Ein Aluminiumwerk bestimmt das Schulleben

Horst wurde 1926 in Lautawerk/Niederlausitz (1) geboren. Er und seine ältere Schwester wurden von der Mutter, die einen Tabakwarenladen betrieb, und dem in einem Aluminiumwerk arbeitenden Vater großgezogen. Als 17-Jähriger wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, kämpfte an der Kanalküste und kehrte nach Gefangenschaft zurück in seine Heimat. 1947 lernte er Ilse kennen. Als er sich drei Jahre später aus der DDR nach Westdeutschland absetzte, folgte sie ihm nach Krefeld, von wo aus sie, nach ihrer Heirat 1952, gemeinsam die ganze Welt bereisten.


Der Schulweg mitten durch das Werksgelände

Die Gemeinde teilte sich auf in Lautawerk-Süd und Lautawerk-Nord. Wir wohnten in Lautawerk-Süd, denn dort wohnten die Arbeiter. In Lautawerk-Nord wohnten die Chefs und Direktoren. In Lautawerk-Nord stand auch die Kirche, gab es die Schule und andere Einrichtungen; in Lautawerk-Süd gab es gar nichts. Zum Einkaufen mussten wir nach Nord, denn dort gab es einen großen Konsum, in dem wir alles Nötige kaufen konnten.


Zur Schule mussten wir Arbeiterkinder mitten durch das Werksgelände, denn die Schule war nicht da, wo die meisten Kinder lebten, sondern da, wo die Höhergestellten und Lehrer wohnten. Wir Kinder mussten uns beim Pförtner anmelden und wurden dann über das Gelände nach Nord geführt. Der Schulweg außen um das Werksgelände herum wäre viel zu weit gewesen.


Während meiner Schulzeit nahm ich zweimal an der Kinderlandverschickung (2) der VAW (Vereinigte Aluminium Werke) teil. Das erste Mal ging es nach Kolberg an die Ostsee, das zweite Mal nach Sellin auf der Insel Rügen. Ich kann mich an einen Umzug durchs Dorf erinnern, an dem wir als Gruppe teilnahmen.

Mit der Eisenbahn in die Ferien

In den Ferien fuhr ich oft zu meiner Oma und den anderen Verwandten nach Haynau. Ich bekam die Fahrkarte um den Hals gehängt und wurde der Obhut des Schaffners übergeben. Weil Lautawerk noch keinen eigenen Bahnhof hatte, brachten mich meine Eltern zum Bahnhof nach Schwarzkollm. In Schwarzkollm wurde ich dem Schaffner übergeben, der mich mit in sein Coupé nahm. In Kohlfurt musste ich umsteigen. Dort wurde ich einem anderen Schaffner übergeben, damit ich unbeschadet bis Haynau kam. Bis zu meiner Einberufung besuchte ich meine Verwandten in den Ferien in Haynau.


(1) Lautawerk ist der Name einer Gemeinde und späteren Ortsteiles der Gemeinde Lauta. Lauta (sorbisch Łuty) ist eine Kleinstadt im Norden des sächsischen Landkreises Bautzen. Lauta gehört historisch zur Oberlausitz, wurde jedoch in der DDR, gleichsam wie Hoyerswerda, zur Niederlausitz gerechnet. Die umliegenden Ortschaften, wie Ruhland und Hoyerswerda, bekennen sich heute wieder zur historischen Oberlausitz. In Lauta wird die Zugehörigkeit zur Niederlausitz betont.

Quelle 1: Wikipedia

Quelle 2: Wikipedia

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(2) Die Bezeichnung Kinderlandverschickung (KLV) wurde vor dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich für die Erholungsverschickung von Kindern verwendet. Heute wird unter diesem Stichwort meistens an die erweiterte Kinderlandverschickung gedacht, bei der ab Oktober 1940 Schulkinder sowie Mütter mit Kleinkindern aus den vom Luftkrieg bedrohten deutschen Städten längerfristig in weniger gefährdeten Gebieten untergebracht wurden. Die „Reichsdienststelle KLV“ evakuierte bis Kriegsende wahrscheinlich über 2.000.000 Kinder und versorgte dabei vermutlich 850.000 Schüler im Alter zwischen zehn und 14  Jahren, aber auch ältere in KLV-Lagern. Es gibt zahlreiche und ausführliche Zeitzeugenberichte über das Leben in „KLV-Lagern“. Berichte über die „Mutter-und-Kind-Verschickung“, über die Unterbringung in Pflegefamilien oder bei Verwandten in „luftsicheren Gebieten“ sind selten.

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Auszug aus „Von Schlesien an den Niederrhein – und weiter in die ganze Welt“, erzählt von Ilse und Horst W., geschrieben von Marlies S., bearbeitet von Uwe S.

Foto: Sinaykata/Pixabay