Todesangst vor der Rache der Russen

Erich S., 1929 in Ostpreußen geboren, hat schon als ganz junger Mensch sehr wohl den Wahnsinn begriffen, der sich um ihn herum abspielte, und unter dessen Folgen er unsagbar gelitten hatte. Er ist in einer guten Gemeinschaft mit den Eltern, der Großmutter, den Geschwistern, fünf Jungen und einem Mädchen, aufgewachsen. Schon die Schule und dann die Lehre erlebte er mit schlimmen Erfahrungen. Doch dann erfuhr er, was Krieg bedeutete...



Dableiben oder Flüchten

Der Bäckermeister in Gumbinnen hatte mich mit den Worten: „Junge, der Russe kommt, geh nach Hause!“ weggeschickt. Ich kann nicht sagen, dass ich nun sehr traurig darüber war, nicht mehr in die verhasste Bäckerei zurück zu müssen, obwohl der Anlass Grund für schlimmste Befürchtungen weckte. Ich wusste ja damals nicht, was ich alles noch erleben musste. Vielleicht hätte ich mich für ein Weiterarbeiten in der Bäckerei entschieden, trotz aller Widrigkeiten. Aber wie so oft im Leben kommt es anders als man möchte und das war auch in meinem Fall nicht anders.

Ich fuhr also mit meinem Rad und meinen wenigen Habseligkeiten nach Hause in unser Dorf zurück. Kurz hinter Gumbinnen wurde ich durch lauten Flugmotorenlärm aufmerksam. Ehe ich richtig begriff, was sich da abspielte, eröffneten die Flugzeuge, sogenannte Tiefflieger, das Feuer und schossen auf alles, was sich irgendwie bewegte.

Blitzschnell ließ ich mein Rad fallen, warf mich in den nächsten Graben und erstarrte, denn eine Bewegung hätte die letzte gewesen sein können. Die Piloten der Tiefflieger schossen gnadenlos, die MG-Salven schlugen lärmend überall ein und immer wieder kamen die Flugzeuge zurück, um ihre todbringenden Flüge zu verstärken.

Schwere MG, keine Granaten: Das war unser Glück

Ich sah, wie sich die Flugzeuge nach einiger Zeit wieder entfernten und schwang mich sofort auf das Rad, um wie der Teufel nach Hause zu rasen. Doch bis dahin sah ich mich gezwungen, mein Leben noch einige Male in gleicher Weise in Sicherheit zu bringen. Nun suchte ich schon bei den ersten Motorengeräuschen frühzeitig eine Deckung auf. Irgendwie habe ich es geschafft, unversehrt bis nach Hause zu kommen. Aber auch dort gab es Luftangriffe auf unser Haus, in dem wir wohnten.

Wir verschanzten uns im Keller und hatten den Eindruck, man würde uns jeden Ziegel einzeln vom Dach schießen. Es war einfach nur schrecklich, das erleben zu müssen. Dabei muss ich heute sagen: „Wir hatten Glück im Unglück, die Angreifer setzten „nur“ schweres MG (MG bedeutet Maschinengewehr) ein. Wenn die Flieger uns mit Granaten beschossen hätten, wäre ein Überleben unmöglich geworden.“

Wir wussten, für uns wurde es höchste Eisenbahn zu verschwinden. Wir suchten das Allernötigste zusammen. Aus der Vorratskammer wurde noch ein guter Schinken mitgenommen, ein leckerer Eintopf auf dem Herd musste jedoch unberührt stehen bleiben. Von dem Bauern, dem das Haus gehörte, in dem wir gewohnt hatten, bekamen wir einen kleinen Wagen und sein letztes Pferd.

Überall war Aufbruchstimmung, alle wollten nur noch weg. Die Bauern machten alle Ställe auf, damit das Vieh zur Not weg konnte, wenn es wieder Angriffe gab, wobei ja sehr oft auch Stallungen in Brand gerieten.

Im Dorf sah es bereits aus wie in der Prärie, als wären ganze Büffelherden durch den Ort getrieben worden. Die Spuren stammten jedoch von fliehenden Rindern, die aus der Ukraine zu uns an die Grenze gebracht wurden. Von denen konnten sich die Russen dann nach Belieben bedienen, denn auch sie hatten immer Kohldampf.

Einmarsch der Roten Armee

Südlich von Gumbinnen ist die Rote Armee (1) dann erstmals im Herbst nach Deutschland einmarschiert. Sie kamen zunächst bis nach Nemmersdorf und hier haben sie alles getötet, was sie vorgefunden hatten.

Alle Menschen, die hier gelebt hatten, sind umgekommen. Auch von mir waren Angehörige unter den Toten. Später erfuhr ich, dass unser zurückgelassenes Haus abgebrannt worden war und die Russen das Dorf dem Erdboden gleichgemacht hatten, was mich mit tiefer Traurigkeit erfüllte. Trotz völlig überfüllter Straßen sind wir dann ganz kurz vor den Russen in Nemmersdorf angekommen und mussten hier über eine Brücke, die über den Fluss Angerapp führte. Auch hier hatten wir eine gehörige Portion Glück, denn schon am anderen Morgen früh um 5 Uhr war der Russe da. Deutsche Truppenteile hatten es wohl geschafft, die Rotarmisten noch mal ein Stück zurück zu drängen, was zwar nur eine unbedeutende Gegenwehr darstellte, uns aber Zeit verschaffte.

Wir sind mit dem Pferdewagen weiter geflohen und im Kreis Jadaun auf einem Gutshof einquartiert worden. Die zugewiesene Unterkunft war derartig dreckig, da lief das Ungeziefer über die Wände. In der Nacht wurde ich von den Läusen überfallen und war am ganzen Körper zerbissen. Ich habe mich unsagbar geekelt. Die Menschen hier hatten einfach alles verkommen lassen. Bei uns zu Hause hatten wir auch nicht wie im Hotel gelebt.

Aber bei uns war es dann doch viel sauberer, darauf hatte meine Mutter schon geachtet. Weil wir uns in diesem Jadaun nicht wirklich wohl gefühlt hatten, sind wir bei der ersten sich bietenden Möglichkeit auch wieder abgehauen.

Die "erste Freundin": Ein wenig Nähe

Es gab hier in Jadaun allerdings auch etwas Besonderes: Ich hatte im Alter von 16 Jahren hier meine erste Freundin, wenn man das überhaupt so nennen kann. Sie hieß Erika und war die Tochter des Bauern, bei dem wir für zwei Tage Unterschlupf gefunden hatten. Ich habe die Nacht auf unserem Fluchtwagen verbracht, während die Erwachsenen im Haus schliefen. Jedenfalls kam Erika in der Nacht zu mir auf den Wagen und wir haben in völliger Unschuld auf dem Wagen die Nacht verbracht.

Ein wenig Nähe in dieser Zeit war eine Seltenheit. Es war eine schrecklich entbehrungsreiche Zeit. Das mag man sich heute zum Glück nicht mehr vorstellen. Auch die Versorgung war nicht ausreichend, und als Junge hatte ich immer Hunger. Wir sind oft mit knurrendem Magen ins Bett gegangen.

Besonders schlimm war es, als uns die Polen aus Pommern (2) rausgeschmissen haben. Wir wurden über die Oder abgeschoben und sind dann zunächst mit allen Flüchtenden weiter in Richtung Berlin gezogen.

Hunger hatten wir alle

Einmal sind wir an einem Feld vorbei gekommen, auf dem es noch Kartoffeln gab. Wir sind sofort hingelaufen und haben möglichst viele Kartoffeln ausgemacht. Als die anderen Flüchtlinge mitbekamen, was wir dort machten, sind auch sie in Scharen auf das Feld und haben ausgegraben, was auszugraben war. Hunger hatten wir ja alle.

Auf einem zerstörten Bauernhof, der bereits verlassen war, haben wir dann die Kartoffeln im großen Stil gekocht. Holz zum Heizen lag ja überall herum. Ich hatte noch einen brauchbaren Topf gefunden und so konnten wir uns mit den Pellkartoffeln, leider ohne Salz, mal wieder richtig die Bäuche voll schlagen.

Zur Nacht haben wir in einer Stube mit freiem Blick auf die Sterne geschlafen, denn die Decke war zerstört und teilweise eingefallen. Stroh gab es genug, und es war allemal besser als bei der Kälte im Freien zu übernachten.

Auf dem weiteren Weg nach Berlin fanden wir irgendwo einen alten aber noch intakten Eisenbahnanschluss und es kam zu einer Episode, die mich noch heute mit einer gewissen Heiterkeit erfüllt, obwohl sie eigentlich schon absurd war...

Im Zug: Fahrscheinkontrolle auch bei Flüchtlingen und Vertriebenen

Wir beschlossen also, mit dem Zug weiter zu fahren, obwohl wir kein Geld mehr hatten, aber das hätte ohnehin nichts mehr genutzt, da es ja wertlos war. Als wir in den Zug eingestiegen waren, setzte sich der Zug in Bewegung, und kurz darauf kam ein Schaffner, der die Fahrscheine kontrollieren bzw. Geld von uns für die Fahrkarten haben wollte.

Der Mann schien überhaupt nicht mitbekommen zu haben, dass durch den Krieg Millionen Menschen auf der Flucht waren. Er wollte jedenfalls seiner Beamtenaufgabe – wie hundert Jahre zuvor – nachkommen, und er war verständnislos darüber, dass wir mit so vielen Menschen den Zug nach Berlin nutzen wollten, ohne zu bezahlen. Rausschmeißen konnte er uns aber nicht, denn dann hätten wir ihn aus seinem Zug geworfen und das wollte er wohl auch nicht. Das Verhalten dieses pflichtbewussten Beamten hat mich damals kolossal irritiert und passte so gar nicht in die aktuelle Zeit.

Das zerbombte Berlin

Wir sind auch tatsächlich bis nach Berlin gekommen, bis zum Stettiner Bahnhof, das heißt, bis zu den Resten davon. Als wir hier aus dem Zug mussten, habe ich zum ersten Mal Berlin gesehen – oder das, was es einmal war. Überall lagen Berge von Schutt herum und dazwischen waren notdürftige Wege frei gemacht worden. Im Grunde war alles zerstört.

Am Stettiner Bahnhof aus mussten wir, die Vertriebenen, zu Fuß durch die Zerstörungen und Schuttberge des Krieges in Berlin, bis zu einer alten Kaserne laufen, wo wir für eine Nacht Unterkunft gewährt bekamen. Überall herrschte Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung bei den Menschen.

Zu Essen bekam jeder eine kleine Scheibe Weißbrot und eine „Suppe“, die den Namen nicht mal hätte tragen dürfen. Und obwohl ich so großen Hunger hatte, diese Brühe konnte ich einfach nicht essen.

Am folgenden Morgen wurden wir wieder mit einer kleinen Scheibe Weißbrot „verwöhnt“. Und anschließend mussten wir die Kaserne, einen ganz eigenartigen Rundbau, wieder verlassen, um zu Fuß zum Lehrter Bahnhof zu laufen. Von dort aus sollte es wieder in Richtung Pommern gehen.

Als wir uns vor der Kaserne sammelten, fehlte auf einmal mein Papa. Nach längerem Warten ist er dann zu uns gestoßen und erklärte uns, dass er sich in dem runden Gebäude schlichtweg verlaufen hatte und deswegen nicht so schnell nachkam.


Dankbar für ein Stück Brot

Wir haben dann am Lehrter Bahnhof den ganzen Tag mit Warten zugebracht, denn funktionierende Fahrpläne gab es auch nicht mehr. Während der Wartezeit habe ich mit meinen beiden kleinen Neffen an der Hand folgendes Erlebnis gehabt: Wir hatten immer Hunger, und in unserer Nähe fuhr ein kleiner Wagen mit Pritsche vorüber. Auf dieser Pritsche lagen viele Brote, die wir Kinder schon mit den Augen verschlungen hatten.

Aber um den Pritschenwagen herum gingen rechts und links jeweils zwei Männer, die auf die Ladung aufpassten, damit das Auto nicht geplündert würde. Mit traurigem Blick standen wir drei hungrigen Mäuler dabei und das Knurren unserer Mägen war lauter als das Motorengeräusch des Autos. Eine vorübergehende Ordensfrau hatte die Tragik dieser Szene beobachtet. Sie ist dann auf uns zugekommen und hat aus ihrer eigenen Tasche ein Brot genommen und es uns überlassen. Wir haben es redlich geteilt und unter Tränen der Dankbarkeit und Freude gegessen.

Alt Schlawe: Wieder wie ein Mensch behandelt

Endlich kam am Abend dann der Zug, und während sich alle in die Waggons drängten, bin ich oben auf das Dach geklettert, was natürlich nicht ungefährlich war, besonders, wenn ein Tunnel kam. Aber nach all den Gefahren kam es auf eine mehr oder weniger auch nicht mehr an – oder ich stumpfte im Laufe der Zeit so ab, dass mir das nicht bewusst wurde.

Irgendwo im Nirgendwo mussten wir dann den Zug verlassen und wurden in Güterwaggons ohne Dach umgeladen, um bis nach Schwerin (3) wieder zurück zu fahren.

Viel später gab es mit einem Mal die Möglichkeit, mit der Reichsbahn nach Hinterpommern (4) auszureisen. Wir waren ja Flüchtlinge, die man ohnehin nicht haben wollte. Als ich davon hörte, habe ich meiner Mutter sofort klar gemacht, dass es doch nicht schlimmer kommen könnte, und so konnte ich mich trotz meiner Jugend durchsetzen. Folglich fuhren wir mit der Reichsbahn nach Alt Schlawe in Hinterpommern. Das Dorf machte auf uns einen sauberen und ordentlichen Eindruck, war so ganz das Gegenteil von diesem Drecksloch Jadaun.

In Alt Schlawe (5) habe ich schließlich auch wieder eine Lehrstelle als Bäcker gefunden und mit der Arbeit in diesem Betrieb ging ein totaler Wandel in mir vor. Während ich mich in Gumbinnen wie ein Leibeigener gefühlt hatte und auch so behandelt wurde, traf ich hier nun auf das genaue Gegenteil.

Der Bäckermeister hatte auch drei Kinder, eine Tochter von zwölf Jahren und zwei Jungen, wobei der eine noch sehr jung war. Ich fühlte mich wie zu Hause, wurde ich doch wie ein Mensch behandelt. Es war Schluss mit all der Benachteiligung und den ewigen Schikanen. Nach der Arbeit lebte ich mit der Familie zusammen in einem Haushalt und geschlafen habe ich in einem Zimmer, genau über dem Backofen. Der Raum war folglich immer schön warm.

Auch meine Familie fand vorübergehend zusammen. Meine Schwester, die zwölf Jahre älter als ich war, schaffte es, uns über das Deutsche Rote Kreuz ausfindig zu machen und ist dann auch zu uns gekommen. Der Bauer, bei dem wir untergebracht waren, war so nett gewesen uns zu helfen. Und so konnten wir meine Schwester mit ihren beiden Kindern bei uns aufnehmen, zumal der Jüngste gerade mal zwei Jahre alt war.

Ich war einfach begeistert nach all meinen schlechten Erfahrungen, die ich durchlitten hatte. Aber leider gab es auch noch grausamere Erlebnisse…

Fortsetzung folgt

(1) Die Rote Armee war die Bezeichnung für das Heer und die Luftstreitkräfte Sowjetrusslands bzw. ab 1922 der Sowjetunion. Sie stammte aus der unmittelbaren Zeit nach der Oktoberrevolution, als die Bolschewiki eine Armee konstituierten, die im Russischen Bürgerkrieg den Militärverbänden ihrer Gegner … gegenüberstand. Seit Februar 1946 trug die Rote Armee, die zusammen mit der sowjetischen Marine den Namen Sowjetarmee.

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(2) Pommern ist eine Region an der südlichen Ostseeküste zwischen der Mecklenburgischen Seenplatte im Westen und der Weichsel im Osten. Der Teil westlich der Oder wird Vorpommern genannt und gehört (bis auf die Gegend um Stettin) heute zum deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Das östlich der Oder gelegene Hinterpommern wurde – wie auch die Region um Stettin und die anderen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze – im Gefolge des Zweiten Weltkriegs zu einem Teil Polens.

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(3) Schwerin ist heute die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern

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(4) Hinterpommern, auch Ostpommern, ist der östlich der Oder gelegene größere Teil Pommerns. Seit den Grenzverschiebungen infolge des (verlorenen) Zweiten Weltkriegs 1945 liegt dieser Teil restlos auf polnischem Gebiet. Hinterpommern bildete zusammen mit dem fast vollständig auf deutscher Seite liegenden Vorpommern die Provinz Pommern. Das Gebiet Hinterpommerns liegt heute überwiegend in der Woiwodschaft Westpommern. Der östliche Teil gehört mit zur Woiwodschaft Pommern.

Die Region Hinterpommern wurde bis 1945 nahezu vollständig von Deutschen bewohnt und gehörte als Teil der preußischen Provinz Pommern bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zum Deutschen Reich. Seither wird diese Region fast ausschließlich von Polen bewohnt.

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(5) Alt Schlawe (heute Slawsko, früher auch Altenschlawe) ist ein Dorf in der Landgemeinde Slawno im Kreis Slawno der polnischen Woiwodschaft Westpommern...

Anfang März 1945 besetzte die Rote Armee ohne Widerstand das Dorf. Beim Beschuss der Stadt Schlawe gingen dann in Alt Schlawe Gehöfte und die Mühle in Flammen auf. Nach Kriegsende wurde Alt Schlawe zusammen mit ganz Hinterpommern von der sowjetischen Besatzungsmacht gemäß dem Potsdamer Abkommen der Verwaltung der Volksrepublik Polen unterstellt. Ab Juni 1945 wurden die Häuser und Höfe von polnischen und ukrainischen Zuwanderern besetzt und übernommen, die anfangs vorwiegend aus Gebieten östlich der Curzon-Linie kamen. Danach begann die „wilde“ Vertreibung der einheimischen Bevölkerung durch das kommunistische polnische Regime. Viele Alt-Schlawer wurden verschleppt oder gelangten erst Ende Dezember 1946 in den Westen.

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Alle Quellen: wikipedia


Auszug aus „Jung, wir sind am Arsch der Welt gelandet – oder wie das Leben so spielt“, erzählt von Erich S., aufgeschrieben von Andreas L. (2017), bearbeitet von Barbara H. (2022)

Foto: NikolayF/Pixabay