Kampf um Essen, Trinken und Wärme

Gerda K. wurde 1933 als drittes Kind geboren. Da waren ihre Geschwister schon elf und zwölf Jahre alt. Der Vater war Maschinenschlosser in der GEG-Seifenfabrik im Düsseldorfer Hafen und verdiente nicht viel Geld. In ihrem Geburtsjahr wurden Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und der Reichstag durch Hindenburg aufgelöst. Die Nationalsozialisten errangen bei der Neuwahl mit den Konservativen die Mehrheit. Der Umbruch von einer Demokratie zu einer Diktatur nahm seinen Lauf. Gerda war acht Jahre alt, da starb ihre geliebte Mutter.



Kinderalltag

Bei jedem Bombenalarm mussten wir, Familie und Nachbarn, entweder in den Keller oder in den Bunker. Ich bin 1933 geboren, in dem Jahr eines gewaltigen Umbruchs. Adolf Hitler wurde im Januar zum Reichskanzler ernannt. Am 1. Februar wurde der Reichstag durch Hindenburg aufgelöst und am 5. März errangen die Nationalsozialisten bei der Neuwahl zusammen mit den Konservativen die Mehrheit. Der Umbruch zu einer Diktatur nahm seinen Lauf.

Meine Eltern hatten 1920 geheiratet. Bald darauf kamen meine Schwester M. und kurz danach mein Bruder K. auf die Welt. Vater arbeitete in einer Seifenfabrik im Düsseldorfer Hafen, verdiente als gelernter Maschinenschlosser nicht viel Geld, und die Wohnverhältnisse in Düsseldorf auf der Weseler Straße waren für die vierköpfige Familie sehr beengt, als ich zur Welt kam. Da waren meine Geschwister mit ihren 11 und 12 Jahren schon aus dem Gröbsten heraus.

Meine Familie war wohl – wie meine Schwester später andeutete – nicht sehr erfreut über mein Kommen. Aber ich denke, dass meine Eltern mich lieb gewannen, als ich so hilflos vor ihnen lag und unschuldig in die Welt blickte.

Wir waren arm

Die Alarme häuften sich. Es gab bald fast keinen Tag oder keine Nacht, in der nicht die Sirenen heulten. Wir waren arm. Spielzeug oder neue Kleidung kannte ich nicht. Ich besaß ein Paar Klompen, das waren Holzschuhe, in die ich meine mit Lappen umhüllten Füße steckte, denn Strümpfe gab es nur sehr selten.

Wenn wir das Glück hatten, Bezugsscheine für Schuhe zu erhalten, ging meine Stiefmutter mit mir in das Schuhgeschäft auf der Dorotheenstraße. Dort erhielt ich dann „neue“ Schuhe, das heißt, ich bekam gebrauchte Schuhe, die oft nicht richtig passten.

Bald waren sie mir viel zu klein, denn in meinem Alter wuchs ich ja noch schnell. Da es keine neuen Bezugsscheine für Schuhe gab, schnitt mein Vater die Spitze der „neuen“ Schuhe ab, so dass meine Zehen frei waren. Das hielt dann wieder einige Zeit vor.

Lebensmittelkarten

Unser Alltagsleben war geprägt durch Kampf um Essen, Trinken und Wärme. Viel Zeit des Tages war ausgefüllt damit, diese drei lebenswichtigen Sachen zu beschaffen. Es gab seit langem Lebensmittelkarten, mit denen die immer knapper werdenden Vorräte in der Stadt eingeteilt wurden. Ab März 1945 war die Versorgung mit Lebensmitteln katastrophal in Düsseldorf und wurde immer schlimmer. Im April sanken die täglichen Kalorienwerte für Erwachsene offiziell auf 902 Kalorien, für Jugendliche auf 1077 und für Kinder auf 1130 Kalorien. Das bedeutete, dass in dieser Zeit jeder Erwachsene einen Anspruch auf 250 g Fleisch, 58,3 g Fett und 1200 g Brot hatte.

Es ergab sich, dass ich für das Essen und Trinken sorgte. Sobald bekannt wurde, dass es irgendwo Brot oder Kartoffeln gab, raste ich mit einer bereitstehenden Tasche und den Lebensmittelkarten los zu dem entsprechenden Geschäft. Ich hatte junge Beine und kannte mich im Viertel gut aus, so dass ich versuchte, einen guten Platz in der ewig langen Warteschlange vor dem Geschäft zu ergattern.

Dann hieß es, stundenlang anzustehen und zu warten. Aber ich hatte Ausdauer. So stand ich da, oft mit knurrendem Magen und hoffte darauf, etwas kaufen zu können. Aber wenn ich Pech hatte, ging gerade vor mir die Ware aus und ich hatte stundenlang umsonst angestanden und der Hunger krampfte mir weiter den Magen zusammen. Wenn ich jedoch Erfolg hatte, zum Beispiel ein Brot zu bekommen, so hatte ich die Erlaubnis meiner Stiefmutter, einmal ins Brot beißen zu dürfen. Das habe ich dann mit großem Genuss getan. Meine Schwester erhielt aufgrund ihrer Krankheit Weißbrot. Manchmal gab sie mir etwas davon ab.

Wenn ich heutzutage zurückblicke, dann sehe ich die Weseler Straße von damals vor mir. Ich erinnere mich noch an das Geschäft Brückner, das auf der Ecke Weseler und Mühlheimer Straße war.

Oder es gab auch die Bäckerei Brincks an der Ecke Stücker-/Weseler Straße. Auch das Milchgeschäft an der Ecke Ahnfeld-/Weseler Straße habe ich noch deutlich vor Augen. Wie oft habe ich da überall angestanden. Wie oft war ich froh, überhaupt etwas Essbares für uns ergattert zu haben. Ob ein Wirsing oder ein paar Kartoffeln oder ein Stück Brot, das war uns egal. Hauptsache war, dass wir etwas zu essen hatten. Wie oft war ich aber auch enttäuscht und verzweifelt, wenn trotz stundenlangen Anstehens nichts mehr da war. Wie sollten wir unseren Hunger stillen?

Da war es von großem Vorteil, dass meine Stiefmutter früher Köchin im Eisenwerk Wannheimer Ort in Duisburg gewesen war. So konnte sie fast aus dem Nichts für uns etwas zu essen zaubern.

Kohlenklau

Eine weitere wichtige Aufgabe war es, in der kalten Jahreszeit für Wärme in der Wohnung zu sorgen. Das war überlebenswichtig, da durch den Krieg die Fenster oft kein Glas mehr hatten und nur notdürftig durch Pappe isoliert wurden. Bei uns war es zum Glück nicht ganz so schlimm. Aber es musste trotzdem für Kohlen gesorgt werden.

Beim Geschäft Brückner gab es zwar eine Kohlehandlung, aber wer konnte dort schon auf Bezugsscheine genügend Kohlen erhalten? Es reichte nie aus.

Um im Winter nicht zu erfrieren, hatte sich bei uns im Viertel folgendes eingebürgert: Wir lauerten an der Ecke Ahnfeld-/Weseler Straße darauf, dass ein Kohlenzug sich nähern würde. Auf diesem Teilstück, einem Rangierteilstück, fuhren die Züge nämlich sehr langsam. Und wenn wir Glück hatten, blieben sie sogar für einige Augenblicke dort stehen. Diese Gelegenheit wurde genutzt. Männer und Frauen sprangen zu den Waggons, öffneten Türen und warfen so schnell sie konnten Kohlen hinunter. Neben den Gleisen standen die Menschen mit Taschen, Eimern oder Rucksäcken und füllten diese mit der heruntergefallenen Kohle. Jeder raffte so schnell und soviel er konnte zusammen, bevor der Zug weiterfuhr (1).

Die Menschen waren glücklich, hatten sie sich doch dadurch ein paar Tage Wärme ermöglicht. Die nächsten Tage würden sie sicher nicht erfrieren.

Sammeln und Tauschen

In den letzten Kriegsjahren und in der Nachkriegszeit streiften Tausende hungernder Menschen durch die zerbombte Stadt auf der Suche nach Essbarem. Wer etwas zum Tauschen besaß, konnte sein Überleben sichern. Aber einem Großteil der Bevölkerung fehlte es am Allernötigsten.

Uns ging es auch so und deshalb hielt man zusammen, was man hatte. Man sammelte alles, was man fand. Aus dem verkohlten Brett zog man die Nägel. Nicht verkohltes Holz wurde mitgenommen. Eisenbeschläge, Stoff- und Papierreste wurden aufgehoben. Schnüre, Kordel, Metall, zerrissene Schnürsenkel und sogar Bombensplitter, alles wurde gesammelt.

Über jede Kleinigkeit freute man sich, denn man konnte alles gebrauchen. Es war eine aus der Not geborene Verhaltensweise, die zum Überleben wichtig war. Es gab damals viele Jahre nichts. Die meisten Geschäfte waren ausgebombt und an Nachschub war nicht zu denken, da fast alle Transportwege, Straßen und Bahngleise zerstört waren.

Nie etwas wegwerfen

So lernte ich, aus Vorhandenem zu improvisieren, aus allem etwas zu machen. Dies ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Auch heute noch kann ich nichts wegwerfen. Alles und jedes sammle ich, denn vielleicht kann ich es ja noch gebrauchen. Für meine Kinder ist dies schwer nachvollziehbar. Sie können dieses Verhalten kaum verstehen, denn heutzutage gehen sie einfach in ein Geschäft und kaufen sich, was sie brauchen. Das gab es in meinen Kinderjahren nicht.

Die bittere Armut hatte uns gelehrt, nie etwas wegzuwerfen. Das galt auch für das Essen. Aus allem wurde Essbares gemacht. Aus Kartoffelschalen, aus unreifen Tomaten, aus Steckrüben, aus alten Brotkrusten, aus Wirsingblättern – nichts wurde fortgeworfen, denn der Hunger verließ uns nie. Auch heute sträubt sich alles in mir, etwas Essbares fortzuwerfen.


(1) In Köln nannte man diese Tätigkeit „fringsen“, da der Kölner Kardinal Josef Frings das illegale Tun entschuldigte: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise durch eine Arbeit oder durch Bitten nicht erlangen kann.“

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Auszug aus „Meinem Leben auf der Spur“, erzählt von Gerda K., geschrieben von Christa A. (2010), bearbeitet von Barbara H.


Foto: cocozi/anaterate / Pixabay