Evakuierung nach Bombenangriff: Wie sich das Schlimmste zum Besten wandeln kann
- vor 14 Stunden
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‚Ja!’ sagt die 1938 geborene Elsbeth P., die 1944 nach einem traumatisierenden Erlebnis ihre Heimat verlassen muss und mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern ein neues Kapitel in der Fremde aufschlägt. Mit ihren Worten malt sie ein deutliches Bild jener Zeit, die es ihr ermöglichte, für eine kurze Weile ein unbesorgtes Kind zu sein. Sie betont, wie sehr sie das Glück, welches sie in diesem Jahr erfuhr, durch ihr ganzes weiteres Leben getragen hat.

Foto: privat
Elsbeth als Kind
Ein Herbsttag im Oktober 1944, alles war ganz normal. Ich ging mit meiner Schwester und unserem Puppenwagen im Park vor dem Bahnhof in Kevelaer spazieren.
Und dann ist da dieses Bild, dass ich niemals mehr auslöschen kann.
Meine Schwester und ich mit unserem Puppenwagen und direkt über uns der laut dröhnende, englische Tiefflieger. Meine Schwester hat den Piloten ein paar Meter über uns im Flugzeug sitzen gesehen.
Die Erde bebte. Der ohrenbetäubende, unaufhörliche Lärm der Bombardierung war lauter als alles andere, was ich jemals kennenlernen sollte. Den Tod vor Augen und Ohren rannten wir um unser Leben. Aus vollstem Leibe schreiend und weinend haben wir uns in einen Hauseingang geflüchtet. Leute haben uns ins Haus hineingezogen und versucht uns zu trösten – wer weiß wie lange - bis es vorbei war. Dieser aus allen Höllen brüllende, nicht endend wollende Krach.
Ich kann es nicht vergessen, es verlässt mich nie mehr.
Als es vorbei war, das heißt, als die Bomben auf Kevelaer gefallen und die Engländer mit ihren grauen Flugzeugen weitergezogen waren, war eine Stille, als wären alle Klänge der Erde ausgelöscht. Die Engländer hinterließen uns wie taub an einem Schauplatz der Zerstörung. Gerade spazierte ich noch durch meine Heimatstadt und als ich das fremde Haus verließ und nach draußen trat, schien es meine Stadt nicht mehr zu geben. Wir rannten zu unserer Mutter nach Hause. Sie hatte unglaubliche Angst um uns ausgestanden.
Ich war damals fast sechs Jahre alt.
Die Evakuierung
Einige Familien aus Kevelaer wurden nach den Schrecken der Bombardierung evakuiert.
Wir trafen uns auf der Friedensstraße. Dort wartete ein Reisebus, der uns nach Brandenburg fahren sollte.
Wir bekamen alle einen Rucksack mit dem Nötigsten. Meine Puppe Inge wurde oben auf den Rucksack gebunden. Jedes Kind bekam sogar eine ganze Rolle Drops, so etwas hat es vorher nie gegeben. Wir haben uns gefreut. Wir ahnten ja nicht, was noch kommen würde.

Meine Puppe Inge; Foto: privat
Nach langen, scheinbar endlosen Stunden erreichten wir Buchholz, Kreis Stendal im ehemaligen Brandenburg.
Der Bus hielt vor einer Gaststätte. Die Menschen drängten hungrig und müde aus dem Bus und ich ging mit dem Strom in die Gaststätte hinein.
Meine Familie habe ich nicht mehr gesehen. Ich war weg. Angst hatte ich nicht, ich bin einfach den anderen hinterhergelaufen und habe gesehen, dass es dort etwas zu essen gab. Lange Tische und Bänke waren dort aufgestellt und ich kletterte auf eine Bank.
Direkt vor mir stand ein Teller mit Leberwurstschnitten. Vom Hunger ermutigt nahm ich mir eine. Ich war zwar ganz allein, aber der Duft dieser Leberwurst ließ mich vorerst alles vergessen. Ich kaute glücklich vor mich hin. Noch heute schmecke und rieche ich dieses Leberwurstbrot in manchen Momenten und fühle immer noch die gleiche Seligkeit.
Als wir nach dem Essen die Gaststätte verließen, fand mich meine Familie. Es wurde schon dunkel und wir standen immer noch auf der Dorfstraße.
Es wurden Unterkünfte für uns Flüchtlinge gesucht, aber uns, eine Frau mit drei kleinen Kindern, wollte zunächst niemand aufnehmen. Es wurde später, dunkler und kälter. Noch immer warteten wir.
Zuletzt tauchte der Ortsvorsteher auf und brachte uns gezwungenermaßen unter - bei Bauer L.
Ich, die gute Landluft und andere Köstlichkeiten
Obwohl sich die Familie L. zunächst höchst abweisend verhielt, sollte sie sich bald als großes Glück für mich erweisen.
Ich weiß nicht wie, ich weiß nur dass ich Oma L.s Herz erobert habe. Bald nahm sie mich bei der Hand und suchte mit mir Eier aus den Nestern der Hühner. Ich wusste damals gar nicht wie gut sich nestwarme Eier anfühlen. Außer den Hühnern gab es noch viel mehr Tiere auf dem Bauernhof und ich liebte sie alle, außer den Hofhund, der war bissig. Mit dem wurde keiner von uns je warm.
Oma L. führte den Hof, seitdem ihr Mann August im ersten Weltkrieg gefallen war. Ein Knecht, eine Magd und die Tochter, die ebenfalls auf dem Hof lebten, verrichteten ihre Arbeit in den Ställen und auf dem Feld. Ihr Sohn Wilhelm war eingezogen worden und konnte nicht mithelfen. Er war nur zwischendurch mal auf Heimaturlaub auf dem Hof.
Ich hatte Glück mit Oma L.; wir mochten einander sehr. Sie hat es nie gesagt, aber sie hat es mich spüren lassen. Sie hat gefühlt, dass ich eine Großmutter in ihr gesehen habe und ich glaube, dass ich sie immer gut unterhalten habe, so unbedarft und voller Vertrauen wie ich war.
Sie zeigte mir so viele Dinge, was die Tiere anging, nahm mich überallhin mit und behandelte mich wie ein Familienmitglied. Das Tollste war damals, dass ich ab und zu kleine Geschenke von ihr bekam. Zu Ostern gab es sogar bunte Eier. So etwas zu erhalten, war für mich als Kind ein Geschenk von unschätzbarem Wert. Meine Geschwister bekamen von ihr nicht die gleiche Zuwendung. Ich nehme an, dass meine Mutter so klug war und dafür gesorgt hat, dass meine Geschwister auch bedacht wurden, wenn auch von ihr.
Manchmal durfte ich auch bei Familie L. am Mittagessen teilnehmen, das war so schön.
In der warmen Küche mit den köstlichen Gerüchen habe ich mich immer geborgen und gemocht gefühlt. Die bäuerliche Kost mochte ich auch sehr gern.
Zum Geburtstag hat mir Oma L. einen Schokoladenkuchen gebacken. Woher sie die Schokolade hatte zu dieser Zeit, ist mir ein Rätsel.
Echte Schokolade und auch ein Kuchen waren 1944 höchst verdächtig und sogar verboten. Ich kann nur vermuten, dass sie die Schokolade mit anderen „Zutaten“ von ihrem Hof getauscht hat.
Eier, Mehl, Butter, Speck und dergleichen war auf dem Schwarzmarkt sehr begehrt.
Einmal nahm sie mich in der Kutsche mit zu einem Geburtstag von einer Freundin aus dem Nachbarort. Es war herrlich! Ich genoss die Kutschfahrt ausgiebig und durfte auch noch mit an der Kaffeetafel Kuchen essen und mich mit den Damen dort unterhalten. Es war ein Tag voll schöner Stunden, er hinterließ in mir ein warmes Gefühl.
Bei allem, was Oma L. mir gegeben hat und wie sehr ich mich auch darüber freute, frage ich mich heute, warum sie nur mich mitgenommen und meine Geschwister zurückgelassen hatte. Wieso war sie ihnen gegenüber so herzlos gewesen? Dennoch, ich verdanke ihr das glücklichste Jahr meiner Kindheit.

Buchholz Bauernhof L. Winter 1944 ; Foto: privat
Winterfreuden
Im Winter 1944 war es bitterkalt und der Schnee lag so hoch, dass es manchmal gar kein Durchkommen gab. Die ersten Wochen waren vergangen und es war Zeit für mich in die Schule zu gehen. Ich war jetzt sechs Jahre alt und wurde in Buchholz eingeschult.
Was man damals Schule nannte, ist heute wahrscheinlich völlig unvorstellbar.
In meiner Erinnerung hockten sehr viele Kinder unterschiedlichen Alters in einem einzigen Klassenraum. Die kleinen Erstklässlermädchen saßen bei den großen Mädchen auf dem Schoß, weil es zu wenige Stühle gab. Fest steht, viel gelernt haben wir nicht. Doris war nämlich ebenfalls dort, von ihr weiß ich, dass wir gar keinen richtigen Unterricht hatten, sondern nur Propagandafilme angesehen haben. Ich glaube, ich habe mich nicht sonderlich dafür interessiert. Vielleicht war ich auch nicht sehr empfänglich für so etwas, denn an meine Kinderbücher erinnere ich mich sehr deutlich, an die Filme nicht.
Viel besser erinnere ich mich an Alwis H., einen älteren Jungen aus Weeze, der auch hierhin evakuiert worden war. Als ich an einem Morgen nicht zur Schule gehen konnte, weil der Schnee so hoch lag, kam Alwis mich mit dem Schlitten abholen. Er brachte mich zur Schule. Das hat er dann fast den ganzen Winter hindurch gemacht. Das war vielleicht ein Spaß, eine Schlittenfahrt noch vor der Schule. Ich bin ihm noch heute sehr dankbar, wenn ich auch nicht herausgefunden habe, was später aus ihm geworden ist.
Die Wochen und Monate vergingen und trotz der guten Versorgung durch Oma Lücke blieb ich schwächlich und mager. Das war ich immer und sollte es auch bleiben.
Dennoch, ich genoss das Leben in Buchholz. Ich spielte mit den Tieren auf dem Hof und im Stroh, ich hatte Freunde, meine eigene Familie und Familie L. Ich fühlte mich sicher und wohl. Der Krieg konnte mich hier nicht erreichen, bis es eines Tages, ungefähr ein Jahr nach unserer Evakuierung an der Tür klopfte und Anna vor uns stand.
Anmerkung: Anna war das Pflichtjahrmädchen, welches der Familie vor der Evakuierung zugeteilt war, um sich um die Kinder zu kümmern. Sie kam nach Buchholz, um die Mutter und die Kinder nach Hause zu holen. Unter Hitler gab es für junge Mädchen, die die Schule abgeschlossen hatten, das sogenannte Pflichtjahr. Das heißt die Mädchen kamen ihrer Pflicht fürs Vaterland nach, indem sie in der Landwirtschaft mithalfen und so für die Versorgung des Volkes ihren Beitrag leisteten. Oder sie unterstützten die Mütter in Haushalten mit mehreren Kindern, deren Männer fürs Vaterland kämpften. Anna wurde in ihrem Pflichtjahr eine enge Freundin der Familie.
Fortsetzung: In den 50er Jahren kehrt Elsbeth an den Niederrhein zurück und startet ihr Berufsleben bei der Deutschen Bahn. Dort trifft sie auch die große Liebe...
Auszug aus: „Dank dem Schöpfer für ein langes Leben mit viel Glück! Weil mir viel Unglück nicht widerfahren ist“.
Erzählt von Elsbeth P., Auszug erfasst von Carina S.




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