Wir fassten allen Mut zusammen und verdrückten uns...

Walter W., geboren 1926, hatte sieben Geschwister, aber schon mit sechs Jahren keinen Vater mehr. Seine jugendliche Leidenschaft galt dem Boxsport. Er kam wiederholt mit den nationalsozialistischen Ordnungshütern in Konflikt. Untersuchungshaft und Strafbataillon prägten seine Jugend, bis er desertierte.



Freundschaft und Überleben

Drei gute Freunde hatte ich in meiner Jugend in Düsseldorf: August R., Otto K. und Teddy P.. Wir haben vieles zusammen unternommen und waren Mitglieder in einem Boxverein in der „Alten Post“.

In der Freizeit trafen wir uns oft im Volksgarten, machten Musik und sangen. Das waren harmlose Treffen von Jugendlichen. Die Gestapo (1) duldete solche Zusammenkünfte aber nicht und hatte uns längst im Visier. Eines Tages wurde der Treffpunkt von der Polizei umstellt und wir alle verhaftet.

Man brachte uns zum Gestapo-Quartier an der Prinz-Georg-Straße. Dort schnitt man uns allen die Haare ab und inszenierte eine Gerichtsverhandlung. Das Urteil: unangepasstes und oppositionelles Verhalten. Es fiel das Wort „Edelweißpiraten“ (2).

Inzwischen war der Krieg auch nach Düsseldorf gekommen. Wir Freunde aus dem Boxverein streiften durch die Stadt, in der Hoffnung, irgendwo etwas Essbares zu finden, und kamen zu einem Haus, das von einer Bombe getroffen worden war. Unten war ein Lebensmittelgeschäft. Tür und Fenster waren mit Pappe vernagelt. Teddy P., er war damals deutscher Meister in irgendeiner Boxklasse, sagte: „Wir gehen da rein und sehen, was zu holen ist.“ Und tatsächlich verloren wir alle Zurückhaltung und stahlen Lebensmittel. Insgesamt drangen wir dreimal in den Laden ein. Diese Aktion sollte für mich noch ein böses Nachspiel haben.

Anklage wegen Diebstahl: Festungshaft oder Frontbewährung?

1943 wurde ich zum Arbeitsdienst (3) auf die Insel Sylt eingezogen. Im Juni 1944 wurde ich dort von einer Heeresstreife verhaftet. Man warf mir schweren Diebstahl vor. Meine drei Boxerfreunde aus Düsseldorf waren bei weiteren Diebestouren erwischt worden. Dabei hatten sie gestanden, dass auch ich anfangs dabei gewesen war. In Wilhelmshaven wurde ich vor ein Kriegsgericht gestellt und zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt.


Der Prozess fand ohne Verteidiger statt. Das Gericht stellte mir zur Wahl: Festungshaft oder Frontbewährung. Ich entschied mich für die Frontbewährung. Schon die sechs Wochen U-Haft waren unerträglich gewesen. Zusammen mit anderen Häftlingen brachte man mich zuerst auf die Festung Torgau bei Leipzig, die von Oberst Remminger geleitet wurde – solche Namen vergisst man nie. Die Zelle war mit neun Mann belegt, alles alte Soldaten mit zum Teil hohen Auszeichnungen. Ich war der Jüngste.

Im Schützengraben: Dann lernte ich den Tod kennen

Nach sechs Wochen ging‘s im Viehwagon nach Polen. 20 Kilometer südlich von Warschau machten wir Station. Wir mussten nachts an der vorderen Kampflinie Schützengräben ausheben. Hinter uns lagen unsere Bewacher mit entsicherten Gewehren, vor uns in den Wäldern russische Einheiten. An Flucht war nicht zu denken. Morgens in der Dämmerung schlichen wir zurück. Die meisten von uns waren ausgezehrt, litten an Ruhr oder anderen Krankheiten, und einmal wöchentlich mussten wir antreten zur Entlausung.

Ein Kamerad, mit dem ich nachts im Grabenabschnitt war, hockte plötzlich an der Grabenwand und gab mir keine Antwort mehr. Ich stieß ihn an und sah, dass er tot war – getroffen von einer Scharfschützenkugel. Es hätte auch mich treffen können.

In den Hinterhalt gelockt

Nach weiteren sechs Wochen kam ich zum Gewährungsbataillon 500 nach Olmütz in Tschechien. In dieser Einheit lernte ich einen Wiener kennen. Er kam eines Tages zu mir und sagte: „Walter, ich habe zwei Ausgangsscheine, dazu noch einen Kuchen, den man mir von zu Hause geschickt hat. Lass uns in die Stadt gehen, wir machen uns einen schönen Tag.“

In Olmütz wurden wir von den Menschen angebettelt, sie hatten noch weniger als wir. So war der Kuchen schnell vergeben, und unser schöner Tag endete anders, als wir uns das vorgestellt hatten. In der Bahnhofsgaststätte wurden wir von deutschen Militärpolizisten kontrolliert.

Sie stellten fest, dass unsere Ausgangsscheine längst abgelaufen waren. Also Festnahme und zehn Tage Arrest.

Zusätzliche Strafe: Mit vollem Marschgepäck, Gewehr in der Vorhalte, vor einem glühenden Stubenofen Kniebeugen, bis wir umfielen.

In den Karpaten (4) wurde unsere Einheit zur Partisanenbekämpfung eingesetzt. Wir streiften in kleinen Trupps durch die Wälder, um Partisanennester ausfindig zu machen. Dabei wurden wir eines Tages in einen Hinterhalt gelockt, und es kam zu einem Gefecht. Auf unserer Seite gab es viele Verwundete. Ich erhielt einen Oberschenkeldurchschuss und Granatsplitter zerfetzten meinen Zeigefinger.

Desertiert

Als die russische Front durchbrach, fuhr ich später vom Lazarett in Schalkowitz in Polen aus in einem Sammelzug nach Dresden/Sachsen. Unterwegs wurden uns die Soldbücher abgenommen. In Dresden sollten wir uns in der Bahnhofskommandantur melden.

Heinz, ein Kamerad aus Leverkusen, und ich beschlossen zu desertieren. Wir fassten allen Mut zusammen, stiegen in Dresden auf der anderen Zugseite aus und verdrückten uns durch die Stadt. Es war uns klar, was mit Deserteuren ohne Soldbuch geschieht. Es wäre das sichere Todesurteil gewesen. Wir wagten es dennoch. Kurios dabei war, dass wir per Anhalter weite Strecken auf Wehrmachtsfahrzeugen zurücklegten. Unser Ziel: Immer Richtung Rheinland.

Ich erkannte die Stadt Düsseldorf nicht wieder – überall Trümmer und Ruinen. Das Haus, in dem meine Mutter gewohnt hatte, gab es nicht mehr. Ich fand sie und den kleinen Bruder schließlich bei Verwandten in Kripp am Rhein (5). Als auch dort Bomben fielen, brachte ich sie nach Bendorf bei Koblenz (6) ins Haus der Großeltern.

Verrat: Flucht vor der Suchmannschaft

Ich selbst trug immer noch Uniform, war immer noch auf der Flucht und fuhr wieder nach Düsseldorf. Zufällig traf ich Ludwig, einen alten Freund. Er war seinem Pass nach Holländer, lebte aber mit seinen Eltern seit vielen Jahren in Düsseldorf im Hause „Zum Kurfürsten“ auf der Flinger Straße in der Altstadt.

Ich war froh, wieder daheim in meiner Stadt zu sein. Für einige Tage kam ich bei ihnen unter, dann quartierte mich sein Vater in ein Gartenhäuschen im Stadtteil Lierenfeld aus. In diesen Tagen traf ich Rolf in der Stadt, einen Schulfreund, der bei der SS in Westfalen stationiert gewesen und wie ich desertiert war. Wir blieben zusammen. Ludwig kam eines Tages atemlos auf dem Fahrrad in den Garten: „Ihr müsst sofort weg hier, ihr seid verraten worden“, schnaufte er.

Wir rannten weg so schnell wir konnten. Am Ende des Geländes sahen wir die Suchmannschaft schon in die Gärten kommen. Es waren 30 bis 40 Mann, die ständig durch die Stadt streiften und nach Fahnenflüchtigen suchten. Für dieses Mal waren wir ihnen entkommen.

Durch einen Tipp fanden wir Unterschlupf auf der Flurstraße in Flingern bei einer Frau, deren Mann auch bei der Marine war. Wieder durch Zufall traf ich Ottos Vater auf der Straße. Otto war ein guter Schulfreund und derzeit noch irgendwo als Soldat im Krieg. Ich erzählte ihm meine Odyssee, und er sagte sofort: „Kommt mit, raus aus den Uniformen, ich habe noch Anzüge von Otto, die zieht ihr sofort an.“

Die Uniformen verbrannte er umgehend im Zimmerofen. Wieder hatte uns jemand uneigennützig geholfen. Ab jetzt waren wir Zivilisten.

Als wir eines Nachts von der Essenssuche nach Hause kamen, hörte ich im Haus hinter der Kellertür leises Stöhnen. Als ich die Türe öffnete, lag da ein verletzter Mann. Es stellte sich heraus, dass er Ukrainer war und als Zwangsarbeiter in den Baracken am Fortunaplatz wohnte. Er hatte versucht, im Nachbarhaus in ein Geschäft einzubrechen und war von der Polizei überrascht worden. Wir gaben ihm zu trinken, verbanden seine Wunde und fuhren ihn auf einem Fahrradanhänger ins Lager zurück. Seine Lagergenossen umarmten uns vor Freude.

Ich war fest entschlossen, mein Leben zu verteidigen

Später traf ich eine Frau, die früher in der Gerresheimer Straße neben uns gewohnt hatte und jetzt nach Thüringen evakuiert worden war. Sie war gekommen, um nach ihrer Wohnung oben im Haus zu sehen.

Es war alles in Ordnung, und so bot sie mir an, den Schlüssel zu nehmen und hin und wieder nach dem Rechten zu sehen, zur Not könnte ich auch dort wohnen. Eines Abends kamen wir nach Hause, und ich schlug spontan vor, heute oben in dieser Wohnung zu schlafen. Kaum waren wir dort angekommen, hörten wir einen furchtbaren Lärm unten im Haus. Die Scheibe der Haustüre wurde eingeschlagen, laute Befehle, Türen knallten, man suchte uns.

Die Parterrewohnungen und der Keller wurden abgesucht, ich sah durchs Fenster Bewaffnete im Hof und auf der Straße stehen. Wir hatten inzwischen Waffen von flüchtenden Soldaten bekommen, und so wartete ich hinter der Küchentüre mit einer Maschinenpistole, fest entschlossen, mein Leben zu verteidigen. Wir hatten Todesangst. Nach einer Weile verstummte der Lärm, alles war ruhig, sie waren weg. Auch in diesem Haus konnten wir nun nicht länger bleiben. Eine neue Unterkunft fanden wir bei einer Frau auf der Kasernenstraße.

Gefürchtete Kettenhunde

Noch einmal sollten wir dem Tode ganz nahe kommen. Es begann am Horst-Wessel-Platz, dem heutigen Worringer Platz. Rolf und ich waren auf der Ackerstraße unterwegs, als hinter uns die „Heeresstreife Kaiser“ hielt. Jeder in der Stadt kannte diese gefürchteten Kettenhunde. Sie sprangen von ihrem Fahrzeug und kamen direkt auf uns zu.

„Wo kommt ihr her? Ihr seid geflohene Soldaten. Wer hat euch beherbergt?“, schnauzten sie weiter. Wir mussten uns bis auf die Unterhose ausziehen, wurden gefesselt und in ihr Quartier auf der Benderstraße im Stadtteil Gerresheim abtransportiert. Es folgten brutale Verhöre im Keller der Villa.

Wir wurden gefoltert, man schnitt uns die Haare ab, und mir schlug man mit einem Gewehrkolben in den Rücken. Unter den Folgen leide ich heute noch. Ohne eine Bandage kann ich nicht aufrecht sitzen. Blutüberströmt, an Händen und Füßen gefesselt und immer noch in Unterhose brachte man uns abends auf ein Polizeirevier. In der Zelle saß ein junger Mann, dem es nicht anders als uns ergangen war. Man hat ihn noch am selben Abend auf dem Oberbilker Markt aufgehängt.

Nachts kamen fünf Polizisten mit Hunden, die uns zur Stoffeler Schule brachten. Dort war das Standgericht. Es gab kein Gerichtsverfahren, nur einen Befehl: „Bringt sie zur Färberstraße!“ Was das bedeutete, wussten wir damals nicht. Später erfuhren wir, dass zwei Stunden vor unserer Ankunft dort auf dem Hof der Färberschule die fünf Widerständler um den Polizeioffizier Franz Jürgens erschossen worden waren.

Sie sperrten uns in einen kleinen fensterlosen Raum im ersten Stockwerk und brachten wenig später eine Kanne Kaffee und Kommissbrot mit den Worten: „Das ist das Letzte, was ihr bekommt“.

Wir rannten um unser Leben

Auf dem Boden lagen zwei Wolldecken und hinter der Türe standen zwei leere Weinflaschen. Uns war klar, dass es hier kein Entrinnen mehr gab. Wir dachten daran, den Posten, sobald er die Türe öffnete, mit den Flaschen niederzuschlagen und über den Flur zu entkommen. Dann entdeckten wir, dass eine weitere Tür nur notdürftig verstärkt und überputzt war. Mit vereinten Kräften gelang es uns, ein Loch in die Füllung zu brechen und in den angrenzenden Klassenraum zu gelangen. Von dort sprangen wir aus einem Fenster drei Meter tiefer in den Hof und rannten um unser Leben zur nahen Eisenbahnüberführung und von dort in die Gustav-Poensgen-Straße. Hier versteckten wir uns in einer Hausruine.

Es war eine bitterkalte Aprilnacht. Wir froren und hatten Schmerzen von den Folterungen am Vortag und dem langen, barfüßigen Marsch über Bombenschutt bis nach Bilk. Von den Wolldecken in der Arrestzelle hatten wir Streifen abgerissen und damit die Füße umwickelt, um schneller weglaufen zu können. Morgens, als es hell wurde, wagten wir uns vorsichtig auf die Straße. Eine Frau blieb erschrocken stehen, als sie uns, halbnackt und blutverschmiert, sah. „Sind die Amerikaner schon in der Stadt?“, riefen wir ihr zu. „Die Panzer fahren gerade über die Graf-Adolf-Straße.“ Wir waren gerettet, wir lebten!

(1) Die Geheime Staatspolizei, kurz Gestapo genannt … , war die politische Polizei des deutschen NS-Regimes von 1933 – 1945. Sie besaß weitreichende, unkontrollierte Machtbefugnisse bei der Bekämpfung politischer Gegner, zu denen nicht nur Oppositionelle, sondern … auch Juden, Roma, „Asoziale“ und Homosexuelle gehörten …

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(2) Als Edelweißpiraten wurden informell Gruppen deutscher Jugendlicher mit unangepasstem, teilweise oppositionellem Verhalten im Deutschen Reich von 1939 bis 1945 bezeichnet …

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(3) Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine Organisation im nationalsozialistischen Deutschen Reich. Alle jungen Deutschen beiderlei Geschlechts wurden ab 1935 verpflichtet, ihrem Volk im Reichsarbeitsdienst zu dienen.

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(4) Die Karpaten sind ein Hochgebirge in Mitteleuropa, Osteuropa und Südosteuropa … Insgesamt acht Staaten haben Anteil an den Karpaten. Die größten Anteile entfallen auf die Slowakei und Rumänien

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(5) Kripp ist einer von 6 Ortsbezirken … der Stadt Remagen im Landkreis Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz

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(6) Bendorf ist eine verbandsfreie Stadt im Landkreis Mayen-Koblenz in Rheinland-Pfalz und liegt rechtsrheinisch zwischen Koblenz und Neuwied

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Quelle für alle: wikipedia

Auszug aus: "Scherbenbilder - Immer Richtung Rheinland“, erzählt von Walter W., gesprochen mit Dieter S., bearbeitet von Barbara H.


Foto: WikiImages/mohamed_hassan / Pixabay