Auch ohne Lehre werden Träume wahr: „Ich will arbeiten, arbeiten, arbeiten!“

Ilse wurde 1936 in Marienburg (1) geboren. 1941 verstarb ihre Schwester an Diphtherie, ihr Vater wurde auf der Insel Kreta als verschollen gemeldet. Nur ein Jahr nach ihrer Einschulung flüchtete sie im Spätsommer 1943 mit ihrer Mutter und ihren vier jüngeren Geschwistern vor der schnell vorrückenden russischen Armee. Strapazen, Leid und Ängste begleiten sie auf der Flucht, die sie über die Insel Rügen und Spechtsbrunn (2) schließlich 1951 nach Krefeld brachte, wo sie mit einem ‚Krieewelsche Jong' eine glückliche Familie gründete.



Putzen und bügeln für das erste eigene Zimmer

Nach meinem Schulabschluss wollte ich sofort arbeiten, was sich allerdings als sehr schwer gestaltete. Es gab generell kaum Arbeit, und für junge Leute, erst recht für Vertriebene, war es noch viel schwieriger.


So verdankte ich es dem Glück und meiner Leidenschaft für Ohrringe, dass ich trotzdem bald Erfolg haben sollte. Ich nervte meine Mutter ständig mit meinem Wunsch nach Ohrringen. In Marienburg hatte ich mir manchmal heimlich Mamas Ohrclips mit dicken Perlen aus ihrer hölzernen, mit schöner Pappe verzierten Schmuckkassette stibitzt. Ich liebte es, sie zu tragen, wenn Mama nicht zu Hause war. Einmal hatte ich sie sogar mit in die Schule genommen. Meine Klassenkameraden staunten, aber die Lehrerin fand das „ungezogen“.


Als ich den Schulabschluss geschafft hatte, fragte mich meine Mutter, was ich mir wünschen würde. Weil ich wusste, dass ihr Geld nicht für Ohrringe reichte und ich damit liebäugelte, ihre Steckohrringe ausleihen zu können, antwortete ich: „Mein größter Wunsch sind Ohrlöcher.“ Da konnte sie nicht 'Nein' sagen.


Direkt am nächsten Tag flitzte ich zum Schmuckgeschäft am Osterather Rathaus, um mir die Ohrläppchen durchstechen zu lassen. Durch Zufall kam ich mit der alten Dame ins Gespräch, die mit ihrem Mann das Geschäft betrieb. Als sie hörte, dass ich auf Arbeitssuche war, machte sie mir ein Angebot: „Du kannst hier anfangen, aber Du musst auch sauber machen“. „Mach ich sofort“, platzte es aus mir heraus, ohne weiter nach dem Lohn zu fragen. Mein Vertrauen wurde belohnt, denn das Ehepaar war wirklich sehr freundlich. Sie erklärten mir die einzelnen Schmuckstücke und ich durfte auch an den Kundengesprächen teilnehmen. Aber nach Geschäftsschluss musste ich den Laden aufräumen und putzen, bevor ich nach Hause gehen durfte.

„Du hast das schon sehr gut gemacht und warst sehr eifrig“, sagte sie am Ende des Monats, als sie mir meinen ersten Lohn aushändigte. Ich bekam 5 DM die Stunde, was damals sehr viel war. Ich hatte mich auch wirklich sehr angestrengt. Die Arbeit machte mir riesigen Spaß. Und außerdem wollte ich Geld verdienen, um mir meinen großen Traum erfüllen zu können: meinen eigenen Haustürschlüssel und Wohnungsschlüssel. Auch wenn es nur ein kleines Zimmer wäre: Dafür wollte ich arbeiten. Mein selbst verdientes Geld sparte ich deshalb eisern für meine erste Wohnung.


Leider waren die Ladeninhaber schon so alt, dass sie wenig später ihren Laden schließen mussten. Ich war richtig traurig und der Abschied von den beiden fiel mir sehr schwer. Ich verlor aber keine Zeit mit grübeln, sondern machte mich noch am gleichen Tag erneut auf Arbeitssuche. Ich setzte mich auf das grüne Hollandrad, das mir meine Mutter geschenkt hatte, und radelte nach Krefeld zum Arbeitsamt.


Bevor die Dame auf dem Amt etwas sagten konnte, stellte ich mich selbst vor: „Ich bin zwar sehr jung, aber ich will arbeiten, arbeiten, arbeiten.“ Sie schmunzelte: „Na dann wollen wir mal schauen, was wir für so ein fleißiges, pfiffiges Fräulein machen können.“

Es dauerte eine Weile, bis sie in ihren Unterlagen etwas fand: „Du kannst doch sicher bügeln?“ Als ich wie aus der Pistole geschossen antwortete: „Ich mache nichts lieber als bügeln“, grinste sie freundlich und überreichte mir einen Zettel mit der Adresse einer Wäscherei. Dorthin fuhr ich schnurstracks vom Arbeitsamt und durfte auch sofort als Oberhemdenbüglerin anfangen. Der Lohn war mit 3,50 DM niedriger als beim Juwelier, das war mir aber egal. Hauptsache, ich konnte weiterarbeiten. Zwei befreundete gleichaltrige Mädchen folgten mir kurze Zeit später, damit waren wir schon zu dritt.


Jeden Morgen musste ich um 6 Uhr aufstehen und bei Wind und Wetter etwa 30 Minuten mit dem Fahrrad von Osterath nach Krefeld zur Arbeit zurücklegen. Die Tätigkeit an dem Bügelautomaten erlernte ich schnell. Leider war unser Chef ein richtiger Ekeltyp, der nicht nur nach Schweiß und Rauch stank, sondern auch uns Mädchen belästigte. „Na Ilschen, was is?“, säuselte er mir immer wieder mit einem grinsenden Gesichtsausdruck zu, wenn keiner in der Nähe war. Dabei kam er immer so nah an mich ran, dass mir fast übel wurde.

Keines der Mädchen erzählte irgendjemandem davon. Das traute man sich damals nicht. Heutzutage würde so einer sicher angezeigt werden. Als er immer aufdringlicher wurde, kündigte ich als erste, und die anderen blieben auch nicht viel länger. Auf dem Arbeitsamt traute ich mich auch nicht, etwas zu sagen, obwohl ich schon 19 Jahre alt war.


Das Glück blieb mir hold, denn eine bekannte Krefelder Oberhemdenfirma auf der Oppumer Straße in der Nähe vom Sprödental Platz suchte neue Mitarbeiterinnen. Als Näherin hätte ich eine abgeschlossene Lehre vorweisen müssen. Aber Stärken und Bügeln war für mich ideal, denn das hatte ich in der Wäscherei gelernt.


„Ich bin das so satt Zuhause“ – Textilverkäuferin in der Kaufhalle

Als Mutter und Hausfrau wollte ich bei den Kindern bleiben. Sie brauchten mich, und ich hatte so viel Freude mit ihnen. Mein Mann war, wie die meisten anderen Männer zu dieser Zeit, der Meinung: „Du brauchst nicht arbeiten gehen. Kümmere du dich um unsere Töchter und den Haushalt, ich verdiene genug für unser Leben.“ Sein Gehalt in der Druckerei war damals natürlich schon sehr viel höher, als ich in der Oberhemdenfirma je verdienen konnte. Das machte mir die Entscheidung, nicht mehr arbeiten zu gehen, etwas leichter. Dennoch übergab ich meine Kündigung mit einem riesigen Kloß im Hals. Für mich war aber klar, dass ich irgendwann wieder arbeiten würde und so sollte es auch kommen.


Wir hatten es sehr gut auf der Prinz-Ferdinand-Straße angetroffen, aber als dann unsere Töchter beide zur Schule gingen, war es tagsüber unheimlich still im Haus. Wenn die Hausarbeit gemacht war, langweilte ich mich sehr. Ich hatte zu dieser Zeit auch keine größeren Hobbys, das kam erst später, als die Kinder älter waren. Immer öfter hörte ich mich in den Gesprächen mit meinen Freundinnen sagen: „Ich bin das so satt Zuhause.“


Am 24. August 1972 stand mir dann das Glück wieder zur Seite. In der Westdeutschen Zeitung inserierte an diesem Tag die Kaufhalle in Krefeld „Verkäuferinnen für Textilabteilung gesucht“. In diesem Moment spürte ich, was mir wirklich fehlte: eine Arbeitsstelle. Mit welchem Elan und welcher Freude hatte ich immer gearbeitet, sei es beim Goldschmied, in den Büglereien oder in der Druckerei. Ich wusste in diesem Moment: „Du musst wieder arbeiten, Ilse.“


Am Donnerstag ging ich zum Vorstellungsgespräch zur Kaufhalle. Der Personalchef, etwas älter als ich, bat mich in sein Büro. Er unterhielt sich eine Weile mit mir, dann warf er noch einen Blick in mein Volksschulzeugnis. „Ein sehr gutes Zeugnis, Respekt, aber ein 'Befriedigend' in Religion?“

Zuerst erschrak ich mich. Aber dann sah ich, dass er schmunzelte. Er legte das Zeugnis auf seinen Schreibtisch, schaute mich freundlich an und fragte: „Können sie denn schon morgen kommen?“ Ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört und war richtig erschrocken. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und mein Mann wusste ja noch nicht einmal von meinem neuen Plan. Als ich wieder sprechen konnte, nahm ich mein Herz in beide Hände und antwortete: „Nein, das geht leider nicht.“

Jetzt wirkte er etwas verdutzt. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich sein Angebot ausschlagen würde. „Aber ich könnte am Samstag kommen“, fügte ich schließlich hinzu. Da lachte er laut und reichte mir die Hand. „Dann sind wir uns ja einig“, sagte er und drückte mir den Vertrag in die Hand, über dessen Inhalt wir noch gar nicht gesprochen hatte. „Den können sie in Ruhe lesen und mir dann am Samstag unterschrieben mitbringen“.


Zuhause angekommen, legte ich mir meinen Plan zurecht, wie ich meinen Mann „überzeugen“ wollte.

Stufe 1 war sein Lieblingsessen: Fleischrouladen, gefüllt mit allem Drum und Dran, dazu eine leckere Soße, Knödel und natürlich Rotkohl.

Als er gegen 19 Uhr zur Tür reinkam und das Festtagsessen sah, sagte er sofort: „Was ist hier denn los? Ich habe doch gar nicht Geburtstag.“ Wie mit ihr besprochen, antwortete eine meiner Töchter: „Die Mama fängt am Samstag an zu arbeiten, in der Kaufhalle.“ Da hat er vielleicht geguckt. Er musste sich erst einmal hinsetzen und überlegen, was er darauf antworten sollte.

„Ach so, du willst mich mit dem Essen bestechen?“ Als ich mit einem breiten Lächeln mit „Ja klar!“ antwortete, hatte ich mein Ziel so gut wie erreicht. Allerdings ließ er sich mit sichtbarem Spaß noch betüddeln bis zum geht-nicht-mehr. Es war ein langer, schöner Abend und am nächsten Morgen hatte ich ihn rumgekriegt. Beim Frühstück schmunzelte er nur: „Wie du das wieder hinbekommen hast, Kleine.“


Am Samstag erschien ich dann pünktlich um 8:30 Uhr zu meinem ersten Arbeitstag. Nachdem wir das Vertragliche erledigt hatten, stellte der Personalchef mich einer zukünftigen Kollegin vor, die mir alles erklären sollte. Im Keller war das Lager, aus dem wir morgens bis zur Ladenöffnung Ware aus dem Keller holen mussten.

8:50 Uhr war „Postbesprechung“, um in die Besonderheiten des Tages eingewiesen zu werden. Die sehr nette Kollegin zeigte mir noch, was ich an diesem Tag heraufzuholen und einzuhängen hatte. Dann zählten wir noch die Papiertüten und legten sie akkurat neben der Kasse ab. Punkt 9 Uhr wurde der Laden geöffnet. Ich hatte eine Halbtagsstelle von 9 bis 14 Uhr vereinbart, was damals noch nicht so verbreitet war. Trotzdem war der erste Tag sehr anstrengend. Zuerst begleitete ich meine Kollegin und beobachtete sie bei ihren Tätigkeiten. Nach zwei Stunden brummte mir schon der Kopf: Kollegin, Kunden, Kasse. Da es Samstag war, strömten immer wieder neue Kunden in den Laden. Etwas Stress bereitete mir, dass der Chef sein Büro in der ersten Etage hatte und von dort den gesamten Verkaufsraum überblicken konnte.


Wir waren drei Verkäuferinnen in meiner Abteilung. Zu unseren Aufgaben gehörte auch, morgens die Bügel abputzen und die Garderoben-Anprobe aufzuräumen und zu säubern. Anfangs war ich innerlich sehr angespannt, achtete aber darauf, dass meine Hände nicht zitterten. Nach drei Stunden hatte ich aber schon die Kasse im Kopf, da staunte die Kollegin nicht schlecht. Mir ist in Erinnerung geblieben, dass die Kassen sehr gut aufsprangen. Das waren noch die alten Exemplare mit den Tasten zum Eindrücken. Ein Bon für den Kunden, ein Bon in die Kasse. Ich bediente nach ein paar Stunden auch schon den einen oder anderen Kunden, obwohl es noch dauern sollte, bis ich das gesamte Sortiment für Damenoberbekleidung in- und auswendig kennen würde.

Kurz vor 14 Uhr machte die Kollegin mit mir und der Kollegin der Nachmittagsschicht die Kassenabrechnung. Geldbestand und Bons wurden gezählt und auf einem großen Protokoll-Zettel aufgeschrieben. Um das zu beherrschen, brauchte ich eine Woche, weil es auch einige Besonderheiten wie Stornos oder Retouren gab. Die Übernahme mit dem Kassensturz begleitete die Aufsicht, die dann alle Unterlagen in einer Mappe in die Buchhaltung auf der oberen Etage brachte.

Punkt 14 Uhr beendete ich ziemlich erschöpft aber glücklich meinen ersten Arbeitstag. Es hatte mir trotz der inneren Anspannung sehr viel Spaß gemacht. Besonders freute ich mich über das große Lob von meiner Kollegin und den persönlichen Feierabend- und Wochenendgruß vom Chef.


Mein Mann kam gewöhnlich gegen 18:30 Uhr nach Hause. An diesem Tag war es deutlich früher. Als wir alle zum Abendessen am Tisch saßen, fragten sie mich aus. Am Ende sagte ich: „Oh, das war anstrengend, aber ich bin lernfähig.“

Da lachten alle. Ich war so froh, dass ich wieder unter Leuten war. Von meinem ersten Lohn kaufte ich mir in der Schmuckabteilung im Kaufhof meine ersten Ohrringe. Es sollten zwölf sehr schöne Jahre bei der Kaufhalle folgen.


(1) Malbork [ˈmalbɔrk], deutsch Marienburg, bis 1945 amtlich Marienburg (Westpr.), ist die Kreisstadt des Powiat Malborski der Woiwodschaft Pommern in Polen. Sie ist Sitz der eigenständigen Landgemeinde Malbork, gehört ihr selbst aber nicht an.

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(2) Spechtsbrunn ist ein Ortsteil der Stadt Sonneberg im Landkreis Sonneberg im Thüringer Schiefergebirge an der Grenze zu Bayern.

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Auszug aus „Ein Leben zwischen Jupiter und Venus“, erzählt von Ilse W., geschrieben und bearbeitet von Uwe S.


Foto: Greg Montani/Pixabay