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Großes Glück kann so klein sein – unsere Kinder

Adelheid H. hat auf ihrem Weg von Bögendorf in Schlesien nach Westdeutschland viel erlebt, aber auch viel erreicht. Als Erwachsene hatte sie den Mut, einen erlernten Beruf nicht auszuüben, eine sichere Stelle aufzugeben und dem Wunsch zu folgen, etwas ganz anderes zu machen. Sie traf einen Partner, mit dem sie viele Jahre in der Welt unterwegs war und als Servicekraft arbeitete. Doch dann wurden Adelheid und Heiko des Reisens müde und beschlossen, sesshaft zu werden.

Foto: Met/Pixabay

Unvergessliche Elternzeit

Zum Glück hatte ich meine Wohnung in Erkrath in all den Jahren, in denen ich beruflich in der Schweiz und in Deutschland als Servicekraft gearbeitet hatte, immer behalten, war ja zwischen den saisonbedingten Aufenthalten immer wieder zurück gekommen. Also konnten wir dort erst einmal zusammen wohnen.

Nach der wunderschönen Hochzeit machten wir keine Hochzeitsreise, denn wir waren zuvor genug unterwegs gewesen. Wir waren nun verheiratet und freuten uns sehr auf unser Kind, das ja in einigen Monaten auf die Welt kommen würde.

Sechseinhalb Monate nach unserer Hochzeit im Oktober 1967 wurde unsere Tochter Silke geboren, da war ich 26 Jahre alt. Nun begann eine wirklich tolle und unvergessliche Zeit. Ich war sehr happy, Mutter zu sein. Es war so schön und unsere kleine Silke war sehr lieb und machte uns viel Freude. Ich konnte nun erst einmal nicht mehr arbeiten und blieb nach ihrer Geburt zu Hause. Ich wollte mich ganz und gar um unsere Tochter und meine Familie kümmern können.

Damals kamen meine Schwiegereltern aus Düsseldorf oft zu Besuch. Es war eine Zeit, in der ich mich sehr geborgen und wohl fühlte. Freundschaften pflegten wir damals nicht. Durch unseren langen Aufenthalt im Ausland waren viele Freundschaften eingeschlafen und neue konnten vor Ort nicht entstehen. Eigentlich hatten wir damals keine Freunde. Das störte uns jedoch nicht, denn wir waren uns erst einmal selbst genug.

Heiko war ein liebevoller Vater und kümmerte sich auch viel um die Kleine. Er kaufte Spielzeug und spielte oft mit ihr. Es war eine schöne Zeit und ich kann mich nicht erinnern, dass wir große Sorgen gehabt hätten. Alles lief glatt und ruhig und war sehr angenehm.

Heikos Karriere und der Köche Club

Im Jahr 1969 war ich also Hausfrau und Heiko war bei den Stahl- und Röhrenwerken beschäftigt. Sein damaliger Chef schätzte ihn sehr und regte an, dass Heiko es in Betracht ziehen solle, sich eine Stelle als Küchenleiter zu suchen. Er unterstützte ihn sogar bei der Stellensuche. Durch den Köche Club, in dem Heiko inzwischen auch Mitglied war, kannte er viele Kollegen und hatte gute Kontakte. Bei den monatlichen Treffen wurden interessante Gespräche geführt und Informationen ausgetauscht.

Foto: Dũng Quách/Pixabay

Bei einem dieser Treffen war tatsächlich im Gespräch, dass die Firma „Kaufring“ in Düsseldorf auf der Suche nach einem Küchenleiter sei. Daraufhin bewarb sich Heiko dort sofort. Die Bedingung zur Besetzung der Stelle vonseiten der Firma Kaufring war allerdings, dass er für diese Position den sogenannten Meisterbrief machen musste.

Heiko begann dann neben seiner Tätigkeit ein Fernstudium und erwarb den „Küchen-Meisterbrief“. Und so wurde er als Wirtschafts- und Küchenleiter eingestellt. Es war wirklich ein großes Glück, dass Heiko diese Anstellung bekommen hatte, denn ihm hat diese verantwortungsvolle Aufgabe sehr gefallen. Er war für diese Position total geeignet und führte diese Tätigkeit fast 40 Jahre bis zu seiner Rente aus. Dieser Stellenwechsel war für uns eine finanzielle Verbesserung und machte uns das Leben wesentlich leichter.

Im August 1969 erblickte unser Sohn Swen das Licht der Welt. Wir waren glücklich mit unserer Familie und schauten sorglos in die Zukunft. Als Swen zwei und Silke vier Jahre alt waren, bekamen wir endlich eine größere Wohnung, eine Neubauwohnung, schön gelegen. Wir waren wieder einmal sehr glücklich. Wir hatten jahrelang gespart und konnten nun das Geld für eine schöne Einrichtung gebrauchen.

Acht Familien wohnten in diesem Haus und fast jede Familie hatte Kinder im Alter unserer Kinder. Vor dem Hauseingang war ein recht großer Platz, fernab der Straße, und dort war der Treffpunkt unserer Kinder, wo sie spielten und miteinander Spaß hatten.

Symbolfoto: Barbara H.

Auch wir Eltern hatten gute Kontakte. Wir haben viel zusammen unternommen. Geburtstage, Karneval, Silvester, Fahrradtouren – immer gab es eine Gelegenheit, zusammen zu sein. In der Zeit war es sehr angenehm für uns alle, dort zu wohnen. Später machten wir auch noch gemeinsame Reisen, zum Beispiel nach Straßburg, Lüneburg oder Paris. Unter uns Erwachsenen entstanden Freundschaften, die heute immer noch existieren.

Neuer Lebensabschnitt in Gerresheim: Die Kinder waren aus dem Haus

Als auch unsere Kinder nicht mehr bei uns wohnten, suchten Heiko und ich uns eine passendere, schönere Wohnung. Diese fanden wir in Düsseldorf im Stadtteil Gerresheim, wohin wir 1993 umzogen. Das war wieder ein neuer Lebensabschnitt für uns.

26 Jahre wohnen wir nun in Gerresheim und auch hier hatten wir Glück. Nachdem wir in Rente gegangen waren, haben wir in verschiedenen Gruppen netten Anschluss gefunden. Heiko leitete in seinen letzten gesunden Jahren noch eine Kochgruppe für Männer. Das bereitete ihm natürlich viel Freude.

Meine Rückkehr ins Berufsleben

Wenn ich mir auch, als die Kinder noch klein waren, nicht vorstellen konnte, mit Kindern und Haushalt einem Beruf nachzugehen, so änderte sich das bei mir mit der Zeit dann doch etwas.

Im Jahre 1984 waren Swen 15 und Silke 17 Jahre alt. Da dachte ich mit meinen 43 Jahren schon eher einmal an eine kleine Nebentätigkeit. Ganz in unserer Nähe suchte zufällig ein Nachhilfeinstitut eine Dame für die Leitung des Büros. Ich bewarb mich bei der Firma und bekam auch eine Zusage. Die Bürozeiten lagen in den Nachmittagsstunden und das Büro war täglich für drei Stunden zu besetzen. Das passte alles gut in meine Planung.

Ich hatte eine gewisse Verantwortung dafür, dass Lehrer und Kinder ihren Pflichten nachkamen. Das war manchmal nicht ganz einfach. Bis 1985 habe ich dort gearbeitet und es hat mir auch Spaß gemacht.

Zu der Zeit hatte ich mich auch beim Arbeitsamt um einen Arbeitsplatz beworben. Da ich lange aus meinem eigentlichen Beruf einer kaufmännischen Angestellten heraus war, wurde angeboten, einen Auffrischungskurs zu absolvieren. Das nahm ich an, musste jedoch dafür die Büroleitung in dem Nachhilfeinstitut aufgeben. Durch diesen Kurs beim Arbeitsamt bekam ich erstmals Zugang zur Arbeit am Computer. Das war in dieser Zeit etwas ganz Neues, Besonderes und Spannendes – nicht nur für mich.

Wir, die wir im Auffrischungskurs waren, mussten während des halbjährigen Kurses beispielsweise eine fiktive Firma anlegen und verschiedene Vorgänge bearbeiten. Nach Abschluss dieses Computer-Lehrgangs bewarb ich mich bei verschiedenen Firmen.

Arbeitsstelle in künstlerischem Ambiente: Das K20

K20 (2023) / Foto: Barbara H.

Meine Schwägerin Erika arbeitete zu der Zeit in der „Kunstsammlung NRW“ (1) in Düsseldorf. Dort wurde jemand für den Empfang gesucht. Nach der Ausbildung beim Arbeitsamt hatte ich mir eigentlich eine andere Beschäftigung vorgestellt, fing aber trotzdem an, dort zu arbeiten. Da ich mich schon immer etwas für Kunst interessiert hatte, habe ich diese Entscheidung auch nie bereut.

Schloss Jägerhof (2023) / Foto: Barbara H.

1986 zog die „Kunstsammlung“ vom „Schloss Jägerhof“ (2) in das neue Gebäude am Grabbeplatz. Dort saß ich am Empfang und hatte die Aufgabe, den Besuchern persönlich oder telefonisch Auskunft zu geben. Das war anfangs gar nicht so leicht. Aber es machte mir Freude, in dieser besonderen Umgebung zu arbeiten.

Nach etwa vier Jahren wurden die Arbeiten des Empfangs anderweitig aufgeteilt. Zum Glück suchte eine Kollegin genau zu diesem Zeitpunkt jemanden, der oder die ihr bei ihren Aufgaben behilflich sein sollte. Ich habe die Stelle bekommen und auch diese Arbeit fand ich sehr interessant.

Nun organisierte ich mit meiner Kollegin als deren Assistentin die Transporte der Bilder oder anderer Exponate und deren Versicherung. So hatte ich auch mit den teuersten und wertvollsten Kunstwerken zu tun und lernte viele Künstler kennen. Das war alles sehr interessant und spannend für mich. Ich habe dort gearbeitet bis ich in Rente ging – das war 2001 - und freue mich noch heute, dass ich in diesem schönen Ambiente arbeiten durfte.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Sie lehrt uns nur, mit dem Unbegreiflichen zu leben

Der Tod von Heiko im Jahr 2004 beeinflusst und begleitet mich alle Zeit meines Lebens. Ich merke, wie sehr er mir fehlt und kann es doch nicht ändern. Ich muss ihn loslassen und ihm seine Ruhe geben, aber ich kann es nicht wirklich.

Ich wohne seit seinem Tod allein in unserer Wohnung in Düsseldorf Gerresheim. Trotz des großen Verlustes musste und muss mein Leben weiter gehen. Irgendwann begann ich, mein Leben neu zu ordnen, um meinen Alltag weitestgehend allein zu bewältigen. Nach und nach schaffte ich es, und die Trauer um Heiko nahm nicht mehr meinen gesamten Alltag ein. Allmählich kehrten auch Energie und Lebensfreude zu mir zurück. Es wird nie wieder so sein wie früher, als Heiko noch lebte. Mein Leben ist nun anders; aber ich habe gelernt - und erlebe es immer wieder -, dass ich auch allein ein erfülltes Leben führen kann. Aber ich bin ja gar nicht ganz allein.

Durch meine Kinder und Enkelkinder (Enno, Benjamin und Jonathan) werde ich abgelenkt und habe wieder Freude im Leben. Ich habe nette Freundschaften und nehme gern an Veranstaltungen teil, die mich interessieren. So ist mein Alltag ausgefüllt und ich kann nur dankend feststellen: Es geht mir gut!

Für die Zukunft wünsche ich mir, mein derzeitiges Leben noch lange genießen und vielleicht noch ein paar Reisen unternehmen zu können. Auch die Entwicklung meiner Enkelkinder möchte ich noch lange verfolgen.

Jetzt, mit 78 Jahren, bin ich immer noch neugierig und möchte noch lange aktiv am Leben teilhaben, mich lebendig fühlen und meine Zeit genießen.

Ich möchte weiter Akteurin und nicht nur Beobachterin sein – Goethe beendete seinen „Faust“ ja schließlich auch erst mit 80 Jahren. Na gut, so ein großes Werk werde ich nicht mehr vollenden. Aber ich habe ja schon mal dieses Buch geschafft. Das macht Mut für mehr.

Vielleicht gibt es irgendwann noch eine Fortsetzung dieses Buches. Denn wer weiß, was das Leben noch für mich bereit hält. Ich bleibe neugierig und bin immer noch nicht fertig...


Goethe-Denkmal am Schloss Jägerhof / Foto: Barbara H.

(1) Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ist die Kunstsammlung des Landes in der Landeshauptstadt Düsseldorf. Sie vereint drei Ausstellungsorte: Das K20 am Grabbeplatz 5, das K21 im Ständehaus in der Ständehausstraße 1 und das Schmela-Haus in der Mutter-Ey-Straße 3. Die Kunstsammlung wurde 1961 von der Landesregierung als privatrechtliche Stiftung zum Zweck der öffentlichen Sammlung und Ausstellung des Kunstbesitzes gegründet. Seit dem Abtransport der Kollektion der Gemäldegalerie Düsseldorf im Jahre 1805 verfügte die Stadt nunmehr wieder über eine bedeutende staatliche Kunstsammlung. Hinter ihrer Gründung stand das identitätspolitische Bestreben der von Franz Meyers geführten Landesregierung, NRW ein stärkeres kulturpolitisches Profil zu verleihen und auch dadurch das Staats- und Raumbewusstsein der Bewohner für das junge und heterogene Land zu heben.

Der Bau am Grabbeplatz (K20) mit seiner charakteristischen schwarzen Granitfassade feierte 1986 Eröffnung und wurde 2010 mit einem Erweiterungsbau vollendet.

(2) Das Schloss Jägerhof … liegt an der Jacobistraße 2 in Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort, nahe der Innenstadt. Es wurde 1752 bis 1763 im Auftrag des Kurfürsten Karl Theodor gebaut. Damals befand sich das Schloss noch vor den Toen der Stadt. Das Schloss ist „Point de vue“ der Reitallee des Hofgartens und der Jägerhofstraße. Seit 1987 befinden sich im Schloss das Goethe-Museum und die Stiftung Ernst Schneider … , das neben der umfassenden ständigen Ausstellung zu Goethes Leben und Schaffen wechselnde Ausstellungen mit geistes- und literaturgeschichtlichen Themen bietet. ...

Seit 1955 wird das Schloss Jägerhof als Museum genutzt, zunächst durch das Stadtmuseum, später durch die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die dann aber 1986 in den Neubau am Grabbeplatz umzog.

Quelle beides: wikipedia

Auszug aus „Geradeaus mit Umwegen“, erzählt von Adelheid H., aufgeschrieben von Ute S. (2019), bearbeitet von Barbara H. (2023)

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