Liebe am Rheinufer – Picknick, Köpper, Blumensträußchen

Ilse W. wurde 1936 in Marienburg (1) geboren. 1941 verstarb ihre Schwester an Diphtherie, ihr Vater wurde als verschollen gemeldet. Nur ein Jahr nach ihrer Einschulung flüchtete sie im Spätsommer 1943 mit ihrer Mutter und vier jüngeren Geschwistern vor der russischen Armee. Strapazen, Leid und Ängste begleiten sie auf der Flucht, die sie über die Insel Rügen und Spechtsbrunn (2) schließlich 1951 nach Krefeld (3) bringt, wo sie 1956 einen ‚Krieewelsche Jong“ (4) kennen lernt...



Ne Krieewelsche Jong mit großer Klappe

An den Wochenenden traf ich mich oft mit meinen sechs besten Freundinnen in der Natur. Im Meerbuscher Wald suchten wir Pilze und Beeren. Sehr häufig fuhren wir mit den Rädern zum Rhein nach Ilverich. In der Gaststätte Langster Fährhaus saßen wir auf der Terrasse und beobachteten bei Kaffee oder Limonade die Schiffe. Hin und wieder setzten wir mit der Fähre auf die Kaiserswerther Seite über, um auf der Kaiserpfalz (5) rumzuspöken.

Unsere Lieblingsbeschäftigung war Picknick am Rheinufer. Decke, Essen, Trinken, Kofferradio und natürlich Quatschen. Mehr brauchten wir nicht, um glücklich zu sein.


Eines Tages kam eine Clique junger Burschen zu unserem Stammplatz in Ilverich. „Ich heiße übrigens P.“, stellte sich einer der Jungen vor, der auf mich ein paar Jahre älter wirkte. Einige Mädchen fingen an zu kichern. „Und das sind meine besten Kumpels...“


Er war nicht nur der Älteste, sondern mit 1,85 m auch der Längste von allen und hatte offensichtlich die größte Klappe. Ich kam mit älteren Jungen besser zurecht. Mit den jüngeren konnte ich mich nicht so gut unterhalten. Ich hatte immer das Gefühl, die würden mich nicht ernst nehmen. Daher war mir der P., trotz 23 cm Größenunterschied, von Anfang an sympathisch. In diesem Moment konnte ich aber noch nicht ahnen, dass er zwei Jahre später mein Ehemann werden sollte.


Als wir uns verabschiedeten, luden uns die Jungens in ihren Kanu- und Kajakclub ein. Das Bootshaus des Vereins lag am Rheinufer auf der Strecke von Uerdingen Richtung Düsseldorf. Da konnten und wollten wir nicht Nein sagen. Als wir nach einer Woche wie versprochen am Bootshaus Halt machten, waren die Jungens zunächst mit den Booten beschäftigt. „Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen“, bemerkte P. mit einem Augenzwinkern. „Ihr könnt ja schon mal etwas in der Gaststätte trinken. Geht natürlich aufs Haus.“ Wir bestellten ganz brav gelbe Limo, Kräutertee und heiße Zitrone. Später kamen die Jungens dazu. „Seid ihr krank?“, scherzte H. und öffnete die erste Bierflasche.


Sie waren lustig, gesprächig und überhaupt nicht aufdringlich. P. war ein waschechter Rheinländer und ein richtiger Kasper. Er konnte Witze erzählen, als wäre er in der „Karnevals-Bütt“. Sein natürlicher Humor gefiel mir sehr.


Nach ein paar Wochen luden die Jungs uns zu einer Feier im Clubhaus ein. Diesmal gab es nicht nur freie Getränke, sondern es wurde auch gegessen und getanzt.

Die Jungens forderten uns abwechselnd zum Tanz auf. Die anderen Mädchen hatten das Tanzen gelernt, ich allerdings nicht. Nachdem ich zweimal einen Korb gegeben hatte, kam P. mit langen Schritten auf mich zu. Auch ihm antwortete ich wahrheitsgemäß: „Ich kann nicht tanzen.“ – „Das kriegen wir schon gemeinsam hin“, entgegnete er mit voller Überzeugung, nahm mich an die Hand und führte mich zur kleinen Tanzfläche.


Zum Glück war er ein guter Tänzer und konnte sehr gut erklären und führen. Die Schritte begriff ich schnell, denn ich war „lernfähig“. Das Unangenehme folgte aber nach der Tanzrunde, als meine Gesichtsfarbe sich rot einfärbte, eine richtige Bombe. Das lag nicht nur an der Anstrengung, sondern auch daran, dass dies die erste nahe Berührung eines Jungen für mich gewesen war.

Die anderen hatten natürlich großen Spaß auf meine Kosten. „Du brauchst doch nicht rot zu werden, Ilse“, scherzte eines der Mädchen, wodurch sich die Röte in meinem Gesicht natürlich noch intensiver in Richtung Purpur entwickelte. „Ganz schön anstrengend das Tanzen“, entgegnete ich, worauf alle schmunzelten. Ich genoss den Abend trotzdem sehr.


Sprung von der Rheinbrücke

Die Jungens waren nicht nur sehr von sich überzeugt, sondern auch ganz schön leichtsinnig. Sie veranstalteten verrückte Dinge, vermutlich, um uns Mädchen damit zu imponieren. Während wir Steine sammelten, um diese über die Wasseroberfläche zu flitschen und nur mit den Füßen in den Rhein gingen, um uns ein bisschen abzukühlen, schwammen sie zu den vorbeifahrenden Lastenschiffen und kletterten an Bord. Von da aus winkten sie uns zu, um dann mit lautem Gejohle wieder ins Wasser zu springen, bevor der Schiffer sie erwischen konnte.

P. sagte dann voller Stolz: „Das machen Krieewelsche Jonges so. Wollt ihr das auch einmal versuchen?“ Ich erwiderte schnippisch: „Ich bin Eckenschwimmer und der Rhein hat keine Ecken.“ Da lachten alle und das Thema war für mich, aber auch die anderen Mädchen, erledigt.


Dann dachten sich die Jungens wieder etwas Neues aus. „Nächste Woche treffen wir uns auf den Rheinwiesen gegenüber vom Uerdinger Stadttor, da haben wir etwas ganz besonderes vor“, meinte Paul mit einem verschmitzten Lächeln.


Gesagt, getan. Das war für uns sogar noch etwas näher, denn wir brauchten nur die Rheinbrücke Richtung Mündelheim zu überqueren und dann direkt links den Damm runterfahren. Dort breiteten wir unsere Decken aus und machten es uns gemütlich. Eigentlich alles so wie immer. Mir fiel nur auf, dass H. immer mal wieder zum Ufer ging und den Rhein rauf und runter schaute, als würde er auf etwas warten, um sich dann, leicht mit dem Kopf schüttelnd, wieder auf die Decke zu setzen. Ich sah mir das eine Weile an und ahnte, dass sie etwas im Schilde führten. „Wartet ihr auf ein besonderes Schiff?“, fragte ich, neugierig wie ich war. „Ganz im Gegenteil“, antwortete P., und alle Jungens fingen an zu schmunzeln. „Wir warten darauf, dass keine Schiffe kommen und dann springen wir von der Rheinbrücke.“


Zuerst dachte ich, das wäre wieder einmal einer von seinen Scherzen. Aber als die Jungens anfingen zu wetten, wer den spektakulärsten Sprung machen würde, da ahnte ich, dass die das ernst meinten.


Dann ging alles blitzschnell. „Es ist so weit, die Luft ist rein“, rief P. und rannte los in Richtung Rheinbrücke. Die anderen Jungens sprangen auf und folgten ihm in hohem Tempo. Wir Mädchen waren so verdattert, dass wir uns zuerst einmal nur sprachlos ansahen. Dann standen wir beunruhigt auf und ich fragte in die Runde: „Meint ihr, die machen das wirklich?“ Aber ich konnte nur ahnungsloses Schulterzucken erkennen.


Gemeinsam liefen die Jungs den kurzen Fußweg über den Damm nach oben und bogen auf die Rheinbrücke ein. Als sie auf der Brücke waren, konnten wir wegen des schulterhohen Stahlgeländers nur noch ihre Köpfe sehen, die sich schnell in Richtung Brückenmitte bewegten. Dann sahen wir, wie P. als erster auf das Brückengeländer stieg und dort oben kurz stehen blieb. Hinter ihm stand H. und hielt ihn an den Waden fest, damit er das Gleichgewicht besser halten konnte.


Wir Mädchen standen noch immer wie festgewurzelt am selben Fleck. „Der wird doch wohl nicht springen“, doch kaum hatte ich meinen Gedanken ausgesprochen, winkte P. in unsere Richtung und sprang mit seinen Füßen voraus in die Tiefe. Obwohl wir mindestens 500 Meter entfernt standen, konnten die noch auf der Brücke stehenden Jungens unsere spitzen Schreie bestimmt hören, bevor einer nach dem anderen P. Beispiel folgte. Ich bekam das gar nicht mehr richtig mit, denn in dem Moment, als P. im Wasser gelandet war, musste ich mir die Hände vor die Augen halten. Nur hin und wieder lugte ich durch meine Finger, um zu sehen, ob das furchtbare Schauspiel endlich zu Ende war.


Als alle gesprungen waren, war meine einzige Frage: „Leben die noch?“ Auch die anderen Mädchen waren nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Erst als die A. rief: „Seht doch, da schwimmt der P.“, konnte ich mich wieder auf die Situation konzentrieren und erkennen, wie er sich mit kräftigen Kraulschlägen auf uns zubewegte. Als er auf unserer Höhe war, hatte er das Ufer wegen der starken Strömung aber noch lange nicht erreicht. Mir fiel dann ein Stein vom Herzen, als er in großer Entfernung endlich das Ufer erreichte und aus dem Wasser stieg.


Jungs auf dem Zimmer verboten

An den Wochenenden gingen wir oft zum Tanzen, das konnte ich ja jetzt, sogar Rock and Roll. Es gab ein großes Tanzlokal auf der Breite Straße und auch im Et Bröckske wurde getanzt.

Zu der Zeit wohnte ich noch auf der Siemensstraße. Es war generell verboten, einen Jungen mit aufs Zimmer zu nehmen. Die Vermieterin hatte mir zwar keine Hausordnung gegeben, aber ich wusste, dass das Hausverbot für junge Männer auch für mich galt. P. zog deshalb die Schuhe aus, wenn er mich besuchte, und schlich dann auf Socken leise die Treppen hoch.


Irgendwann stand meine Vermieterin unten im Flur. P., mit seinen Schuhen in der Hand, bekam keinen Ton heraus. Ich erschrak mich wahnsinnig und dachte: „Jetzt kommt ein Donnerwetter und er wird rausgeschmissen oder mir wird gekündigt.“ Ich hatte richtig Angst, aber sie hatte Verständnis für uns. Mit einem Schmunzeln im Gesicht richtete sie sich an P.: „Junger Mann, in Zukunft können sie auf das Schuheausziehen verzichten.“

Mit einem mütterlichen Tonfall gab sie uns noch mit auf unseren Weg nach oben: „Aber macht keine Dummheiten, sonst wird das Zimmerchen irgendwann zu klein für euch.“ Sie sollte Recht behalten.


Etwa ein Jahr, nachdem wir uns am Rhein kennengelernt hatten, lud P. mich zu seinen Eltern ein. „Dies Mädchen heirate ich“, sagte er zu seinen Eltern, als er mich ihnen vorstellte. Sie antworteten erst einmal nichts, wahrscheinlich waren sie sich nicht sicher, ob das einer von seinen üblichen Scherzen war. Aber beim Essen merkte ich, dass beide mich begutachteten, zunächst mit Distanz, dann mit Neugier und schließlich mit freundlicher Offenheit. Sein Vater war schon beim Dessert Feuer und Flamme: „Du darfst ruhig H. zu mir sagen.“

Seine Mutter guckte aber noch skeptisch. Dafür hatte ich viel Verständnis. P. war ihr einziger Sohn, und dann überfiel er sie mit diesem blöden Spruch, den ich auch nicht passend fand. Das sagte ich ihm dann hinterher: „So schnell geht das bei mir nicht. Da brauchst du schon noch ein bisschen Ausdauer.“ Es dauerte dann auch noch einige Zeit, bis ich die nötige Nähe zu ihm aufgebaut hatte.


Ein besonderer Tag

In der Adventszeit 1958 bekam ich von P. wieder einmal eine Einladung zum Essen ins Et Bröckske. Ich dachte mir gar nichts dabei, denn er hatte einen Beruf als Buchdrucker, verdiente dort offenbar ganz gut und war nicht knauserig. Ein wenig stutzig machte mich, dass wir an einem Tisch saßen, der ein wenig Abseits stand, obwohl das Lokal noch nicht sehr voll war. Als er etwas unruhig bemerkte: „Ich dachte, du magst es heute etwas romantischer“, wurde ich misstrauisch. „Wieso, ist heute ein besonderer Tag.“ – „Das kommt ganz auf dich an“, flüsterte er mit ungewohnt leiser Stimme. Sein Kopf verschwand unter dem Tisch und ich hörte Papier knistern. Dann kam sein Gesicht wieder zum Vorschein. Es dauerte noch einen Moment, bis er wieder zu sprechen begann: „Ilse, möchtest du mich heiraten?“


Dann stand er auf und holte ein kleines Blumensträußchen unter dem Tisch hervor. Ich bin kein Freund von großen Sträußen, ich mag am liebsten eine einzelne schöne Blume mit Blättern gebunden. Das wusste er. Dieser Strauß war klitzeklein, entweder, unter dem Motto „Je kleiner je feiner“ oder damit ihn nicht jeder im Lokal sah. Mir war es egal, ich weiß nicht einmal mehr, welche Blumen es waren. Ich war so glücklich, denn nach den zwei Jahren, in denen wir uns nun näher kennengelernt hatten, war ich sicher, dass P. der richtige Mann für mich wäre. Ich umarmte ihn und flüsterte ihm ins Ohr: „Ja, Paul, nichts lieber als das.“


Auszug aus „Ein Leben zwischen Jupiter und Venus“ (2019), erzählt von Ilse W., geschrieben und Auszug verfasst von Uwe S.



(1) Malbork [ˈmalbɔrk], deutsch Marienburg, bis 1945 amtlich Marienburg (Westpr.), ist die Kreisstadt des Powiat Malborski der Woiwodschaft Pommern in Polen.

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(2) Spechtsbrunn ist ein Ort im Thüringer Schiefergebirge an der Grenze zu Bayern.

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(3) Krefeld (bis 25. November 1925 Crefeld) ist eine linksrheinisch gelegene Großstadt am Niederrhein. Die kreisfreie Stadt im Regierungsbezirk Düsseldorf wird aufgrund der Seidenstoffproduktion des 18. und 19. Jahrhunderts auch als „Samt- und Seidenstadt“ bezeichnet.

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(4) Krieewelsch bedeutet Krefelder Mundart (Krefeldisch) und wird eingeordnet als Dialekt des Limburgischen, einer niederrheinischen Regionalsprache.

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(5) Die Ruine der Kaiserpfalz befindet sich im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth. Die Pfalz geht auf eine Klostergründung des Mönchs Suitbert(us) um 700 zurück.

Der Name Kaiserswerth leitet sich aus dem mittelhochdeutschen Wort werth für Insel her. Er bedeutet somit Kaiserinsel bzw. Insel des Kaisers.

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Foto: privat