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Liebe und Berufseinstieg: Die Chemie stimmte

Den Zweiten Weltkrieg (1) erlebte Inge B. und ihre Familie in Krefeld in Nordrhein-Westfalen. Sie wurde 1932 in Bayern geboren. Die Schulbesuche waren wegen zerbombter Gebäude schwierig gewesen. Mit fast 18 Jahren ging es nun um ihre Ausbildung.

Bayerwerk Krefeld-Uerdingen von 1951 (Foto: mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG, Bayer Archives Leverkusen)

Nachkriegszeit in Krefeld

Nach meinem Schulabschluss 1950 wollte ich gerne irgendetwas Praktisches machen, in Richtung Chemie, Drogerie oder Fotografie. Aber ich bekam da keine Lehrstelle. Ich bewarb mich auch als kaufmännischer Lehrling bei der Spedition Müncker und bekam eine Zusage, obwohl ich das eigentlich nicht so gerne wollte.

In dieser Zeit lernte ich meinen späteren Mann kennen. Günther war zehn Jahre älter als ich, da war ich ein Backfisch von achtzehn Jahren und er war achtundzwanzig Jahre alt und im Krieg in Russland gewesen, hatte also schon mehr erlebt, als sonst ein Achtundzwanzigjähriger.

Ein ehemaliger Schulkamerad hatte ihn mir vorgestellt: "Das ist Herr B., der erste Vorsitzende unseres Tennisclubs“, und zwar in der Kirche nach der Christmette. In Gesprächen erfuhr er, dass wir zu Hause ein Klavier haben und er bat, darauf zu spielen. Ich hatte auch Klavierunterricht gehabt, da hatten wir etwas Gemeinsames.

Er kam also einmal die Woche, um bei uns Klavier zu spielen. Wenn dann irgendwo ein Klavierkonzert gegeben wurde, fragte er mich, ob ich mitginge. Ich war natürlich hoch interessiert – es war alles völlig harmlos, wir waren einfach befreundet.

Der Direktor meiner Schule wusste, dass ich gerne etwas mit Chemie machen wollte. Bei der Firma Bayer (2) war leider Einstellungsstopp, sie konnten keine Lehrlinge mehr annehmen. Aber der Direktor hatte zufällig einen neuen Chemiker von der Firma Maizena (3) kennengelernt, als der seine Tochter für die Schule anmeldete.

Über diesen Kontakt wurde mir am 28. März 1950 eine Lehrstelle als Chemielaborantin bei Maizena angeboten. Das Firmengebäude war damals noch ein roter Backsteinbau an der Burgstraße, bevor später die neue Fabrik am Rheinhafen gebaut wurde.

Am 1. April sollte ich eigentlich bei der Spedition Müncker anfangen, aber das sagte ich ab. Im Betriebslabor bei Maizena wurden die Produkte analysiert, die in der Firma produziert wurden. Das waren Lebensmittel, zum Beispiel Mazola Öl, Dextropur oder Maizena.

Ausbildungswunsch erfüllte sich: Vater unterschrieb meinen Vertrag

Nach dreieinhalb Jahren konnte man eine Laborantenprüfung ablegen. Aber es stellte sich heraus, dass für diese Prüfung im dortigen Labor zu wenig Kenntnisse vermittelt werden konnten. Deshalb hatte man Kontakt zu Dr. C. bei der Firma Bayer aufgenommen. Ich hatte das Glück, dass ich nach einem halben Jahr zum 1. Oktober 1950 zu Bayer wechseln konnte.


Bayerwerk Krefeld-Uerdingen von 1957 (Foto: mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG, Bayer Archives Leverkusen)


Dort stellte man nur alle zwei Jahre Lehrlinge ein, so dass ich bis zur Zwischenprüfung zum Chemiewerker in einem halben Jahr entweder den Stoff von eineinhalb Jahren hätte nachholen oder ein Jahr hätte warten müssen. Also setzte ich mich auf den Hosenboden, um diese Prüfung zu bestehen.

Danach begann die Laborantenlehrzeit, die dann noch eineinhalb Jahre dauerte. Mein Lehrgeld betrug damals 25 Deutsche Mark im ersten Jahr, danach 35 und 45 DM im Monat. Davon kaufte ich mir mein erstes tragbares Radio, auf Raten. Den Vertrag musste mein Vater noch unterschreiben. So fuhr ich ganz stolz mit meinem Transistorradio am Fahrrad durch die Gegend. Je nachdem, wie es sich drehte, musste ich die Antenne umstellen und die Lautstärke wechselte ständig zwischen leise und furchtbar laut. Aber das war etwas Besonderes: tragbare Musik!

Symbolfoto: Moritz320/Pixabay

Von meinem Geld hatte ich mir auch noch ein paar teure Nylonstrümpfe (4) gekauft. Das waren die ersten, die es hier gab. Sie kosteten 10 DM. Die trug ich, als ich einmal mit meinem Fahrrad gefallen bin. Ich hatte alles aufgeschlagen, die Arme und sogar das Kinn. Das Schlimmste war allerdings, dass die teuren Nylons kaputt waren. Alles andere machte mir nichts aus.

Ich war seine Kandidatin Nr. 1

Zu der Zeit wusste ich nicht, dass man sich bei anderen Firmen darüber mokierte, dass mir ein Jahr Lehrzeit „geschenkt“ worden war, weil Herr Dr. C. sich für mich eingesetzt hatte. Dies wäre eigentlich nur mit Genehmigung des Wirtschaftsministeriums in Bonn möglich gewesen, aber die Sekretärin bei Bayer hatte wohl auf dem Antrag angekreuzt, dass ich das Abitur abgelegt hatte.

Im Oktober 1952 nach zweieinhalb Jahren machte ich die Abschlussprüfung.

Nun war ich, wie Dr. C. sagte, seine Kandidatin Nr. 1, weil alle auf mich guckten. Ich wusste, ich musste meine Sache gut machen. Ich hatte Glück, alles klappte bestens. Bei der Prüfung erhielt ich von 200 Punkten 197, obwohl ich bis zum Schluss warten musste und erst als Letzte zur Prüfung aufgerufen wurde. Nach Bekanntgabe des Ergebnisses fiel die ganze Anspannung von mir ab und es flossen die Tränen.

Angebot: Neue Chancen in Stuttgart

Nach dem Examen im Oktober 1952 arbeitete ich weiter bei Bayer im Hauptlabor, dessen Chef Dr. H. war, ein Hanseat. Als er einmal durch das Labor lief, machte ich ihn darauf aufmerksam, dass er an der Wange Schmutz hatte. Er fand es bewundernswert, dass ich den Mut hatte, ihm das zu sagen. Eines Tages holte er mich in sein Büro und erzählte, dass er nach Stuttgart wechselte, um ein Institut für Lacke und Pigmente zu leiten. Er schlug mir vor, mit nach Stuttgart zu gehen, weil er jemanden brauchte, der etwas von Chemie und Analytik versteht, und zur Betreuung von Doktoranden. Dort könnte ich vielleicht auch die Prüfung zum Chemotechniker machen. Mit diesem Abschluss hätte ich dann studieren können. Das war natürlich eine tolle Aussicht.

Ende 1953 fuhr ich zu dem Institut und sah mir das alles einmal an, weil Stuttgart mich reizte. Herr Dr. H. schlug sogar noch vor, das auch mit meiner Mutter zu besprechen, obwohl ich ja mit einundzwanzig Jahren schon mündig war. Er lud uns für den nächsten Sonntagmorgen in sein Haus ein. Meine Mutter fand das auch prima, dass ich beruflich weiter kam. So fing ich am 1. April 1954 in Stuttgart in dem Institut für Lacke und Pigmente an.

"Papperlapapp – was ist schon Liebe"

Mit der Zeit merkten Herr B. und ich aber, dass wir uns vermissten. Er kam mich immer häufiger in Stuttgart besuchen. Alle drei bis vier Wochen sahen wir uns. Dort verbrachten wir viel Zeit mit den anderen Mitarbeitern des Instituts. Die Männer dort waren im Alter meines Mannes, da viele auch erst im Krieg waren, bevor sie ein Studium angefangen hatten.

Ich verdiente zwar gut dort, aber ich wusste, wenn das nun doch ernsthaft werden sollte mit meinem zukünftigen Mann – wir waren inzwischen verlobt –, musste ich ihm zuliebe zurück nach Krefeld. Ich wollte auch gerne Aussteuer mit in die Ehe bringen, eine Nähmaschine und ein Staubsauger mussten sein, und eine Küche wollte ich auch gerne selbst mitbringen. Nach sieben Monaten ging ich deshalb aus Stuttgart wieder weg. Professor H. war sehr sauer: „Papperlapapp, was ist schon Liebe“, sagte er.

Symbolfoto: Kranich17/Pixabay

Der versteckte Verlobungsring

Zurück in Krefeld musste ich mir eine neue Stelle suchen. Bei Bayer durfte ich nur kurzzeitig eine Kollegin vertreten, aber eingestellt wurde man nicht mehr, wenn man einmal gekündigt hatte. Ich wohnte wieder zuhause in Krefeld, suchte eine neue Arbeitsstelle, stellte mich überall vor. Nach einem Bewerbungsgespräch bei den Deutschen Edelstahlwerken (5) war ich sauer, weil ich so viel über Chemie erzählt hatte, aber mein Gesprächspartner hinterher meinte, davon verstehe er nichts und ich bekäme Bescheid.

Danach war ich bei der Firma TAG (Textilausrüstungs-Gesellschaft) in Krefeld zum Gespräch eingeladen. Da ich bereits einen Verlobungsring trug, ließ ich meinen Handschuh an, denn es war ja zu der Zeit nicht unbedingt üblich, dass Frauen weiterarbeiteten, wenn sie heirateten.

Bevor ich anfing etwas zu erzählen, fragte ich die beiden Herren: „Sind Sie Chemiker?“ Sie wollten wissen warum. Ich erzählte von dem anderen Gespräch und alle lachten. Da war das Eis gebrochen. Ich wurde sofort genommen. Ich sollte in einem Betriebslabor arbeiten, das noch eingerichtet werden sollte. Aber ich übernahm auch andere Aufgaben von Herrn Dr. L.

Ich hatte Stenografie und Schreibmaschine schreiben schon 1948 in Abendkursen gelernt. Als ich einmal einen Schrank mit Stoffresten ausräumen sollte, fragte ich, ob ich welche behalten durfte, denn ich als Schneiderin fand sie viel zu schade zum Entsorgen. „Ihr Frauen könnt aber auch alles gebrauchen!“, sagte mein Chef. Aus den Stoffresten nähte ich mir dann tolle Sachen.

Es war der 14. Juli 1956, als wir heirateten, doch das ist eine andere Geschichte ...

(1) Als Zweiten Weltkrieg … (1939 – 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. In Europa begann er am 1. September 1939 mit dem von Adolf Hitler befohlenen Überfall auf Polen. … Mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht endeten die Kampfhandlungen in Europa am 8. Mai 1945. … Über 60 Staaten auf der Erde waren direkt oder indirekt am Weltkrieg beteiligt, mehr als 110 Millionen Menschen trugen Waffen.

Quelle: Wikipedia

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(2) Die Bayer Aktiengesellschaft, kurz Bayer AG, mit Sitz in Leverkusen/Nordrhein-Westfalen ist ein Chemie- und Pharmakonzern.

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(3) Die kurz Maizena genannte Deutsche Maizena GmbH … war ein Unternehmen, das auf die Herstellung stärkehaltiger Lebensmittel aus Getreide … spezialisiert war.

Quelle: Wikipedia

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(4) Als Nylonstrümpfe bezeichnet man Strumpfwaren aus Polyamid (Handelsnamen Nylon, Perlon). Sie sind gewirkt und deshalb relativ kurzlebig, da sie zu Beschädigungen, insbesondere Laufmaschen, neigen …

1941 (Angriff auf Pearl Harbor) wurde Nylon auf Grund seiner Reißfestigkeit zum militärisch bedeutsamen Material, etwa für Zelte, Seile, Flugzeugtanks und Fallschirme …

Nach Kriegsende im August 1945 kündigte DuPont den Beginn der zivilen Produktion von Nylonstrümpfen an … Die Kundinnen hatten die seidige Beschaffenheit, Feinheit und kristallene Transparenz des Materials sehr geschätzt.

Quelle: Wikipedia

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(5) Die Firma Deutsche Edelstahlwerke … ist ein Unternehmen in der Herstellung und Bearbeitung von Edelstahlprodukten. Es umfasst die Standorte Witten, Siegen, Krefeld, … an denen rund 4.000 Mitarbeiter jährlich fast eine Million Tonnen Edelstahl erzeugen und bearbeiten.

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Auszug aus „Schwanengesang“, erzählt von Inge B.; aufgeschrieben von Birgit L.; bearbeitet von Barbara H.(2023)

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