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Von Russen abkommandiert – worüber Vater nicht sprechen wollte

Reinhard T. wurde 1934 in Scharfenberg (heute Bystra) bei Wetzlaff/Danzig (ehemals Ostpreußen) auf dem Hof seines Großvaters geboren. Ab dem dritten Lebensjahr bis zur Flucht am 25. März 1945 wuchs er auf dem elterlichen Hof in Wesslinken, zwölf Kilometer von Danzig entfernt, auf. Zur großen Familie gehörten: Vater Kurt, Mutter Wanda und fünf Kinder – außerdem die Großeltern väterlicherseits, Tante Frieda, deren Töchter Annelie und Rosemarie, Tante Ella mit drei Töchtern, noch eine Cousine mit deren Mutter und den Kindern Inge, Ilse, Karin, Reinhard und Luise. Seine Kindheit hat er als unbeschwerte Zeit erlebt, unbelastet von den Zeitgeschehnissen – bis die Familie fliehen musste.


Als Kind bekam ich alle Kleidung von meiner Mutter aus Schafwolle gestrickt, auch kurze Hosen und dazu im Winter lange, kratzige Strümpfe mit Strapsen. Da haben wir jeden Tag gebettelt: „Darf ich die Strümpfe weglassen?!“

Und dann waren wir natürlich auch oft erkältet. Die Stoffunterhosen hatten hinten eine Klappe zum Öffnen, das erleichterte den Gang zum Klo. Wir trugen hohe Schnürschuhe, Sandalen gab es nicht. Und die Kleineren waren immer gekniffen, die mussten alles von den Älteren auftragen, wenn sie herausgewachsen waren. Die trugen immer gebrauchte Sachen.

Meine Frisur war eher eine praktische und sehr üblich zu der Zeit: ein kleiner Pony auf der Stirn. Den Rest hatte der Vater mit der Haarschere abgeschnitten zur Glatze.

Vaters einmalige Ohrfeige

Meine Eltern haben sich eigentlich nicht sehr intensiv um meine Erziehung gekümmert. Die waren beschäftigt mit Haus und Hof und der großen Kleinkinderschar. Nur einmal habe ich von meinem Vater eine Ohrfeige bekommen. Ich verstand gar nicht, warum. Ich war so geschockt, dass ich in die Hose gepinkelt habe. Das habe ich ihm nie vergessen. Es war aber auch das einzige Mal.

Im Winter gab es meistens viel Schnee, besonders am Weichseldamm wurde er angeweht. Und es herrschten Temperaturen bis zu minus 20°C. Schnee wurde natürlich nicht geräumt, da ging es eben mit dem Pferdeschlitten über Land. Gewärmt haben wir uns mit Schafsfellen. Vater saß vorne auf dem Bock, Mutter und wir Kinder hinten. Das waren wunderschöne Fahrten nach Bohnsack über die Weichselbrücke zu den Großeltern.

Mein Vater hat mich auf dem Pferdeschlitten einmal 1944 mit nach Danzig genommen zur Molkerei, wo er Milch ablieferte. Normalerweise wurden die Milchkannen aber vom Hof abgeholt, die standen dort auf einem Bock vor dem Hof. Der Sammelwagen fuhr von Hof zu Hof. In der Molkerei haben sie auch Butter produziert. Das sah so ähnlich aus wie die Produktion der Ziegelsteine in der Wesslinkener Ziegelei. Die kuhwarme Milch haben wir zu Hause natürlich auch „en masse“ getrunken.

Das schwarze Schaf

Da gab es eine Geschichte mit meiner jüngeren Schwester Regina, als ich 8 Jahre alt war. Wir hatten weiße Schafe, dazwischen befand sich ein schwarzes. Meine kleine Schwester wollte auf die Wiese, da nahm dieser schwarze Schafsbock Anlauf mit dem Kopf nach unten, knallte gegen meine Schwester und drückte sie fast durch den Stacheldrahtzaun; dahinter lag der Mühlengraben. Sie hing also im Zaun. Da habe ich ein Stück Holz gefunden und bin auf den Schafsbock los – richtig Mut hatte ich aber nie besessen – und habe das Holzstück zwischen dessen Ohren gehauen. Der Schwarzkopf guckte mich ganz erschrocken an, ich guckte erschrocken zurück. Regina war mittlerweile wieder aufgestanden. Ich packte sie an der Hand und ab durchs Gatter wieder raus. Der Bock kam zwar hinterher, aber das Gatter war schon zu. Da habe ich mal wirklich Mut bewiesen.

Wir hatten auch Angst vor dem Bullen. Wenn wir über die Wiese gehen wollten, um den Mädchen beim Melken zuzuschauen, hat uns der Bulle wieder zurück gejagt. Solche Jungbauern waren wir! Ja, ich konnte mit Viechern nicht umgehen.

Ich war kein Pferdeflüsterer

Ein Pferd ist mit mir sogar mal durchgegangen. Ich sollte zur Sattlerei und fragen, ob das Sattelzeug fertig sei. Sie wollten am kommenden Montag die Ernte einfahren. Ich saß hoch zu Ross, hatte extra den Vater darum gebeten, da das beim Sattler mehr Eindruck machen würde. Also schön langsam am Weichseldamm lang und an der Ziegelei vorbei.

Mein Freund stand zufällig draußen; wir haben gequasselt. Ich bat ihn um ein Stöckchen, da machte das Pferd kehrt, ging wieder Richtung Heimat. Ich warf das Stöckchen fort, da drehte es wieder um. Noch mal ein Stöckchen, das gleiche. Der Gaul hat ja mit mir gemacht, was er wollte! Dann habe ich den Stock weggeworfen und kam tatsächlich bis zur Sattlerei.

Das Sattelzeug war fertig, also positive Meldung für zu Hause. Jetzt wollte ich wieder aufsteigen, steckte einen Fuß in den Steigbügel, da ging der Gaul los. Ich kam nicht hoch, habe den Fuß aus dem Steigbügel genommen und der Gaul blieb stehen. Ich hob den Fuß noch einmal in den Steigbügel, das Pferd ging wieder los. Das war ein Rotfuchs. Da kam ein russischer Arbeiter, der hat das Pferd festgehalten, und dann bin ich aufgestiegen. Als er den Gaul losließ, ist der mit mir im Galopp den Weichseldamm hoch und wieder runter bis nach Hause. Der hat mit mir gemacht, was er wollte.

Ich habe immer die Felder durcheinander gebracht. Ich sollte eggen, Erziehung zum Jungbauern. Der Russe, Stefan, hat gepflügt, und ich sollte mit der Egge hinterher. Mit zwei Pferden, auf einem saß ich und habe geeggt, schön gerade; das habe ich sogar geschafft. Dann kam ich an den Graben und sollte die Zügel nach rechts ziehen. Die Gäule gingen aber geradeaus, die hatten die Hufe schon im Graben. Da musste ich den Stefan rufen, dass er die Pferde in die richtige Richtung dreht, und wieder ging es bis zum nächsten Graben, wo es von vorne losging. Ich habe die Pferde nicht unter Kontrolle bekommen. Weihnachten 1944 habe ich eine Brille bekommen und konnte dann schlechter sehen denn je. Der Optiker hatte die Brillengläser vertauscht. Aber einer unserer Engländer hatte das Geschick, sie mit Hilfe eines Taschenmessers auszutauschen.

Schulzeit in Wesslinken

Ich wurde 1941 in die Volksschule in Schönrohr eingeschult. Von Wesslinken aus mussten wir über den Weichseldeich bis zur Volksschule in Schönrohr laufen, ca. ½ Std. für die 2 km, bei Wind und Wetter, auch bei Schneesturm bis zu den Knien durch die Schneewehen.

Sämtliche acht Jahrgangsstufen wurden in einem Raum von einem Lehrer unterrichtet, es gab etwa 40 bis 45 Schüler. Ein großer, gusseiserner Ofen diente im Winter zum Heizen. Die erste Klasse bestand sogar aus 8 Kindern. Der Lehrer Halwas ist bei uns auf dem Hof sehr oft zu Besuch gewesen. Er war mit unserem Vater gut befreundet, auch zusammen mit dem Pastor und dem Direktor der Ziegelei. Da war mir bald klar, weshalb ich in der Schule auch gut durchkam und mit Samthandschuhen angefasst wurde: Der Vater von meinem Freund war der Direktor der Ziegelei.

Wir hatten den gleichen Weg zur Schule. Wir hatten es eigentlich sehr gut, uns ließ man in Ruhe. Die Volksschule besuchte ich 4 Jahre bis zur Flucht 1945. In der Volksschule gab es kräftige Jungs von 15 Jahren, die haben die Kleinen schon mal ganz schön schikaniert oder sogar zusammengeschlagen.

Als ich Ende 1944 zehn Jahre alt wurde, bin ich zwar ein- oder zweimal beim Jungvolk (1) gewesen, danach brauchte ich nicht mehr hin. Mein Bruder Günter war natürlich öfters da, war ja auch älter, das war bis zum Kriegsende ganz normal. 1945 wurde Günter 14 und hätte zur Hitlerjugend (HJ, 2) wechseln müssen, was ihm erspart geblieben ist. Fürs Gymnasium in Danzig musste Günter 1941 eine Aufnahmeprüfung machen: Da machte man einen Tag Theorie wie Rechnen und Schreiben, den nächsten Tag Sport, das war ja damals ein Hauptfach.

Im Gymnasium wurde man schon mal mit solchen Sprüchen bombardiert: “Nimm die Mütze ab, Du bist hier nicht in einer Judenschule.” Sprüche, die von den Mitschülern kamen. Da waren viele, die anders gedacht haben.

Doch wenn ein Jude (3) mit seinem kleinen Bollerwagen und Kasten mit Schnürsenkeln über Land zog, da waren die Eltern froh, dass sie Nähzeug, Schnürsenkel usw. kaufen konnten. Das war eben ein ganz normaler Händler. Aber das war unsere ganze Verbindung zu jüdischen Mitmenschen. Mehr war da nicht. Dass man sich irgendwie amüsiert hätte über sie, das gab es nicht. In der Stadt war das wohl offensichtlicher.

Schicksal von Vater Kurt

Als die Russen 1945 kamen, wollten sie meinen Vater auf dem Hof weiter wirtschaften lassen, brauchten ja Nahrung. Die Pferde hatten sie ihm auch gelassen. Dann kamen die Polen. Für die Polen war unser Vater ein rotes Tuch als Landwirt, der sich auch polnische Arbeiter geholt hatte. Die Polen haben ihm das Leben schwer gemacht. Da gab es richtig Ärger! Da ist unser Vater Gott sei Dank noch mit dem Leben davongekommen. Die beschimpften ihn und uns: “Ihr verdammten Deutschen!”

Dann kam wieder die Nachhut der Russen, und es wurde wieder besser für ihn. Die Russen konnten Vater brauchen. Wie er dann nach Danzig auf einen Transport Richtung Sibirien kam, hat er nicht erzählt. Er wurde auf einen Abtransport abkommandiert und musste in Schlange über Land marschieren. Wahrscheinlich sollte es in ein russisches Lager gehen. War er vorher schon in russisch-polnische Gefangenschaft geraten?

Als er Ende 1945 ganz zerlumpt in Danzig irgendwohin gen Osten nach Russland verfrachtet bzw. transportiert werden sollte, kam seiner Gruppe auf dem Fußmarsch ein Flüchtlingstreck aus der entgegengesetzten östlichen Richtung entgegen, genauso zerlumpt wie sie. Da hat er sich einfach eingereiht, er fiel ja nicht auf, und ist mit ihnen gen Westen gezogen. Das war seine Rettung. Wer weiß, was ihn in Russland erwartet hätte.

Über viele Stationen (unbekannt) ist er dann 1946 nach Lensahn in Schleswig-Holstein gekommen.

In Lensahn/ Schleswig-Holstein arbeitete er zunächst als Holzfäller. Das haben wir in Dänemark durch einen Pastor erfahren, denn die hielten die Kommunikation zwischen den Lagern durch ständiges Herumreisen, um überall Gottesdienste abzuhalten, aufrecht. Wir waren ja auch alle beim Roten Kreuz gemeldet, überall hingen Listen aus; und die Lagerverwaltungen waren miteinander vernetzt, auch durch die Kirche.

Später wollte Vater nicht wieder darüber sprechen. In der Familie wurde grundsätzlich nicht über die Vergangenheit gesprochen, wie in so vielen Familien. Mit meiner Frau Edith sprach mein Vater schon manchmal, sie hat ihm zugehört. Später habe ich einiges von meiner Mutter erfahren.


(1) Das Deutsche Jungvolk (DJ) war in der Zeit des Nationalsozialismus eine Jugendorganisation der Hitlerjugend für Jungen zwischen 10 und 14 Jahren. Danach wurde, wer nicht als Jungvolksführer eingesetzt war und als solcher nicht in Übereinstimmung mit höheren Jungvolksführern im Jungvolk bleiben wollte, in die Hitlerjugend überwiesen. Ziel der Organisation war es, die Jugend im Sinne das Nationalsozialismus zu indoktrinieren, in Loyalität zu Adolf Hitler zu erziehen und vormilitärisch auszubilden. Die Mitglieder des Deutschen Jungvolks nannten sich offiziell „Jungvolksjungen“, im lockeren Sprachgebrauch für den jüngsten Jahrgang „Pimpf“.

Die Organisation war ein Teil des nationalsozialistischen Konzepts, alle Lebensbereiche der Menschen gleichzuschalten und zu beherrschen. Als Jugendorganisation bestand das Deutsche Jungvolk bis zum Zusammenbruch des Nationalsozialismus im Jahre 1945.

Quelle: wikipedia

(2) Die Hitlerjugend (HJ) war die Jugend- und Nachwuchsorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) von 1926 – 45. Sie wurde ab 1926 nach Adolf Hitler benannt und unter der Diktatur des Nationalsozialismus in Deutschland ab 1933 zum einzigen staatlich anerkannten Jugendverband mit bis zu 8,7 Millionen Mitgliedern (98 Prozent aller deutschen Jugendlichen) ausgebaut.

Quelle: wikipedia

(3) Juden sind Menschen einer ethnisch-religiösen Gruppe oder Einzelpersonen, die sowohl Teil des jüdischen Volkes als auch Angehörige der jüdischen Religion sein können.

Judenfeindliche Definition: Während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgte der NS-Staat die Bevölkerungsminderheit mit rassistischer Zielsetzung und führte ab 1933 eine fortlaufend verschärfte Gesetzgebung ein: die Nürnberger Gesetze und ähnliche Bestimmungen. Diese wurden ungeachtet des Glaubensbekenntnisses auf alle Personen angewandt, die mindestens einen nach der nationalsozialistischen Definition „jüdischen“ Großelternteil (männlich oder weiblich) hatten. Den betroffenen Menschen wurden damit ihre deutsche Nationalität und die Bürgerrechte aberkannt. … Das NS-Regime benutzte seine nichtjüdische, rassistische Definition, wer als Jude gilt, seit Beginn des Zweiten Weltkriegs auch über die Grenzen hinaus in den von Deutschland besetzten oder beherrschten Gebieten Europas zur quasi legalisierten Verfolgung und Beraubung – zum Teil mittels Arisierung, Ghettoisierung und Inhaftierung, Deportation – und als Grundlage für die systematischen und über Jahre fortgeführten Massenmorde während der Schoah / des Holocausts. Die Nationalsozialisten bezeichneten diese eliminatorischen Verfolgungsmaßnahmen zynisch und verschleiernd als Endlösung der Judenfrage.

Quelle: wikipedia

Auszug aus „Reinhard und Edith T. erzählen aus ihrem Leben in Kriegs- und Nachkriegszeiten“, erzählt von Reinhard T., aufgeschrieben von Bernhard S. (2016), bearbeitert von Barbara H. (2022)

Symbolfoto: J. Teichmann/Pixabay

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