Traumberuf: Verkäuferin – Vorher: Wickelmacherin

Rosa, geboren 1929 in einem Dorf nahe dem Bodensee, erlebt eine arbeitsreiche Kindheit in der bäuerlichen Familie. Es war üblich, dass auch schon die Kleinsten mit anfassen, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Nach der Schulzeit sucht sich Rosa eine Arbeit in der lokalen Zigarrenfabrik. Erst einige Jahre später entflieht sie der Enge der Heimat, findet eine neue Arbeitsstelle und ihre große Liebe.



Ich träumte davon, eine Lehre als Verkäuferin zu machen

Am 27. März 1936 beendete ich die Schulzeit. Ich war froh und stolz, dass ich die verleidete Schule hinter mich gebracht hatte. Natürlich hatte ich mir vorher überlegt, was ich danach anfangen sollte. Meine Brüder waren alle in einer Lehre. Aber Mädchen dachten nicht an eine Lehre, das war damals nicht üblich. Wenn ich ehrlich bin, träumte ich damals davon, Verkäuferin zu werden, aber diesen Wunsch sprach ich nie aus. Wie gern hätte ich eine Lehre in einem der beiden Kolonialwarenläden in unserem Dorf gemacht! Aber daran war nicht zu denken. Mädchen wurden im Haus oder zur Heirat oder zum Geldverdienen in der Fabrik gebraucht. Und so machte ich das, was fast alle machten.


Fortbildungsschule

Nach Ende der Schulzeit mussten alle Jugendlichen eine sog. Fortbildungsschule besuchen, die einmal pro Woche in der Nachbarstadt stattfand. Sie war für alle verpflichtend. Die Jungen mussten sie drei Jahre, die Mädchen zwei Jahre lang besuchen. Daneben gingen die meisten von uns in die Lehre oder in die Fabrik. Ich besuchte die Fortbildungsschule bis zum 28. März 1938 und erhielt ein Entlassungszeugnis.


Mein erstes selbstverdientes Geld musste ich zu Hause abgeben

Bei uns Mädchen im Dorf war es üblich, dass die Schulabgänger zum "Tännle pflanzen" gingen. Wir meldeten uns beim Waldhüter, um am Berg kleine Tannen zu pflanzen. Ganz früh morgens brachen wir auf und wanderten ca. eine Stunde bis zum Pflanzort. Die Männer vor Ort gruben in einem Abstand von etwa einem Meter Löcher aus, in die wir Mädchen die Tännchen einsetzten und die Löcher wieder zu harkten. Die Arbeit war manchmal mühsam, aber wir waren jung und vergnügt und außerdem war es unser erstes selbstverdientes Geld!

Einige von uns, darunter auch ich, mussten das Geld zu Hause abgeben. Meine Familie brauchte jeden Pfennig, denn mein Vater war durch einen Schlaganfall ans Bett gefesselt und konnte uns nicht mehr ernähren.

Ich weiß nicht mehr, wie viel ich in diesen drei Wochen verdient habe. Es war wenig, aber es waren die ersten Schritte ins Erwachsensein.

In der Zigarrenfabrik

Mir war klar, dass ich bald richtiges Geld verdienen musste, da mein Vater als Ernährer der Familie ausgefallen war. Ich bewarb mich in der Zigarrenfabrik in der Nachbarstadt und erhielt dort sofort Arbeit. Diese Stelle hatte den Vorteil, dass ich mit dem Fahrrad dorthin fahren konnte und somit keine Fahrkosten entstanden. Zudem konnte ich mittags nach Hause zum Mittagessen radeln, um danach bis 17:30 in der Fabrik weiterzuarbeiten.

Stumpen wickeln erfordert große Fingerfertigkeit

Zunächst war ich ein halbes Jahr in der Verpackungsabteilung, wo ich die Zigarren in Kisten verpackte. Bald bewarb ich mich als Wickelmacherin, denn diese Arbeit wurde besser bezahlt.

Ich saß mit einer Kollegin an einem Tisch. Rechts von uns befand sich eine Kiste, in dem angefeuchteter, kleingeschnittener und gerippter Tabak war. Wir holten den Tabak heraus und füllten ihn in ein nach oben offenes Rohr. Wir mussten darauf achten, dass das Rohr gleichmäßig gefüllt wurde und keine Löcher entstanden. Dann legten wir ein Wickelbatt auf den Tisch und betätigten mit dem Fuß ein Pedal, das das Rohr nach vorn über das Wickelblatt führte. Der Inhalt des Rohrs wurde darauf entleert und darin eingewickelt. Es bedurfte einiger Übung und großer Fingerfertigkeit, dies nicht zu locker oder zu fest zu tun. War der Wickel zu fest, zog die Zigarre nicht. War der Wickel zu locker, dann brach die Zigarre auseinander.

Die von uns gefertigten "Stumpen" wurden dem Stumpenmacher gegeben, der die Wickel fein säuberlich in ein Deckblatt drehte. In einem weiteren Arbeitsgang wurden die Stumpen auf die richtige Zigarrenlänge geschnitten, über Nacht getrocknet und dann verpackt.


“Wenn es mit der Arbeit klappt, dann singt mal schön !“

Es wurde nach Stückzahl abgerechnet. Der Meister kontrollierte und zählte unsere "Wickelkinder". Ich schaffte nach einiger Zeit 600 bis 700 Stück am Tag. Bald waren die Handgriffe automatisiert, so dass wir nicht ausgelastet waren. Wir fragten den Meister, ob wir beim Wickeln singen dürften. Er stutzte, dann lachte er und sagte: „Wenn es mit der Arbeit klappt, dann singt mal schön!“ Zunächst zaghaft, dann immer mutiger sangen wir "Am Brunnen vor dem Tore". Die Stumpenmacher schauten erstaunt zu uns, dann aber grinsten sie, und manch einer von ihnen brummte die Melodie mit.

Wir verarbeiteten damals zwei verschiedene Tabaksorten. Wir Mädchen selbst haben nie unsere Stumpen geraucht. Das sah bei den Jungen und Männern natürlich anders aus.

Ich verdiente 20 Mark, die ich zu Hause ablieferte. Da Geld, das ich zusätzlich durch die Akkordarbeit verdiente, durfte ich für mich behalten. Denn meine Mutter wusste, dass ich nichts verschwendete.


Ein neuer Schritt in die Selbständigkeit

Fast vier Jahre lang habe ich in der Zigarrenfabrik gearbeitet, aber es wurde mir immer deutlicher, dass dies nicht alles im Leben sein könnte. “Ich will andere Menschen kennenlernen. Ich will nicht mein Leben lang auf dem Feld und im Stall arbeiten“, sagte ich mir.

So studierte ich eifrig Stellenangebote in der Zeitung, bis ich eines samstags eine Anzeige fand: "Aushilfe in einer Wehrmachtskantine in Ludwigsburg gesucht". Ich schrieb ein Bewerbungsschreiben und erhielt wenige Tage später eine Zusage.

Ich jauchzte. Ich hatte es geschafft! Die Arbeit in der Fabrik hatte ein Ende!

Das Leben zuhause und auf dem Bauernhof war vorüber!


Auszug aus "Rück-Sicht – mein Leben", erzählt von Rosa K., geschrieben von Christa A., Auszug verfasst von Marion PK

Foto: Annette Aigner/Pixabay