Wenn jemand einen Fehler machte, war der Teufel los

Rosa, geb. 1929, verbringt ihre Kindheit und Jugend mit ihrer Familie in einem Dorf zwischen Bodensee und Schwarzwald. Der Vater ist Landwirt, aber die kinderreiche Familie muss täglich bei der Arbeit mithelfen. Daher hat Rosa wenig Zeit für die Schule. Der Dorflehrer ist autoritär und voreingenommen, so dass Rosa froh ist, die Schulzeit zu beenden und eine praktische Arbeit anzunehmen.



Im Dorf war es so geregelt, dass es eine Morgenschule für die Klassen 4 bis 8 gab und eine Mittagsschule für uns Kleinere. Anfangs habe ich mich richtig auf die Schule gefreut, weil ich mit allen Kindern aus dem Dorf zusammen sein konnte. Meine großen Erwartungen und meine Freude verschwanden aber sehr bald, und es dauerte nicht lange, da hasste ich die Schule.


Unser Lehrer war sehr streng. Er lehrte uns nicht Respekt, sondern jagte vielmehr Angst ein. Nie hatte er ein freundliches Wort für uns, nie lobte oder ermunterte er uns. Er achtete streng darauf, dass sich alle gut benahmen und gut lernten. Er sprach mit keinem von uns ein persönliches Wort.


Eines Tages rief er mich auf. “Rosa, wie viel ist 2+5?“ Ich stand auf und konnte vor Angst nicht richtig denken. “Rosa, wie viel ist 2+5?“, ertönte seine Stimme erneut. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und stotterte „8“. Kaum hatte ich dies ausgesprochen, als ich eine solche Ohrfeige erhielt, dass meine Backe dick anschwoll. Ich war völlig erschüttert. “Setz dich!“ Ich ließ mich an mein Pult sinken und verstand die Welt nicht mehr. Was hatte ich nur getan?


Nach der Schule erzählte ich meinen Eltern von diesem Vorfall. Sie hörten sich alles an, mein Vater brummte und meine Mutter sagte: “Das ist eben so auf dem Dorf. Das musst du so hinnehmen!“ Beide drehten sich um und nahmen ihre Arbeit wieder auf. Meine Schwester erklärte mir später, dass ich falsch gerechnet hatte.


Eines Tages hatte mein Bruder Ärger mit dem Lehrer, weil er vergessen hatte eine Spinne mit in den Unterricht zu bringen. Daher musste er nachsitzen. Als er verspätet nach Hause kam, wartete der Vater verärgert auf ihn, denn der Sohn sollte ihm auf dem Feld helfen. Nachdem mein Bruder ihm berichtete, was vorgefallen war, ging der Vater schnellen Schrittes in die Schule, geradewegs zum Lehrer. Was die beiden Männer miteinander besprochen haben, erfuhren niemand von der Familie, aber seitdem brauchte kein Junge mehr nachsitzen!


Dennoch hatte ich den Eindruck, dass wir als kinderreiche, arme und nicht gebildete Familie vom Lehrer nicht geachtet wurden.



Ausflüge


Allein die Ausflüge versöhnten mich ein wenig mit der Schule. Für mich waren sie etwas Wunderbares. Ich wollte schon immer wissen, was außerhalb des Dorfes war. Normalerweise kam man ja nicht raus. Ich wollte aber wissen, wie es woanders aussieht.



Schulaufgaben


Nachmittags ging es normalerweise auf das Feld und abends wurden die Schweine versorgt, die frisch gemolkene Milch verarbeitet und erst danach die Schulaufgaben gemacht. Wir saßen am kleinen Tisch in der Stube. Danach hieß es dann: “Ab in die Betten!“



Ende der Schulzeit


Am 27. März 1936 beendet ich die Schulzeit. Es war kein Festtag für meine Familie, sondern ein Tag wie jeder andere. Nur ich war sehr froh, dass ich die verleidete Schule hinter mich gebracht hatte. Als ich nach der Verabschiedung nach Hause kam, ergriff mich schon wieder der Alltag.


Ich träumte davon, Verkäuferin in einem der Kolonialläden unseres Dorfes zu werden. Aber an eine Lehre war nicht zu denken.


Alle Jugendlichen mussten nach Ende der Schulzeit in eine sog. Fortbildungsschule gehen, die Jungen drei Jahre, die Mädchen zwei Jahre lang. Ich besuchte diese Schule bis zum 28. März 1938 und erhielt ein Entlassungszeugnis.


Mir war klar, dass ich bald Geld verdienen musste, da unser Vater erkrankt war und die Familie nicht mehr ernähren konnte. Ich entschloss mich, in der Zigarrenfabrik in der Nachbarstadt zu arbeiten und erhielt dort sofort eine Zusage.



Auszug aus "Rück-Sicht – Mein Leben", erzählt von Rosa, geschrieben von Christa A., Auszug verfasst von Marion PK


Titelfoto: Wilfried Wende/Pixabay