Glückliche Hochzeit nach gescheiterten ersten Ehen

Renate B., (1933 - 2019) wuchs in einer pietistischen Familie im Erzgebirge auf. Ihr gelang der Sprung aus der DDR in den Westen, wo sie die MTA-Schule besuchte und Medizin studierte. Rolf-Rainer H. (*1941 und aufgewachsen in Düsseldorf-Flingern) absolvierte eine kaufmännische und technische Ausbildung, arbeitete u.a. im Vertrieb und in der Vermögensverwaltung. Nachdem ihre beiden Ehen gescheitert waren, fanden sie im mittleren Alter ihr privates gemeinsames Glück, von dem beide hier berichten.



Verliebt in einen Musikstudenten

Renate: 1957 habe ich mein Staatsexamen als MTA gemacht und ein Stellenangebot aus dem Kreiskrankenhaus Bad Oldesloe angenommen.

Am ersten freien Wochenende fuhr ich nach Lübeck. Dort wurde „Der Zigeunerbaron“ gespielt. Ein junger Mann sprach mich an und bot mir seine Begleitung zum Bahnhof an. Er war Musikstudent, wollte Tenor werden und stand vor seinem Konzertexamen.

Ich hatte Feuer gefangen. G. war gut aussehend, blond, mittelgroß und hatte hübsche Locken, ganz mein Typ. Hinzu kam, dass wir die Liebe zur Musik teilten.

Als ich das nächste Mal nach Lübeck fuhr, erwartete er mich mit einem Blumenstrauß – sehr romantisch. In einer Kirche hat er zwei Arien aus der Johannespassion gesungen. Er hatte einen wunderbaren lyrischen Tenor, der mein Herz zum Schmelzen brachte. Er sang für mich Opernarien und Lieder von Schubert und Brahms. Es war wunderbar und entflammte mein Herz. Männer mit schönen Stimmen haben es mir immer angetan.

Eines Tages erschien er mit einem Rosenstrauß und einer Flasche Sekt, fiel auf die Knie und sagte: „Ich muss Abschied nehmen.“ – „Wovon denn?“ – „Von meinem Junggesellenleben. Ich verlobe mich nämlich heute mit dir. Willst du meine Frau werden?“ Nach der ersten Verblüffung sagte ich: „Ich will aber noch Medizin studieren.“

Er überredete mich, dass das Studium nicht nötig sei, er habe jetzt das Examen in der Tasche und eine Anstellung an der Oper in Lübeck. In meiner Verliebtheit habe ich – nicht ohne leichtes Bedauern – der Heirat zugestimmt und damit meine Studienpläne erst einmal aufgegeben.


Mein Leben als Ehefrau

Ich kündigte meine Stelle in Bad Oldesloe, nahm eine Stelle in Lübeck an, wir heirateten und zogen in eine eigene kleine Wohnung, die wir ohne Trauschein nicht bekommen hätten.

Die Trauung vollzog mein Vater in Westberlin. Mein weißes Brautkleid war geliehen. Seine Familie, das waren alles sehr liebe, sympathische Menschen. Ich fand also eine Familie als Ersatz für die eigene, die ich so gut wie verloren hatte.

In Lübeck fand ich eine Stelle in einem Röntgeninstitut.

Es stellte sich als problematisch heraus, dass G. und ich einen anderen Lebensrhythmus hatten. Wenn ich morgens um 7.30 Uhr das Haus verließ, drehte er sich noch mal im Bett herum, denn er hatte erst am Nachmittag Probe.

Und wenn ich dann mit Einkaufstaschen beladen nach Hause kam, war er weg, und die Wohnung sah fürchterlich aus. Ich hatte meine liebe Mühe damit, aufzuräumen. Wenn ich nicht verheiratet gewesen wäre, hätte ich diesen „Messie“ verlassen.

Oft schrieb er mir einen Zettel, auf dem er mich bat, ihn nach der Vorstellung am Bühneneingang abzuholen. Aber meistens wollte er nach der Vorstellung noch in eine Kneipe. Es wurde meistens 1 Uhr, wenn wir nach Hause aufbrachen. Mir wurde immer klarer, dass G. ein Alkoholproblem hatte. Außerdem flirtete er mit jeder hübschen Frau. Nur das Pflichtgefühl als Ehefrau hielt mich bei ihm. Eine Scheidung war für mich undenkbar.

Dazu kam, dass ich schwanger war. Ich hatte jedoch mehrere Fehlgeburten. Mir war längst klar, dass G. kein guter Vater gewesen wäre. Aber ich hatte immer noch die Hoffnung, ihn vom Alkohol weg zu bringen, wie viele Frauen von Alkoholikern.

Ich hatte zuerst gar nicht mitbekommen, dass G. eine Geliebte hatte. Erst von Bekannten hörte ich, dass er längst mit einer Opernsängerin zusammen war. Ich war die dumme, ahnungslose Ehefrau!


Rauswurf durch meinen Vater

Eines Abends stand mein Vater vor der Tür. Er wollte von G. wissen, was mit unserer Ehe los war. Er antwortete, ich würde seine künstlerische Seele nicht verstehen. Seine Geliebte hätte dagegen Verständnis für ihn.

Als er sich für sie entschied, drängte mein Vater ihn, die Wohnung zu verlassen. G. verdiente an der Oper nicht viel und lebte auf meine Kosten. Er zog dann zu seiner Geliebten.

Ich war sehr traurig und mietete eine kleine Wohnung. Mein Chef im Röntgeninstitut sprach mich eines Tages an: „Mädchen, worauf wartest du noch? Dein Mann wird sich nicht ändern. Nimm dir einen Anwalt und reich die Scheidung ein. Warum beginnst du nicht endlich dein Medizinstudium?“

Er hatte Recht. Zuerst reichte ich die Scheidung ein. Der Anwalt erreichte, dass G. mir drei Jahre lang 200 Mark monatlichen Unterhalt zahlen musste.


Der zweite Mann und ein Segelboot

[Renate holte ihr Abitur nach, studierte Medizin in Berlin, Würzburg und Düsseldorf, wo sie ab 1972 auch lebte]


Mein Leben war jetzt sehr ausgefüllt. In einem Single-Club lernte ich einen netten Herrn kennen, der mich sehr umsorgte, vor allem als ich beim Tennisspielen einen Muskelfaserriss erlitt und auf Hilfe angewiesen war. S. kam immer öfter, trat auch dem Tischtennisverein bei, und ich fand es sehr schön, einen Partner zu haben. Nach und nach kamen immer mehr seiner persönlichen Sachen in meine Wohnung.

Mit dem Single-Kreis haben wir Ausflüge unternommen, z.B. nach Holland, ans Mittelmeer oder zum Skilaufen. Wir galten inzwischen als Pärchen.

Später kauften wir ein Haus in Hilden.

Die ersten Spannungen beruhten darauf, dass S. immer alles besser wusste und stets der Beste sein wollte – der Beste beim Segeln, beim Tischtennis oder Skilaufen. Ich riet ihm, ein eigenes Segelboot zu kaufen.

Wir kauften 1982 einen Bootsrumpf und begannen mit dem Innenausbau. Damit fing eine sehr schwierige Zeit an, denn jede freie Minute, sogar Heiligabend, Ostern und Pfingsten wurde am Boot gewerkelt. Wir fuhren nicht mehr in den Urlaub. Ich sollte aus dem Single-Club, dem Tischtennisverein und dem Chor austreten, denn S. brauchte mich als „Bootsbauer“- Assistentin. Da ich das nicht wollte, hing bei uns der Haussegen schief.


Erste Ehe mit K.

Rolf-Rainer: 1963 habe ich in meiner „sturmfreien Bude“ eine Party organisiert. Da habe ich meine erste Frau K. kennengelernt.

Wir verlobten uns und heirateten im Mai 1964 in der Matthäikirche (Lindemannstraße in Düsseldorf). Im September 1966 wurde unser Sohn C. geboren.

(...)


Beim Segeln kennengelernt

Renate: Als Siggi 1985 nach drei Jahren Bauzeit noch ein weiteres Jahr dranhängen wollte, streikte ich. Das zwölf Meter lange Boot bekam den Namen „Sierena“ und wurde zu Wasser gelassen. Über mehrere Kanäle und Flüsse haben wir das Boot nach Kiel gebracht.

Es war nicht einfach, zu zweit das Boot zu segeln, deshalb suchten wir Mitsegler in unserem Chor.

Wir suchten Menschen mit Segelerfahrung, die selbst kein Boot besaßen. Unser Chorleiter (in der Kantorei Oberkassel) hatte Rolf-Rainer angesprochen und ihm geraten, mich einmal anzusprechen, was er dann im Februar 1986 auch tat.

Das war unsere erste Begegnung.

Mein Zusammenleben mit S. – wir waren nicht verheiratet – war ja bereits ziemlich zerrüttet, und auch Rolf-Rainers Ehe stand vor der Scheidung.


Neue gemeinsame Liebe

Rolf: 1986 zogen K. und ich nach Düsseldorf-Oberkassel. Ein halbes Jahr später verkündete sie: „Ich ziehe mit C. aus.“ Nach langen Diskussionen beschlossen wir, dass ich als Einzelperson ausziehe und Mutter und Sohn in unserem Haus bleiben. Also mietete ich mir eine Zweizimmerwohnung in Rheydt.

K. hatte wohl mehrere „Liebschaften“. Meine Geduld war am Ende.

Deshalb konfrontierte ich meine Frau damit, aus dem Haus auszuziehen. Sie mietete eine Wohnung auf der Grafenberger Allee.

Meine erste Begegnung mit Renate begann eigentlich schon auf der Chorreise nach Bulgarien, an der ich mit meiner Frau K. teilnahm. Renate führte mir vor Augen, in welch schlechtem Zustand meine Ehe war. Ich muss sagen, dass ich K. zwar aus Liebe geheiratet hatte, aber mittlerweile hatten sich unsere Gefühle füreinander ganz anders entwickelt.

Ich merkte natürlich, dass sich K. für andere Männer interessierte, aber ich wollte es irgendwie nicht wahrhaben. Renate hat mir die Augen geöffnet.

Nach der Bulgarienreise unternahm ich mit S. einen Wochenendtörn nach Helgoland. Da bekam ich mit, wie gemein und niederträchtig er von Renate sprach, mit der er schon fast sieben Jahre zusammenlebte und auf deren Kosten er lebte. Diese Beziehung schien mir also auch alles andere als glücklich zu sein.

Es klappte dann im Sommer auch mit einem gemeinsamen Segeltörn auf der „Sierena“ nach Dänemark. Meine Frau fuhr nicht mit. Wir hatten uns inzwischen sehr entfremdet.

Auf dieser Tour erlebte ich S. wieder von seiner unangenehmen Seite.

Mir wurde immer klarer, dass auch in Renates Beziehung der „Wurm drin“ war.


Ein Funke zwischen zwei „Beziehungsgeschädigten“

Rolf: Auf der Fahrt an die dänische Südküste gestand mir Renate, dass sie etwas für mich empfand. Ich war überrascht und und konnte kaum glauben, dass sich wirklich jemand ernsthaft für mich interessierte.

Aber der Funke flog über, und es entwickelte sich bei uns beiden „Beziehungsgeschädigten“ eine tiefe Liebe. Das tat unglaublich gut.

Renate erzählte mir, dass sie bereits in Bulgarien auf mich aufmerksam geworden war und dass sie sogar auf andere Frauen, mit denen ich sprach, eifersüchtig war. Ihr gefiel meine „flapsige“ Art. Ich hatte ihr aus der Jacke geholfen und dann ihre Jacke über meine gehängt mit der Bemerkung „Wir hängen jetzt aufeinander“. Das war für Renate ein Schlüsselsatz mit Bedeutung.

Renate fand Gefallen an meinem fröhlichen Umgang mit anderen Menschen und an meiner zupackenden Hilfsbereitschaft. Außerdem mochte sie blauäugige, bärtige Männer. Wenn ich mal neben ihr am Tisch saß, spürte sie – auch wenn keine Berührung stattfand – so etwas wie einen magischen Energiestrom zwischen uns. Ich habe das alles nicht gemerkt.


Renate: Ich wohnte damals ja noch mit S. in unserem Haus in Hilden.

Rolf-Rainer und ich standen zur gleichen Zeit vor einem Berg voll Scherben.

Auf jeden Fall wollte ich einige meiner Möbel und vor allem den Flügel und meine Geigen mit zu Rolf nach Oberkassel nehmen. Das war 1987.

Die Trennung von S. verlief alles andere als harmonisch. Wir waren zum Glück nicht verheiratet, denn ich habe ihn nie geliebt. Für mich war er nur ein netter Kamerad und Sportsfreund. Er fühlte sich beraubt und verstand die Trennung nicht. Es gab dramatische Szenen mit ausgebauten Schlössern usw..


Rolf: Ich bin so erzogen worden, dass das Ehegelöbnis für immer ist. Ich habe deshalb nie die Scheidung eingereicht. K. reichte sie irgendwann ein. 1990 trat die Scheidung in Kraft.


Gemeinsame Reiselust und Hochzeit

Rolf: Als Renate und ich dann zusammenlebten, konnten wir unsere Freude am Reisen gemeinsam ausleben: Tauchurlaube, Skireisen, Kreuzfahrten, Chorreisen, Segelurlaube, Reisen mit der Friedenskirche. Es gibt nur wenige europäische Länder, die wir nicht bereist haben. Ja auch andere Kontinente wie Nord- und Mittelamerika, Afrika und den Vorderen Orient.


Renate: 1993 haben wir geheiratet, obwohl wir beide gebrannte Kinder waren. Jetzt konnte ich endlich sagen „Mein Mann“, wenn von Rainer die Rede war.

Unsere Hochzeit haben wir geheim gehalten. Um 10 Uhr war alles vorbei und nach einem schönen

Frühstück in Kaiserswerth fuhren wir nach Holland auf Hochzeitsreise. Wir hatten vorher überlegt, wie wir die Hochzeit feiern sollten. Allein wenn wir meine und seine Verwandten eingeladen hätten, wären wir auf über 50 Personen gekommen, dazu noch Freunde und Chorkameraden...

Am Abend vor der Hochzeit hatten wir noch eine Chorprobe, und wir dachten, „Wenn die wüssten, dass heute unser Polterabend ist...“


Rolf: Durch unsere Vergangenheit gab es natürlich für uns beide auch schmerzhafte oder unangenehme Erinnerungen. Wir nannten sie „Dornenstellen“; wir hatten beide gelernt, diese aber geduldig aufzuarbeiten, indem wir den Ursachen auf den Grund gingen, um solchen Situationen künftig aus dem Wege zu gehen. Dadurch wurden die schmerzhaften Erlebnisse fast ausnahmslos geheilt.

Renate war nicht nur ein hochmusikalischer und in Ausbildung und Beruf zielstrebiger Mensch, sondern auch eine besonders liebenswürdige und großzügige Frau. Ihr erstaunlich gutes Gedächtnis und ihre enorme Intelligenz, gepaart mit einer charmanten Diplomatie und trotzdem sehr bescheidenem Auftreten konnte man einfach nur bewundern und lieben. Sie war geduldig und hilfsbereit in allen Lebenslagen. Sie war das Beste, was mir im Leben passieren konnte.

Die Zeit mit ihr war die längste, die ich mit jemandem zusammengelebt habe und umgekehrt. Und es war unsere glücklichste Zeit.

Ich bin unendlich froh, dass ich dieser Frau begegnet bin. Ich habe sie bis zu ihrem letzten Atemzug im März 2019 geliebt.


Auszug aus „Lebensglück mit Dornenstellen“, erzählt von Renate B. und Rolf-Rainer H., aufgeschrieben von Rosi A., Auszug bearbeitet von Achim K.


Foto: Jan Claus/Pixabay