Neue Heimat – erst in Rendsburg, dann in Düsseldorf

Reinhard T., geboren 1934, war aus der Nähe Danzigs (heute Polen) durch die Vertreibung aus der Heimat mit der Mutter und der ganzen Familie nach dem Krieg im März 1945 geflohen. Zur Familie gehörten neben seiner Mutter fünf Kinder, außerdem die Großeltern väterlicherseits, Tante Frieda, deren Töchter Annelie und Rosemarie, Tante Ella mit drei Töchtern, noch eine Cousine mit deren Mutter und den Kindern Inge, Ilse, Karin, Reinhard und Luise. Sie hatten insofern Glück, dass sie schließlich nach Dänemark verschifft worden waren. Nur der Vater konnte nicht dabei sein.



Nach drei Jahren zurück in Deutschland – Ziel: Rendsburg

Das Leben im Lager Oksbøl in Dänemark hatte ich als fast Elfjähriger wie ein Feriencamp empfunden. Der Ernst der Lage war mir zu der Zeit gar nicht bewusst. Es war ein Ausbruch aus der dörflichen Enge meines Heimatdorfes, wo ich so etwas niemals erlebt hätte. Es war ein Schritt in die große weite Welt. Es ging mir in dem ehemaligen Militärlager bestimmt besser, als so manchen deutschen Jungs in Nachkriegsdeutschland.

Insofern war das Leben im Lager wunderschön – verglichen mit dem, was die Deutschen in den ausgebombten Städten erlebt haben.

Auf einmal hieß es, wir gehen nach Deutschland zurück, nach Rendsburg (1). Das war 1948 und bedeutete für mich kein Freudentag. Ich wusste gar nicht, wo Rendsburg lag. Meine Mutter hatte schon Briefkontakt mit dem Vater gehabt. Ich weiß nicht, wie die Post nach Dänemark gekommen war. Da war mein Vater schon in Lensahn/Ostholstein und hatte die Mutter über das Rote Kreuz gefunden. Wir hatten Vater lange nicht gesehen, die Ereignisse hatten sein Bild verdrängt. Aber er war schon wieder in körperlich guter Verfassung. An das Wiedersehen kann ich mich gar nicht erinnern. Er war auf einmal da.

In den dänischen Lagern hatten wir die ganze Zeit mit den Familienmitgliedern zusammen gelebt, mit denen wir auf die Flucht gegangen waren. Erst als wir nach Rendsburg gingen, haben wir uns getrennt. Meine Großeltern und Onkel Herberts Familie gingen direkt in den Münchner Raum.


Unser Vater hatte 1948 in Rendsburg eine Wohnung bekommen. Wäre die Wohnraumfrage nicht so prekär gewesen, wären wir früher aus Dänemark nach Deutschland umgesiedelt. Mein Vater war schon 1946 nach Deutschland (Lensahn/Ostholstein) gekommen, arbeitete dort zunächst als Holzfäller, fand aber bald eine Anstellung in einem Gießereibetrieb in Rendsburg.

In Rendsburg wurden wir im Juli 1948 bei einer Frau B. einquartiert, die ein Zimmer im Parterre und eine Mansarde unter dem Dach für uns räumen musste. Das größere Zimmer war wahrscheinlich ihre gute Stube, die sogenannte „kalte Pracht“ (2). In dem Raum gab es drei Betten, und gekocht wurde auf einer elektrischen Herdplatte.

Gewaschen haben wir uns draußen auf dem Hof und die Toilette war wie üblich ein Donnerbalken draußen außerhalb des Hauses, aber es gab immerhin auch schon ein extra Pissoir für die Männer. Wir wohnten als einzige Flüchtlingsfamilie in diesem Haus, einem Stadthaus mitten in Rendsburg, nahe dem Paradeplatz, in der Prinzenstraße und gegenüber der Christuskirche, in der ich auch konfirmiert worden bin. Das war ziemlich eng und hat bestimmt meine Eltern und meinen ältesten Bruder bedrückt, während wir Kleineren das einfach so hingenommen hatten. Mir ging es aber gut. Ich ging zur Schule, der Christian-Timm-Schule. Für mich war das kein Stress, ich habe nichts mitgekriegt.

Ich bin Schlosser geworden, das lag mir im Blut

Mit zehn habe ich schon eine Alu-Kelle geformt und meine erste Säge gebaut, nur wusste ich nicht, dass man sie noch schränken musste, das heißt, die Zähne versetzen musste. Ich brauchte nur ein Stück Blech, und schon habe ich etwas Nützliches daraus hergestellt. Ich war Schlosser schon mein Leben lang. Im Lager hatte ich als Kind eine Kartoffelreibe gebaut und aus Flugzeugblechen den ersten Kamm gefertigt. Beides wurde sogar benutzt.

Das zeigte schon, warum ich so anders war als mein Bruder, eben viel praktischer. Mein Bruder war immer schon Hochschüler, ein Theoretiker noch und noch, er wusste viel Geschichtliches. Ich bin halt Schlosser.

Beruflich folgte ich dem Vater

Mein Vater arbeitete bei der Gießerei Ahlmann in der Carlshütte als Hilfsarbeiter – und das als selbständiger Bauer! Er hat Badewannen gegossen. Er hat gut verdient, aber er musste im Schichtdienst funktionieren. Doch etwas anderes hätte er gar nicht mehr machen wollen. Vater hat mich zur Firma Ahlmann gebracht. Dort konnte ich nach Abschluss der Schule meine dreieinhalbjährige Lehre als Maschinenschlosser beginnen, die bis Herbst 1953 dauerte.

1. Lehrjahr: feilen, sägen, hobeln, drehen, schmieden, schweißen, Bleche biegen;

2. und 3. Lehrjahr: In den Betriebswerkstätten lernte ich schweres Gerät wie Hammer, Meißel und Brechstange kennen;

4. Lehrjahr: Ein halbes Jahr im Konstruktionsbüro als technischer Zeichner um Konstruktionspläne zu zeichnen.

Für die Schlosserprüfung musste ich zurück in die Werkstatt, und nach der Prüfung kam ich wieder ins technische Büro.

Da lebten noch die alten Schlosser, die die Lehrlinge gescheucht hatten. Die Betriebseigentümerin, Frau A. ging durch die Hallen und sprach mit den Mitarbeitern, hat jedem die Hand gegeben. „Wie geht‘s, wie steht‘s, wie läuft‘s?“ Da habe ich auch meinen ersten Feuerhaken geschmiedet. Damit ich ihn am Pförtner vorbei bekam, habe ich ihn in die Hose gesteckt. Und genau beim Pförtner fällt er mir raus. Das hat richtig gescheppert. Er hat aber weggesehen und mich durchgelassen.

Die Ausbildung war toll!

Ich absolvierte eine sehr gute Lehre mit gutem Ausbilder, der hatte das Alter meines Vaters, war sehr human. Ich musste feilen, bis das Werkstück gerade war. Er hat auch nicht geschimpft, wenn es noch nicht klappte. Im ersten Jahr lernten alle Lehrlinge zusammen, ab dem zweiten Jahr lernten wir in den Betrieben bei den Fachleuten, von denen ich viel profitiert habe. Ich habe einen Prägestempel gemacht für die Prägung von Schlüsselanhängern, die auf einem Ahlmann-Schiff gebraucht wurden. Und autogenes Schweißen mit Carbid lernte ich. Das war eine fantastische Lehre.

Einmal kam der Meister und fragte: „Was machst du am Feierabend und am Sonnabend und Sonntag? Nichts? Dann gehst du jetzt tanzen!“ Da bin ich mit 15 erst einmal in die Tanzschule gegangen. Die Frauen waren alle älter als ich, hatten beruflich ausgelernt und führten das Kommando. Da hat sich keine Freundschaft entwickelt. Danach hat mich mein Meister zum Rudern in den betriebseigenen Ruderverein geschickt. Auf dem Kaiser-Wilhelm-Kanal ruderten wir meist im Vierer oder Achter. Einmal kamen wir einem großen Schiff zu nahe, da wären wir beinahe abgesoffen. Als ich später meine zukünftige Frau kennen lernte, habe ich von dem Tanzkurs profitiert.

Nächster Neubeginn: Düsseldorf

Als ich meine Ausbildung in Rendsburg beendet hatte, war ich 19. Mein Bruder Günter war schon vor uns nach Düsseldorf gezogen, um dort ein Chemiestudium zu absolvieren, und zwar abends an der Ingenieurschule. Tagsüber musste er arbeiten, Geld verdienen, zum Beispiel bei den Stadtwerken Düsseldorf, der Firma Maizena in Krefeld und später in der Stahlbranche bei Hille & Müller in Düsseldorf. Offenbar zog es nun den Rest der Familie hinterher.

Wir bekamen in Düsseldorf im Stadtteil Eller/Vennhausen eine neue, speziell für Flüchtlinge errichtete Mietwohnung in der Lassallestraße, eine sogenannte „projektierte Straße“. Sie war nur 58 qm groß und hatte eine Wohnküche und drei Schlafräume, aber es gab schon eine Badewanne und eine Heizung und warmes Wasser. Wir hätten wohl die Möglichkeit gehabt, eine Wohnung zu kaufen, aber Vater hatte keinen Mut mehr und wollte keine Schulden machen.

Unsere Eltern haben von dem Lastenausgleich (3) etwas profitiert. An eine Rückforderung des Ackerlandes in unserer alten Heimat war ja nicht zu denken. Nach dem Eintritt von Polen in die EU 2004 hat es eine Gruppe Alteigentümer unter dem Dach der „Preußischen Treuhand“ (3) versucht und ist am Europäischen Gerichtshof in einem Musterprozess abgewiesen worden. Seitdem ist jeder Anspruch hinfällig.

Keiner von uns wollte Landwirt werden

Vater arbeitete in Düsseldorf als ungelernter Arbeiter in der Glasfaserproduktion der Glashütte „Gerresheimer Glas“. Das hat ihn zurückgeworfen, das hat er nicht gut verkraftet. Er war ja Landwirt, hatte Realschulabschluss, hat auch die Landwirtschaftsschule abgeschlossen, und musste dann als ungelernter Arbeiter Geld verdienen. Für ihn war das ein gewaltiger Rückschlag, er hat sich nie dort wohl gefühlt.

Bis zur Pensionierung 1965, immerhin zwölf Jahre, hat er das durchgestanden. Gestorben ist er 1976. Er hätte eine Alternative gehabt. Arbeitskollegen von ihm hatten einen Hof gepachtet. Da wurde überlegt, ob wir das nicht auch machen sollten. Dann wäre er wieder drin gewesen. Aber Vater hatte Angst bekommen und nicht den Mut, wieder neu anzufangen. Es lag auch daran, dass ich und keiner meiner Brüder Begeisterung gezeigt hatten, mit ihm in die Landwirtschaft einzusteigen. Da empfand er keinen Rückhalt. Wir Kinder waren nicht mehr an Landwirtschaft orientiert. Wir hatten mittlerweile alle andere Berufe. Da lohnte sich für ihn der Aufwand nicht.

Keine Zeit zum Nachdenken

Meine Mutter verkraftete den Rückschlag besser. Sie musste sich um fünf Kinder kümmern. Da war nicht viel Zeit zum Grübeln. Sie hat für jeden morgens Frühstück gemacht. Sie war so beschäftigt, die konnte gar nicht denken. Sie hatte sich immer um alles gekümmert, war eine Leseratte und hat viel gestrickt und auf mich wirkte sie stets munter.

Wieder folgte ich Vater

Ich wollte in Düsseldorf als technischer Zeichner weiter arbeiten. Aber als Schlosser habe ich mehr verdient. Vater hat mich dann in die Gerresheimer Hütte gebracht, bin immer dem Vater nachgefolgt. Von 1961 bis 1964 bin ich in die Technikerschule gegangen, das war eine Fernschule, die ich nebenberuflich absolviert habe. Ich musste ja auch Geld verdienen. Drei Jahre habe ich gesessen und gepaukt, Abend für Abend. Da habe ich den Werksmeister gemacht. Als ich fertig war, wurde ich schon in das technische Konstruktionsbüro aufgenommen. Es folgte die Ausbildung zum Maschinenbautechniker.

Da bin ich von 1964 bis 1965 zur Abendschule gegangen. Ich brauchte nur ein Jahr zu machen. Alle anderen Jahre wurden mir von der Fernschule angerechnet. Deshalb ist die Fernschule für mich die beste Grundlage gewesen. Und ich habe Sachen konstruiert, da frage ich mich, wo ich das her hatte. Es gab ja kein wikipedia oder google. Es gab nur Handbücher, zum Beispiel „Förderschnecken von 1,20 m Durchmesser“. Ich habe die „archimedische Schnecke zur Wasserförderung“ nachgebaut, ganz groß. Und die musste funktionieren und hat funktioniert! Und das unter ehemaligen Schlosserkollegen.

1964 bekam ich eine Anstellung als Konstrukteur im technischen Büro in der Hauptwerkstatt der Glasproduktion der Firma Gerresheimer Glas auf der Heyestraße. 16 Jahre bin ich im Glasgeschäft geblieben. Mal arbeitete ich am Kühlofen, dann an der Produktionsmaschine und auch mal im Schlossereibetrieb.

Ausbildung und Arbeit hatten sich gelohnt

Die letzten Jahre habe ich in den gesamten Betrieb der Flachglasproduktion geleitet. Ja, das war schon interessant. Mir hat man angeboten, früher in Rente zu gehen. Es stand eine Betriebsschließung und Reorganisation der Flachglasproduktion bevor. Da habe ich in die Frühpensionierung 1992 eingewilligt. Da war ich 58 Jahre alt, bekam eine Abfindung und zwei Jahre Überbrückung durch das Arbeitsamt. Trotzdem, es war gut so. Seitdem genieße ich die Freiheit, und das Geld läuft trotzdem.

(1) Die Stadt Rendsburg liegt in der Mitte Schleswig-Holsteins am Nord-Ostsee-Kanal und am historischen Ochsenweg. Sie verbindet die beiden Landesteile Schleswig und Holstein.

Quelle: wikipedia

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(2) Früher bezeichnete „kalte Pracht“ nur ein unbewohntes Zimmer, das nicht beheizt wird. Damit gemeint war vor allem ein prachtvoller Raum in einer Bürgerwohnung, der nur an Feier- oder Festtagen genutzt wurde und der nicht zum Wohnen vorgesehen war. Hier empfing man besonderen Besuch, für die engere Familie war dieser Bereich jedoch nicht bestimmt. Man geht davon aus, dass mit der „kalten Pracht“ zunächst die „gute Stube“ eines Bauernhauses gemeint war. Diese ließ sich, weil es nur eine Feuerstelle im Herd des Hauses gab, nicht beheizen und blieb daher kalt. In jüngerer Zeit wird der Begriff als Metapher für „Schnee(decke)“ oder „Eis“ verwandt, was darauf hindeutet, dass die ursprüngliche Bedeutung vielen Menschen heute nicht mehr geläufig ist.

Quelle: wissen.de

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(3) Das Gesetz über den Lastenausgleich vom 14. August 1952 hatte zum Ziel, Deutschen, die infolge des Zweiten Weltkrieges und seiner Nachwirkungen Vermögensschäden oder besondere andere Nachteile erlitten hatten, eine finanzielle Entschädigung zu gewähren. …

Quelle: wikipedia

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(4) Die Preußische Treuhand GmbH & Co. KGaA ist ein Unternehmen, das sich die Durchsetzung von Eigentumsansprüchen von Bewohnern ehemaliger Ostgebiete des Deutschen Reiches zum Ziel gesetzt hat. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Düsseldorf und will die möglichen Eigentumsansprüche einzelner Vertriebener juristisch klären und durchsetzen. Es steht in keiner Beziehung zur ehemaligen Treuhandanstalt des Bundes…

Quelle: wikipedia

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Auszug aus „Reinhard und Edith T. erzählen aus ihrem Leben in Kriegs- und Nachkriegszeiten“, erzählt von Reinhard T., aufgeschrieben von Bernhard S. (2016), bearbeitet von Barbara H. (2022)

Symbolfoto: Ralph/Pixabay