Rückblick: Die Hitlerjugend in Oberkassel

Raimund, geb. 1927, wuchs in Düsseldorf-Oberkassel auf und zog 1940 mit seiner Familie in die Altstadt. Die Kindheit und Schulzeit im Linksrheinischen haben ihn geprägt, ebenso die Zeit in der HJ, im Arbeitsdienst und schließlich im Wehrdienst, aus dem er an seinem 18.Geburtstag gesund nach Hause zurückkehrte. Nach seiner Ausbildung engagiert er sich verantwortungsvoll im Familienbetrieb, aber auch in Berufs- und Heimatverbänden.



Katholische – evangelische Grundschulen

1933 - im Jahr der Machtergreifung Hitlers kam ich zur Schule. Es gab hier nur eine Volksschule in Niederkassel und eine evangelische Schule, Lanker Straße (Foto oben: Schule an der Lanker Straße. Reproduktion einer Postkarte. Ohne Datum / Quelle: Stadtarchiv Düsseldorf). Die evangelische Schule war in Flachbauten auf unserem Schulgelände untergebracht, die katholische Schule in einem großen Klinkerbau.


Es gab nur eine Schultüte für alle

Es macht mir immer wieder Freude wenn ich höre, dass heutzutage zur Einschulung die ganze Familie kommt: Oma, Opa, die ganze Verwandtschaft, mit großen Geschenken. Und wie war das bei uns? Die Mutter ging natürlich mit. Mein Vater wäre gar nicht auf die Idee gekommen mitzugehen. Ich habe das auch nicht als unangenehm empfunden.

Vor der Schule stand ein Fotograf, der eine Schultüte hatte, also praktisch eine Attrappe. Die kriegte jedes neue Schulkind in den Arm gelegt und wurde fotografiert. Dann gaben wir die Tüte wieder ab. Natürlich trugen wir den Ranzen mit einem Lappen hinten dran; wir hatten ja noch eine Schiefertafel mit dem Schiefergriffel. Den Lappen musste die Mutter immer fein sauber waschen.


Jugend in der Hitlerzeit

Oft habe ich in letzter Zeit darüber nachgedacht: Haben wir gemerkt, dass das Dritte Reich angefangen hatte? Ich muss ehrlich sagen: eigentlich nicht!

Ich erinnere mich noch an einen Lehrer meines Bruders, der im ersten Weltkrieg verletzt worden war, deshalb eine Augenklappe trug und gelegentlich in Uniform zur Schule kam. Er war ein engagierter Lehrer, der freiwillig mit seinen Schülern jede Woche zum Schwimmen in die Schwimmhalle Grünstraße gegangen ist. Das lag ihm am Herzen. Auf diese Weise sind wir in seinem Sinn erzogen worden, ohne es gemerkt zu haben.

1937, mit 10 Jahren, kam ich zur Hitlerjugend (1) bzw. zum Jungvolk; die Mädchen zum BDM (2). Das war selbstverständlich, so wie es nach dem Krieg die ‘Jungen Pioniere‘ (3) in der DDR gab. Es war eine Pflicht, die wir aber nicht als unangenehm empfanden. Jeden Mittwochnachmittag und jeden Samstag gab es Treffen oder ‘Antreten‘. Aus diesem Grund durften die Lehrer uns von Mittwoch auf Donnerstag keine Hausaufgaben stellen. Wir fanden das gut! Wir mussten unsere Cordhosen und Braunhemden anziehen. Alle Nachbarjungen trafen sich um 3 Uhr und spielten auf der nahen Rheinwiese. Dort stand ein alter Rheinbahnwagen, der unser Heim war. Bei schlechtem Wetter wurden darin Lieder gesungen, einige schon Nazi-orientiert, aber auch solche, die man heute noch singt. Wir haben uns wohl gefühlt.

Im Nachhinein ist mir bewusst, wie toll das organisiert war: Wir wurden in ‘Fähnlein 58‘ für den vorderen Teil von Oberkassel eingeteilt und auf der anderen Seite ‘Fähnlein 59‘. Zwischen den ‘Fähnlein‘ gab es Konkurrenz, auch mal ‘ne Schlägerei. Nach ein paar Wochen wurde einer der sechs Jungen Hordenführer. Er hatte über fünf Mann das Sagen und musste dafür sorgen, dass die Termine verkündet wurden. Nach kurzer Zeit wurde ich auch einer, aber nicht, weil ich ein großes Maul hatte, sondern weil ich für Ordnung sorgen konnte und gut erzogen war. Ich erzählte meiner Mutter davon und sie war stolz wie Oskar.

Vier Horden bildeten eine Jungenschaft. Einer von den etwas Älteren wurde Jungenschaftsführer und hatte schon 23 Jungen unter sich. Zwei oder drei Jungenschaften bildeten einen Zug und so steigerte sich das. Es gab eine klare Gliederung und alle fühlten sich verpflichtet. Alle vier Wochen trafen sich die vier Fähnlein und es wurde ein Umzug organisiert. Alle trafen sich am Belsenplatz. In Oberkassel gab es auch ein Fanfarencorps, alles junge Burschen, die gern mitmachten. Die ganze Luegallee wurde gesperrt und die vier Fähnlein, 400 Jungen aus Oberkassel, von 10-14 Jahren, marschierten dann mit dem Fanfarencorps vornweg, einmal zur Rheinbrücke und zurück. Wir sangen Lieder und es machte uns Spaß. Alle Leute guckten zu.

Im Nachhinein kann man gar nicht verstehen, dass uns das alles Spaß gemacht hat. Aber so waren wir Mittwoch nachmittags und samstags beschäftigt. Die Eltern in Oberkassel hatten nicht grundsätzlich etwas gegen das Jungvolk, haben es aber beobachtet und sich nicht alles gefallen gelassen. So haben sie durchgesetzt, dass an Sonn- und Feiertagen erst eine halbe Stunde nach Ende der ersten Messe, also um halb zehn, Antreten sein sollte.

Insgesamt hatten wir nicht den Eindruck, dass wir politisch geschult wurden, aber das ist ja die Gefahr, wenn man es nicht merkt. So war das auch mit dem WHW, dem Winterhilfswerk. Es wurde uns gesagt, dass wir für notleidende Menschen sammeln sollten. Jeder bekam eine Büchse und 20 Abzeichen aus dem Erzgebirge, die wir verkaufen mussten. Wir haben es freiwillig gemacht und viel Geld eingenommen. Erst später habe ich erfahren, dass wir nicht für arme Leute, sondern für Kriegsmaterial gesammelt haben. Seit dieser Erfahrung reagiere ich allergisch, wenn jemand mit einer Sammelbüchse kommt.

(1) und (2): Die Hitlerjugend (HJ) war die Jugend- und Nachwuchsorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, zu der das Deutsche Jungvolk und der Bund Deutscher Mädel gehörte.

[zurück] (3) Die Jungen Pioniere waren eine politische Massenorganisation für Kinder. [zurück]

Auszug aus: ‘ Raimund S. – ene “ Alde Düsseldorfer“`, erzählt von Raimund S., geschrieben und Auszug verfasst von Marion PK