Vor dem Studium: Mit 30 noch einmal in die Schule

Renate B. (1933-2019) wuchs im Erzgebirge in einer pietistischen Pfarrersfamilie auf, absolvierte 1952 in der noch jungen DDR ihr Abitur und wollte Medizin studieren. Erst in Westdeutschland konnte sie ihren Wunschberuf erlernen – wenn auch über Umwege.



Kein Studienplatz in der DDR für Pfarrerstöchter

Trotz der „Vier“ in Russisch dachte ich, mein Abiturzeugnis sei gut genug für einen Medizinstudienplatz in Greifswald oder Berlin. Aber ich bekam nur Absagen: die Plätze seien schon besetzt. Ich sollte mich erst „in der Produktion bewähren“ (1).

Ein Jahr lang habe ich in einer von Diakonissen geführten Kinderklinik eine Ausbildung zur Schwesternhelferin gemacht.

Wiederholt bekam ich die gleichen Antworten auf meine Bewerbungen.

Inzwischen war ich fast 21 Jahre alt. Was konnte ich jetzt machen?


Oft war Bischof Lilje (2) bei uns zu Besuch. Er sagte zu mir: „Glaub mir, du bekommst hier keinen Studienplatz. Ich weiß von vielen Pfarrern, deren Kinder keinen Studienplatz für Medizin bekommen haben. Gib deine Träume auf, komm zu uns in den Westen.“ Aber ich schlug das Angebot aus.

Mittlerweile hatte ich mich für die Medizinisch-Technische Assistenten-Fachschule angemeldet. Aber auch da bekam ich eine Absage. Dann kam ich auf die Idee, Kirchenmusik zu studieren.

Ich bestand sogar die Aufnahmeprüfung an der Kirchenmusikschule in Halle.


MTA-Schule in Westberlin

Ich war stolz, aber leider galt das DDR-Abitur nicht im Westen. Man musste noch einmal ein Gymnasium besuchen und das 13. Jahr nachmachen. Das wollte ich nicht.

Ich habe mich dann bei der MTA-Fachhochschule in Westberlin beworben. Die Studierenden aus der DDR bekamen ein Stipendium, wenn sie bei der Aufnahmeprüfung besonders gut abschnitten. Da ich die Prüfung bestanden habe, konnte ich im nächsten Semester anfangen.

Plötzlich hatte ich zwei Angebote. Mein Vater riet mir vom Musikstudium ab: „Wahrscheinlich landest du in einem Dorf und darfst sonntags die Orgel spielen. Dazu musst du Kathechetenunterricht geben. Ich glaube nicht, dass du damit glücklich wirst.“

Also entschied ich mich 1955 für die MTA-Schule in Westberlin, wo ich 80 Mark Stipendium bekam. Eine Zeit lang wohnte ich bei meiner Tante und zog dann ins Studentenheim, wo ich mir zuerst mit fünf Studentinnen ein Zimmer teilen musste. Später konnte ich in ein Dreibettzimmer umziehen.

Die Regeln waren sehr streng. Man musste um 22 Uhr zu Hause sein. Von meinen 80 Mark musste ich 60 für die Unterkunft zahlen. Meine Eltern konnten mir nichts zahlen, denn sie hatten ja nur Ostmark, die man 1:6 umtauschen konnte.

Um mich finanziell aufzubessern, hatte ich diverse Nebenjobs, z.B.: Briefumschläge kleben, Pullover nähen, Lottokarten aussortieren, Reklame in Zeitungen einlegen, putzen u.a.


1957 habe ich mein Staatsexamen als MTA gemacht. Damit konnte ich Medizin studieren. Ein Stipendium bekam man aber nur, wenn man nachgewiesen hatte, dass man drei Semester lang ohne staatliche Hilfe ausgekommen war. Danach durfte man einen Antrag auf ein zinsloses Darlehen stellen („Honnefer Modell“, 3).


Also musste ich mir einen Job suchen. Ein Stellenangebot kam vom Kreiskrankenhaus Bad Oldesloe.


Hochzeit statt Studium

Da machte mir mein Freund G. einen Heiratsantrag und überredete mich, dass das Studium nicht nötig sei. In meiner Verliebtheit kündigte ich meine Stelle in Bad Oldesloe und nahm eine Stelle in einem Röntgeninstitut in Lübeck an.

Doch die Ehe scheiterte, 1963 reichte ich die Scheidung ein und erkundigte ich mich nach den Zulassungsbedingungen für ein Medizinstudium. In Waldbröl gab es die Möglichkeit, ein Jahr Gymnasium nachzuholen, bevor man die Abiturprüfung ablegen konnte.

Also drückte ich in Waldbröl wieder die Schulbank. Untergebracht war ich in einem Zimmer mit drei weiteren Schülerinnen. Es gab 10 Mark Taschengeld/Monat. Mir gefiel das überhaupt nicht, schließlich war ich schon 30 und galt als Außenseiterin. Da erfuhr ich, dass man in einem anderen Bundesland eine externe Abiturprüfung machen könne.


Ich meldete mich am Goethe-Gymnasium in Frankfurt an.


Externe Abiturprüfung

Durch den Direktor wusste ich, dass im Durchschnitt mehr als 50% die Prüfung nicht schafften. In der Externen Prüfung zählten nur die Tagesleistung, keine vorherigen Leistungen.

Dann begannen die fünf Prüfungstage für Mathematik, Physik, Geschichte, Englisch und Deutsch. Wer nach der schriftlichen Prüfung nicht glatt stand, musste in die mündliche Prüfung. Zum Glück hatte ich alle schriftlichen Prüfungen glatt bestanden. Es gab keine Zensuren, es hieß im Abiturzeugnis nur: „... hat die Hochschulreifeprüfung ... bestanden“.


Ich war glücklich.


Zurück in Waldbröl: Zum letzten Mal nahm ich am Unterricht teil. Vor einer Klassenarbeit sagte ich: „Herr Doktor, ich kann leider nicht mitschreiben.“ – „Warum denn nicht?“ Dann zeigte ich ihm voller Stolz mein Abiturzeugnis.

Die Schülerinnen johlten, jubelten und gratulierten mir. Ich verabschiedete mich und war weg. Ein neues Leben wartete auf mich.


Nach Berlin zum Medizinstudium

Ich zog zu meiner Tante nach Westberlin und erkundigte mich an der Freien Universität nach den Aufnahmebedingungen für ein Medizinstudium.

Der Zulassungsprofessor versprach mir, mich ganz oben auf die Warteliste zu setzen. Zwei Tage später informierte mich das Sekretariat, dass ich den Studienplatz erhalten habe. Ich war erleichtert.

In Kreuzberg fand ich eine Hinterhofwohnung für 37 DM Miete, ohne Bad und mit Toilette „auf halber Treppe“.


Ein Semester in Düsseldorf

Nach zwei Semestern habe ich das Vorphysikum gemacht. Für mich war die Lernerei ziemlich schwer, vor allem in den Fächern Chemie, Physik, Anatomie, Botanik und Zoologie. Meine Mitstudenten waren alle Einserkandidaten, denen das Lernen nicht schwer fiel. Für das Physikum musste man Praktika machen, z.B. in einem Labor.


Es war nicht leicht, einen Platz zu finden. Wir hörten, dass es in Düsseldorf einen Laborplatz gab, allerdings erst für das nächste Semester.

Unsere lustige Clique wohnte dort in einem evangelischen Studentenwohnheim auf der Mecumstraße. Jeder hatte ein Zimmer von ca. 10 qm mit Gemeinschaftsküche und -bad. Trotz der Lernerei hatten wir viel Spaß miteinander. In den Semesterferien konnte ich als MTA arbeiten und Geld verdienen. 1967 schaffte ich das Physikum.


Auslandssemester in Innsbruck und Abschluss in Würzburg

Wir wollten alle ein Auslandssemester einlegen. Da wir alle Skifahren wollten, fiel im Wintersemester 67/68 die Wahl auf Innsbruck. Es wurde sehr lustig, es gab sogar ein Testat in „Bierologie“, vom Wirt unterschrieben.

Am Ende des Semesters wollte ich in einer „richtigen“ Studentenstadt weitermachen. Ich entschied mich für Würzburg. Diese Zeit gehört zu den schönsten Zeiten meines Lebens. Ich lernte viele Menschen kennen und war Mitglied und Vertrauensstudentin in einer Studentengemeinde.

Wir mussten die Ärzte bei Visiten begleiten und gelegentlich Patienten untersuchen.

Für das Staatsexamen musste man sich als Gruppe mit vier Personen anmelden. Ich suchte und fand eine Gruppe. Die anderen hatten sich schon einmal zum Staatsexamen angemeldet, waren aber kurz vorher zurückgetreten. Sie wollten unbedingt mit einer „Eins“ bestehen.


Zurück in Westberlin: Pech mit der Doktorarbeit

Das Staatsexamen bestanden wir alle vier 1970. Ich immerhin mit „Zwei“. Insgesamt gab es 32 Prüfungen, sie dauerten von August bis Dezember.

Inzwischen hatte ich meine radiologische Doktorarbeit fertiggestellt. Mein Doktorvater erklärte, dass bereits eine ähnliche Arbeit veröffentlicht worden sei. Ich müsste die Arbeit komplett umschreiben. Das hätte über ein halbes Jahr gedauert, was mich sehr geärgert hat.

Eines Tages wollte mein Doktorvater meine Arbeit bei einem Röntgen-Kongress vorstellen. Ich fühlte mich geehrt.

In Bad Mergentheim trug er meine Ergebnisse als seine eigene Arbeit vor und sagte: „Ich muss mich für die 'Mitarbeit' bei der Studentin Renate B. bedanken.“

Ich saß da mit hochrotem Kopf und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Eines freute mich: Bei der Diskussion machte mein Doktorvater eine überaus schlechte Figur, denn er konnte viele Fragen nicht beantworten.


Ich war insgesamt zwar verärgert, dass ich keinen Doktortitel hatte, aber ich hatte dadurch keine Nachteile. In der Klinik wurde man von Patienten immer mit „Frau Doktor“ angesprochen.

Dann kam ein Stellenangebot am Evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf. In Würzburg wollte ich nicht bleiben. Da drängten mich meine Brüder, mich um meine Mutter zu kümmern, die mittlerweile in Westberlin lebte.

Die Stelle in Düsseldorf habe ich abgesagt. In Berlin hatte ich die Stelle an einer Orthopädischen Klinik angenommen.

In der Onkologie hatte ich Krebspatienten zu betreuen. Diese Station meiner Medizinalassistentenstelle war besonders schlimm. Fast jeden Tag musste ich Totenscheine ausstellen. Weitere Stationen waren die Chirurgie, die Kinderheilkunde und die Innere Station.


Im Anschluss habe ich mich in der Radiologischen Abteilung des Virchow-Krankenhauses beworben. Danach hatte ich die sogenannte Approbation (4) – die Voraussetzung, um meine Facharztweiterbildung als Radiologin zu beginnen.


Im Mai 1972 erhielt ich die Approbation als Arzt. Schweren Herzens blieb ich noch im zweiten Jahr meiner Facharztweiterbildung im Virchow-Krankenhaus in Berlin und absolvierte den Bereich Strahlentherapie. Das war mit Nacht- und Sonntagsdiensten verbunden.

Nach dem zweiten Jahr der Facharztausbildung war ich entschlossen, Berlin endgültig zu verlassen und nach Düsseldorf zu ziehen.

Meine Mutter hatte als Kind in Düsseldorf auf der Karolinger Straße gewohnt, aber sie wollte nicht von Berlin fort. Ich hätte auf jeden Fall darauf bestanden, dass jeder eine eigene Wohnung hatte. Ich war mittlerweile 39 Jahre alt und wollte mein Leben selbst gestalten.


Nächste Stationen: Düsseldorf und Leverkusen

Ich bewarb mich 1972 erneut erfolgreich im EVK in Düsseldorf (Foto oben: Luftaufnahme aus Juli 1959 / Quelle: Stadtarchiv Düsseldorf)), wo ich meine Facharztweiterbildung fortsetzen wollte. Zuerst arbeitete ich in der Abteilung Diagnostik, wo es hauptsächlich um die Auswertung von Röntgenbildern ging.

Damals brauchte man am Ende der Facharztweiterbildung keine Prüfung zu machen. Das war der letzte Jahrgang, danach wurde eine Prüfung verlangt. Nur die fünf Jahre Weiterbildung mit dem Nachweis aller erworbenen Kompetenzen musste ich nachweisen. Ich kündigte am EVK und bewarb mich bei verschiedenen Kliniken, bekam aber nur Absagen. Frauen als Radiologinnen wurden nicht gern eingestellt, da gebärfähige Frauen nicht im Strahlenbereich arbeiten durften.


Zum 1. April 1975 kam ich zum städtischen Krankenhaus in Leverkusen. Dort habe ich 1976 die Facharztweiterbildung für Radiologie abgeschlossen.


Mit meinem Chefarzt habe ich mich sehr gut verstanden. Ich hatte ein angenehmes Arbeitsklima – bis er in den Ruhestand ging und der Neue kam. Da wurde alles anders.

Der neue Chef schimpfte über „Altlasten“. Unser alter Chef hätte uns „verdorben“, jetzt müsste er erst einmal „aufräumen“. Sieben schlimme Jahre habe ich ausgehalten.

In dieser Zeit bekam ich gesundheitliche Probleme. Bei einer Darmspiegelung in meiner Klinik wurde mein Darm verletzt. Keiner der Ärzte wollte eine Kollegin operieren. Aber ich musste innerhalb von zwei Jahren dreimal nachoperiert werden.

Es war eine schlimme Zeit. Ich musste dreimal in die Reha und konnte nur noch halbtags arbeiten.

Mein Chef fragte mich manchmal: „Wann kündigen Sie endlich?“ Alle wichtigen Arbeiten bekamen die jungen Ärzte. Was sollte ich tun? Am besten gehe ich nach Hause.


Erwerbsunfähigkeit und Rente

Der Personalchef riet mir dringend von einer Kündigung ab, denn ich war noch nicht 62 Jahre alt, und meine Zusatzversorgung erfolgte erst dann. Es fehlten sieben Wochen, die ich mich krank schreiben lassen sollte. Er empfahl mir den Weg über die Erwerbsunfähigkeit. Die musste ein Amtsarzt bestätigen.


Die gesetzliche Rente bekam ich mit 65 Jahren. Bis dahin lebte ich von meiner Erwerbslosenrente und der ärztlichen Zusatzversorgung. Zur gleichen Zeit hatte mein neuer Mann Rolf die Kündigung bekommen, und nun saßen wir beide zu Hause...


(1) „In der Produktion bewähren“ war eine in der DDR angewandte Disziplinarmaßnahme für unbotmäßige Intellektuelle, die „Fehler begangen“ hatten.

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(2) Johannes Ernst Richard Lilje († 1977 in Hannover) war ein evangelisch-lutherischer Theologe, Kunsthistoriker und Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche von Hannover und stellvertretender Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

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(3) Das Honnefer Modell war ein Vorläufer des heutigen Bundesausbildungsförderungsgesetzes (BAFÖG) zur finanziellen Unterstützung von Studenten. Es wurde 1955 von einer Konferenz in Honnef beschlossen und zum Wintersemester 1957/58 offiziell eingeführt.

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(4) Die Approbation für Heilberufe ist die staatliche Zulassung zur Berufsausübung als Arzt, Zahnarzt, Psychotherapeut, Tierarzt oder Apotheker.

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Auszug aus „Lebensglück mit 'Dornenstellen'“, erzählt von Renate B., aufgeschrieben von Rosi A., bearbeitet von Achim K.