Schule in drei Etappen: Marienburg – Spechtsbrunn – Krefeld

Ilse W. wurde 1936 in Marienburg (1) geboren. 1941 verstarb zunächst ihre Schwester an Diphtherie und ihr Vater wurde auf der Insel Kreta als verschollen gemeldet. Nur ein Jahr nach ihrer Einschulung flüchtete sie im Spätsommer 1943 gemeinsam mit Ihrer Mutter und ihren vier jüngeren Geschwistern vor der schnell vorrückenden russischen Armee. Strapazen, Leid und Ängste begleiten sie auf der Flucht, die sie über die Insel Rügen und Spechtsbrunn (2) schließlich 1951 nach Krefeld (3) bringt, wo sie mit einem ‚Krieewelsche Jong' eine glückliche Familie gründet.



Einschulung ohne Vater in Marienburg

Bei seinem letzten Heimaturlaub hatte Pap mir versprochen, dass er auf jeden Fall zu meiner Einschulung im nächsten Jahr da sein würde. Da wussten wir beide noch nicht, dass er sein Versprechen nicht würde einhalten können. Mein erster Schultag war am 3. April 1942, aber schon ein Jahr später sollten wir von jetzt auf gleich keinen Schulunterricht mehr haben.


In der Schule wurden zur großen Pause um 10 Uhr auch Schulspeisen ausgeteilt, eine Brotschnitte mit Marmelade oder Sirup und warmer Kakao. Manchmal wurde nur Milch warm gemacht, die schmeckte aber ekelig. Wenn ich Zuhause nicht frühstücken konnte, steckte mir meine Mutter eine Lebensmittelmarke und 20 Pfennige in die Schultasche. „Hol dir noch schnell einen Bienenstich mit Vanillepudding, damit du bis zur Frühstückspause nicht verhungerst.“ Auf meinem Schulweg kam ich bei einem Bäcker vorbei, dessen Bienenstich schmeckte so lecker. Am liebsten hätte ich nie Zuhause gefrühstückt.


Etwas zu lernen machte mir sehr viel Spaß, aber den Rektor mochte ich gar nicht. Der erzählte uns immer komische Dinge von einem Führer. „Unser Führer, Adolf Hitler, wird uns in ein neues Zeitalter führen.“ Da meldete ich mich und fragte: „Wer ist denn dieser Hitler?“ Er war zuerst einen Moment sprachlos, wurde dann aber sehr wütend und schimpfte laut mit mir. „So, so, das weißt du nicht. Da haben deine Eltern aber offensichtlich etwas falsch gemacht.“ Danach fragte ich nie mehr irgendetwas in seinem Unterricht.


Zwischenetappe in Spechtsbrunn: Schiefertafeln, Griffeln und Ohrenziehen

In Spechtsbrunn konnten wir endlich wieder in die Schule gehen. Der Bürgermeister, ein überzeugter Kommunist, lud uns in die Schule ein. Die war nur ein Stückchen weiter die Straße runter.

Unser Lehrer G erteilte Unterricht in einer Klasse für alle Kinder von sechs bis neun Jahre. Ich war neun Jahre alt und wäre im dritten Schuljahr gewesen. Aus einer Lesefibel schrieb er Texte an die große Tafel, die wir mit Griffeln (4) auf Schiefertafeln abschreiben und laut vorlesen mussten. Als wir die Griffel und Tafeln vom Lehrer ausgehändigt bekommen hatten, bemerkte er mit sichtbarem Stolz: „Die Schiefergriffel stammen von hier, dafür ist Spechtsbrunn weltweit berühmt.“ So lernte ich gut Schreiben und Lesen, was mir später noch sehr hilfreich sein sollte.

Der Lehrer war sehr streng. Er schrie oft sehr laut und es kam auch vor, dass er Jungen an den Ohren zog oder bis zur Pause in der Ecke stehen ließ. Aber ich erlebte nie, dass jemand geschlagen wurde, was ja damals auch vorgekommen sein soll.


Schlussetappe in Osterath bei Krefeld: Ehrenrunde, Hänseleien und geschenkte Schuhe

In Osterath wohnten wir zuerst mit anderen Flüchtlingsfamilien in der Schule am Bovert, am Ortsrand, in der Nähe der K-Bahn und vom Meerbuscher Wald. Die Volksschule auf der Hauptstraße am Osterather Rathaus, in die meine Geschwister und ich ab 1952 gingen, lag nicht weit entfernt. Ich durfte in die 9. Klasse gehen, nachdem ich die persönliche Eignungsprüfung durch den Rektor bestanden hatte. Einige Kinder aus Vertriebenenfamilien setzte er eine oder sogar zwei Klassen zurück. In meiner Klasse waren über 30 Kinder, wovon etwa ein Drittel aus vertriebenen Familien stammten. Eigentlich wäre das noch mein einziges Jahr in der Schule gewesen. Es gab aber zu der Zeit fast keine Arbeit für Schulabgänger, daher durften wir alle noch die 10. Klasse dranhängen, damit wir nicht auf der Straße landeten.


An die letzten zwei Schuljahre erinnere ich mich gut und sehr gerne. Mit den meisten Klassenkameraden war das Verhältnis ganz normal. Wir erzählten und spielten zusammen in den Pausen, tauschten Hausaufgaben aus und liehen gemeinsam Bücher aus der Bücherei aus. Für die Schulbücher gab es einen grünen Zettel, mit dem man diese umsonst bei der Osterather Bücherei ausleihen konnte. Andere Bücher kosteten 20 Pfennige Gebühr.


Mir sind aber auch die Hänseleien einiger einheimischer Kinder mit Schimpfwörtern wie „Polacke“ in Erinnerung geblieben. Damit konnte ich ganz gut umgehen, denn ich war nicht auf den Mund gefallen: „Ich bin keine Polin, sondern Deutsche aus Marienburg.“ Es kam sogar vereinzelt vor, dass Eltern ihren Kindern verboten, mit uns zu spielen oder zu sprechen. Mit der Helga aus meiner Klasse zum Beispiel hatte ich mich anfangs sehr gut verstanden. Eines Tages wollte ich sie wieder zum Schulweg abholen, als mich ihre Mutter an der Haustüre ihres großen Hauses richtig laut beschimpfte: „Die Helga geht nicht mehr mit dir.“ Das tat mir sehr weh. Tatsächlich kam Helga nicht mehr in unsere Schule. Ein Mädchen aus meiner Klasse vermutete: „Ihre Eltern haben sie bestimmt auf eine andere Schule geschickt, wo es keine Flüchtlinge gibt. Einige Eltern waren auch sehr nett zu mir und luden mich sogar manchmal zum Essen ein.


Besonders der Direktor und seine Tochter, die auch Lehrerin an der Schule war, standen hinter uns Flüchtlingskindern. Die waren einmalig. Nicht zu vergessen Frau M, eine kleine, zarte Lehrerin, die mir ein Paar ihrer Schuhe schenkte, weil meine schon so abgewetzt waren. Die paukte sehr oft mit mir. „Ilse, du kannst das!“, spornte sie mich immer wieder an. Sie lobte auch meine „Schönschrift“, was mich sehr stolz machte. Noch heute habe ich keine Erwachsenenschrift, sondern pflege meine schöne Kinderschrift.


Unsere Abschlussfeier von der Volksschule war schlicht und einfach. Kakao, Obst und natürlich unsere Zeugnisse. In seiner Ansprache gratulierte der Rektor allen Kindern herzlich und wünschte uns alles Gute für die Zeit nach der Schule. „Wenn ihr nicht zurechtkommt, egal wer das ist, könnt ihr mich ansprechen!“ Das beeindruckte mich sehr. Besonders freute mich, dass Mama und alle meine Geschwister auch zur Feier gekommen waren. Als krönenden Abschluss kochte sie für uns alle noch ein leckeres Festtagsessen.“



(1) Malbork [ˈmalbɔrk], deutsch Marienburg, bis 1945 amtlich Marienburg (Westpr.), ist die Kreisstadt des Powiat Malborski der Woiwodschaft Pommern in Polen. Sie ist Sitz der eigenständigen Landgemeinde Malbork, gehört ihr selbst aber nicht an.

Die Stadt Marienburg wurde durch die gleichnamige Marienburg (polnisch Zamek w Malborku) bekannt, die als das größte Werk der Backsteingotik gilt. Die Burganlage war von 1309 bis 1457 Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens und somit Haupthaus und Machtzentrum des Deutschordensstaates. Die Stadt liegt an der Nogat, südlich der Danziger Bucht im ehemaligen Westpreußen, etwa 45 Kilometer südöstlich von Danzig und 120 Kilometer südwestlich von Kaliningrad (Königsberg).

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(2) Spechtsbrunn ist ein Ortsteil der Stadt Sonneberg im Landkreis Sonneberg in Thüringen. Spechtsbrunn ist ein Ort im Thüringer Schiefergebirge an der Grenze zu Bayern. Direkt durch den Ort führt der Rennsteig, der kurz nach dem Ortsausgang die alte Handels- und Heeresstraße von Nürnberg nach Leipzig kreuzt.

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(3) Krefeld (bis 25. November 1925 Crefeld) ist eine linksrheinisch gelegene Großstadt am Niederrhein. Die kreisfreie Stadt im Regierungsbezirk Düsseldorf wird aufgrund der Seidenstoffproduktion des 18. und 19. Jahrhunderts auch als „Samt- und Seidenstadt“ bezeichnet. Krefeld nahm Ende 2019 mit rund 227.500 Einwohnern unter den Großstädten Nordrhein-Westfalens den 14. Platz ein. Das Oberzentrum gehört zur Metropolregion Rhein-Ruhr sowie zur Metropolregion Rheinland.

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(4) Ein Griffel, auch Schreibgriffel genannt (von griechisch grapheion, „Schreibgerät“), ist ein Werkzeug zur Beschriftung einer Tontafel, Wachstafel, oder Schiefertafel. Er wurde zuerst in Mesopotamien zur Beschriftung von Keilschrifttafeln benutzt. Ursprünglich diente er ausschließlich dazu, Zeichen in die zu beschreibende Oberfläche einzuritzen oder einzudrücken. Später wurde der Begriff Griffel teilweise auch für Schreibgeräte wie z. B. Kreidestifte gebraucht, die auf Schultafeln einen Abrieb hinterlassen und somit Striche erzeugen. Viele Handwerkzeuge, die die Oberfläche eines Werkstücks ritzen oder prägen, werden Griffel genannt.

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Auszug aus „Ein Leben zwischen Jupiter und Venus“, erzählt von Ilse W., geschrieben und bearbeitet von Uwe S.


Foto: Devanath/Pixabay