Tanzen und die Liebe ihres Lebens

Else M. wurde 1930 in Düsseldorf geboren und hatte ihre Kindheit trotz der Ängste und Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges (1939 – 1945) in guter Erinnerung. In ihrer Jugend war Tanzen das, was sie am allerschönsten fand.



Mein geliebter Fleher Hof

So oft es ging waren meine Jugendfreundin, meine Schwester und ich im seinerzeit genannten „Großtanzpalast Fleher Hof“ in Düsseldorf. Man hat eigentlich abends wenig andere Dinge unternommen. Irgendwie gingen alle tanzen, das war so!

Ich finde es so schade, dass es das heute für die jungen Mädchen in dieser Form nicht mehr gibt. Das war so herrlich! Die große Tanzfläche in der Mitte des Saales, die Nischen mit den Tischen und der Platz für die Live-Bands, meist sogar richtige Rundfunkkapellen. Eigentlich durfte man dort erst mit 18 Jahren hin, ich war erst 16 Jahre alt. Aber meine Schwester, die zwei Jahre älter war als ich, durfte mich mitnehmen.

Wir hatten nicht viel Geld, aber so einmal in der Woche haben wir uns den Spaß nicht nehmen lassen. Geld für den Eintritt und für ein Glas Saft hatten wir immer, aber dann wurde es oft schon knapp.

Ich habe für mein Leben gerne getanzt. Dabei konnte ich alles vergessen: alle Sorgen des Alltags, jeden Kummer, sogar die Erlebnisse des Krieges. Am liebsten habe ich Walzer und Boogie Woogie getanzt. Das ist so ein fröhlicher Swingtanz, den wir auch auf Rock‘n‘Roll, Rockabilly und Rock tanzten. Aber den „Königstanz“, den Walzer, den hat meiner Schwester und mir schon unser Vater beigebracht. Wenn zu Hause im Radio ein passendes Musikstück gespielt wurde, sind wir direkt zu ihm gelaufen und haben gefragt, ob er mit uns wieder tanzen würde. „Ihr seid ja verrückt!“, hat er dann jedes Mal lachend gesagt und los ging es.


Ein nicht ganz normaler Tanz-Sonntag

An einem Sonntag im Oktober 1949 hatten meine Freundin und ich uns wieder verabredet, um in den „Fleher Hof“ zu gehen. Im Nachhinein gesehen, ist es ein ganz besonderer Sonntag gewesen. Denn an diesem Tag habe ich Karl, meinen späteren Ehemann, kennen gelernt. Er hingegen kannte mich bereits vom Sehen. Er war häufig an dem Geschäft vorbeigekommen, in dem ich arbeitete, und hatte mich irgendwann entdeckt, als ich das Schaufenster dekorieren musste. Das hat er mir aber erst etwas später gebeichtet.


Wir hatten gerade das Lokal betreten, da forderte Karl mich zum Tanzen auf. Es war fast so, als hätte er dort nur auf mich gewartet. Ich wusste in dem Moment noch gar nicht, wer das war. Und – ganz ehrlich – am Anfang fand ich ihn überhaupt nicht so toll. Er war noch so jung, und wirklich gut tanzen konnte er auch nicht: zwar federleicht, aber dennoch nicht gut. Er war damals 23 Jahre alt und ich 19 Jahre jung. Nach jedem Tanz hat er mich, wie es damals gang und gäbe war, ordnungsgemäß wieder an meinen Tisch gebracht und ist an seinen zurückgegangen.


Falsche Deutung

Den Walzer habe ich lieber mit seinem Cousin getanzt, denn der konnte es richtig gut. Allerdings hat er das wohl falsch gedeutet und mich um eine Verabredung gebeten. Ich bin zu ihm gegangen, habe ihm aber zu verstehen gegeben, dass ich kein Interesse an ihm als Mann hatte. Seine Eltern besaßen ein Lebensmittelgeschäft und er wäre sicherlich eine gute Partie gewesen. Er sah auch ganz gut aus, aber ich wollte ihn nicht. Es hatte einfach nicht gefunkt bei mir und das habe ich ihm ehrlich gesagt.


Schmeichelhaftes und Peinliches

Karl hat sich daraufhin ein Herz gefasst und gefragt, ob er mich eventuell mal von der Arbeit abholen dürfte. Das Schlitzohr wusste schließlich schon, wo er mich finden konnte. Aber wenn ich ehrlich bin, hatte das auch etwas sehr Schmeichelhaftes für mich. Zu wissen, dass ein junger Mann auf seinem Weg in die Bücherei jedes Mal hoffte, mich zu sehen und einen Blick von mir zu erhaschen, das war schon toll. Ich habe zur Verabredung eingewilligt.

An dem Abend hat er vor dem Geschäft auf mich gewartet. Es war der Abend vor seinem Geburtstag. Wir sind zusammen in ein Café gegangen, wo es Buttercremetorte gab. Himmel, was war die Torte mächtig! Mein ganzes Leben lang habe ich bei Buttercremetorte an diesen Abend gedacht. Aber, sehr wahrscheinlich auch nicht nur ihretwegen.

Ein weiteres Mal sind wir mit mehreren Freunden ins „Café Wolters“ am Düsseldorfer Rheinstadion gegangen. Das gibt es heute leider nicht mehr. Aber damals, da gab es dort für alle eine Flasche Mokkalikör auf dem Tisch. Ich darf gar nicht daran denken, sonst wird mir heute noch speiübel davon.

Es hieß dann immer „Ja, Proooost!“ und wir haben mitgetrunken. Irgendwann war mir unfassbar schlecht. An diesem Tag kannten Karl und ich uns ja gerade mal eine Woche. Daher war mir das schon sehr peinlich. Ich musste unbedingt nach Hause in mein Bett. Per Straßenbahn ging es von einer Endstation zurück ans andere Ende der Stadt. Die Bahnen haben beim Fahren so fürchterlich hin und her gerappelt. Gott sei Dank waren sie damals noch offen und so habe ich mich draußen hingestellt, um frische Luft zu bekommen. An diesem Abend schien die Fahrt in der Linie 10 endlos zu sein. Sie fuhr noch mitten über die Königsallee. Karl hat mich natürlich begleitet und sich meine Peinlichkeit netterweise nicht anmerken lassen.


Küsse und Kater

Ich hatte, trotz meiner Unpässlichkeit, ziemliche Angst vor Vater, denn eigentlich hätte ich schon um 22 Uhr wieder zu Hause sein sollen. Nun war es bereits 23.30 Uhr. Damals gab es noch keine Handys, mit denen man mal kurz Bescheid sagen konnte. Daher wusste ich, dass mein Vater sicherlich sehr wütend sein würde. Ich habe Karl gebeten, er solle schnell gehen, weil ich ins Haus müsste. Unsere Verabschiedung an diesem Abend war noch recht locker und noch nicht so innig. Den ersten Kuss gab es dort noch nicht. Außerdem war es mir ja gar nicht gut vom Mokkalikör, und wer denkt dann schon ans Küssen?

Am nächsten Morgen habe ich meinem Vater alles gebeichtet und vom Mokkalikör erzählt. Es gab ernste Worte, eine richtige Strafe allerdings nicht. Gnade kannte mein Vater jedoch dahingehend auch nicht. Denn wer trinken könne, könne auch aufstehen und zur Arbeit gehen, verordnete er. Ich glaube, jede andere Strafe wäre mir da tatsächlich lieber gewesen. Der Tag war dann total verkorkst. Ich wurde zum Arzt geschickt, wurde sogar krankgeschrieben und musste schließlich doch meinen Kater im Bett auskurieren. Am nächsten Tag ging es mir zwar schon besser, trotzdem musste ich noch immer im Bett bleiben.


Verliebt

Karl hat dann täglich vor dem Geschäft, in dem ich arbeitete, gewartet, weil er mich dort am ehesten wiedersehen konnte. Doch ich war sogar eine ganze Woche krankgeschrieben. Wir hatten kein Telefon und mal eben eine Nachricht senden, wie es heute geht, war damals nicht möglich. Als ich an meinem ersten Tag danach wieder arbeiten war und ihn abends dort habe stehen sehen, war mir alles klar … ich war verliebt!

Zwei Jahre nachdem wir uns kennengelernt hatten, haben wir geheiratet. Nach der Hochzeit bekamen wir ein gemeinsames Zimmer in der Wohnung meiner Schwiegereltern. Mein Vater war sehr wehmütig darüber, dass sein letztes Kind das heimische Nest verlassen hatte. Er sagte immer: „Traurig bin ich, dass du gehst.“. Für ihn war es nicht leicht, aber ich war verheiratet und musste mein eigenes Leben leben. Das gehörte dazu.


Nach 56 Jahren Ehe starb Karl mit 81 Jahren.


Das Restaurant „Fleher Hof“ gibt es noch heute im Stadtteil Flehe in Düsseldorf. Es ist ein Landgasthof, aber Tanzveranstaltungen werden nicht mehr veranstaltet.

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Auszug aus „Meine Geschichte. Aus dem Leben von Else M.“ (2017), geschrieben von Jenny D., Auszug bearbeitet von Barbara H.


Foto: privat/Pixabay