Erinnerungen an die Volksschule Labiau

Inge wurde 1929 im friedlichen Kreisstädtchen Labiau(1) an der Kurischen Nehrung in Ostpreußen geboren. Sie schildert aus Sicht eines lebenslustigen, naturverbundenen Kindes Erlebnisse ihrer behüteten Kindheit in einer sechsköpfigen Beamtenfamilie bis zum Beginn des Russlandfeldzuges 1941. Inges Erinnerungen an ihre Volksschulzeit, die sie von Beginn an als unlogisches Übel betrachtete, sind geprägt von ihren Erlebnissen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern.

Schule ist nicht logisch!

Von Sonntagen konnte es gar nicht genug geben. Aber leider musste ich auch in schöner Regelmäßigkeit zur Schule gehen. Der Unterricht war eigentlich nicht weiter erwähnenswert, eher eine lästige Pflicht für mich. Warum sollte ich denn Deutschaufsätze schreiben? Warum gab es überhaupt Mathematikunterricht?

Wen interessierte es, ob ein Bauer dreißig Äpfel besaß und die zwischen vier Kindern aufteilen musste? Kinder können auf Bäume klettern und eigene, oder die vom Nachbarn pflücken. Und wenn dreißig Äpfel nicht reichen, holt man sich eben auf diese Weise noch mehr. Das war „logisch“ in meinen Augen – wofür sollte man diese Zahlendreherei so abstrakt und unrealistisch angehen? Aber was sein musste, musste eben sein. Eine gute Schülerin wurde ich auf der Volksschule mit der Einstellung allerdings nicht und entsprechend wenig gut gelitten war ich bei meinen Lehrern.


Handarbeit und Körperertüchtigung

Am schlimmsten ärgerte mein Anblick wohl die Handarbeitslehrerin, Fräulein Editha. Die hatte schon meiner Mutter, äußerst erfolgreich, das Nähen, Stricken, Sticken und Häkeln beigebracht. Das rieb sie mir auch mit schöner Regelmäßigkeit unter die Nase: „Ach Ingeborg, dass Du die Tochter meiner Schülerin Elisabeth bist! Von Deiner Mutter kannst Du Dir mal eine Scheibe abschneiden!!“ sagte sie. Ich hörte die mehrfachen Ausrufezeichen am Satzende nahezu.

Außerdem wunderte ich mich immer wieder, wenn sie leicht vorwurfsvoll „Ingeborg“ sagte. Nicht über den Vorwurf, sondern über den Namen, der zwar tatsächlich meiner war, den aber niemand benutzte. Ich war einfach die Inge. Außer bei diesem Fräulein. Ich ließ Maschen fallen, oder auch mal links liegen, je nachdem. „Ach Ingeborg, wie ungeschickt!“ Ehrlich, das stimmte überhaupt nicht. Es war nicht so, dass ich nichts Ordentliches zustande brachte, aber ich hatte einfach keinen Spaß am Handarbeiten. Die Lehrerin verzweifelte und ließ kein gutes Haar an mir. Gerne wurde ich vor der versammelten Klasse verhöhnt und beschimpft.

Derart vorbereitet „freute“ ich mich sehr, als es eines Tages hieß, dass die Dame uns nicht nur im Handarbeiten sondern auch im Turnen unterrichten sollte. Ich ging mit sehr gemischten Gefühlen in die Stunde für Körperertüchtigung. In der Turnhalle stand die übliche Sprossenwand und mehrere Taue, mit Knoten und ohne, hingen im Raum. Es juckte mir in Händen und Füßen. Beim Anblick der Kletterstange lächelte ich. Eine leise Ahnung stieg in mir auf, dass hier meine Stunde schlug, um mich von meiner Mutter eindeutig zu unterscheiden.

Persönlichkeitsfindung, die vom Boden bis zur Decke reichte. Und tatsächlich, die kleine hagere Frau, mit dem streng nach hinten gekämmten Dutt staunte nicht schlecht, als sie das Kommando gab, die Stange zu erklimmen. Ich war die einzige, die es bis unter die Hallendecke schaffte. Ich musste mich nicht einmal anstrengen. Stolz wie ein Pfau rutschte ich wieder nach unten. Die zahlreichen Erkletterungen Labiauer Obstbäume und Verkehrsschilder, die Weitsprünge über Gräben und Hürdenläufe über Zäune und Wasserhydranten, von mir aufgrund eines kindlichen Missverständnisses „Tunnel“ genannt, hatten sich ausgezahlt. Mein Körper war vielleicht schmächtig, aber zäh und geschickt.

Das Fräulein Editha. stand zähneknirschend am Rand der Turnhalle und musste mich vor versammelter Mannschaft loben. „Gut gemacht, Ingeborg“. Es klang ein bisschen wie ausgespuckt, was mir aber herzlich egal war.


Hellsehende Geschichtslehrerin

Unter all den Lehrern, die mit mir nicht besonders viel anzufangen wussten und die ich schon mit meinem bloßen Anblick verärgern konnte, gab es doch eine Ausnahme. Und zwar in Person von Fräulein W., unserer Erkunde- und Geschichtslehrerin. Die mochte mich wohl ganz gern – wer weiß schon warum - und das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Ihre Erscheinung war recht speziell, war sie doch mit einer Rückratverkrümmung, kurz „Buckel“ genannt, gestraft, dazu noch Brillenträgerin und vom Wesen her unglaublich streng. Allerdings musste man ihr zugute halten, dass sie gerecht war und Unterrichtsstoff in fesselnde Geschichten verpacken konnte.

Eines schönen Tages hatte sie uns im Geschichtsunterricht über den Feldzug Napoleons nach Moskau berichtet. Wie viele Soldaten dabei umgekommen, auf dem Rückzug verhungert oder erfroren waren und letzten Endes in einer vernichtenden Schlacht von den Russen totgeschossen wurden. Meine knapp dreißig Mitschüler und ich saßen an unseren Holzpulten und hingen an Fräulein W's Lippen. Es war mucksmäuschenstill, keiner wippelte auf seinem Stuhl, warf Papierkügelchen oder machte sonst eine Dummheit. Mir kroch eine Gänsehaut über den Rücken, verstand ich doch in meiner kindlichen Unschuld unbewusst, dass uns hier eine Warnung ausgesprochen wurde, zu diesem Zeitpunkt wussten wir nur noch nicht so recht wovor.

Das Klingeln der Schulglocke beendete die Stunde, aber diesmal gingen die meisten von uns eher verhalten in die Pause. Zum Glück schien uns die warme Frühsommersonne die Kälte schnell wieder aus den Knochen und am Ende des Schultages gingen wir mit vielen Hausaufgaben beladen, aber wieder leichten Mutes nach Hause.

Mutti stand am Herd und kochte Rhabarber aus unserem Garten ein. Ich leistete ihr kurz Gesellschaft: „Mutti, es wird Krieg geben, oder?“ Meine Mutter blickte erstaunt vom Kochtopf, der auf dem Gasherd stand, auf. „Ich hoffe nicht, Inge. Und jetzt kümmer’ Dich besser um Deine Schulaufgaben“, gab sie zurück und fuhr dann energisch damit fort den Rhabarber im Topf zu rühren. Damit war dieses Thema unmissverständlich beendet und ich traute mich nicht, meine Mutter weiter zu befragen.


Erdkunde - Weltreisen in Gedanken

Ich ging nach nebenan ins Eckzimmer unserer Wohnung, das unser Spiel-, Lern-, Lebens- und Wohnzimmer war. Dort setzte ich mich an den Schreibtisch meines Vaters, der auch gleichzeitig mein Arbeitstisch war. Ich schlug meinen Weltatlas für die Erdkunde-hausaufgaben auf. Mit immer noch leichtem Unbehagen ob der nicht wirklich be-antworteten Frage nach Krieg, wandte ich mich der von Fräulein W's gestellten Aufgabe zu.

Ich verabscheute Schulaufgaben gründlich. Da saß man zur besten Zeit des Tages drinnen und vergeudete wertvolle Stunden, in denen man zum Beispiel Cowboy und Indianer hätte spielen können. Erdkunde, ebenfalls von Fräulein W. unterrichtet, war aber wenigstens ein kleiner Trost. Man konnte so schöne Weltreisen unternehmen. Wenn auch nur in Gedanken.

Heute musste ich die Umrisse verschiedener Erdteile nachzeichnen. So sollten wir uns nicht nur deren Namen, sondern auch die geographischen Formen einprägen. Derart beschäftigt träumte ich mich schon bald in die fernen Länder, denen ich Kontur verlieh – ich fing gerade mit Amerika an. Darüber vergaß ich mein Unbehagen und die Gedanken an Krieg.

Viel mehr beschäftigte mich, wo Arthur Heye auf seinen Reisen durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wohl vorbeigekommen sein musste. Nachts las ich heimlich unter der Bettdecke im Licht der Nachttischlampe in seinen Reiseabenteuern. Ich wünschte mir sehr, es ihm eines Tages nachmachen zu können und über Eisenbahnschienen durch Amerika zu trampen. Ich müsste bloß irgendwo ein goldenes Fünfmarkstück auf der Straße finden, so wie er, und vielleicht noch ein bisschen erwachsen werden. Ich seufzte und kletterte in Gedanken bereits durch die Rocky Mountains.


1) Der Kreis Labiau war ein Landkreis in Ostpreußen und bestand in der Zeit von 1818 bis 1945. Er lag an der südöstlichen Küste des Kurischen Haffs und seine Kreisstadt war die Stadt Labiau.

Quelle: Wikipedia

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Auszug aus: „Sonntagskind - Erinnerungen an Jugendjahre in Labiau“,

erzählt von Ingeborg (Inge) P., geschrieben von Andrea K., Auszug verfasst von Uwe S.