. (2008), bearbeitet von Barbara H.

Foto: WorldInMyEyes/AnnaliesArt / Pixabay