Zwei Jahre lang kein ordentlicher Schulunterricht

1931 wurde Adele als Nachkömmling geboren. Sie hatte einen Bruder, der fast 20 Jahre und eine Schwester, die zwölf Jahre älter als sie waren und empfand ihre Kindheit in Düsseldorf als sehr behütet. Zu ihrem Vater hatte sie ein besonders gutes Verhältnis.


Getrennter Schulhof für katholische und evangelische Kinder

Ich besuchte in Düsseldorf die Volksschule auf der Helmholtzstraße (Foto). Der Schulhof war streng getrennt in einen Teil für Schulkinder, die evangelisch und den anderen Teil für die katholischen Schulkinder Tatsächlich wurden Grenzüberschreitungen geahndet, und zwar von den Kindern, nicht von den Lehrern.

Zum Bund Deutscher Mädel (BDM) (1) bzw. zu den „Jungmädeln“ ging ich nur ein paar Mal. Mir gefiel es da überhaupt nicht. Das „militärische Antreten“ fand ich ziemlich doof. Das war aber keine politische Ablehnung. Mir war alles zuwider, was mit Zwang verbunden war. Meine Mutter hätte mir auch nie eine Uniform gekauft.

Ich kann mich an einen Ausflug nach Grafenberg, einem Stadtteil von Düsseldorf, erinnern. Wir sollten irgendwelche Kräuter für die Soldaten sammeln. Meine Mutter hatte mir eingeschärft: „Um 6 Uhr bist du aber wieder zu Hause.“

Das sagte ich der Jungmädelführerin, die mich fragte: „Wer sagt das?“ – Ich antwortete: „Meine Mutter.“ Darauf hieß es: „Wenn deine Mutter das sagt, dann musst du das auch einhalten. Du kannst nach Hause fahren.“

Einmal wurde ich aufgefordert, mir Halsband und Knoten des BDM abzuholen. Zu einer Bekannten sagte ich: „Was gehen mich Halsband und Knoten an?“

Die Bekannte hat mich „verpetzt“, so dass kurze Zeit später eine BDM-Führerin zu meiner Mutter kam und sie zur Rede stellte. Mutter und ich redeten uns irgendwie heraus. Dann kamen bald die Bombenangriffe und wir haben von dieser Organisation nie wieder etwas gehört.

Schulbesuch mit Unterbrechungen

Ich bin eine sehr gute und eifrige Grundschülerin gewesen. Ich gehörte zu den begabten Kindern, die nach dem 4. Schuljahr eine weiterführende Schule besuchen durften. Es gab damals die Realschule (auch Haupt- oder Mittelschule genannt) und das Gymnasium.

Meine Freundin Ursel aus der Nachbarschaft und ich sollten zusammen die Realschule besuchen. Wir mussten keine Aufnahmeprüfung machen, weil wir ein so gutes Zeugnis hatten.

Rektor D. empfing alle neuen Schülerinnen in der Aula. Als ein paar Tage später die Einschulung stattfand, war die Schule durch eine Bombe zerstört worden. Ein Jahr lang wurden wir im Gebäude des Luisengymnasiums unterrichtet. Danach besuchte ich die Realschule auf der Florastraße. Da auch die Jungenschule auf der Clarenbachstraße ausgebombt war und in der Floraschule untergebracht werden musste, gab es Schichtunterricht. Von der Scheurenstraße konnte man gut zu Fuß zur Florastraße gehen, aber als ich wegen der Zerstörung unserer Wohnung im Gartenhaus in Stoffeln wohnte, war es viel schwieriger, die Schule zu erreichen.

Die Straßenbahnen waren – wenn sie denn überhaupt fuhren – so überfüllt, dass Kinder es oft nicht schafften, einzusteigen. Ein Fahrrad hatte meine Familie nicht, also musste ich häufig genug den weiten Weg zu Fuß zur Schule gehen.

Ab 1942, als die Bombenabwürfe immer mehr Schäden verursacht hatten, wurden viele Schulklassen aus den Großstädten durch die Kinderlandverschickung (KLV, 2) in Sicherheit gebracht. Mit Ausnahme von drei, vier Mädchen kam auch meine Klasse in ein KLV-Lager. Aber meine Eltern wollten mich nicht mitschicken und beeinflussten mich so, dass ich auch nicht weg wollte – aus Angst vor Heimweh.

Das hatte zur Folge, dass die Schule in Düsseldorf praktisch ausfiel, es gab nur sporadisch Unterricht. Aber immer wieder meldeten sich Lehrerinnen bei ihren verbliebenen Schülerinnen und berichteten, dass irgendwo Unterricht stattfinden würde. Dann gab es mal sechs Wochen Unterricht, und danach war wieder Schluss, weil ein Gebäude zerstört oder einem anderen Zweck zugeführt worden war.

Man kann also sagen, dass ich zwei Jahre lang keinen ordentlichen Schulunterricht hatte. Die Kinder in der Kinderlandverschickung wurden dagegen normal unterrichtet.

Mein Bruder bekam 1943 einmal Fronturlaub. Als er die Zustände in Düsseldorf sah, meinte er, das sei ja schlimmer als an der Front. Er wollte seine beiden Kinder – Josef, sechs Jahre, und Marlies, drei Jahre alt – in Sicherheit wissen und organisierte, dass seine Familie nach Mainfranken evakuiert wurde. Er „bekniete“ die Eltern so lange, bis ich mitfahren durfte.

Meine Schwägerin war in Mainfranken bei einem Bauern untergebracht. Da die männlichen Familienmitglieder alle im Krieg waren, freute sich diese Bauernfamilie sehr über eine kompetente Hilfskraft, denn sie kam aus einem Bauernhaushalt und konnte richtig „anpacken“.

Heimweh wurde zu stark

Ich lebte mit meiner Schwägerin und den beiden Kindern in einem klitzekleinen Häuschen, das einer Frau gehörte, deren zwei Söhne Soldaten waren. Ich konnte nun wieder mal zur Schule gehen, diesmal in eine Dorfschule.

Acht Klassen wurden in einem Raum unterrichtet. Nur Mari, die Tochter des Bürgermeisters, war mein Jahrgang. Leider konnte ich kaum ein Wort verstehen, da alle in ihrer Mundart sprachen. Das Dorf hieß Buch. Ich hielt es nur fünf Wochen in dem Dorf aus, weil ich schreckliches Heimweh hatte. Das wurde noch durch meine Eltern geschürt. Sie schickten mir zum Beispiel Kuchen, obwohl sie in Düsseldorf eigentlich nichts hatten und wir in Mainfranken alles. Meine Schwägerin hatte dann ein Einsehen und brachte mich nach Düsseldorf zurück, wo sie sowieso noch Sachen abholen wollte.

In einem Bunker auf der Aachener-/Ecke Karolingerstraße gab es wieder ein paar Tage Unterricht. Dort bekamen wir alle die Krätze (3). Der Bunker war auf einem Grundstück gebaut worden, auf dem vorher eine Metzgerei gestanden hatte. In den Lichtschacht dieser Metzgerei war eine der ersten Bomben des Krieges gefallen. Die Metzgerstochter war zum Glück gerade im Kino gewesen, sie hatte als einzige der Hausbewohner überlebt.

Die Mädchen, die zum Teil im KLV-Lager verbracht hatten, waren in die Schule zurückgekehrt. Jetzt mussten alle Mädchen, auch diejenigen, die wie ich zu Hause geblieben und so gut wie keinen Schulunterricht gehabt hatten, eine Prüfung ablegen.

Die meisten Mädchen – wie auch ich – verloren ein Jahr, manche sogar zwei. Wenn wir Mädchen mal eine Freistunde hatten, gingen wir in die Aula. Ein Mädchen konnte Klavier spielen und wir anderen tanzten wie verrückt. Wir brachten uns gegenseitig Tanzschritte bei. Eine Tanzschule habe ich nie besucht.

Hungerbekämpfung

Nach Kriegsende ging es auch in der Floraschule weiter. Ohne die Schulspeisung – meistens Erbsmehlsuppe – wären viele Kinder verhungert. Manchmal gab es auch Schokoladensuppe, das war eine Art flüssiger Pudding. Wenn ich Glück hatte, konnte ich meiner Mutter in einem Henkelmann etwas übriggebliebene Suppe mit nach Hause bringen.

Nachkriegszeit – Ausbildungszeit

Im März 1949 wurde ich mit dem Zeugnis der Mittleren Reife aus der Schule entlassen. Danach machte ich die Aufnahmeprüfung für die Höhere Handelsschule. Bevor ich wusste, ob ich diese schwere Prüfung bestanden hatte, ging ich auf Anraten meiner Mutter zum Arbeitsamt und fragte nach einer Lehrstelle.

Zwei Stellen wurden mir angeboten: Ich konnte entweder Korsettnäherin in Oberkassel werden oder zur Nordsternversicherung gehen, die ihr Büro damals erst im Keller, dann im Hinterhof auf der Breitestraße in Düsseldorf hatte. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Fürs Korsettnähen hatte ich nicht Englisch und Französisch gelernt!

Als ich mich im Frühjahr 1949 bei der Nordsternversicherung auf der Breite Straße vorstellte, trug ich eine lange Hose, die meine Mutter aus einer grauen Wolldecke geschneidert hatte, einen Pullover, den sie aus Zuckersack-Garn gestrickt hatte, sowie einen Mantel meiner Mutter und Schuhe meiner Schwester. Ich war ja aus allem herausgewachsen und zu kaufen gab es auch nichts, also hatte ich selbst nichts Geeignetes zum Anziehen. Das fiel aber nicht weiter auf, weil fast alle Menschen in diesen Jahren so aussahen.

Obwohl ich mittlerweile wusste, dass ich die Aufnahmeprüfung für die Höhere Handelsschule bestanden hatte, begann ich meine Ausbildung bei der Nordsternversicherung und zwar gleichzeitg mit einem jungen Mann, der den gleichen Schulabschluss wie ich hatte. Dieser junge Mann bekam eine dreijährige Lehrstelle, ich jedoch nur einen zweijährigen Anlernvertrag. Keine Spur von Gleichberechtigung. Man bezahlte mir einen Stenographie- und Schreibmaschinenkursus, obwohl ich Steno schon konnte.

Ich schloss den Kursus mit „sehr gut“ ab und musste jetzt den ganzen Tag an der Schreibmaschine sitzen, um Briefe und englische und französische Zertifikate zu tippen. Das war die Arbeit einer Stenotypistin. Die Versicherung hat mich sehr gefördert. Und ehrgeizig war ich auch. Als die Sekretärin des Personalchefs die Firma verließ, bekam ich diese Stelle, später eine Sachbearbeiterstelle.

Aufstieg als Betriebsrätin bis zur Richterin

Ich engagierte mich in der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) und war 17 Jahre lang Betriebsrätin, dreimal wurde ich sogar zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt. Ich war auch Mitglied des Gesamtbetriebsrates und Stellvertreterin des Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates. Ich arbeitete in allen Ausschüssen mit, nahm an Besprechungen in der ganzen Bundesrepublik teil, führte viele Gespräche und wurde dafür von der Firma freigestellt. Dabei habe ich viel gelernt. Außerdem war ich auch Mitglied im Prüfungsausschuss der Industrie- und Handelskammer.

Die Gewerkschaft HBV schlug mich als ehrenamtliche Arbeitsrichterin vor. In dieser Funktion arbeitete ich einige Jahre, bis ich dann an das Landesarbeitsgericht berufen wurde, wo ich ebenfalls – diesmal in höherer Instanz – als ehrenamtliche Arbeitsrichterin fungierte. Am Landesarbeitsgericht bekam man die Akten nach Hause geschickt, damit man sich einlesen konnte. Das war beim Arbeitsgericht anders. Dort informierte der Richter vor der Verhandlung die Beisitzer.

Befangenheit?

In der Zeit, als mein Mann noch beim Arbeitsgericht tätig war, bekam ich einmal Akten zur Durchsicht, deren Problematik mir irgendwie bekannt vorkam.

Ich lese und lese und denke: „Mein Gott, das kennst du doch!“ Als ich zu Ende gelesen hatte, sah ich die Unterschrift meines Mannes. Da war mir klar, woher ich den Fall kannte. Der Präsident des Landesarbeitsgerichtes entschied, dass ich nicht befangen sei, da ich ein eigenständiger Mensch sei. Ich solle auf jeden Fall zu der Verhandlung kommen, was ich dann auch tat. Aber ich hatte ein mulmiges Gefühl, denn ich hatte natürlich mit meinem Mann über den Fall diskutiert.

Ich bin davon überzeugt, dass ich in meinem Arbeitsleben sehr viel für meine Kolleginnen und Kollegen tun konnte. Ich habe in allen Ausschüssen nie mit gezinkten Karten gespielt, ich habe immer offen meine Ziele verfolgt. Das hat allen imponiert, und ich hatte Erfolg mit dieser Strategie. Immer habe ich mich hundertprozentig für meine Kolleginnen und Kollegen eingesetzt und – auch wenn die Ausgangslage schwierig war – das Beste für sie in den Verhandlungen herausgeholt. Für meinen unermüdlichen Einsatz haben mir viele Kolleginnen und Kollegen gedankt.


(1) Der Bund Deutscher Mädel (BDM) war in der Zeit des Nationalsozialismus der weibliche Zweig der Hitlerjugend (HJ). Darin waren im Sinne der totalitären Ziele des NS-Regimes die Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren organisiert. Außerdem gab es in der Hitlerjugend den Jungmädelbund (JM) für 10- bis 14-jährige Mädchen … auch „Kükengruppen“ genannt. Aufgrund der ab 1936 gesetzlich geregelten Pflichtmitgliedschaft aller weiblichen Jugendlichen, sofern sie nicht aus „rassistischen Gründen“ ausgeschlossen waren, bildete der BDM die damals zahlenmäßig größte weibliche Jugendorganisation der Welt mit 4,5 Millionen Mitgliedern im Jahr 1944.

Quelle: wikipedia

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(2) Kinderlandverschickung (KLV): so hieß die Evakuierung von Schulkindern aus „luftgefährdeten Gebieten“. Die Bezeichnung wurde vor dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich für die Erholungsverschickung von Kindern verwendet. Durch das Hilfswerk „Mutter und Kinder der Nationalsozialistischen Wohlfahrt (NSV)“ wurden solche Kinder zum Beispiel ab 1933 in Würzburg durchgeführt, wobei vor allem Kinder aus den Räumen Düsseldorf, Köln und Saarland nach Unterfranken kamen. Ab 1934 nahmen jährlich etwa 650.000 Kinder bis 14 Jahren daran teil. Die Schüler lebten oftmals gemeinsam mit den Klassenkameraden mehrere Monate und in den letzten Kriegsjahren sogar mehr als 18 Monate lang von ihren Familien getrennt ununterbrochen in Lagern.

Quelle: wikipedia

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(3) Krätze, fachsprachlich auch Skabies genannt, früher auch beim Menschen als Räude bezeichnet, ist eine weit verbreitete durch die Grab- bzw. Krätzmilbe … verursachte parasitäre Hautkrankheit …

Quelle: wikipedia

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Auszug aus „Langweilig war es nie – Die Lebensgeschichte des Ehepaares Werner und Adele N.“;

Hier: Ehefrau Adele N. zur Schule; Erzählung von Werner und Adele N., aufgeschrieben von Rosi A., bearbeitet von Barbara H.