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Elsbeth bei der Bahn: So ein Häufchen Elend allein unter 900 Männern?

  • vor 11 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit

1950er Jahre: Als die knapp 20jährige Elsbeth nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau vor der Frage steht: gehen oder bleiben? Fällt ihr diese Entscheidung leicht. Gehen! Aber wohin? Zwar liebt sie die Kunst, die Kunden und die gläserne Spitzenware in ihrem Lehrbetrieb, aber im ländlichen Kevelaer versauern möchte sie auf keinen Fall. Eine zufällige Begegnung lenkt ihr Schicksal nach Krefeld in eine Männerdomäne. Kann die schwächlich wirkende junge Frau dort Fuß fassen?


Foto Carina S.


Es war Mai 1958, als ich meine Lehre mit Erfolg abschloss. Sobald ich meiner Mutter mitteilte, dass ich mich woanders bewerben wollte, bügelte sie mich mit den Worten ab: „Nee, du kannst Dich noch nicht bewerben, deine Großeltern feiern doch in zwei Wochen ihre Goldhochzeit. Du musst mit mir das Haus putzen. Bewerben kannst du dich immer noch.“

Tja, so war das. Also putzte ich etwas übellaunig mit meiner Mutter das Haus, und wir feierten eine schöne Goldhochzeit.


Als die Feierlichkeiten vorbei waren, kam eine Kundin meiner Mutter zu uns nach Hause, um sich frisieren zu lassen. Sie war die Schwester des höchsten Personalratsvorsitzenden der Deutschen Bahn im Werk Krefeld.

Sie sprach mich an: „Was machst du denn jetzt eigentlich so nach der Lehre?“

„Ach,“ sagte ich, „ich bin in so einer Hängepartie, ich weiß noch nicht genau, was ich will. Ich weiß nur, ich will nicht in Kevelaer bleiben, die Bezahlung in meinem Lehrbetrieb war so schlecht und ehrlich gesagt, ich möchte gerne nach Krefeld.“

Daraufhin meinte sie unter der Trockenhaube hervorlugend: „Mein Bruder ist Personalratsvorsitzender bei der Deutschen Bahn im Werk in Krefeld und sucht Verkäuferinnen mit Kaufmannsbrief, und einem A – Zertifikat.“

Mein Herz klopfte schneller, sollte das meine Chance sein? „Das habe ich, ein gutes Zeugnis und einen Schulabschluss von der Kaufmannsschule hab’ ich auch.“

Sie bemerkte meinen Eifer und lächelte mich an „Na, dann fahr doch mal nach Oppum und bewirb dich da.“ Ich richtete mich kerzengerade auf und sagte, „Das mach ich!“ und das habe ich dann auch getan.


Als ich dann mit meinen Zeugnissen und meinem zusammengekratzten Mut zum Bewerbungsgespräch kam, wurde ich mit abschätzigen Blicken vom Personalchef bedacht. Dass meine Mutter mit der Schwester des Personalratsvorsitzenden bekannt war, hätte eigentlich Empfehlung genug sein müssen, aber wie so oft, kam mir meine magere Statur wieder mal in die Quere. „So ein Häufchen Elend unter 900 Männern, nee die nehmen wir nicht.“

Diese Worte des Personalchefs zeugten davon, dass er mir aufgrund meines Geschlechts und meiner Zierlichkeit nicht zutraute, mich im Betrieb durchsetzen zu können.

Doch Willi, der Personalratsvorsitzende ergriff Partei für mich und sagte: „Das Mädchen nehmen wir. Die kommt aus einer anständigen Familie, und außerdem braucht sie Geld!“ Und damit war das letzte Wort gesprochen.

Sie haben mich genommen, und ich war sehr froh. Es war ein harter Job, aber ich habe gut verdient und zwar genauso gut wie die Männer. Das war nicht selbstverständlich damals um 1958, das ist es ja bis heute noch nicht mal. Unglaublich, nicht wahr? Da hatte ich mal wieder Glück. Und ich möchte hervorheben, dass ich auch in der Versicherung, der Krankenkasse und in der Eisenbahnergewerkschaft bin. Ich finde, ich habe alles richtig gemacht!


Rennen…

Es war hart für mich, jeden Tag von Nieukerk mit einer umständlichen Bummelzugverbindung und zusätzlichem Umsteigen nach Krefeld- Oppum zu kommen. Wir fingen schon um 7.00 Uhr morgens an.


Wenn ich daran denke, denke ich ans Rennen. Morgens rannte ich in aller Herrgottsfrühe zum Zug, sauste beim Umsteigen zum richtigen Gleis, danach sprintete ich zur Arbeit und arbeitete den ganzen Tag. Nach der Arbeit flitzte ich zurück zum Bahnhof, jagte zum Umsteigegleis, eilte nach Hause, schlief dann völlig erschöpft ein, um am nächsten Morgen in aller Frühe aufzustehen, zum Zug zu spurten und immer so weiter. Jeder Tag beinhaltete eine Himmelfahrt. Im Winter war es zusätzlich dunkel und kalt. Wirklich usselig wie man am Niederrhein sagt. Meiner Mutter hat das nicht gefallen. Mir ja auch nicht, aber es war gut und richtig so, denn jeder Weg führt ja bekanntlich irgendwohin, und mein Weg war so eindeutig von meinem Schicksal für mich vorbereitet, dass es mich sicher und zielgenau wie einen Zug auf Schienen meiner Bestimmung zuführte. Da bin ich mir heute ganz sicher.


Essen, trinken und arbeiten

Meine Arbeit bei der Deutschen Bahn machte mir immer viel Spaß, und die Befürchtungen des Personalchefs, ich würde im Meer der Männer untergehen haben sich nicht bewahrheitet. Ich hatte keinerlei Probleme mit den Männern. Daran hatte ich auch nie irgendwelche Zweifel gehegt. Ich hatte viele gute Kollegen aber auch sehr nette Kolleginnen. Wenn mir einer blöd kam, lernte ich mich durchzusetzen. Das kam aber so gut wie garnicht vor. Viele Kollegen waren älter als ich und Familienväter. Bei der Bahn haben wir es gut gehabt, wir durften umsonst mit dem Zug überall hinfahren und es gab auch sonst einige Vergünstigungen. An preiswertes Essen kam ich unter anderem auch.

Manchmal hieß es: „Da kommt die Dünne!“ So versorgte mich das Küchenpersonal immer gut, sie waren so freundlich, mir manchmal kostenlos Extraportionen zuzustecken. Daraus ist eine lange Freundschaft entstanden und 1971 ein Kegelclub. Viele Feiern habe ich dort mit organisiert und miterlebt. Alle sind mir in guter Erinnerung geblieben.


Das Werk war groß. Es gab mehrere Büdchen dort, im letzten Büdchen des Werks verkaufte ich Milch, Getränke Brötchen, Süßigkeiten und sogar Rauchwaren. Zentnerweise Pralinen habe ich umgesetzt. Die waren sowohl für die Arbeiter, als auch für deren Frauen gut als Mitbringsel geeignet. Ich bin auch mit dem Wägelchen im Neubau, also, in der letzten Halle herumgefahren und lieferte Bestellungen aus. Das war für alle sehr praktisch, so haben die Arbeiter sich die Wege gespart. Alle Getränke, sogar Bier ging damals noch. Das war früher ganz normal.

Die Akzeptanz von Bier war enorm. Es galt als kräftigend und erfrischend, um die Arbeiter fit zu halten. Das würde es heute in einem solchen Betrieb auf keinen Fall mehr geben.

Alkohol am Arbeitsplatz, da gibt es riesengroße Unterschiede, wenn man damals mit heute vergleicht. Man sah das Bier eher als gesellig an und nicht als Gefahr. Sogar in Büros hatte man zu Geschäftsabschlüssen etwas zum anbieten. Weniger Bier, dafür Liköre oder Schnäpse. Natürlich durfte man es nicht übertreiben. Das ist noch zu keiner Zeit gut angekommen. (…)


Zum Glück braucht man keine Feinde

(…) Feinde hatte ich nie, Leute die mir nicht passten, habe ich einfach nicht großartig beachtet. Das war immer ausreichend, damit bin ich gut gefahren, vor allem mit den Kollegen und Kolleginnen von der Bahn.


Anmerkung: Elsbeth P. hat ihr weiteres Leben lang Kontakt zum Werk und seinen Mitarbeitern gehabt. Sie besucht das Werk heute noch ab und zu zum Mittagessen und unterhält sich dort mit den „neuen“ Mitarbeitern, die sich immer freuen wenn sie kommt.

Weiteres über Elsbeth P. kann man im Blogartikel: „Elsbeth und die Liebe“ nachlesen.


Auszug aus: „Dank dem Schöpfer für ein langes Leben mit viel Glück! Weil mir viel Unglück nicht widerfahren ist“.

Erzählt von Elsbeth P., Auszug erfasst von Carina S.

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