Von der Zeche in den Krieg

Gertrud D. wurde 1921 in Gelsenkirchen (1) geboren. Ihr Pflichtjahr absolvierte sie auf einem Bauernhof in Tecklenburg, trat anschließend in Münster eine Lehrstelle in einem Herrenkonfektionsgeschäft an, wurde Verkäuferin und heiratete 1942.



Malochen und Kaninchenzucht

Mein Vater arbeitete in der Zeche, hatte es zum Vorarbeiter gebracht und durfte sich dadurch täglich nach der Arbeit im Waschraum säubern und wir konnten billiger heizen. Freilich waren die Arbeitsbedingungen noch recht primitiv, denn der Fortschritt mit seinen Fördertürmen und elektronischer Steuerung begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg (2), an den zu dieser Zeit noch niemand dachte.

In seiner Freizeit beschäftigte mein Vater sich mit der Kaninchenzucht, und bei jedem Familienfest gab es dann Kaninchenbraten, den ich nie so recht mochte, da mir die kleinen Tiere immer so vertrauensvoll zuschauten, wenn ich meinem Vater beim Füttern zur Hand ging.

Es gab damals noch kaum elektrischen Strom, und somit wurden zur Beleuchtung Gaslampen verwendet, deren Docht, auch Strumpf genannt, nach dem Aufdrehen des Gases am Lampenfuß, entzündet wurde. Das Gas bezog man aus Automaten, die es an jeder Straßenecke gab. Gegen Einwurf eines Groschens konnte man eine Gaspatrone ziehen.

Samstags war Badetag

Viel Wert wurde auf die Hygiene gelegt. Wir wohnten in einem modernisierten Zechenhaus, in dem schon jede Familie ihre eigene Toilette besaß. Sie war in einem kleinen Raum auf halber Etage untergebracht, war meist sehr luxuriös mit zum Beispiel goldfarbenen Armaturen ausgestattet. Gebadet wurde jedoch in der Küche. Und zwar jeden Samstagabend. Hierfür wurden die Wannen in die Mitte des Küchenraumes gestellt und mit heißem Wasser, das mit Kesseln auf dem Ofen bereitet wurde, aufgefüllt.

Die Abende verbrachten wir alle gemeinsam im Wohnzimmer, schon wegen des Lichtes oder der Heizung, mit Gesellschaftsspielen, Radio hören oder Handarbeiten.

Besonders im Gedächtnis jedoch ist mir geblieben, dass sich meine Eltern vor und mit uns über alles unterhielten, was am Tag so geschehen war oder man gehört hatte.

Unsere Schule verfügte über ein Badehaus im Keller. Einmal in der Woche gingen wir Schüler dort hin zum Duschen. Ich mochte es gar nicht, mich vor den anderen auszuziehen. Eine Freundin wurde eines Tages vom Duschen befreit, da sie „ihre Tage“ bekommen hatte. Also sagte ich beim nächsten Mal, ich hätte auch „meine Tage“ bekommen, obwohl ich gar nicht wusste, was das war. Die Ausrede ging schief, denn ich sollte zeigen, dass ich meine Tage hätte. Also, war nichts.

Ich erfuhr, dass ich dafür hätte bluten müssen, was ich nicht tat. Ich bekam meine Tage überhaupt sehr spät, erst mit 18.

Backfisch-Zeit

Die Schule besuchte ich, bis ich 13 war. Dann war die damalige Schulausbildung für die Allgemeinheit zu Ende. Ich absolvierte noch ein Pflichtjahr (3) auf einem Bauernhof, lernte Melken und Pflügen, bekam in Gelsenkirchen keine Lehrstelle, aber in Münster.

Ich wurde Verkäuferin in einem Herrenkonfektionsgeschäft, das Militäreffekten wie Mützen, Seitengewehre und Embleme für die Flieger führte.

Meine Eltern blieben in Gelsenkirchen, und ich wurde zu einem sogenannten „Backfisch“. Man nannte mich „Fräulein“ und ich begann, mich für junge Männer zu interessieren. Die meisten von ihnen waren Soldaten, und ich wurde zum Tanzen oder zum Spazierengehen eingeladen. Meine damalige Chefin klärte mich auf, damit ich wusste, warum die Männer so gefährlich sind.

Ein schwangeres Mädchen ohne Mann hatte damals im Leben keine Chance mehr. Viele dieser Schicksale endeten im Selbstmord der werdenden Mütter.

Erst nur Positives

Der Nationalsozialismus (4) begann, das Leben zu verändern und zu prägen. Überall gab es Veranstaltungen, insbesondere für junge Menschen, an denen die Teilnahme Pflicht war. Meistens handelte es sich dabei um Truppenaufmärsche oder Parteikundgebungen. Es wurde immer nur das Positive hervorgehoben.

Die Arbeitslosigkeit war vorüber, arme Menschen wurden mit Essen versorgt, die Kinder arbeitsloser Eltern konnten in der Schule oder in angrenzenden Gasthöfen eine Mahlzeit einnehmen oder auch gemeinsam mit anderen Kindern Hausaufgaben machen.

Für Betreuung wurde im Rahmen der Nachbarschaftshilfe gesorgt. Überhaupt wurden die "Familie" groß geschrieben und Leistungen hervorgehoben und von allen gewürdigt. Worte wie Kriminalität oder Angst starben aus. Zum Shoppen gingen wir in die Einkaufsstraßen der einzelnen Stadtviertel.

Es ging uns gut.

Was geschah mit den Juden?

Die Verfolgung der Juden (5) wurde uns gar nicht richtig bewusst. Wir bekamen zwar mit, dass einige Geschäfte schließen mussten, weil deren Besitzer Juden waren. Auch ich verlor deshalb einmal eine Stelle als Verkäuferin.

Aber dass diese Menschen, die dann wegzogen, von den Nazis (6) weggebracht und umgebracht wurden, war uns nicht bekannt. Einmal habe ich einen Menschenauflauf am Bahnhof gesehen. Hierbei handelte es sich um Juden, die mit der Bahn abtransportiert wurden. Da ich sah, dass es sich hierbei um Arbeiter handelte, habe ich mir nichts Besonderes dabei gedacht. Ich dachte, sie würden wie viele andere Menschen in die Fabriken der Rüstungsindustrie eingesetzt, die hierzulande einen ungeheuren Aufschwung erlebte.

Der Zweite Weltkrieg: Ehemann und Brüder eingezogen

Bei einem Tanzabend lernte ich meinen späteren Mann kennen und lieben. Ich war damals gerade 18 Jahre alt, und der Zweite Weltkrieg brach aus.

Mein jüngerer Bruder wurde nach Bayern, mein älterer Bruder und auch mein Freund wurden in den Krieg geschickt.

Als Münster zerbombt wurde, flohen meine Mutter und ich zurück nach Gelsenkirchen.

1942 wurde mein Freund schwer verwundet und kam ins Lazarett nach Gotha (7). Von dort aus schrieb er meine Eltern an und bat darum, mich besuchen zu dürfen. Bei diesem Besuch hielt er ganz offiziell um meine Hand an und beim nächsten Besuch im März 1942 heirateten wir.

Unsere Tochter wurde 1943 geboren, da war der Krieg in vollem Gange. Jede Nacht fielen Bomben und ich musste mit meiner Tochter in den Luftschutzkeller und zitterte um unser Leben. Es graust mir heute noch vor den schrillen Gebeten, die die Luft im Bunker durchschnitten: „Lieber Gott, hilf, dass die Bomben überall fallen, nur nicht hier auf unser Haus!“

1944 wurde ich mit meiner Tochter nach Bünde (8) evakuiert. Hier blieb ich bis zum Kriegsende. Im Mai 1945 kehrte ich nach Gelsenkirchen zurück. Die Familie war zerstreut.

Ich holte meinen Bruder aus Bayern, meine Eltern und meinen anderen Bruder aus Bünde nach Hause. Im Herbst 1945 kam mein Mann aus dem Krieg zurück und im Winter zogen wir mit Kind und Kegel nach Düsseldorf.

(1) Gelsenkirchen ist eine Großstadt im zentralen Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen und gehört zur Metropolregion Rhein-Ruhr, bekannt für den bis zur Jahrtausendwende betriebenen Bergbau.

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(2) Als Zweiter Weltkrieg wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. In Europa begann er am 1. September 1939 mit dem von Adolf Hitler befohlenen Überfall auf Polen … Mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht endeten die Kampfhandlungen in Europa am 8. Mai 1945.

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(3) Das Pflichtjahr wurde 1938 von den Nationalsozialisten (s. Anmerkung Nr. 4) eingeführt. Es galt für alle Frauen unter 25 Jahren und verpflichtete sie zu einem Jahr Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft. Die Zwangsverpflichtung erfolgte dabei nach rein willkürlichen Richtlinien, ohne Rücksicht auf Interessen, Fähigkeiten oder Affinitäten jeglicher Art. Die Mädchen und Frauen sollten so auf ihre zukünftige Rollen als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden. So konnte in vielen Haushalten die fehlende Arbeitskraft der Männer, die als Soldaten im Krieg waren, kompensiert werden. Ohne Nachweis über das abgeleistete Pflichtjahr konnte keine Lehre oder anderweitige Ausbildung begonnen werden.

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(4) Der Nationalsozialismus ist eine radikal antisemitische, rassistische, nationalistische, völkische, antikommunistische, antiliberale und antidemokratische Ideologie, die nach dem Ersten Weltkrieg zu einer eigenständigen politischen Bewegung im deutschsprachigen Raum wurde. Unter Adolf Hitler wurde die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) gegründet, der 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg (s. Anmerkung Nr. 2) auslöste, in dessen Verlauf Kriegsverbrechen und Massenmorde verübt wurden, darunter den Holocaust an etwa sechs Millionen europäischen Juden und den Porajmos an den europäischen Roma. Die Zeit des Nationalsozialismus endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945.

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(5) Alle Formen von pauschalem Judenhass, Judenfeindlichkeit oder Judenfeindschaft werden als Antisemitismus bezeichnet. Der Holocaust ist der Oberbegriff für alle Einstellungen, Verhaltensweisen, die Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund ihrer angenommenen oder realen Zugehörigkeit zu „den Juden“ negative Eigenschaften unterstellen. Damit werden Ausgrenzung, Abwertung, Diskriminierung, Unterdrückung, Verfolgung, Vertreibung bis hin zur Vernichtung jüdischer Minderheiten (Völkermord) gefördert, vorbereitet und/oder gerechtfertigt.

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(6) Nazi ist ein Kurzwort für einen Anhänger des Nationalsozialisten (s. Anmerkung Nr. 4).

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(7) Gotha ist die fünftgrößte Stadt des Freistaats Thüringen und Kreisstadt des Landkreises Gotha.

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(8) Bünde ist eine kreisangehörige Mittelstadt im nördlichen Nordrhein-Westfalen, rund 20 km nördlich von Bielefeld.

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Quelle: Wikipedia

Auszug aus „Scherbenbilder – Auf der Zeche“, erzählt von Gertrud D., geschrieben von Barbara B., bearbeitet von Barbara H.

Foto: mochilazocultural/Pixabay