In Schleswig-Holstein angekommen – und wieder bombardiert

In Schleswig-Holstein wurde Helga K. 1925 geboren, verlor früh ihre Mutter und wuchs bei ihren Großeltern auf. Ihren Vater hat sie nie gesehen, er war als Soldat nach Russland gegangen.

Nach der Volksschule, einem Pflichtjahr (1) beim Bauern und einem Haushaltsjahr durfte Helga ihren Traumberuf Krankenschwester erlernen und ausüben. Über viele Stationen wie Berlin und Hamburg gelangte sie nach dem Krieg zurück nach Schleswig-Holstein. 1953 zog sie nach Düsseldorf. Nach ihrer Pensionierung genoss Helga das Reisen. Sie empfindet ihr Leben als abwechslungsreich, zu dem auch vier Kinder und neun Enkelkinder gehören.



Zeit der Flucht: Kälte, überfüllte Züge und hinter uns die Russen

Ich hatte ein Ziel: zu Oma nach Schleswig-Holstein. Meine Kollegin Jenny kam mit mir. Wir haben uns durchgeschlagen. Diese Zeit der Flucht hat uns beide fest verbunden. Es war ein unendlich langer Weg mit Kälte, Schnee und Eis und Hunger und Durst. Und hinter uns war der Russe.

Die Züge an den Bahnhöfen waren überfüllt mit flüchtenden Menschen aus Ostpreußen (2). Wir halfen, so gut wir konnten, denn wir hatten ja immer noch unsere Schwesterntracht an, die uns als Helferinnen auswies, obwohl wir selbst Flüchtende waren. Von Berlin ging es in Richtung Hamburg. Wir hatten nur noch unser Leben, Frostbeulen und einige wenige Papiere.

In Hamburg war alles kaputt. Ich sah nur Trümmer über Trümmer. Dort haben wir auf einer Bank geschlafen. Am nächsten Morgen um 6 Uhr ging es endlich im kleinen Bummelzug Richtung Itzehoe (3).

Plötzlich kam ein Schaffner und sagte: ‚Sagen Sie mal, Schwestern, wie lange wollen Sie denn noch hin- und herfahren?‘ Da haben wir auf der Holzbank in diesem Zug so fest geschlafen, und der gute Mann hat uns schlafen lassen. Aber wir mussten ja irgendwann mal aussteigen.

Von dort ging es zu Fuß weiter bis Nutteln (4). Vom Gemeindeamt konnte ich endlich Oma anrufen. Der Bürgermeister kannte mich. Oma holte uns mit einem kleinen Pferdefuhrwerk ab. Endlich nach Hause. Bei Oma fühlten wir uns erst mal in Sicherheit. Unsere Füße und Beine waren angefroren. Aber Oma hat uns versorgt.

Es war Frühling, es war schön – doch dann kamen die Flieger

In Bad Oldesloe (5) bekam ich Arbeit im Kreiskrankenhaus. Ich fuhr am 1. April 1945 mit dem Zug, der von Tieffliegern angegriffen wurde, was zu dieser Zeit ganz schlimm war. Der Zug hielt an und alle mussten raus. Ich bin sitzen geblieben.

Eine ältere Frau blieb ebenfalls sitzen und hielt sich eine Schüssel über den Kopf. Ich dachte: ‚Jetzt bist du so weit gekommen, jetzt tun die dir auch nichts mehr.‘ Der Zug fuhr auch weiter.

Es war Frühling, es war schön, und drei Tage später war Bad Oldesloe dem Erdboden gleich! Sie haben es bombardiert. Es war so schlimm. Viele Tote. Ich sehe noch immer diesen kleinen Säugling auf der Fensterbank liegen.

Im Krankenhaus hatten wir zwei Soldaten. Der eine hatte einen Gipsarm rechts und der andere den Gipsarm links. Die beiden haben immer Blödsinn gemacht.

Ich putzte gerade Staub und plötzlich wurde es dunkel. ‚Schmeißen Sie sich hin‘, riefen sie. Das war kein Blödsinn. Die Flieger hatten so einen Teppich, sagte man, geworfen.

Also war Bad Oldesloe platt, und der Wasserturm war auch getroffen. Wir hatten kein Wasser mehr. Da unser Krankenhaus ein bisschen hoch und in einem großen Park lag, konnte man von dort aus runter zur Trave, dem Fluss.

Mit einer alten Feuerwehrspritze pumpten wir immer im Wechsel und somit hatten wir Wasser. Trinkwasser haben wir mit Trageriemen – so, wie die Bauern sie hatten – unten aus dem Ort hoch getragen. Wir brauchten es ja. Jeder kam dran und musste tragen. Das haben wir auch überlebt! Aber es gab eintausendsechshundert Tote! Alte, Kinder, Babys. Es war furchtbar.

Unser Chefarzt hieß Dr. T. Ich sehe ihn heute noch. Er hatte lange graue Haare. Er war fertig. Dem liefen so die Tränen runter. Ob es das Rote Kreuz auf dem Dach oder sonst was war, da haben die gar keine Rücksicht mehr genommen. Ich habe immer gesagt: „Es ist viel falsch gemacht worden in der Zeit. Es war viel, was verkehrt war. Wir haben das gar nicht so mitbekommen.

(1) Das Pflichtjahr wurde 1938 von den Nationalsozialisten eingeführt und galt für alle Frauen unter 25 Jahren. Sie wurden zu einem Jahr Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft verpflichtet. Die Mädchen und Frauen sollten so auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden. Darüber hinaus konnte so in vielen Haushalten die fehlende Arbeitskraft der Männer, die als Soldaten im Krieg waren, kompensiert werden.

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(2) Ostpreußen war mit der Hauptstadt Königsberg (heute heißt sie Kaliningrad) eine preußische Provinz, und ist seit dem Zerfall der Sowjetunion 1990 eine Exklave Russlands, die im Süden an Polen und im Norden und Osten an Litauen grenzt.

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(3) Itzehoe ist eine Mittelstadt im Südwesten Schleswig-Holsteins und zählt zu den ältesten Städten Holsteins.

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(4) Nutteln ist eine Gemeinde im Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein, 10 km nördlich von Itzehoe.

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(5) Bad Oldesloe ist eine Kreisstadt in Schleswig-Holstein.

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Alles Quelle: wikipedia

Auszug aus: "Scherbenbilder: Unter Beschuss", erzählt von Helga K., gesprochen mit Gislinde H., bearbeitet von Barbara H.

Symbolfoto: Haus mit Reetdach in Schleswig Holstein / Pauline_17/anaterate/Pixabay