Düstere Stimmung: Das war das Böse

Mit neun Jahren kam Hans-Werner, geb. 1927, nach Düsseldorf, weil sein Vater Justizinspektor am Oberlandesgericht wurde. Er wuchs im Nationalsozialismus auf, wurde mit 15 Jahren Flakhelfer (1) und mit 17 zum Reichsarbeitsdienst (2) eingezogen. Er überlebte den Zweiten Weltkrieg und desertierte (3) im Mai 1945, einige Tage vor der Kapitulation. Später arbeitete als Richter u.a. bei Entschädigungsverfahren für NS-Verfolgte (4) und engagierte sich nach seiner Pensionierung beim Umbau der Justiz in den Neuen Bundesländern.



"Hunger, Hunger! Wir wollen Brot und Arbeit"

Eine mir noch gegenwärtige Erinnerung betrifft ein Ereignis vor Hitlers Machtergreifung. Meine Großeltern lebten in Bad Honnef. Dort war ich als Kind oft und gerne zu Besuch. Sie waren sehr national eingestellt, später dann auch arge „Nazis“. Ganz im Gegensatz zu meinem Vater.

Ich erinnere mich, dass in Bad Honnef manchmal die Kommunisten mit ihren Blaskapellen aufmarschierten. Mit ihren Tuben und Schalmeien zogen sie durch die Straßen und riefen: „Hunger!“, „Hunger!“, „Wir wollen Brot!“, „Wir wollen Arbeit!“

Die Bedeutung dieser Worte begriff ich natürlich nicht. Aber ich erinnere mich, wie mein Großvater eine Stimmung aus Angst und Abneigung schuf. Das war das Böse. Diese politisch angstvolle Atmosphäre, die sich einem Kind von unter sechs Jahren so fest in seine Erinnerung einprägt, erstaunt mich noch heute. Aus der Zeit Hitlers habe ich viele Erinnerungen. Diese bedrohliche Stimmung ist die erste.

Judenpogrome

Mit Beklemmung erinnere ich mich an den 8. November 1938, als die Judenpogrome ihrem Höhepunkt entgegen gingen. Hier in diesem wohlhabenden Oberkassel, einem linksrheinischen Stadtteil Düsseldorfs, wohnten sehr viele Juden. In der „Reichskristallnacht“ (5) tauchten Horden von braun uniformierten SA-Leuten (6) auf, richtige Schlägertrupps, die durch die Straßen tobten. Sie drangen gewaltsam in jüdische Häuser und Wohnungen ein, warfen Möbel, Bücher, Bilder und sogar ein Klavier aus den Fenstern auf die Straße.

In unserer Nachbarschaft auf der Luegallee betrieben zwei ältere Schwestern ein kleines Textilgeschäft. Mit Herzklopfen erinnere ich mich daran, wie deren Laden zerstört wurde. Es hieß zwar, man habe die Polizei gerufen, doch die Polizei schritt nicht ein und niemand begehrte auf. Hilflos stand ich dem allem gegenüber.

Bei uns herrschte an diesem Tag eine unbeschreiblich düstere und angstvolle Stimmung. Auch in meinem Elternhaus. Mein Vater, als Beamter, verhielt sich schweigsam. Was sollte er auch sagen? Er musste ja die „Schnauze“ halten mit drei kleinen Kindern, die weiter erzählen konnten, was zu Hause gesprochen wurde. Nicht jeder wird zum Widerständler, und es gab bei uns zu Hause keine geäußerte politische Kritik.

Erste Gedanken über die Politik

Uns gegenüber lebte mein Freund Ottfried. Dessen Eltern übten vorsichtige Kritik, immerhin, auch in meinem Beisein. Sie kannten meine Eltern und nahmen an, dass ich das, was ich hörte, nicht weitertragen würde. Auch mein Klassenkamerad Hermann Josef kam aus einem erkennbar antinationalsozialistischen Elternhaus. Das alles weckte meine politische Neugier und ich begann, mir meine ersten Gedanken über die Politik zu machen.

Was da nun so plötzlich geschah, konnten wir Kinder aus uns selbst nicht verarbeiten. Auch die Lehrer in der Schule gaben uns keine Erklärung, denn sie mussten in der Öffentlichkeit vorsichtig sein und konnten nichts riskieren.

Schule ohne Nazi-Lehrer

Ich hatte das Glück, auf einer Schule zu sein, die bekannt dafür war, keine „Nazilehrer“ zu haben. Denn der Oberstudiendirektor, der diese Schule 1907 gegründet hatte, war ein sehr tüchtiger Lehrer, dem früheren „Zentrum“ (7) nahe stehend, national eingestellt, sehr katholisch, aber nie Parteimitglied. Das war nicht ganz ungefährlich.

Um sich herum hatte sich ein Lehrerkreis gesammelt, der, soweit eben möglich, nicht nationalsozialistisch war. Von diesen Lehrern bekamen wir – auch aus jetziger Rückschau – einen ziemlich objektiven Unterricht.

Zum Beispiel von unserem Geschichtslehrer namens Dr. S., der zu Beginn des Schuljahres, wenn wir unsere neuen Bücher bekamen – natürlich im nationalsozialistischen Stil mit heroischen Bildern versehen – bemerkte: „So, nun nehmt ihr die Bücher mit nach Hause, schaut euch mal die Bilder an, danach braucht ihr die Bücher nicht mehr. Den Unterricht erteile ich!“

Während des ganzen Schuljahres sahen wir auch nicht mehr hinein. Unser Geschichtsunterricht war einwandfrei, ich brauchte später nicht mehr umzudenken. Damit wurde uns eine gewisse Kritikfähigkeit anerzogen.

Dass wir in der Uniform der Hitlerjugend (8) zum Unterricht kamen, wie in manch anderen Schulen Düsseldorfs üblich, lehnten unsere Lehrer ab.

Keine bleibenden seelischen Schäden

1943 wurden Hans-Werner, gerade 15 Jahre alt, und seine Klassenkameraden als Luftwaffenhelfer (9) herangezogen. Der Schulunterricht wurde in die Baracken verlegt. Kam Alarm, fiel die Schule aus. Die Angriffe, die wir erlebten, waren für uns Kinder spannend. Wir hatten auch überhaupt keine Angst – im Gegenteil, wir fanden das abenteuerlich.

Kam es gelegentlich so richtig hart, erfasste uns dann doch Panik. Ich sah den ersten Toten auf den Straßen liegen und die Stadt brennen. Ob das eigene Zuhause verschont war, wussten wir erst, wenn wir beim nächsten Ausgang wieder nach Hause konnten. Das alles erlebt man im Alter von 15/16 Jahren, und man könnte meinen, dass diese Erlebnisse bleibende seelische Schäden zur Folge hätten. In meinem Fall bestimmt nicht.

Hier hatten wir Glück

Im Januar 1945 wurde ich zusammen mit einem Klassenkameraden und Freund nach Breslau (damals Schlesien/heute Polen) einberufen. Vor den Toren standen bereits die Russen und Kanonendonner war zu hören. Das sollte eigentlich unsere „Feuertaufe“ werden, doch die hatten wir schon längst hinter uns. Mit Köfferchen kamen wir, etwa 20 junge Leute, in der Kaserne an und sollten dort für die Ausbildung eingekleidet werden. Und nun muss ich sagen: Man trifft im Leben immer wieder auf Menschen, denen man vielleicht sein Leben verdankt.

Da war ein Offizier, der uns gar nicht erst einkleiden ließ. Ganz offensichtlich wollte er uns – wir waren mit unseren 17/18 Jahren fast noch Kinder – davor schützen, noch als letztes Kanonenfutter verheizt zu werden.

Er suchte einen von uns aus und sagte: „Hier ist ein Marschbefehl nach Weimar.“ Dort war die Ersatzabteilung des Flakregiments, zu dem wir eingezogen worden waren.

Allgemeine Untergangsstimmung

In Weimar (Thüringen) blieben wir auch nur kurze Zeit, dann ging es weiter nach Rostock (Mecklenburg-Vorpommern). Von dort hätten wir an die Ostfront gemusst, sozusagen als die letzte Reserve. Dorthin wollten wir ja nun überhaupt nicht.

Ein Unteroffizier sprach uns an, ob wir für ihn „Nachtwache“ schieben wollten, weil er eine Freundin in der Stadt hatte. Das machten wir natürlich gerne. So konnten wir der großen verlausten Massenunterkunft entkommen und bekamen einen gewärmten Raum mit richtig schönen Feldbetten drin. Das war natürlich fantastisch.


Die Chance: Wehrpässe fälschen

In diesem Raum stand ein Riesenschrank. Es herrschte allgemeine Untergangsstimmung, und wir wollten sehen, ob in dem Schrank nicht was wäre, was uns irgendwie helfen könnte. Wir öffneten den Schrank von der Rückseite und trauten unseren Augen nicht: ein ganzer Stapel unausgefüllter Wehrpässe. Uns war sofort klar, welche Möglichkeiten sich uns hier boten.

Wir nahmen ein paar Exemplare, ließen am nächsten Tag in Rostock Passbilder machen und klebten die Bilder in den Wehrpass ein. Als sozusagen fest engagierte Nachtwachenvertretung, auch für die folgenden Tage, nahmen wir uns auch den Schreibtisch vor. Hier fanden wir tatsächlich einen Dienststempel, mit dem wir unsere Passbilder versehen konnten. Eine Rubrik ließen wir offen, nämlich die, in die das Datum und der Grund der Entlassung eingetragen wurde. Es zeigte sich hinterher, dass das vorausschauend war, denn sollte es so schlimm kommen, dass wir abhauen würden, musste es natürlich ein aktueller Eintrag sein.

Bei der Zugfahrt bombardiert

Dann hatten wir noch einmal Glück: Wir wurden zu einem Transport in Richtung Westen eingeteilt. Schon am nächsten Tag waren wir auf dem Transport Richtung Mannheim. Unser Güterwaggon mit der Aufschrift „40 Mann oder 6 Pferde“ wurde von Tieffliegern angegriffen und bombardiert. Der Pfiff der Lokomotive, das Signal, dass ein Angriff drohte, löste jedes Mal Angst aus. Wir sprangen raus aus den Waggons, rein in den nächsten Graben und machten uns so winzig klein wie möglich. Über uns sahen wir die angreifenden Jagdbomber, die Piloten in ihren Kabinen, so nah, dass man die Fliegerbrillen, die sie trugen, sah.

Ich hörte die Einschüsse und das Zischen der Lokomotive, auch die Schreie der Getroffenen. Gelegentlich dachte ich: Mensch, jetzt bist du gerade mal 17 Jahre alt, hast noch keine Freundin gehabt und musst jetzt hier krepieren… Irgendwann fuhr der Zug weiter, bis wir in Mannheim (Baden-Württemberg) ankamen.

Nun doch: Albträume, bis ich sterbe

In Mannheim angekommen, wurden wir abermals einer anderen Einheit zugewiesen. Diesmal war es die „Bespannte Artillerie“, und zwar mit schweren Feldhaubitzen (10). Das waren im Ersten Weltkrieg (1914-1918) entwickelte Kanonen mit Rohr- und Lafettenwagen. Vor jeden dieser Wagen wurden sechs Pferde gespannt, schwere Kaltblüter, Pferde von Bauernhöfen.

Spätestens nach zwei Marschtagen waren sie aber bereits von Tieffliegern getroffen und getötet worden. Noch heute träume ich manchmal davon, wie diese armen Pferde, die sich ja nicht in Sicherheit bringen konnten, vom Hagel der Maschinengewehre getroffen wurden. Wie deren Blut in die Höhe spritzte, wie sie schrien. Diese gelegentlich wiederkehrenden Albträume werde ich wohl haben, bis ich sterbe.

Wir hauten ab

Nachdem mein Freund und ich wieder an die Front geschickt, zwischen Russen und Amerikanern lagen, in Kämpfe verwickelt, und erneut verlegt wurden, beschlossen wir schließlich, in der Nähe des Simssees (bei Rosenheim/Bayern) zu desertieren. Durch einen glücklichen Zufall trafen wir meine Schwester, die mit zwei anderen Mädels ebenfalls in Richtung Düsseldorf unterwegs war. Nun waren wir zu fünft.

Flüsse waren immer das Schwierigste. Die drei Mädels gingen am Tag über die Brücke und nahmen unsere Sachen mit. Somit war das Schwimmen leichter für uns. Vor allem blieben die Wehrpässe trocken. Mit den Amerikanern gab es für sie keine Probleme, die pfiffen ihnen höchstens nach oder gaben ihnen Schokolade.

Mein Freund und ich überquerten Isar, Lech, Donau und Main; die Flüsse waren ganz schön kalt, doch daran dachten wir nicht. Uns beherrschte nur der Gedanke: Nichts wie rüber und bloß nicht erwischen lassen!

Ende Juni 1945 kamen wir in Düsseldorf an. Ob unsere Eltern noch lebten, was mit unserem Zuhause war, wussten wir nicht. Wir hatten ja lange keinen Kontakt.

Das Letzte, was ich aus dem Radio gehört hatte, war, dass am 2. März die Amerikaner den linksrheinischen Stadtteil Düsseldorfs, Oberkassel, eingenommen hatten und sich mit den Deutschen auf der anderen Rheinseite beschossen. Alle Brücken waren gesprengt und der Rhein war für etwa vier Wochen die Grenze zwischen Düsseldorf und Oberkassel. Irgendwie mussten wir nun über den Rhein kommen, und das war ein Problem.

Im rechtsrheinisch gelegenen Stadtteil Volmerswerth hatten die Amis eine Schiffsbrücke gebaut, und dies war der einzige Weg, um auf die linke Rheinseite zu kommen.

Wir überlegten: Sollten wir einfach ganz frech rüber gehen und unseren Wehrpass zeigen? Das Risiko, doch noch in Gefangenschaft zu geraten, war groß, die Aktion gefährlich. Es hatte sich aber eine Menschenschlange gebildet, die alle über diese einzige Brücke wollten, und in diese Schlange reihten wir uns ein.

Zitternd und bebend sind wir rübergegangen und hatten in dem Gedränge wieder einmal Glück….

Als wir endlich in Oberkassel in unserer Wohnung ankamen, waren unsere Eltern überglücklich, ihre beiden Kinder gesund wieder zurückzuhaben.

Nachkriegszeit

Mein Jurastudium finanzierte ich unter anderem durch Tauschgeschäfte: Freunde meiner Eltern hatten in Remscheid eine kleine Feilenfabrik; zu denen hatte ich noch Beziehungen. Dort konnte ich mir ein paar Feilen und Sägeblätter besorgen.

20 Laubsägeblätter waren in der französisch besetzten Zone (11) ein Vermögen. Ein Kommilitone hatte immer ein kleines Päckchen Nähmaschinennadeln in seiner Hemdentasche. Ein anderer Freund von mir kam an Fliegenfänger. Bei den Winzern tauschten wir diese Schätze gegen Weinflaschen. In Bonn gab es ja wenig Ess- und Trinkbares, schon gar keinen Wein. Wegen der großen Nachfrage bekam man für drei Flaschen Wein so viel Essbares, dass man eine ganze Woche lang seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte.


(1) Als Flakhelfer wurden Jugendliche bezeichnet, die in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges (ab 1943) im Deutschen Reich in der Luftwaffe und in der Kriegsmarine bei der Abwehr von feindlichen Luftangriffen eingesetzt wurden.

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(2) Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine Organisation im nationalsozialistischen Deutschen Reich. Alle jungen Deutschen beiderlei Geschlechts wurden ab 1935 verpflichtet, ihrem Volk im Reichsarbeitsdienst zu dienen.

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(3) Desertion oder Fahnenflucht bezeichnet das Fernbleiben eines Soldaten von militärischen Verpflichtungen in Kriegs- oder Friedenszeiten.

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(4) Nach dem Krieg gab es das Bundesentschädigungsgesetz. Es gewährte Personen, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus politischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen verfolgt wurden und dadurch Schäden an Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, Eigentum oder Vermögen sowie im beruflichen oder wirtschaftlichen Fortkommen erlitten haben, eine Entschädigung in Geld.

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(5) Die Novemberpogrome 1938 – auch Reichskristallnacht oder Reichspogromnacht genannt – waren vom nationalsozialistischen Regime organisierte Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich.

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(6) Die Sturmabteilung (SA) war die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP während der Weimarer Republik und spielte als Ordnertruppe eine entscheidende Rolle beim Aufstieg der Nationalsozialisten, indem sie deren Versammlungen vor Gruppen politischer Gegner mit Gewalt abschirmte oder gegnerische Veranstaltungen behinderte.

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(7) Die Deutsche Zentrumspartei (früher Z und DZP) war bis zum Ende der Weimarer Republik 1933 als Vertreterin des katholischen Deutschlands und des politischen Katholizismus eine der wichtigsten Parteien im Deutschen Reich. Mit der Gründung der CDU verlor das Zentrum nach dem Zweiten Weltkrieg größere Teile seiner Wähler- und Mitgliederbasis.

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(8) Die Hitlerjugend (HJ) war die Jugend- und Nachwuchsorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).

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(9) Luftwaffenhelfer war die offizielle Bezeichnung für 15- bis 17-jährige Oberschüler der Jahrgänge 1926 bis 1928, die als Flakhelfer ab Februar 1943 im Rahmen des Kriegshilfsdienstes bei der Reichsverteidigung im Luftkrieg eingesetzt waren.

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(10) Feldhaubitzen sind Geschütze, die auf Lafetten montiert und von Zugmaschinen gezogen werden.

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(11) Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) haben die alliierten Siegermächte (USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion) Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt.

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Quelle jeweils: wikipedia


Auszug aus „Scherbenbilder – Gleichmut bewahren“, erzählt von Hans-Werner H., geschrieben von Angelika P. , bearbeitet von Barbara H.

Foto: Kanals/Pixabay