Gehungert und gefroren: "Ich wollte nicht mehr leben"

Dorothea G. ist in Myslowitz/Schlesien geboren (1924), das mal zu Deutschland und mal zu Polen gehörte. Sie war 15 Jahre alt, als die Stadt von der Wehrmacht besetzt und dem Deutschen Reich angeschlossen wurde. Geheiratet hat Dorothea 1943, als 19-Jährige. Mit ihrem kriegsverletzten Ehemann flüchtete sie in Waggons eines Güterzuges, die entweder in die DDR oder nach Russland geschickt werden sollten. Sie erzählt, wie sie sich von Glatz (1) aus durchschlugen.


Erste warme Suppe, aber mit Würmern

Die Deutschen wollten uns in Kohlfurt (2) nicht aufnehmen. Sie hatten Angst vor Typhus. Da entschied eine Kommission aus Franzosen, Engländern und Amerikanern (3), dass wir erst einmal in ein Durchgangslager sollten und Entlausungsmaschinen (4) eingesetzt werden mussten. Wir sind in Scheunen untergebracht worden und lagen auf Stroh. Dann hieß es, dass wir nach Niedersachsen transportiert werden, wo es viel Landwirtschaft geben und Platz sein sollte.

In Hilter (5) wurden wir in eine Ziegelei geschickt. Ich werde nie vergessen, wie es war, die erste warme Suppe nach so vielen Tagen zu bekommen. Wir hatten uns sehr gefreut, aber die Suppe lebte. Da waren mehr Würmer drin als Graupen, die trotz des Kochens nicht tot zu bekommen waren. Wir haben sie gegessen, denn wir hatten Hunger.

Wir Flüchtlinge wurden auf einzelne Haushalte aufgeteilt. Ein alter Lehrer und seine Frau, auch ehemals Lehrerin, hatten uns beide in einer kleinen Kammer aufgenommen. Sie haben uns nicht mal ein Stückchen Brot verkauft.

Wir haben gehungert wie sonst was. Sie waren so geizig, dass sie daran zu ersticken drohten. Wir hatten zwar einen kleinen eisernen Ofen, aber den Schornstein hatten sie zugemauert. So konnten wir im kalten Januar nicht heizen.

„Was, die Flüchtlingsfrau geht zur Hexe?“

Also bin ich in den Wald gegangen, um Reisig und Pilze zu sammeln. Ich war das Leben so leid, ich war so hungrig und fror, ich wollte nicht mehr leben.

Ich nahm meinen Schal, band ihn an den Baum und wollte mich aufhängen.

Da kam eine Frau, die als "Hexe" bekannt war. Ich wusste, dass sie am Ende vom Dorf wohnte. Sie sagte: „Da kann man sehen: Frauenzimmer, faul sind sie, wollen sich lieber das Leben nehmen als arbeiten.“

Ich antwortete: „Wenn sie mir Arbeit und Nahrung geben, dann arbeite ich. Ich kann vor Hunger nicht mehr leben.“

„Komm mit!“, sagte sie nur daraufhin und ich folgte ihr.

Erstmals im Leben war ich in einer sogenannten Dorfbude, so einer kleinen Hütte. Die Frau hatte ein Pferd und ihr Sohn war im Krieg. Das Pferd wurde geschont. Stattdessen wurde ich an einen Pflug angespannt und musste ihn ziehen. Meine Schultern waren bald wund gerieben von dem Pflug, aber ich bekam für meine Arbeit eine Kanne Milch, fast zwei Liter, und zwei Stullen Stuten, der beim Bäcker gebacken worden war. Doch ich war zu erschöpft, um davon essen zu können. Ich bin zu Fuß nach Hause gegangen, dort bin ich sofort eingeschlafen.

Mein Mann hat sich über die Milch und den Stuten gefreut. Es sprach sich schnell herum. Die Leute konnten es kaum glauben: „Was, die Flüchtlingsfrau geht zur Hexe?“

Der Bürgermeister schloss daraus, dass es mir wirklich dreckig gegangen sein musste. Denn keiner traute sich, zu ihr zu gehen, weil sie wirklich als "Hexe" galt. Sie hatte in ihrem Häuschen nur einen Tisch und einen Stuhl. Aber sie hatte Schweine und Kühe, doch hergegeben hat sie nichts. Aber nun bekam ich Belohnung für meine schwere Tagesarbeit, mehrmals.

Tränen der Erschöpfung und Verzweiflung

Wenn ich den Weg nach Hause ging, war er benetzt mit meinen Tränen, die ich vor Erschöpfung geweint hatte. Außerdem weinte ich vor Verzweiflung. Denn ich merkte, dass ich schwanger war. Ich dachte: „Wir haben doch selbst nichts zu essen.“

Da hatte meine Tante Tulli aus Wien, mit der ich über all die Jahre Briefe schrieb, gemeint: „Och, mach dir keine Sorgen, gibt der Herr das Höschen, gibt er auch das Nestchen“.

Mein Mann hat sich sehr gefreut: „Endlich ein Kind.“ Er wollte eine Tochter haben. Ich glaube, er hätte mir das nicht verziehen, wenn es ein Junge geworden wäre. Unsere Tochter ist dann in ihrer Art ganz wie ihr Vater geworden.

Neues Leben mit Kindern auf Bauernhof

Erst als wir bei einem Großbauern in Laer bei Osnabrück unterkommen konnten, verbesserte sich unsere Situation etwas. Im Dezember 1947 wurde unsere Tochter und 1950 der Sohn geboren. Wenn das Mädchen geatmet hat, war auf der Zudecke eine Eisschicht. Ich habe sie ein Jahr lang genährt. Vier Jahre haben wir dort gewohnt.

Die einzige menschliche Seele auf diesem Hof war die Tochter des Großbauern, Paula. Sie hat uns manchmal ein Stückchen Speck oder zwei Eier gegeben oder sonst etwas zugesteckt. Mein Mann meinte, ich sollte höflicher nach Brot fragen. „Wir wollen doch nicht Kaviar oder Hummer haben, nur Brot,“ entgegnete ich. Da ist er selbst fragen gegangen.

Die Bäuerin rief: „Wer ist denn da? Da ist wohl ein Bettler. Schmeißt ihn raus!“ Denn meist sind Leute aus dem Ruhrpott gekommen und wollten Lebensmittel tauschen. Doch dann warf die Bäuerin meinem Mann ein Stück Brot zu. Er hob es auf. Das Brot war völlig verschimmelt. Er hat sich nicht beschwert, sondern hat ihr zugerufen: „Gott vergelt‘s! Bei der nächsten Ernte werde ich für Sie beten, dass Sie kein verschimmeltes Getreide bekommen werden!“

Es gab auch nichts gegen Geld, es war nichts mehr wert.

Ferkel kastrieren: „Was, das ‚Hausmenzke‘ macht so was?“

Ich sah ein, ich musste mich mehr durchsetzen, um an Essbares zu kommen. Der Bauer hatte viele Schweine. Zwei hatten geworfen. Die Ferkel mussten in den ersten zwei Wochen kastriert werden, sonst wären die nicht zu gebrauchen gewesen. Es würden zwar große Schweine werden, aber das Fleisch schmeckt anders, gar nicht gut. Der Bauer war Quartalssäufer, hatte getrunken und war eingeschlafen. Die Säue hatten 24 Ferkel geworfen. Die alte Bäuerin war in tiefer Sorge. Sie kam ursprünglich von einem reichen Bauernhof, hatte noch einen Hof geerbt und wusste nicht mehr, wie sie die Arbeit schaffen sollte. Ich wollte sie trösten.

„Ach, Oma, machen Sie sich keine Sorgen. Das Schweinebeschneiden schaffe ich auch noch. Wenn ich an Menschen geschnibbelt habe, dann kann ich das auch bei Ferkeln.“ Ich wollte sie damit trösten, damit sie nicht mehr so verzweifelt wirkte.

Aber morgens um 5 Uhr kam tatsächlich Paula, donnerte an die Tür. „Sie müssen aufstehen. Vor dem Frühstück müssen noch die Ferkel kastriert werden.“ Der Tierarzt sei nicht zu erreichen gewesen, hatte sie behauptet, was ich nicht glaubte, weil ich sie für geizig hielt.

„Ja, ja, die Flüchtlinge, was sie alles können. Wenn es darauf ankommt, dann ziehen sie den Schwanz ein,“ rief sie mir zu, als sie bemerkte, dass ich zögerte. Ich habe noch nie angegeben, was ich war oder bin und entschloss mich zu handeln. „Gut, dann folgt meinen Anweisungen,“ ordnete ich an. „Erst müssen die Ställe gesäubert werden, ausgeschrubbt und desinfiziert. Dann brauche ich Öl. Und frag nicht, ich brauche es. Denn wenn das nicht geht, wenn ich das nicht bekomme, dann mache ich es nicht.“ Es wurde alles so gemacht, wie ich es verlangt hatte.


Die Oma nahm ein Ferkel links und rechts an den Beinchen. Es wurde mit Seife gewaschen, danach geschnitten. Die Eier habe ich weggeworfen und sofort Öl in die Wunde getan.

Warum? Die Wunde verheilt sonst zu schnell und entzündet sich innerlich. Alle waren sprachlos. Der Schwiegersohn kam und andere auch.

„Was, das ‚Hausmenzke‘ macht so was?“ wunderten sich die Menschen dort. Aber ich bekam ihren Respekt. Vielleicht hatten die nun Angst, sich mit mir anzulegen. Der Erfolg war, dass es sich wie ein Lauffeuer durch das Dorf verbreitete. Die Bauern wollten sich überzeugen, dass es wahr ist, dass eine Frau Schweinchen kastriert. Da standen sie mit offenen Mündern. Dabei hatte ich Glück gehabt, es hätte ja auch schief gehen können.

Barbarisches Handeln

Ich hatte seinerzeit bei meiner Tante Tulli in Wien die Möglichkeit genutzt, eine Ausbildung als Arzthelferin zu machen. Dadurch konnte ich auch später viel mit Ärzten zusammen arbeiten, wenn es nötig war. Wenn auf einem Dorf Bäuerinnen mit entzündeten Brüsten zum Arzt kamen, dann konnten die nicht warten, bis sie in ein Krankenhaus transportiert wurden. Das passierte in der Zeit relativ häufig, weil die Frauen auf dem Feld sich nach einer Geburt nicht schonen und sich natürlich auch hygienisch nicht entsprechend versorgen konnten. Dann haben wir die behandelt, auch ohne dass wir die richtigen Narkosemittel oder andere Medikamente hatten, denn diese Mittel waren für die Front für die dort verwundeten Soldaten vorgesehen. Das war teilweise barbarisch.

Da wurden Brüste aufgeschnitten, damit der Eiter raus konnte. Und spätestens beim Legen von Drainagen wurden die Frauen auch ohne Narkose ohnmächtig. Aber wir konnten sie retten. Hier bei den Ferkeln war es nicht viel anders.

Später kam ein Bauer, der hatte einen prächtigen Hof. Er brachte stotternd hervor, dass ich ihn heiraten soll. Er erzählte dann überall, dass er mich vom Fleck weg heiraten würde. Von den zwölf männlichen Ferkeln habe ich elf durchgebracht. Das war ein Erfolg. Das hatte es vorher noch nicht mal beim Tierarzt gegeben, sagte man.

Geklautes Holz

Durch den Respekt haben wir dann schon mal einen Teller Suppe bekommen, durften das Fallobst aufklauben und bei der Mutter Gottes in einer kleinen Kapelle das Holz unterbringen, als ich es geklaut hatte.

Wir hatten doch kein Brennmaterial, höchstens nassen Torf. Mit einem befreundeten ehemaligen Richter ging ich zu einem Güterbahnhof. Er sollte Schmiere stehen, weil mein Mann nicht da war. Ich brachte das Holz in die Kapelle und stellte es zur Mutter Gottes.

Abends im Dunklen habe ich es dann in meinen Verschlag geholt. Ein paar Tage später kam jemand mit einer elektrischen Säge und ich bat, meine Stücke auch noch zu sägen. So kam ich an Holz. Ich hatte gerade einen Holzschemel genommen und hielt die Axt in der Hand, da kam der Bauer vorbei, der gerade mal wieder nüchtern war. Er sah mich mit der Axt und wagte nicht, etwas zu sagen. Seitdem ich die Schweine kastriert hatte, waren alle wohl etwas ängstlich, dass ich mit dem Kastrieren weiter machen würde.

Gelebt haben wir Flüchtlinge davon, dass wir Gemüse gesammelt haben und in einer gemeinsam gebauten Küche wurde damit etwas Warmes gekocht. Wir haben auf dem Feld gearbeitet, um einen Teller Suppe zu bekommen.

Mein Mann war ein sehr sozial veranlagter Mensch. Er kümmerte sich um die Witwen und Hinterbliebenen. Er ging von Bauer zu Bauer, bat um Brot, Kartoffeln usw. und er ließ sich zum Gemeinderat wählen. Das war dann wohl auch hilfreich, als er später in dem drei Kilometer entfernten Bad Rothenfelde bei den Engländern im Büro Arbeit bekam.

(1) Der preußische Landkreis Glatz in Schlesien bestand in unterschiedlichen Abgrenzungen von 1742 bis 1945. Heute gehört er zum Powiat Klodzki in der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien und liegt im polnisch-tschechischen Grenzgebiet an der Neiße. 1997 entstanden schwere Schäden durch ein Hochwasser.

Quelle: Wikipedia

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(2) Die Stadt Kohlfurt heißt heute Wegliniec und liegt einundzwanzig Kilometer nördlich von Görlitz an der Bahnstrecke Berlin – Breslau und gehört dem Powiat Zgorzelecki in der Woiwodschaft Niederschlesien an. Die Stadt gehört zur Euroregion Neiße und liegt im polnischen Teil der Oberlausitz. Kohlfurt war schon früh ein Eisenbahnknotenpunkt. Der Ort spielte bei der Vertreibung der deutschen Bevölkerung eine zentrale Rolle.

Quelle: Wikipedia

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(3) Bei der Kommission handelte es sich um die vier Siegermächte Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa am 8, Mai 1945 die Hoheitsgewalt über das Deutsche Reich teilten. Beendet wurde dies mit der Gründung der Bundesrepublik und der DDR 1949 und in Westdeutschland erst 1955 mit dem Deutschlandvertrag.

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(4) Die Entlausungsmaschine war eine Art Handpumpe, gefüllt mit weißem Staub, nämlich dem Gift Zyklon B, und wurde in den Halsausschnitt der Bekleidung der Menschen gehalten und dann kräftig gepumpt, so dass eine weiße Pulverwolke um sie herum entstand. Sowohl diejenigen, die bestäubt wurden als auch diejenigen, die pumpten, bekamen diese hochgiftige Chemikalie ab. Es war eine sehr entwürdigende Prozedur und verängstigte die Menschen.

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(5) Hilter liegt im Süden des Landkreises Osnabrück in Niedersachsen.

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Auszug aus „Ein weiter Weg – von Myslowitz nach Flehe“, erzählt von Dorothea G. (2015), bearbeitet von Barbara H.

Foto: dolvita/momemntmal / Pixabay