Ich habe mich nicht arm gefühlt: Schlechte Zeiten waren "normal"

Werner N. erzählt, dass seine Geburt am 11. Mai 1928 in Bochum, mitten im Kohlenpott, kein „freudiges Ereignis“, sondern eher tragisch war. Er war das 13. Kind einer Bergarbeiterfamilie, und seine Mutter starb bei seiner Geburt.

Werners Kindheit: Neue Eltern in Düsseldorf

In meinen ersten Jahren bin ich am mehreren Stellen von verschiedenen Personen aufgezogen worden: eine meiner Schwestern, Emmi, die damals um die 20 Jahre alt gewesen sein musste, dann meine 17-jährige Schwester Elsbeth, und irgendwann kam ich mit zwei meiner Geschwister (dem zehn-jährigen Herbert, und der zwölf-jährigen Anneliese) in ein katholisches Waisenhaus; mein leiblicher Vater war völlig überfordert, konnte sich neben seiner Arbeit nicht um seine Familie kümmern.

Mein Opa, der Vater meiner verstorbenen Mutter, schaffte es, dass seine zweite Tochter Anna mich eines Tages abholte und mich mit nach Düsseldorf in die Wohnung auf der Linienstraße im Stadtteil Oberbilk nahm. Von diesem Tag an hatte ich „neue Eltern“, meine Tante und meinen Onkel, Anna und Karl N, die ich Vater und Mutter nannte. Erst bei ihnen habe ich sprechen gelernt, sie haben mich liebevoll aufgezogen.

Oft konnten wir unsere Miete nicht zahlen

Trotz schwieriger Haushaltslage, mein Vater war arbeitslos, hatten Anna und Karl mich aufgenommen. Vater war Kesselschmied bei den Vereinigten Kesselwerken und entlassen worden, weil er mit anderen zusammen gestreikt hatte.

1937 wurde er dann wieder eingestellt, und unserer kleinen Familie ging es danach wirtschaftlich besser. Damit die Familie „über die Runden“ kam, musste meine Mutter waschen und putzen gehen. Ich begleitete sie meistens dabei und drehte die Wringmaschine.

Samstags trugen wir zusammen die „Welt am Sonnabend“ aus und verkauften außerdem in Oberbilk Brühwürfel an der Tür, um noch ein paar Pfennige dazu zu verdienen.

Wenn wir ein Fußballspiel in Düsseldorf sehen wollten, konnten wir uns kein Eintrittsgeld leisten. Und so haben mein Vater und ich durch Astlöcher im Zaun das Spiel verfolgt.

Oft konnten wir nicht die volle Miete bezahlen. Die Hausbesitzer waren mehrere Geschwister der Familie K. Einer hatte eine Bäckerei auf dem Hermannplatz in Flingern (Foto oben – Quelle: Stadtmuseum Düsseldorf / datiert frühes 20. Jahrhundert / Fotograf*in unbekannt). Dorthin ging ich mit meiner Mutter. Wenn sie z.B. nur 20 statt des vollen Mietpreises von 30 Reichsmark hatte, schickte sie mich mit dem Geld in die Bäckerei. Sie selbst wartete hinter einem Baum versteckt. Ich legte dann das Geld auf die Theke und bekam keine bösen Worte zu hören, sondern sogar noch ein paar Kekse. Diese Hausbesitzer waren wirklich sehr gut zu ihren Mietern.

Ich habe damals nicht unter der Armut gelitten. Ich habe mich auch nicht arm gefühlt. Alle in meinem Viertel erlebten schlechte Zeiten, das war normal. Und die meisten Menschen dort waren in Ordnung, egal welcher Partei sie angehörten!

Auf der Linienstraße befand sich in den 30er Jahren eine Niederlassung der Getränkefirma Birresborn. Wenn ein LKW wieder Getränkelieferungen brachte, rief der Geschäftsführer Leo Statz (1) uns Kindern zu, wir sollten unsere Väter, die ja zum größten Teil arbeitslos waren, herbeirufen. Sie hatten dann stundenweise Arbeit mit dem Abladen der LKW. Ich weiß noch, dass wir Kinder eine leckere Limonade bekamen, die Bi-Cola hieß. Während des Krieges war dann auf Aushängen zu lesen, dass Leo Statz hingerichtet worden war.

Als später – lange nach Kriegsende – mein Vater einmal sagte: „Junge, du hast es als Kind schwer gehabt!“, antwortete ich: „Nee, Vater, ich hab es sehr gut bei euch gehabt.“ Natürlich war die Familie arm. Schuhe zum Beispiel trug ich nur, wenn ich zur Schule ging.

Politik in der Familie: NSDAP vs. Sozialdemokraten

Meine Mutter war eine sehr sozial eingestellte Frau. Sie arbeitete ehrenamtlich in mehreren sozialen Einrichtungen, zum Beispiel bei der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und bei der NS-Frauenschaft (2). Am Anfang des Krieges wurde sie auch Mitglied der NSDAP. Mein Vater dagegen war eingefleischter Sozialdemokrat. Gelegentlich gab es wegen der unterschiedlichen politischen Einstellungen „Kabbeleien“.

Manchmal, wenn mein Vater sich mit seinen Kollegen im „Posthorn“ am Worringer Platz getroffen hatte, kam er etwas angetrunken nach Hause und schimpfte über den Nationalsozialismus. Meine Mutter sagte dann einmal: „Wenn du nicht aufhörst mit deiner Trinkerei landest du noch im KZ!“

Ich fragte: „KZ, was ist das?“ und mein Vater antwortete: „KZ, das ist ein Konzertlager, da wird Musik gemacht. Und die Mamm‘, die spielt die erste Geige!“

Die Devise meiner Mutter lautete: „Anpacken und helfen“. So nahm sie auch aktiv an Lebensmittelsammlungen der NSV teil – das waren die sogenannten Pfundsammlungen (3). Man sammelte in den Haushalten jeweils zum Beispiel ein Pfund Mehl, Zucker oder Butter, dann wurde alles zur Ortsgruppe der NSDAP gebracht, von wo es an Bedürftige verteilt wurde.

Obwohl meine Mutter eigentlich nichts gelernt hatte, war sie während des Krieges Sachbearbeiterin im Wirtschaftsamt der Stadt Düsseldorf gewesen. Sie war dort für die Zuteilung von Bezugsscheinen für bestimmte Gebiete in Düsseldorf zuständig, so auch für die Kirchstraße. Dort wohnte eine kommunistische Familie, deren Oberhaupt nicht Soldat werden konnte, weil er aus politischen Gründen inhaftiert worden war. Dieser Familie hatte meine Mutter in ihrem Amt genau so geholfen wie anderen Familien.

Nach dem Krieg gab es Menschen, die ihr den Vorwurf machte, sie sei ja Nationalsozialistin gewesen, was sie nie abgestritten hat. Aber die „Spruchkammer“ (4) hat sie dann nur als Mitläuferin eingestuft.

(1) Leo Statz (1898 bis 1943) war ein deutscher Unternehmer und entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Er wuchs in Düsseldorf auf und legte mit 17 Jahren sein Abitur ab. Als Offizier nahm er am Ersten Weltkrieg teil. Im Jahr 1927 wurde Statz in Birresborn Direktor der Birresborner Mineralbrunnen AG. Ab 1931 war der Katholik Mitglied der Zentrumspartei und stand nach 1933 in Opposition zu den Nationalsozialisten, die 1934 seinen Vetter Erich Klausener ermordeten.

Leo Statz war im Düsseldorfer Karneval stark engagiert. Er verfasste Karnevalslieder und humorvolle Gedichte, früh war er Mitglied im Großen Schützenverein und bei den Düsseldorfer Jonges, später wurde er Präsident des Karnevalsausschusses der Stadt Düsseldorf. In Konflikt mit den Nationalsozialisten kam er beispielsweise durch das Karnevalslied „Duze, Duze, Duze mich“, da es von vielen in Anspielung auf Mussolini als „Duce, Duce, Duce mich“ gesungen wurde.

Am 1. September 1943 verhaftete ihn die Gestapo, nachdem er von einem Angestellten seiner Firma angezeigt worden war. Statz soll zu schwer versehrten Soldaten gesagt haben, dass sie sich ihre Knochen nicht für das deutsche Volk, sondern für Hitler zusammenschießen ließen. Am 27. September 1943 fand die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter dessen Präsidenten Freisler statt. Statz wurde wegen „Zersetzungspropaganda“ zum Tode verurteilt. Trotz zahlreicher Gnadengesuche wurde die Hinrichtung durch Enthauptung am 1. November 1943 vollstreckt.

[zurück]


(2) Die NS-Frauenschaft, kurz NSF war die Frauenorganisation der NSDAP. Sie entstand im Oktober 1931 als Zusammenschluss mehrerer nationaler und nationalsozialistischer Frauenverbände.

[zurück]


(3) Die Pfundspende, seltener auch Pfundsammlung genannt, war eine in Tüten verpackte Naturalspende von haltbaren Nahrungsmitteln wie Nudeln, Erbsen, Zucker oder auch Konserven. In der Zeit des Nationalsozialismus sammelten Helfer des Winterhilfswerks die Pfundspenden ein, stellten daraus Lebensmittelpakete zusammen und verteilten diese an Bedürftige.

[zurück]


(4) Spruchkammerverfahren waren Verhandlungen, die im Zuge der Entnazifizierung in Deutschland durchgeführt wurden. Ab 1946 fällten sogenannte Spruchkammern Urteilssprüche gegen ehemalige nationalsozialistische Funktionäre. Das „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ vom 5. März 1946 sah fünf Gruppen vor: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Nichtbelastete, die vom Gesetz nicht betroffen waren.

[zurück]


Quelle für alle Hinweise: Aus dem Buch "Langweilig war es nie – Die Lebensgeschichte des Ehepaares Werner und Adele N.“; Erzählung von Werner und Adele N., aufgeschrieben von Rosi A., Auszug von Barbara H.