Hochzeit im Krieg – Ich bat den Herrgott um Kraft

Dorothea G. ist in Myslowitz/Schlesien geboren (1924), das mal zu Deutschland und mal zu Polen gehörte. Sie war 15 Jahre alt, als die Stadt von der Wehrmacht besetzt und dem Deutschen Reich angeschlossen wurde. Geheiratet hat Dorothea 1943, als 19-Jährige. Danach musste sie mit ihrem Mann fliehen. Nach dem Krieg, 1945, als sie also 21 Jahre alt war, wurde die Stadt wieder polnisch.



Schwärmerei

Ich war als junges Mädchen eitel. So mit 16 Jahren legte ich schon großen Wert auf Chic und bemühte mich, gut geschneiderte Kleidung zu bekommen. In meiner Verwandtschaft gab es I., die später die Schwiegermutter meiner Tochter M. wurde. Sie war sehr vielseitig und begabt. Ich fand sie einmalig, weil sie alles konnte: Sie hatte die beste Schule besucht, konnte Hauswirtschaft, Kochen und vor allem Nähen. Ich bin immer zu ihr gegangen, weil ich von ihr Zeichnungen gemacht bekam, wenn ich ihr von einem Kleid vorschwärmte. Und nach diesen Zeichnungen konnte ich zu einer Näherin in der Nachbarschaft gehen, die mir das Modell dann nähte.


Ich habe S. in der Drogerie in Myslowitz kennen gelernt, in der er als Drogist angestellt war. Meine Mutter hatte mich beauftragt, einiges zu besorgen. Als Kundin ließ ich mich absichtlich von ihm bedienen. Der Mann gefiel mir sehr gut. S. und ich haben uns erst später näher kennen gelernt, als er von der Front verwundet nach Hause kam.


S. wurde eingezogen und er war glücklich. Er war bei der Infanterie in Gleiwitz (1) – und ich war in Wien. Warum Wien? Das ist eine andere Geschichte …


Erste Verwundung und Fronturlaub

In Rumänien wurde S. erstmals verwundet. Ich war gerade aus Wien zurück gekommen, da trafen wir uns in Myslowitz in einem Café, zufällig. Ich sehe, wie er herein kommt, den Arm im Verband. „Wie, schon das Ritterkreuz erworben?“ fragte ich ihn. Ich frotzelte gerne mit ihm.

Er war ein so überzeugter Deutscher, kein Nationalist, er glaubte einfach daran. Er setzte sich zu mir und wir haben, so lange er verwundet war und er Urlaub hatte, viel Zeit miteinander verbracht. Damit ich nicht in irgend ein Lager oder zur Landarbeit verpflichtet wurde, nahm ich bei einem Lehrer Unterricht in Stenografie und Schreibmaschine. Der Unterricht war vormittags und an den Nachmittagen traf ich mich mit S. Danach brachte er mich immer nach Hause.


Heiratsurlaub

Als S. zurück zur Garnison nach Gleiwitz musste, bin ich wieder nach Wien gefahren. Ich war noch nicht lange dort, da bekam ich ein Telegramm, dass meine Mutter in Myslowitz schwer erkrankt sei und dass ich sofort nach nach Hause kommen solle. Ich habe mich umgehend auf den Weg gemacht und musste feststellen, dass meine Mutter gar nicht erkrankt war. Sie wiederum hatte ein Telegramm von S. mit folgendem Text bekommen: „Komme in Heiratsurlaub“.


S. war an einem Mittwoch angekommen und musste am darauf folgenden Mittwoch wieder ins Feld. Ja, er war sehr, sehr verliebt und er war ein schöner Mann, adrett und sehr gepflegt. Er hatte gute Umgangsformen. Das war für mich wichtig. Und vor allem war mir wichtig, dass er keinen Alkohol trank. Ich wollte nie einen Trinker heiraten.


Kriegstrauung

Die Hochzeitsvorbereitungen liefen auf Hochtouren. Am Samstag war die standesamtliche und am Sonntag die kirchliche Trauung. Der Sonntag war ein wunderschöner warmer Tag mit viel Sonne. Meine Mutter hatte eine weiße Hochzeitskutsche mit zwei Pferden bestellt. Ich trug ein helles champagnerfarbenes, langes Brautkleid aus Seide, ganz schlicht geschnitten mit lauter kleinen seidenbezogenen Knöpfchen am Vorderteil und auch an den Ärmeln. Und ich trug einen Schleier, der so zart war wie ein Spinngewebe. Diesen Schleier hatte ich mal vor einiger Zeit in Prag entdeckt und sofort gekauft, auch ohne schon von einer Hochzeit zu wissen. Meine Haare ließ ich von dem neuen rumänischen Friseur legen. Er machte mir Korkenzieherlocken und steckte den Schleier an ein Diadem aus Edelweißblüten, die ich mal in der Steiermark erworben hatte, und Myrrhe, die mein Großvater für mich anlässlich meiner Geburt gezüchtet hatte, so dass der Schleier vorne gerafft wurde und hinten bis auf die Schultern fiel. Das Kleid hatte eine sechs bis acht Meter lange Schleppe, die ich hinter mir herzog. Wir hatten als Trauzeugen einen Freund von uns, Dr. K., und einen Stabsfeldwebel.


Familie und Mischpoke

Meine ganze Familie war da: meine Mutter, meine Schwester und auch mein Bruder, sogar die Großeltern. Seitens meines Mannes kam die ganze Mischpoke. Meine Schwiegermutter war sehr eifersüchtig auf mich, denn in ihrem Mann hatte ich meinen größten Verehrer. Bei der Begrüßung zog er den Hut und verbeugte sich tief vor mir.

Als die Hochzeitsfeier beendet war, wurde ein Bett in ein Zimmer gestellt, für meinen Mann und mich. Am nächsten Tag lief meine Mutter mit besorgtem Gesicht herum. Ich fragte sie, was denn los sei und sie meinte: „Ich glaube, S. ist nicht gesund.“ – „Wie kommst du auf diese Idee?“ wollte ich wissen. „Na ja, ich habe den Schlafanzug bemerkt, der war doch klatschnass,“ erzählte meine Mutter. „Es war doch Hochzeitsnacht“, erklärte ich ihr und da hat sie sich beruhigt. Sie mochte meinen Mann, sie schätzte ihn sehr.


In der Kirche wurde von einer Solistin das „Ave Maria“ gesungen und ein Geiger spielte herzergreifend. Es war wunderschön. Erst als ich vor dem Altar kniete, wurde mir bewusst, was ich tat. Da habe ich Angst bekommen. Ich bat den Herrgott, mir die Kraft zu geben, alles durchzustehen, auch in diesen schlechten Zeiten, denn es war ja Krieg. Ich spürte die Verantwortung, meinem Mann eine gute Frau zu sein.


Drei Tage später musste S. schon wieder weg, wieder zur Front.


(1) Gleiwitz (heute Gliwice) liegt im südlichen Teil Polens, aber im Osten der polnischen Wojewodschaft Schlesiens. Durch den Überfall der Deutschen auf den Gleiwitzer Sender am 31. August 1939 wurde dort der Zweite Weltkrieg ausgelöst.

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Auszug aus „Ein weiter Weg – von Myslowitz nach Flehe“, erzählt von Dorothea G., bearbeitet von Barbara H.


Foto: Anna Ventura/Pixabay