Elsbeth und die Liebe: Schicksalsschläge und Glücksmomente
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Die große Liebe ist etwas, das jeder Mensch im Leben erfahren möchte. Als die zwanzigjährige Elsbeth 1958 ihren ersten Job bei der Deutschen Bahn antritt, ist ihr bewusst, dass sie als eine der wenigen weiblichen Mitarbeiterinnen im Werk unter sehr vielen Männern bestehen muss. Dass dort bemerkt wird, dass sie nicht nur eine fähige Kollegin sondern auch eine Frau ist, liegt nahe. Doch ihr Herz ist schon vergeben. Außerdem - man lässt sich doch nicht auf Kollegen ein, oder?

Foto: Carina S.
Die Entscheidung: Franz oder Kurt?
Ich brachte also die Getränke an den Mann, es gab ja fast nur Männer im Betrieb. Natürlich bin ich von dem einen oder anderen auch als Frau angesprochen worden. Aber dafür war ich nicht zugänglich. Auch von dem Schmied des Werks, Kurt, bin ich damals gefragt worden, ob ich mit ihm ausgehen wollte. Ich sagte, nein. Ich kannte jemand anderen, der sich für mich interessierte. Franz machte großen Eindruck auf mich und schien mir ein Traumpartner zu sein. Er sah gut aus, mir gefiel seine heitere Art. Lustig war er, er konnte gut reden und war auch nicht ganz unvermögend. Im Gegenteil, er kam aus einer reichen Familie. Er schien perfekt, ‚Ein toller Fang’ dachte ich.
Doch mit der Zeit begann sich meine Wahrnehmung von Franz zu ändern. Er war locker und sorglos, leider auch im negativen Sinne. Er kam und ging, wie er wollte. Zu unseren Verabredungen kam er manchmal zu spät und ließ mich warten. Obwohl man meinen könnte, wenn jemand ein dickes Motorrad fährt, dass man damit doch pünktlicher sein müsste, als jemand, der zu Fuß kommt, so wie ich.
Als Kurt aus dem Betrieb mich ein zweites Mal fragte, erhielt er erneut eine Abfuhr. Franz unterdessen verlor immer mehr seinen Glanz und guten Eindruck bei mir. Bei all seiner Heiterkeit hatte er oft nur sein Vergnügen im Kopf. Er brauste auf seinem Motorrad ohne Ziel durch die Gegend und war so gar nicht verantwortungsbewusst. Seine jungenhafte Ziellosigkeit ermüdete mich bald und ich fand ihn irgendwie lasch. So was konnte ich nicht vertragen, (das kann ich heute immer noch nicht!) ich verlor das Interesse.
Nach einer Weile wagte Kurt es, mich ein drittes Mal zu fragen und als er das tat, sagte er noch: „Ich frage Sie heute zum letzten Mal, ob Sie mit mir ausgehen und wenn Sie heute wieder ablehnen, fahre ich nach Frankfurt zur Automobilausstellung und kaufe mir ein Auto. Sollten Sie zusagen, investiere ich das Geld in unsere gemeinsamen Möbel. Was sagen Sie?“ Ich ging mit ihm aus.
Das Glück ist ein Schmied
Schnell fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Kurt war verlässlich, solide und im Werk hoch geachtet. Er war nicht schön im klassischen Sinne, aber er hatte schöne Augen. Gute Augen. Außerdem hatte er schöne gesunde Haare, und dass er als Schmied arbeitete, konnte man auch nicht übersehen. Er strahlte eine Güte aus, die von niemandem in seiner Umgebung unbemerkt bleiben konnte. Kurt brauchte keine Worte, damit man ihn wahrnahm, er war in all seiner Stille so anwesend wie der allseits bekannte Fels in der Brandung.
In der Öffentlichkeit hielten wir uns erst mal sehr zurück. Zunächst bemerkte keiner, wie es um uns stand. Auf der Arbeit sah man es nicht gern, wenn es unter Mitarbeitern Techtelmechtel gab, das hätte nur Gerede gegeben. Also verhielten wir uns wie Kollegen. Gerade als Frau war es damals wichtig, auf seinen Ruf zu achten. Es war üblich, sich als Frau von einem Mann dreimal bitten zu lassen. So wahrte die Frau die von ihr erwartete Zurückhaltung, eine zu schnelle Zusage brachte die Frau in Verruf. Direkte Zurückweisung von Seiten der Frau war aber auch nicht angebracht, deswegen wusste man nach dem dritten Mal Bescheid, ob von beiden Seiten echtes Interesse vorhanden war. Sich mal mit dem einen und mal mit dem anderen zu verabreden, das gab es nicht. Genauso wenig, wie sich in der Öffentlichkeit zu nahe zu kommen. Küsse auf offener Straße, oder sich vor der Ehe einem Mann hinzugeben. Nein! Auch für mich kam das nicht in Frage. Aber schnell wurde klar, dass es mit uns sehr ernst war, und irgendwann musste ich ihn auch meiner Mutter vorstellen.
Wir gingen ins Kino, es kam damals oft vor, dass sich Paare dort verabredeten, und das haben wir auch so gemacht. Kurt holte mich von zuhause ab. Eigentlich wollte er sich auch meiner Mutter vorstellen, aber sie kam erst nach Hause, als wir schon im Kino waren. Sie war sehr enttäuscht, dass sie meinen Verehrer nicht zu Gesicht bekommen hatte.
Aber am Sonntag drauf kam er zu uns nach Hause und stellte sich ihr vor, mit weißem Hemd und im guten Anzug. Der Anzug war für Kurt von seinem Onkel, der Schneider war, zur Silberhochzeit seiner Eltern maßgeschneidert worden. Das machte schon Eindruck, aber es waren seine liebe Art und sein gutes Benehmen, die Mutters Herz sofort eroberten.
Ich werde nie vergessen, dass eine Nachbarin, die eine Tochter in meinem Alter hatte, sich eine neidische Bemerkung nicht verkneifen konnte. „Ich hab die Elsbeth mit ihrem Freund jesehen. Der sieht jut aus. Und wat für ne Schönne!“ Naja, sie hatte selbst so einen Heini als Mann und Kurt war ja Schmied, und mit seiner Statur... der stellte was vor. Aber er hatte vor allem wahrhaftige innere Werte. Diese konnten die neidischen Nachbarn natürlich nicht sehen, aber das war es, worauf es mir ankam. Immer.
Gerne redete Kurt nicht, das hat er meistens mir überlassen, dafür war er jemand, der machte. Nicht reden, sondern machen. Das beschreibt ihn am besten. Er hat nicht nur vom Heiraten gesprochen, wir haben nach anderthalb Jahren tatsächlich geheiratet. Als bei uns das Haus gekränzt wurde - ein Brauch, den es auch heute noch auf dem Land gibt, das Haus der Brautleute wird am Abend vor der Hochzeit geschmückt und damit in der Gemeinschaft willkommen geheißen - kam mein ehemaliger Verehrer Franz auf seinem Motorrad an unserem Haus vorbei und fragte meinen Bruder „Warum hat Elsbeth denn geheiratet, die wollte ich doch heiraten?“ Daraufhin sagte Alfred „Tja, da kommst du zu spät, die ist jetzt vergeben.“ Ja, der Franz kam immer wann er wollte und war auch dieses Mal wieder zu spät. Ich bin zum Glück nicht auf den Falschen hereingefallen, mein Glück war Kurt, der Schmied. Es sollte lange anhalten.
Mehr als fünfunddreißig Jahre Glück
Der 6. Mai 1961 war ein Glückstag. Es war unser Hochzeitstag. Man sagte mir, ich habe gut ausgesehen. Ich nehme an, ich strahlte vor Glück. Es gab nicht viel, auf das ich bestanden hätte, aber der Brautstrauß sollte aus roten Rosen bestehen. Deutlich, wunderschön sehe ich ihn vor mir, samtige Blüten in leuchtendem Rot, ganz frisch und wunderbar duftend.
Im Werk hatte man meinen Verlobungsring sofort bemerkt, als ich an einem Montag zur Arbeit kam. Sobald ich dann als verheiratete Frau zur Arbeit kam, war das schon gar kein Thema mehr. Mein Mann war hoch geachtet und das Getratsche hat sich schnell erledigt.
Es ist schon erstaunlich, was Kurt alles schaffte, indem er nicht redete, sondern machte. Ich meine, abgesehen von den tollen Dingen, die er schmieden konnte, von Ersatzteilen für die Züge bis zu Ziergegenständen, war er auch noch Schlosser. Außerdem war seine Mitarbeit im Betriebsrat legendär. Andere waren noch mitten in der Diskussion, während er die Dinge unterdessen schon erledigt hatte. Es konnte vorkommen, dass er während einer Betriebsratssitzung verschwand und mit den fertig abgetippten Beschlüssen zum Ende der Sitzung wiederkam. So war er immer. Er war dreißig Jahre im Betriebsrat. Er wurde immer wieder hinein gewählt, weil er einfach machte. Er tat immer das Richtige ohne auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren. Man kann die ganzen Ämter, die Kurt bei der Deutschen Bahn innehatte, kaum Aufzählen. Er kümmerte sich als
Ausbilder um die Lehrlinge, trainierte die Jugendfußballmannschaft, hat das Mandolinenorchester im Betrieb unterstützt, war auch Rechnungsprüfer und vieles, vieles mehr. Er war immer für alle da und half jedem der zu ihm kam. Beruflich und privat, auch nach Feierabend. Wenn jemand eine Wohnung oder einen Job suchte, kam er zu Kurt. Hatte man ein Problem, hieß es; „Geh doch zu Kurt.“ Dadurch wurde er sehr bekannt. Auch im Rahmen seiner vielen Ämter, hat er die Dinge so erledigt, wie er glaubte, dass sie zu tun waren und das bedeutete, dass er die Dinge bis zu Ende machte. Er war ein Glück für alle die ihn trafen, auch für mich. Das machte ihn natürlich auch beliebt. Wo man ihn empfing, bemühte man sich darum ihn gut zu bewirten, und das schlug sich irgendwann auch in seinem Gewicht nieder. So ein Cognac hier und so ein Kuchen da, über Jahre hinweg, das blieb nicht ohne Folgen. Aber auch so viele gute Taten die ohne Aufhebens stattfanden, blieben nicht unbemerkt, wie sich sehr viel später noch herausstellen sollte.*
Unsere lang ersehnte Reise
Ich liebte Italien, Kurt fuhr mit mir hin. Sogar mehr als einmal waren wir dort. Ich habe immer davon geschwärmt, einmal den Vesuv zu besteigen, das wusste Kurt. Für seine Frühpension sollte er eine Abfindung bekommen. Kurz nachdem er es erfahren hatte, teilte er mir überraschend mit: „Ich kriege eine Abfindung, wir könnten jetzt zum Vesuv fahren!“ und von Herzen froh erwiderte ich: „Wunderbar, wann geht’s los?“. Kurze Zeit darauf schlummerte ich im Liegewagen des Zugs nach Neapel wie die schlafende Venus von Giorgione und träumte von Italien. Am nächsten Tag war endlich unsere Vesuvbesteigung. Ein Bus fuhr uns bis auf die Hälfte des
Vulkanbergs. Kurt sagte vor dem Aufstieg: „Mach ganz langsam, du bekommst ja so schwer Luft! Es ist aber auch heiß.“ Dabei war es da ganz oben wiederum bitterkalt. Es war sehr anstrengend für mich, ich atmete keuchend und schwer. Zwischendurch meinte Kurt: „Ich will unbedingt da oben rein gucken!“ woraufhin ich entschlossen
erwiderte: “Ja, ich auch!“ Ich habe mich tapfer gehalten. Oben angekommen, bot sich uns ein überwältigender Anblick. Wir blickten vom
Kraterrand dieses massiven Berges, den wir gerade bestiegen hatten, in ein tiefes Loch von gewaltiger Größe, das dampfte. Ein unerwartetes
Staunen überkam uns in diesem wahrhaft atemberaubenden Moment, wir waren buchstäblich sprachlos. Es gibt noch ein Foto davon, wie wir beide dort oben stehen an dem Tag, an dem wir gemeinsam den Vesuv gemeistert haben.
Ein Mann sprach uns an, ob er ein Foto von uns machen sollte. Ich glaube, er hat uns angesehen, dass wir einen besonderen Moment erlebten.
Der Abstieg war eine einzige Rutschpartie. Obwohl wir ordentliche Schuhe anhatten, war die Lava
tückisch und rutschig. Ungläubig sahen wir zu, wie andere Touristen den Versuch machten, den Vesuv mit Plastikschlappen und T-Shirt zu bezwingen, während wir uns in unseren warmen Jacken und dicken Schuhen unsicher am Geländer festhielten und stückchenweise dem Bus entgegen schlitterten. Die T-Shirt Touristen sind gar nicht bis oben gekommen, aber wir haben es geschafft. Es war ein sehr glücklicher Tag auf einer fantastischen Reise 1997. Es sollte meine letzte mit Kurt gewesen sein. Drei Wochen später starb er an Krebs. Ich hatte keine Ahnung davon gehabt.
Der Schock und meine Trauer waren grenzenlos.
Einer für immer
Ich lebte viele Jahre glücklich mit Kurt. Die Zeit verging, wir sammelten Momente, Begegnungen und Abschiede. Es gab Schicksalsschläge und Glücksmomente. Das Leben hielt uns in Bewegung, mal ruhig, mal stürmisch, aber immer in Vertrauen und Liebe. Unsere Mädchen wuchsen heran und heirateten, ich habe wirklich tolle Schwiegersöhne.
Das Leben hat mir Erinnerungen geschaffen, von denen ich jetzt im Alter zehre.
Vor allem mit Kurt habe ich die Momente ausgekostet so gut es nur irgend möglich war. Einen liebevolleren Mann hätte ich mir nicht wünschen können. Er zeigte mir jeden Tag seine Liebe. Er schrieb mir Zettelchen, die oft so oder ähnlich waren: ‚Liebe Katze, ich war hier, Du nicht. Hab dich lieb. Dein Hund.‘ Ganz viele von diesen Zetteln habe ich aufgehoben. Ich kann sie mir nicht ansehen ohne zu weinen, auch jetzt noch, so viele Jahre später. Mehr als fünfunddreißig Jahre waren uns vergönnt. Und es passten unzählige Erlebnisse in eine gefühlt so kurze Zeit.
Das Bewusstsein eines erfüllten Lebens
und die Erinnerung an viele gute Stunden
sind das größte Glück auf Erden.
Cicero
*Anmerkung: Kurt P. erhielt 1997 das Bundesverdienstkreuz als Anerkennung für all seine Ämter und seinen unermüdlichen Einsatz rund um die Deutsche Bahn und deren Mitarbeiter.
Auszüge aus: „Dank dem Schöpfer für ein langes Leben mit viel Glück! Weil mir viel Unglück nicht widerfahren ist“. Erzählt von Elsbeth P., Auszüge erfasst von Carina S. 2025




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