top of page

Vom Lagerleben nach Lichtenbroich

Edith T. und ihre große Familie mussten aus ihrer Heimat Ostpreußen fliehen, da war sie gerade mal neun Jahre alt. Die Deutschen hatten 1945 den Krieg verloren. Erst besetzten die Russen, dann die Polen ihren Hof. Nach mehreren Fluchtabschnitten kam sie mit ihrer Familie im Juli 1946 im Lager Hohn bei Rendsburg an, wo sie fünf Jahre lang blieben.

Historisches Gebäude in Düsseldorf-Unterrath: Die "Klinke" (Foto von 2023, Quelle: privat)

Das Leben im Lager war für mich „normal“

Von Bad Segeberg kamen wir Ende Juli 1946 nach Hohn (1) bei Rendsburg Wir, damit sind meine Großmutter, Mutter, meine Schwester, die Schwester meiner Mutter und ihre Familie gemeint. Da gab es vorher vier große Gefangenenlager, die nach Kriegsende als Flüchtlingslager genutzt wurden. Es gab 15 Baracken. Lager I, III und IV waren schon besetzt. Wir kamen in das Lager II, Baracke 15.

Es gab zehnmal so viele Flüchtlinge wie Einheimische in Hohn. Der Hunger war überall groß, aber wir wussten uns zu helfen und Mutter sorgte immer für uns. Wir waren froh, im Lager zu leben, ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben. Für mich war es ein „normales“ Leben.

Mich hat wahrscheinlich dieses Lagerleben sehr geprägt, das war ja meine Kindheit. Wir spielten auf der Straße, haben dort tanzen gelernt – wir waren alle gleich, es gab keine sozialen Unterschiede. Wir gingen zusammen zur Schule, wir zankten uns nicht, denn es gab nichts, um das man jemanden beneiden musste.

Der Lehrer blieb nett

Meine Mutter hatte mich gleich in der Dorfschule angemeldet, die aber schon sehr überfüllt war von Kindern auch aus anderen Lagern in der Umgebung. Das war für mich eine furchtbare Erfahrung. Der Lehrer wollte wissen, wie weit ich war. Ich war eigentlich nur bis zum dritten Schuljahr gekommen, nun aber inzwischen schon zehn Jahre alt. Deshalb musste er mich einstufen. Dann haben sie ein Diktat geschrieben, und ich sollte an die Tafel gehen und tat das auch.

Tja, nach eineinhalb schulfreien Jahren wusste ich nicht mehr, wie die Kreide aussah, habe das ganze Diktat in so 30 x 30 cm großen Buchstaben geschrieben. Der Lehrer blieb aber sehr nett.

Als meine Mutter mich abholte, hat er nur gesagt, wir sollten noch warten, jetzt begännen die Sommerferien und danach sähe das ja anders aus. Dann hätten sie Räume nur für die Flüchtlingskinder im Lager. Es würden Barackenräume leer geräumt, die früher als Kantinen für die Polen genutzt worden waren.

Schulunterricht: Hände auf den Tisch

Nach den Sommerferien bekamen wir wirklich Unterricht. Hier waren wir 50 Flüchtlingskinder mit einem Lehrer, vom 3. bis zum 9. Schuljahr. Unser Lehrer war ein alter Soldat. Und so hat er sich auch aufgeführt. Ich lasse aber heute noch nichts auf ihn kommen. Denn was ich bei dem gelernt habe, das haben unsere Kinder nicht auf dem Gymnasium gelernt. Aber er war zu streng!

Er musste wahrscheinlich auch so sein bei der hohen Anzahl von Kindern. Wir hatten keine Zweiertische, sondern Sechsertische. Da saßen wir nebeneinander, da gab es kein Flüstern, die Hände mussten auf dem Tisch liegen, die ganze Zeit, das war ganz streng, und wenn nicht, dann ging er über die Tische und hat die Schüler mit dem Rohrstock geprügelt. Aber es kam kein Ton raus. Und wenn Unterricht war, war eben Unterricht, da gab es kein Tuscheln.

Den Lehrer hatte ich fünf Jahre bis 1951. Der war aber auch schon so weit, uns Kriegsflüchtlingen die Möglichkeit zu geben, Klassen zu überspringen, damit wir das Abschlusszeugnis vom 9. Schuljahr in der vorgeschriebenen Zeit bekamen. Das haben viele gemacht. Und so hatte ich kein 4. und kein 8. Schuljahr, und wurde aus dem 9. Jahr rechtzeitig mit 15 Jahren entlassen.

Freiwillig konnte man auch eine 10. Klasse absolvieren. Der Lehrer wusste also, wie wichtig es für die Bewerbung um eine Lehrstelle war, dass man nicht zu alt war. Es gab ja kaum Lehrstellen. Und wer keine Lehrstelle fand, und das betraf die meisten, für den gab es drei Möglichkeiten:

1. In das Ruhrgebiet gehen und in Industriebetrieben arbeiten. Vor allem sind viele nach Wuppertal (2) gegangen.

2. Nach Rendsburg (3) in das Jugendaufbaulager gehen, was einen nicht so guten Ruf hatte.

3. Freiwillig das 10. Schuljahr machen mit der Möglichkeit, mittendrin abzugehen, wenn man eine Lehrstelle gefunden hatte. Das habe ich dann gewählt.

Lehr- und Arbeitszeit 1951 bis 1956

Nach drei Monaten hat sich für mich Ende 1951 etwas ergeben: eine Hauswirtschaftslehre. Wir waren sehr mit der Kirche verbunden. In den Lagern hatten sich die Sekten breit gemacht. Das erste Kleid, das ich nach dem Krieg bekam, die ersten Schuhe, auch Decken (von der zweiten Decke bekam ich einen Mantel genäht) usw. kamen aus Amerika, vor allem von den Baptisten (4) organisiert, und die haben sich dann um die Flüchtlinge gekümmert und dabei aber auch sehr um deren „Seelen“ gerungen.

Ein Wort ergab das andere. Durch eine Freundin bekam ich eine Adresse vom „Haus der helfenden Hände“ in Königslutter-Beienrode bei Braunschweig, ein ehemaliges Rittergut. Das hörte sich ja sehr gut an.

Das hatten ostpreußische Pfarrerswitwen für heimatlose Pfarrer geführt, die beispielsweise aus dem KZ (5) kamen, und für Jugendliche auf der Durchreise, die dort aufgenommen und weiter vermittelt wurden sowie etwa 20 Waisenkinder. Professor Iwand hatte das „Haus der helfenden Hände“ zusammen mit Königsberger Pfarrersfrauen gegründet,. Dort absolvierte ich ein Jahr eine Hauswirtschaftslehre, und zwar mit Abschlussprüfung. Danach konnten wir einen neuen Standort wählen.

Ich bin dann 1952 bis Anfang 1954 in die Schweiz nach Kilchberg im Basler Land gegangen. Ich kam dort für zwei Jahre wieder in ein evangelisches Pfarrhaus als Haushälterin. In der Schweiz hieß das Haustochter. Es ging in die Schweiz, weil das Haus Königslutter bei Braunschweig das sehr gesponsert hatte. Professor Iwand und der Schweizer Professor Barth, Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, waren befreundet. Das „Haus der helfenden Hände“ gibt es heute noch, ist aber ein Seniorenheim.

So erging es meiner Familie

Meine Eltern waren in der Zwischenzeit Ende 1952/Anfang 1953 nach Düsseldorf in eine Siedlung gezogen, die speziell für Flüchtlinge errichtet worden war. Sie hatten den künftigen Wohnort wählen dürfen zwischen den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen oder dem Raum Hannover in Niedersachsen.


Mein Vater hatte sofort entschieden: „Wir gehen nach Düsseldorf!“ in Nordrhein-Westfalen. Denn in Wanne-Eickel (6) wohnte sein Bruder das war für ihn der einzige Grund. Sein Bruder war auch der Anlaufpunkt gewesen, dem er aus dem Kaukasus geschrieben hatte: „Ich lebe, ich befinde mich da und da im Kaukasus.“

Der Brief war lange, lange Zeit unterwegs, aber er kam an. Meine Mutter hatte natürlich schon Kontakt zu dem Bruder. Er hat uns sofort den Brief nach Rendsburg geschickt und Mutter hatte gleich geantwortet. Und so kam mein Vater auch bald nach Hause.

Der Stadtteil Lichtenbroich in Düsseldorf wurde neu gebaut und dann entstand die Fehmarnstraße. Diese Neubauten waren ausschließlich für Flüchtlinge aus Schleswig-Holstein gedacht. Die Einheimischen beschwerten sich, dass die Flüchtlinge neue Wohnungen bekämen und sie nicht!. 1955 konnte mein Vater das Haus kaufen.


Er hatte sofort zugegriffen. Das war ein gefördertes Sozialprojekt, so dass er es selbst nicht verkaufen konnte, ohne die Stadt zu fragen.



Die Siedlung Fehmarnstraße in 2023


Die Stadt hatte immer noch das Vorkaufsrecht. Trotz Lastenausgleich hatten meine Eltern nun eine Menge Schulden und beide haben viel gearbeitet, um sie abzutragen. Vater hatte zunächst im Straßenbau gearbeitet, dann wurde es ihm doch zu schwer und er ging zur Firma Mannesmann. Angefangen hatte er mit allen Hilfsarbeitertätigkeiten, die es so gab, zum Schluss war er Kranführer in Früh- und Spätschicht. Da gab es ja Arbeit genug, das war das Gute. Er nahm vorübergehend sogar zwei Arbeitsstellen an: tagsüber bei Mannesmann und nachts noch im Straßenbau. Die Nachtarbeit musste er aber doch bald wieder aufgeben. Meine Mutter arbeitete irgendwo in der Küche.

In der Fehmarnstraße wohnten also die Eltern, meine Schwester und die Oma. Für mich war praktisch kein Platz. Ich war ja auch drei Jahre fort gewesen.

Wieder im „Haus der helfenden Hände“

Nach einem Zwischenspiel in Düsseldorf ging ich 1954 bis 1956 für eineinhalb Jahre nach Mainz in eine evangelische Mission, einem Ableger des „Haus der helfenden Hände“. Dort habe ich in der Küche mitgearbeitet.

Danach kam ich 1956 wieder nach Düsseldorf zurück. Ich hatte nichts richtig gelernt, vornehmlich Erfahrungen in der Hauswirtschaft gesammelt. Ich wollte aber Geld verdienen und auf eigenen Füßen stehen. Ich nahm eine Stelle in der sogenannten „Hütte“ an, der großen Firma, die Glas in der Gerresheimer Glashütte produzierte, erst in der Sortierung von Kunststoffflaschen für medizinische Zwecke und später im Versand.

Die „Hütte“ und mein Mann

In dieser Firma habe ich meinen Mann kennen gelernt. Ich habe so lange gearbeitet, bis er dann sagte: „Schluss jetzt, wenn wir geheiratet haben, hörst du auf zu arbeiten!“

1957 hatten wir uns in der Hütte kennen gelernt, 1958 haben wir geheiratet und sind nach Fertigstellung eines Anbaus an das Haus meiner Eltern zu ihnen gezogen. Doch das mit dem Kennenlernen meines späteren Mannes ist eine andere Geschichte ...


Alle Quellen: wikipedia

(1) Hohn ist eine Gemeinde und ländlicher Zentralort im Kreis Rendsburg-Eckernförde in Schleswig-Holstein. Dort befindet sich heute ein Bundeswehrstandort und der NATO-Flugplatz Holm.

(2) Wuppertal ist die größte Stadt und das Industrie-, Wirtschafts-, Bildungs- und Kulturzentrum des Bergischen Landes im Westen Deutschlands. Sie liegt südlich des Ruhrgebiets im Regierungsbezirk Düsseldorf.

(3) Die Stadt Rendsburg liegt in der Mitte Schleswig-Holsteins am Nord-Ostsee-Kanal und verbindet die beiden Landesteile Schleswig und Holstein.


(4) Als Baptisten werden Mitglieder einer evangelischen Konfessionsfamilie bezeichnet, zu deren besonderen Merkmalen die ausschließliche Praxis der Gläubigentaufe ebenso gehört wie die Betonung der Ortsgemeinde, die für ihr Leben und ihre Lehre selbst verantwortlich ist. Wie die Täufer des 16. Jahrhunderts, auf die sich auch die Baptisten zum Teil berufen, setzten sich diese von Anfang an vehement für uneingeschränkte Glaubens- beziehungsweise Religionsfreiheit ein.


(5) Der Begriff KZ steht seit der Zeit des Nationalsozialismus für Konzentrationslager, die Arbeits- und Vernichtungslager des NS-Regimes. … Sie wurden im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten von Organisationen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) errichtet:1000 Lager und Nebenlager sowie sieben Vernichtungslager. Sie dienten der Ermordung von Millionen Menschen, der Beseitigung politischer Gegner, der Ausbeutung durch Zwangsarbeit, medizinischen Menschenversuchen und der Internierung von Kriegsgefangenen. … Weite Zweige der deutschen Industrie profitierten direkt oder indirekt von dem Lagersystem.


(6) Wanne-Eickel war eine kreisfreie Stadt im nördlichen Ruhrgebiet, die in dieser Form von 1926 bis 1974 existierte. Im Rahmen der NRW-Gebietsreform wurde sie mit Wirkung zum 1.1.1975 mit der kreisfreien Stadt Herne zusammen geschlossen. ...Die Entwicklung von Wanne-Eickel war eng mit dem Bergbau verbunden, der das Wachstum entscheidend beeinflusste. Über das ehemalige Stadtgebiet waren insgesamt 20 Schachtanlagen der Zechen verteilt. Die Kohleförderung dauerte von 1856 bis 1993.

Auszug aus „Reinhard und Edith T. erzählen aus ihrem Leben in Kriegs- und Nachkriegszeiten“, erzählt von Edith T., aufgeschrieben von Bernhard S. (2016), bearbeitet von Barbara H. (2022)


Comments


bottom of page