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Konfrontation mit der Geschichte: "Angst und Scham, es liefen Tränen"

Inge B. wurde 1932 in Bayern geboren, wuchs mit ihrer Familie in Krefeld auf und erlebte eine Schulzeit zwischen Luftalarm und Kinderlandverschickung. Sie heiratete 1956, machte eine Lehre zur Chemielaborantin und bekam drei Kinder. Die evangelische Kirche spielte lange Zeit eine große Rolle in ihrem Leben.

Holocaust-Mahnmal in Dachau (Foto: Alexas_Fotos/Pixabay)


Christlich-jüdische Zusammenkunft

Seit meiner Konfirmation 1947, also bereits mit 15 Jahren, engagierte ich mich in der evangelischen Kirche. Ich wurde 1980 ins Presbyterium gewählt und war 1983 Kirchmeisterin, da ist man für die Finanzen der Kirchengemeinde zuständig und nimmt an Kirchmeistertagungen teil. Da unsere Gemeinde Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit war, die 1979 gegründet wurde, war ich auch bei Versammlungen und Vorträgen dabei und sollte eines Tages an einem Treffen mit der jüdischen Gemeinde an der Wiedstraße teilnehmen.

Angst und Scham vor der Reaktion von Juden

Ich hatte ziemlichen Bammel und Angst vor einer eventuellen Konfrontation. Ich hatte ja nach dem Krieg, ich war erst zwölf Jahre alt, erst mal nichts davon gewusst, was da alles passiert ist mit den Juden (1). Zeitungen gab es ja zunächst nicht und auch kein Radio.

Ich glaube auch nicht, dass meine Eltern wussten, dass Auschwitz (2) existiert hatte. Woher sollte mein Vater so etwas wissen, er war nicht im Krieg, er war nicht an der Front und hatte keinerlei Verbindungen zu jemandem gehabt. Er war froh gewesen, dass man ihn in Ruhe ließ, weil er als alter Sozialdemokrat mit denen von der Partei ja gar nichts am Hut hatte.

Konzentrationslager Auschwitz (Foto: dimitrisvetsikas1969/Pixabay)

Erst nach und nach hatte ich dann so einiges erfahren, teilweise erst durch die eigenen Kinder. Meiner Tochter hatte man zum Beispiel in der Schule einen Film über Auschwitz gezeigt, und sie kam weinend nach Hause. Inzwischen wusste ich Bescheid, was wir Deutschen alles angestellt hatten, deswegen nun diese Scham darüber. Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich nun einem Juden gegenüberstehe? Ich war jetzt zwar eine erwachsene Frau von über fünfzig Jahren, aber ich war verunsichert.

Zum Glück verlief dann alles sehr angenehm. Ich kam in den Arbeitskreis Christlicher Kirchen und man schlug vor, die in der Zeit des Nationalsozialismus (3) aus Krefeld vertriebenen und überlebenden Juden einzuladen. Organisiert wurde das alles von Herrn H. und Pfarrer S., und ich arbeitete ab 1983 an den Vorbereitungen mit.

Heimatbesuch der Zeitzeugen

Die Stadt Krefeld mit Dieter P. als Oberbürgermeister lud im Jahr 1987 – vier Jahre später – offiziell die ehemaligen jüdischen Mitbürger zu einem Besuch in ihre alte Heimatstadt Krefeld ein. Man rechnete mit etwa fünfzig bis sechzig Personen, die vielleicht kommen würden. Da die Leute ja inzwischen auch schon älter waren, wurden auch Begleitpersonen mit eingeladen. Manche Familien hatten bereits mit früheren jüdischen Freunden wieder Kontakt aufgenommen, und man reiste hin und her. Die Juden waren in alle Welt verstreut, es gingen Einladungen nach England, Israel, Amerika und Australien, und es kamen viele sehr nette Briefe zurück, weshalb man kommen oder nicht kommen wolle. Viele kamen, weil ihnen wichtig war, bei Vorträgen in Schulklassen von ihrem Schicksal zu berichten.

Alles wurde genauestens geplant. Man überlegte, wo alle Personen unterzubringen waren. Im Hansa-Hotel waren Übernachtungen unpassend, denn im sogenannten Hansahaus war im Dritten Reich (4) die Gestapo (5) einquartiert worden.

Zur Finanzierung der Veranstaltung wurden Bittbriefe geschrieben. Es kamen sehr spärlich Zusagen. Die BayerWerke (6) in Uerdingen waren bereit, 1000 DM zu spenden. Das war ein beschämender Betrag, wenn man bedenkt, dass dort während des Zweiten Weltkriegs (7) bei der I.G. Farben Zwangsarbeiter (8) beschäftigt worden waren. Eine Abordnung wurde hingeschickt, um ihnen die Hölle heiß zu machen und über das BayerWerk Leverkusen kam dann ein größerer Betrag. Da die Spendengelder nicht reichten, musste im Stadtrat genehmigt werden, dass die Stadt Krefeld den Rest finanzierte. Sie stimmten zu, obwohl keiner wissen konnte, wie viele Juden kommen und wie hoch die Kosten würden. Mein Mann war zu der Zeit im Stadtrat, dadurch hatte ich schon erfahren, dass sich etwa 250 Personen angemeldet hatten.

Blonde Locken, Hütchen auf

Es gab bei dem Besuch der Juden sehr schöne Momente. Ich fuhr oft mit einem Fahrer mit einem Blumenstrauß zum Flughafen, um einzelne Besucher abzuholen. Einmal wartete ich mit einem Ehepaar, das eine Jüdin als Gast aufnehmen wollte, gemeinsam auf eine achtzigjährige Frau R. aus Kalifornien. Wir dachten: „Wer weiß, was das für ein Mütterken ist.“


Dann kam eine Dame, blonde Locken, Hütchen auf, bunten Schal um, große Ohrringe. Das war Frau R.! Wir hatten eher eine alte Dame mit Stock erwartet und mussten nun lachen.

Der große offizielle Empfang fand im Krefelder Hof statt, der WDR war da und natürlich die Presse. Der Saal war voll und es war heiß. Ich stand in der Ecke, weil es keinen Sitzplatz mehr gab. Nach der Begrüßung durch den Oberbürgermeister und der Rede von Frau E. aus Kalifornien ging man in den Garten vom Krefelder Hof. Jetzt konnten sich alle begrüßen. Das war so etwas von rührend. Einige sahen ihre halbe Klasse und ihren Lehrer zum ersten Mal wieder, manche hatten alte Fotoalben mitgebracht. Es war eine wunderschöne Atmosphäre. Man saß da und hat nur genossen.

Als ich an dem Abend nach Hause kam, saß mein Mann gegen zwölf Uhr noch am Schreibtisch. Er drehte sich um und fragte: „Wie war es?“ Da liefen mir die Tränen, die Emotionen hatten sich so aufgestaut.

Erst im Jahr zuvor mussten wir in unserer Familie durch das Unglück unseres Sohnes einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen. Unser Sohn Christian war mit fünfundzwanzig Jahren bei einem Absturz in den Dolomiten ums Leben gekommen.

Dann kam neun Monate später diese Sache mit den Juden. Wir hatten ja von jedem Gast ein Dossier bekommen und konnten lesen, was das für Schicksale waren. Vielleicht weil ich auch so verwundbar war, berührte mich das so stark. Das war auch der Grund, warum ich mich da so eingebracht und meine Kraft hineingesteckt hatte. Das hat mir, glaube ich, auch geholfen, diese ganze innere Bedrängnis vom Tod des Sohnes irgendwie zu lösen oder auch zu relativieren, wenn man überlegt, welche Schicksale diese Menschen hatten. Dieses Ereignis war damals wirklich ein Höhepunkt in meinem Leben.

Was geschah mit Ruth?

Am nächsten Abend war in der Montessori-Schule noch ein allgemeines Zusammensein und mein Mann hatte sich bemüht, für Frau R. und einer anderen Dame Theaterkarten für die Operaufführung „La Traviata“ zu besorgen. Das Stück war eigentlich ausverkauft, aber sie hatten sich so sehr gewünscht, dorthin zu gehen. Da er im Kulturausschuss war, hatte er seine Kontakte genutzt und machte die beiden damit sehr glücklich.

Mahnmal KZ Bergen Belsen (Foto: meisterhaui/Pixabay)

Ein weiterer sehr bewegender Moment war für mich, dass ich eine Jüdin aus Krefeld-Linn traf, die die Familie meiner früheren Freundin Ruth Alexander auch gekannt hatte. Ich bin zu ihr gegangen und fragte sie, ob sie wüsste, was mit Ruth passiert sei.

Da drehte sie sich zu mir um. Sie sagte: „Dann sind Sie die Inge.“ Die beiden waren zusammen im Konzentrationslager in Bergen-Belsen (9) gewesen und Ruth hatte ihr wohl über mich erzählt! Ruth ist leider in Bergen-Belsen umgekommen.


Später wurden für Ruth Alexander und ihre Familie vor ihrem ehemaligen Haus in Linn Stolpersteine (10) verlegt und daran habe ich teilgenommen. Auch nach Abschluss dieses Ereignisses im Jahr 1987 sind noch längere Zeit die Kontakte über Briefe aufrecht erhalten worden, es gab viele Dankes-Schreiben und Blumen. Es wurden noch Fotos ausgetauscht und ich erhielt als Geschenk einen siebenarmigen Leuchter.


Jüdischer siebenarmiger Leuchter in Jerusalem, Symbol für die Identität des jüdischen Volkes (Foto: areijotelaranta/Pixabay)


Das alles bleibt mir in guter Erinnerung.

(1) Die Geschichte der Juden verlief unterschiedlich, je nach Land und Epoche. Sie ist sowohl von Unterdrückung, Verfolgung und Vertreibung als auch von Toleranz, friedlichem Miteinander und Gleichberechtigung geprägt. Sie beinhaltet die Geschichte der Juden in der Diaspora und die Gründung des Staates Israel. Als Ursache für die Entstehung der Diaspora werden politische, religiöse oder wirtschaftliche Aspekte angeführt. Die Diaspora entwickelte sich in bedeutenden Zentren jüdischer Gemeinden in Ägypten, in Kyrenaika, Nordafrika, Zypern, Syrien, Kleinasien und schließlich in Griechenland und Rom, bis die Vertreibung beziehungsweise Auswanderung sich weltweit ausbreitete. Weltweit leben etwa 7,909 Millionen Juden in der Diaspora.

Quelle: wikipedia


(2) Das Konzentrationslager Auschwitz, kurz auch KZ Auschwitz …, war der größte deutsche Komplex aus Gefangenenlagern zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Lagerkomplex bestand aus drei sukzessive ausgebauten großen Konzentrationslagern und weiten Außenlagern. Auschwitz hatte eine Doppelfunktion als Konzentrations- und Vernichtungslager (Birkenau). Die während des Zweiten Weltkrieges europaweit gefangen genommenen Menschen wurden per Bahn in das KZ Auschwitz deportiert, etwa 90 % Juden. Die Herkunftsländer waren hauptsächlich Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Jugoslawien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Polen, Rumänien, Sowjetunion, Tschechoslowakei und Ungarn. In Auschwitz fand im Zuge des Holocaust (auch Shoah) ein systematische und fabrikmäßiger Mord an europäischen Juden statt, aber auch andere durch das NS-Regime verfolgte Gruppen wurden dort eingesperrt und ermordet. Die Zahl der Todesopfer beläuft sich auf 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen. Die genaue Opferzahl konnte nicht ermittelt werden. … 27. Januar 1945 ist der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz … seit 1996 wurde Auschwitz zum Symbol für den Holocaust … seit 2005 Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. ...

Quelle: wikipedia


(3) Die 1920 gegründete Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) gelangte und unter Adolf Hitler am 30. Januar 1933 in Deutschland zur Macht, wandelte die Weimarer Republik durch Terror, Rechtsbrüche und die sogenannte Gleichschaltung in die Diktatur des NS-Staats um. Dieser löste 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus, in dessen Verlauf die Nationalsozialisten und ihre Kollaborateure zahlreiche Kriegsverbrechen und Massenmorde verübten, darunter den Holocaust an etwa sechs Millionen europäischen Juden und den Porajmos an den europäischen Roma. … endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945.

Quelle: wikipedia


(4) Drittes Reich ist eine Bezeichnung für das nationalsozialistische Deutschland.

Quelle: wikipedia


(5) Die Geheime Staatspolizei, kurz Gestapo genannt (bis 1936 auch Gestapo für Geheimes Staatspolizeiamt, war die politische Polizei des deutschen NS-Regimes von 1933 bis 1945. Sie besaß weitreichende, unkontrollierte Machtbefugnisse bei der Bekämpfung politischer Gegner, zu denen nicht nur Oppositionelle, sondern … auch Juden, Roma, „Asoziale“ und Homosexuell gehörten .. berüchtigte Foltermethoden sowie Hauptverantwortliche für den Holocaust und Porajmos.

Quelle: wikipedia

(6) Die Bayer Aktiengesellschaft, kurz Bayer AG, mit Sitz in Leverkusen/Nordrhein-Westfalen ist ein … Chemie- und Pharmakonzern ... Das Bayer-Werk Uerdingen gehört eigentlich der Vergangenheit an, gemeint ist der „Chempark“ dort … zwei bedeutende Industrie-Traditionen in Deutschland: Bayer AG und Teerfarbenfabrik Dr. E. Ter Meer & Cie, eine auf Textilfarben spezialisierte Chemiefabrik. Die Ter.Meer-Werke gingen 1925 im seinerzeit weltgrößten Chemieunternehmen der später in die Kriegsverbrechen der NS-Zeit verstrickten „I.G. Farbenindustrie AG“, auf. IG Farben ging das Uerdinger Werk in der Bayer AG auf … die Bayer-Ära ist zu Ende … gibt es in Krefeld nicht mehr.


(7) Als Zweiten Weltkrieg … (1939 – 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. In Europa begann er am 1. September 1939 mit dem von Adolf Hitler befohlenen Überfall auf Polen. … Mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht endeten die Kampfhandlungen in Europa am 8. Mai 1945. … Über 60 Staaten auf der Erde waren direkt oder indirekt am Weltkrieg beteiligt, mehr als 110 Millionen Menschen trugen Waffen.

Quelle: wikipedia


(8) Die I.G. Farbenindustrie AG … entstand Ende 1925 aus dem Zusammenschluss von acht deutschen Unternehmen … hatte ihren Sitz in Frankfurt am Main. Sie wuchs im Nationalsozialismus unter anderem durch Enteignungen zum größten europäischen Unternehmen und größten Chemie- und Pharmaunternehmen der Welt … ist mit den in der Zeit des Nationalsozialismus begangenen Kriegsverbrechen assoziiert … expandierte durch Arisierung vormals jüdischer Konkurrenten, beutete als Rüstungsunternehmen eine große Zahl an Zwangsarbeitern aus und errichtete mit dem KZ Auschwiz III Monowitz das erste privat finanzierte KZ. … im I.G.-Farben-Prozess Verantwortung für Plünderungen und Versklavung, oftmals mit Todesfolge, der Häftlinge des KZ Auschwitz III Monowitz … sowie die Herstellung von Giftgas (Zyklon B) und dessen Lieferung an die SS zum Zwecke der massenhaften Tötung von Menschen. … Liquidation … Abwicklungsverfahren dauerte rund 60 Jahre. Ende 2003 wurde die I.G. Farbenindustrie AG zum 31. Oktober 2012 im Handelsregister gelöscht.

Quelle: wikipedia


(9) Das Konzentrationslager Bergen-Belsen war von April 1943 bis April 1945 ein nationalsozialistisches Konzentrationslager unter der SS-Tarnbezeichnung Aufenthaltslager im Ortsteil Belsen der Gemeinde Bergen im Kreis Celle in der damaligen Provinz Hannover, heute Land Niedersachsen. Teile waren zuvor und dann parallel ein Kriegsgefangenenlager (Stalag XIc) der dt. Wehrmacht. Die Befreiung durch britisch/kanadische Truppen erfolgte am 15. April 1945.

Quelle: wikipedia


(10) Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln, sogenannten Stolpersteinen, soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. … Stolpersteine wurden in Deutschland wie auch in 30 weiteren Ländern verlegt … gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt …

Quelle: wikipedia

Auszug aus „Schwanengesang“, erzählt von Inge B.; aufgeschrieben von Birgit L.; bearbietet von Barbara H. (2023)

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