Vom Elektrikergeselle in Thüringen zum Ingenieur in Krefelder Maisfabrik

Hans kommt 1929 im 300-Seelen-Dorf Kirchengel in Thüringen (1) zur Welt. Seine Eltern betreiben ein Wirtshaus mit angeschlossener Schlachterei, Kolonialwarenladen (2) und Poststelle. Seine Kindheit ist geprägt durch das heile, dörfliche Leben, aber auch die Auswirkungen des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges. 1950 flieht er aus der DDR in den Westen, mit dem Ziel Krefeld. Das war der Beginn einer beeindruckenden beruflichen Karriere und einer großen Liebe in Westdeutschland. Seine Verbindung zu seinem Heimatdorf hat er nie verloren.




Elektrikergeselle in Westerengel – Lebensretter für den Meister

Während der Besatzungszeit bin ich auf dem Bauernhof meines Großvaters und Onkels geblieben. Ab September 1946 hatte ich dann eine Lehrstelle als Elektriker in Westerengel. Dazu Berufsschule. Allgemeine handwerkliche Ausbildung: feilen, bohren, hämmern, meißeln...


Die Elektrifizierung ging Mitte der 20er Jahre los. Damals war alles Freileitung. In jedem Ort wurde ein Transformatorhaus gebaut, um den Strom von 10.000 auf 380 bzw. 220 Volt runter zu transformieren. Zum Aufbau wurden Elektriker gebraucht. Mein Lehrmeister B. kam aus der Tschechei. Er sagte zu meinem Großvater: „Du hast einen Enkel! Den kann ich machen lassen, was ich will – alles kann der! Guck mal hier, das große Fenster, das hat der eingebaut. Unmöglich!“ Ja, so war ich.


Während meiner Lehrzeit gab es wieder eine gefährliche Situation mit elektrischem Strom. Auf einem großen Gut im Nachbardorf gab es eine eigene Dreschanlage. Sie bestand aus der Maschine und einem Antrieb. Das war ein Elektromotor, der war in einem großen Wagen installiert. Auf der einen Seite wurden die ankommenden Kabel eingesteckt, und auf der Rückseite war der große Einschalthebel. Als wir ankamen, sagte der Chef: „Hans, du gehst nach hinten, ich zeig dir das. Den großen Schalter, den kannst du aufmachen. Dann bringst du die Kontakte zusammen. Hier hast du Schmirgelpapier, damit machst du die Kontakte vorher noch schön sauber.“ Sie waren aus Bronze, und der Funke, der beim Einschalten entstand, bildete immer etwas Schlacke. Also habe ich das gemacht. Mein Chef säuberte derweil die Anschlüsse an der Vorderseite. Plötzlich hörte ich ihn schreien. Ich guckte zu ihm rum, und da lag er auf der Erde auf dem Rücken, hatte das Kabel in der Hand und strampelte mit den Füßen. Ich denk, da stimmt irgendwas nicht. Bin nach vorn gerannt und dem Kabel nach, dorthin, wo es am anderen Gebäude eingesteckt war. Ich wollte es rausziehen, und als ich das Metall anfasste, kriegte ich eine gescheuert, aber deftig. Ich hab mich so erschreckt! Bin etwa drei Meter durch die Luft geflogen und fand mich in einem großen Misthaufen wieder.


Ich schnell wieder hoch, diesmal nicht am Metall, sondern das Gummi am Kabel angefasst und rausgezogen. „Jetzt hast du mir das Leben gerettet!“, sagte mein Chef zu mir. „Wenn der andere Lehrling mitgewesen wäre, der hätte das nicht kapiert. Für heute machen wir Schluss, ich kann nicht mehr. Feierabend.“


Meine Gesellenprüfung war einfach: Eine Wechselstromanlage für Licht bauen. Ganz einfache Schaltung, aber die beiden Phasen waren etwas knifflig. Wenn du was vertauscht hast, ging gar nichts. Aber damit hatte ich kein Problem.


Start als Elektriker in Krefeld – aus Fehlern gelernt

Während des Krieges hatten wir eine Mutter mit acht Kindern aus Krefeld bei uns einquartiert. Der Vater war an der Front. 1945 gingen sie zurück. Aber mit einem der Söhne, H., bleib ich in Kontakt. Und da schrieb ich, er sollte doch seinen Vater – der hatte vor dem Krieg ein Elektrogeschäft – fragen, ob er noch jemanden gebrauchen kann. Der Vater schrieb mir dann selbst zurück: „Wir kennen uns zwar nicht, aber du kannst kommen. Ich habe eine Menge Arbeit."

Am 8. September 1950 bin ich in Uerdingen angekommen. So habe ich von 1950 bis 1952 in H.s Funk- und Elektrohaus gearbeitet. Im Haus hatte ich auch Kost und Logis: Eine kleine Dachkammer mit einem uralten wackeligen Schrank und einem Eisenbett, das in den Ecken schon verrostet war. Aber ich war ja froh, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte.


Zwischen Uerdingen und Kaldenhausen gab es ein Ausflugslokal. Die elektrische Zuleitung musste repariert werden. Früher war die elektrische Anlage auf einer großen Marmortafel. Heute hat man geschlossene Kästen. Um arbeiten zu können, musste ich die Sicherung rausnehmen. In Uerdingen war der Anschluss immer im Keller. Auch hier habe ich einen Sicherungskasten im Keller gefunden und die Sicherung rausgemacht. Aber was ich nicht wusste: Das war der Abgang zum Nebengebäude. Der richtige Sicherungskasten befand sich auf der Etage. Mein Fehler war, dass ich nicht nochmal geprüft habe, ob der Strom wirklich ausgeschaltet ist. Ich hab losgearbeitet, die Teile an der Anlage getauscht. Ging alles noch gut. Aber nur, weil ich auf einer Holzleiter stand!

Und jetzt kam's: Als ich die Mutter festgeschraubt habe, bin ich mit dem Kabelschlüssel an das Rohr der Gasleitung gekommen, das hinter der Tafel langlief. Und das war jetzt die Erdung. Da hing ich fest. Ich habe alles Mögliche versucht, um wegzukommen. Ging nicht.

Da kam mir ein Gedanke: Ich schaukelte so lange mit der Leiter, bis die umfiel und mich mitgenommen hat. Gott sei Dank! In dem Moment kam ein Mitarbeiter aus der Gastwirtschaft und fragte: „Was ist denn hier passiert?!“ – „Komm, sei still! Ist schon vorbei. Alles in Ordnung.“ Aber das war dann wirklich das letzte Mal, dass ich so unvorsichtig gewesen bin. Von da an habe ich immer erst geprüft.


Leider starb mein Chef im November 1951. Von seinen Söhnen hatte sich keiner für das Geschäft interessiert. Da sagte er noch auf dem Sterbebett zu mir: „Hans, du hast ja schon reingerochen ins Geschäft, du kennst dich aus, weißt, wie es läuft. Bitte, kannst du das Geschäft weiterführen?“ – „Ja“, sag ich, „ich will's versuchen.“

Aber es hat nicht geklappt. Ich hatte 800 Mark Schulden bei den Lieferanten. Das war damals viel Geld. Wir haben gute Arbeit gemacht und noch einen Meister eingestellt, einen Ur-Krefelder. Der sprach nicht Deutsch, sondern nur Krefeldisch. Irgendwann konnten wir uns dann doch verständigen. Aber im Februar 1952 mussten wir Konkurs anmelden. Da war nichts mehr zu holen.


Eine Urlaubsvertretung arbeitet sich nach oben

Bei H. war also Schluss. Was mache ich denn jetzt? Ich hatte inzwischen viele Bekannte. Sonntags trafen wir uns immer zum Frühschoppen. Und einer sagte: „Hör mal, du könntest doch bei der Maizena (3) anfragen, ob du dort anfangen kannst.“


Ich hab dann direkt nachgefragt, und die Dame von der Verwaltung sagte mir: „Mit Elektrikern können wir die Straße pflastern!“ – „Wie, nix?“ – „Ne, aber wir ziehen nächstes Jahr nach Linn, wo's zum Hafen geht“. Bis dahin war Maizena noch auf der Bruchstraße. „Wir haben ein großes Gelände erworben, da fangen wir neu an zu bauen. Bleiben Sie hier, gehen Sie erst nochmal auf Schicht in den Betrieb, in die Produktion. Da können Sie sich die Grundlagen aneignen, und wenn dann die Elektriker gebraucht werden, sind Sie der Erste, der anfängt.“

Hab ich dann auch so gemacht.


Bei der Maizena habe ich klein angefangen, am 13. März 1952. Ein Jahr in sämtlichen Produktionsabteilungen. Hauptsächlich als Urlaubsvertretung. Stundenlohn 1,27 DM. Da habe ich alles von Grund auf gelernt. Das hat mir später viel geholfen. Bin in der Werkstatt auf Schicht gegangen, habe Fortbildungen besucht und Abendschule gemacht.


In der Bauphase des neuen Werks haben wir kilometerlange Kabel verlegt. Dann ging der Betrieb los, 1954. Die Hauptzentrale von Maizena war zu der Zeit noch in Hamburg.

Ich kann mich erinnern, als der erste Mais durch die Produktion lief. Der wurde vorher in großen Silos bei 50 Grad weichgemacht mit Chemie. War nicht gesund. Aber als der Mais rauskommen sollte, kam er nicht!

Im Erdgeschoss befanden sich gepflasterte Rinnen in der Erde. Da konnte man den Ausguss drehen, je nachdem, in welche Rinne es laufen sollte. Nun war es so weit: Hingelegt, Schieber auf. Alle waren am Warten. Kam kein Mais. Der Generaldirektor aus Hamburg hatte den Schieber aufgemacht. Er war auch am Warten und guckte immer. Dann brachte ein Arbeiter eine Stange, und der Herr Direktor ließ es sich nicht nehmen, selbst von unten zu stochern. Jetzt tröpfelten ein paar Maiskörner zu Boden.

Der Generaldirektor guckt nochmal. Und wie der so guckt, da kam plötzlich ein ganzer Schwall raus, und er stand bis zu den Knien im Mais. Das Gejohle! Das war einmalig.


Bald war auch der Sozialbau fertig. Im Erdgeschoss waren die Umkleide- und Duschräume. Eines Tages – wohl Dezember 1955 – hatten wir einen kleinen Umtrunk. Das war immer gesellig. Es kam ja noch keiner mit dem Auto. Wir waren zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Danach machten wir Feierabend.

Im Sozialbau haben wir uns umgezogen. Ich hatte gerade geduscht und war dabei, mich anzuziehen. Auf einmal hör ich was knistern. Ich denk: Was ist das? Das kommt von oben! Ich gucke also hoch – da fällt der ganze Putz von der Decke! Und ich war drunter. War völlig weg.

Die anderen haben mich gleich geschnappt und in den Sanitätsraum gebracht. Davon habe ich aber nichts mitbekommen. Der Sanitäter hat mich behandelt. Er sagte: „Da musst du ins Krankenhaus.“ – „Wie, ins Krankenhaus? Den Scheiß lassen wir.“ Es war ja kurz vor Weihnachten. „Aber dann gehst du wenigstens zum Röntgen.“ – „Ja, das kann ich machen.“ Außerdem sollte ich auch zum Neurologen, musste auf´m Strich laufen und solche Sachen. Alles war in Ordnung. „Ich schreibe Sie trotzdem krank. Da können Sie sich erholen.“ Er hat mich dann bis Anfang Februar krankgeschrieben.


Von da an lief's. Vier verschiedene Produkte haben wir aus dem Mais hergestellt: Öl (Mazola), Stärke (Maizena bzw. Mondamin), Dextrose und ein Färbemittel. Und aus den Resten noch Schweinefutter. Von Jahr zu Jahr wurde die Fabrik vergrößert. Zuerst waren wir 1000 Mann, dann fing der Umbau an mit modernen Maschinen. Als das abgeschlossen war, kamen wir in die Phase, wo nur noch mehr verdient werden kann, wenn man die Leute dezimiert. Da wurden wir runtergespart auf 600. Der Einzelne wurde dann mit Doppelarbeit belastet.


Ich hab bei Maizena eine große Elektroanlage gebaut. Ein Elektromeister aus Krefeld hat sie sich angesehen. Am 13. April 1961 habe ich In Düsseldorf meinen Meisterbrief abgeholt. Einen Tag nach dem ersten Flug eines Menschen ins All.

Damit war ich aber noch nicht zufrieden. Ich wollte weiter. Fünf Jahre war ich nun schon in der Planung von Elektroanlagen. Und dann las ich in der Fachzeitschrift Elektro: „Wenn man als Elektromeister mehrere Jahre Planungsarbeiten ausgeführt hat, kann man beim Regierungspräsidenten einen Antrag auf den Titel 'Elektroingenieur' stellen“. Habe ich umgehend gemacht, und es wurde auch genehmigt. Mir ging es nicht um den Titel, aber um's Geld: Ich wurde dann als Ingenieur bezahlt. Das waren gleich tausend Mark mehr.


Mit 59 bin ich in den Vorruhestand, nach 37 Jahren bei Maizena. Dazwischen hatte ich eine schwere Zeit. Es ging plötzlich nicht mehr. Mit Blaulicht ins Krankenhaus. Es war zu viel.

Ich hatte drei Werkstätten: Elektrowerkstatt, Mess- und Regelwerkstatt und Kommunikationswerkstatt. Und 40 Leute unter mir.

Danach habe ich die Verwaltung gebeten, einen neuen Ingenieur einzustellen. Viermal hatte ich schon einen Antrag auf Vorruhestand gestellt. Den haben sie immer wieder abgelehnt. „Bei uns geht niemand in Vorruhestand, die Außertariflichen (AT) müssen durchhalten!“


Aber eines Tages ging das Telefon, und da sagte das Lohn- und Gehaltsbüro: „Stellen Sie einen neuen Antrag, das klappt jetzt.“ – „Wieso?“ – „Die Verwaltung hat'n Fehler gemacht. Die haben einen AT-Mann in Vorruhestand gehen lassen, obwohl in den Statuten steht, AT-Leute dürften nicht.“ So mussten sie mich dann auch gehen lassen. Meine Kollegen sagten: „Das kannst du doch nicht machen, du bist doch jetzt so richtig drin!“

Aber ich blieb dabei. Ich hatte mir ein Maßband gekauft und die letzten Tage immer abgeschnitten. Ich hab's nie bereut. Obwohl ich Anderthalbtausend Verlust hatte bis zur Rente.



(1) Kirchengel ist ein Ortsteil der Stadt und Landgemeinde Greußen im Kyffhäuserkreis in Thüringen.

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(2) Als Kolonialwaren wurden früher, besonders zur Kolonialzeit, überseeische Lebens- und Genussmittel, wie z. B. Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Kakao, Gewürze und Tee bezeichnet.

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(3) Die Deutsche Maizena GmbH war auf die Herstellung stärkehaltiger Lebensmittel aus Getreide wie etwa Maizena, Mondamin und Weizenin spezialisiert. Maizena ist ein aus Mais gewonnenes, von Eiweiß, Fett und Fasern befreites Stärkemehl, das zum Binden und Andicken von Suppen, Saucen und Desserts oder Fondues verwendet wird.

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Auszug aus „Eine Prophezeiung erfüllt sich“, erzählt von Hans L., geschrieben von Eva J., bearbeitet von Uwe S.

Foto: Despierres/jarmoluk/Pixabay